GRIECHENLAND »Alles wird gut«
SPIEGEL: Die Olympischen Spiele von Athen sind die ersten nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Werden es »Spiele der Angst« sein?
Bakojannis: Das hoffe ich nicht. Mit den Terroranschlägen in New York hat sich aber die Welt total verändert - das traf natürlich auch uns. Olympia musste einer extrem unsicheren Welt angepasst werden. Wer hätte denn vorher für möglich gehalten, dass wir ein Sicherheitsprogramm von über einer Milliarde Euro nötig haben
würden? Das alles bleibt ja nicht folgenlos. Aber es ist umso wichtiger, das größte friedliche Ereignis der Welt nicht aufzugeben, sich dem Terror nicht zu beugen.
SPIEGEL: Nun werden wir »friedliche Spiele« im Hochsicherheitstrakt haben.
Bakojannis: Wir werden mit 670 kulturellen Events in den Straßen Athens für Fröhlichkeit sorgen. Keiner wird das Gefühl haben, in einem Bunker zu sein.
SPIEGEL: Auch diese bunten Straßenfeste müssen unter Polizeischutz stattfinden: 70 000 Mann Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Im Hafen von Piräus liegen Froschmänner auf der Lauer, am Himmel kontrollieren Awacs-Flugzeuge und ein Hightech-Zeppelin jeden Spatz. Tausende von Kameras und Mikros überwachen jede menschliche Bewegung. »Big Brother« spielt also mit?
Bakojannis: Es geht leider nicht anders. Trotzdem wird eine heitere olympische Stimmung aufkommen, da bin ich sicher. Die Menschen werden diese Polizisten, Flugzeuge, Kameras zu ihrem Schutz haben, aber sie werden nicht daran denken.
Wir mussten einfach alles einsetzen, was möglich ist, damit diese Spiele in Zeiten globaler terroristischer Bedrohung überhaupt stattfinden können. Olympia, das ist doch nicht nur ein großes Sport- oder Konsumereignis, sondern eine Kulturveranstaltung mit 3000 Jahren Geschichte, ein Symbol unseres Wertesystems: ein friedliches Miteinander aller Menschen, gleich welcher Kultur oder Religion.
SPIEGEL: Sie selbst haben persönlich unter Terroranschlägen leiden müssen. 1989 ermordeten Mitglieder einer linksextremen Gruppe Ihren Ehemann, den Politiker Pavlos Bakojannis. Kürzlich waren auch Sie Ziel eines Anschlags ...
Bakojannis: ... ja, vor eineinhalb Jahren, aber ich hatte Glück. Viele Jahre lang hatten wir große Probleme mit eigenen, griechischen Terrorgruppen. Doch die sind seit rund zwei Jahren zerschlagen, die meisten Akteure gefasst.
Mit unserer muslimischen Bevölkerung, einem anderen Risikofaktor, wenn man so will, haben wir das - im europäischen Vergleich - beste Verhältnis. Da droht wohl kaum Gefahr.
SPIEGEL: Amerikaner, Briten, Israelis rücken mit eigenen bewaffneten Bodyguards an. Verträgt sich das mit dem olympischen Gedanken, den Sie hier gerade hochhalten wollen?
Bakojannis: Woher wissen Sie das? Unsere Regierung hat gesagt: Es wird keine bewaffneten ausländischen Bodyguards in Griechenland geben.
SPIEGEL: Jeder weiß es besser, Sie nicht?
Bakojannis: Ich gehe davon aus, dass wir zwar viele ausländische Spezialisten in Sicherheitsfragen hier haben, aber nur die griechische Polizei bewaffnet im Einsatz sein wird.
SPIEGEL: Umstritten ist auch das Herzstück des gesamten olympischen Sicherheitssystems: Über vernetzte Kameras sollen
Computer potenzielle Terroristen erkennen, bevor die zur Tat schreiten können. Wie sahen die letzten Tests aus?
Bakojannis: Es hat sehr gut funktioniert, viel besser als befürchtet.
SPIEGEL: Aber wie kann Ihr Hightech-Wunderwerk terroristische Ersttäter erkennen, von denen nichts bekannt, also auch nichts gespeichert ist?
Bakojannis: Die Software stammt nicht von uns, dazu kann ich nichts sagen. Es mag sein, dass auch ein solches System Lücken hat, aber man muss diese Komponente unseres Sicherheitsprogramms zusammen mit allen anderen sehen, die ineinander greifen. Da, wo eine nicht hundertprozentig ansetzt, hilft die andere. Wenn ich alles zusammennehme, glaube ich: Athen wird während der Olympischen Spiele der sicherste Platz der Welt sein.
SPIEGEL: Ein großes Wort. Haben Sie dazu auch das Orakel von Delphi befragt?
Bakojannis: Ja, und das Orakel von Delphi sagt: »Alles wird gut!«
SPIEGEL: Weniger gut wird sich der Besucher fühlen, der dem Nepp Athener Wirte, Taxifahrer, Hoteliers ausgeliefert ist. Bis zu 500 Euro für eine Übernachtung in einem normalen Zimmer und somit das Zehnfache des sonst Üblichen - das erklärt, warum noch 6000 Betten frei sind.
Bakojannis: Die Preise sinken seit Wochen wieder. Manche Betriebe haben sich verspekuliert, haben gedacht, das geht wie in Sydney: Die olympische Familie nimmt alles, zu jedem Preis. Das ist heute anders.
SPIEGEL: Was bleibt?
Bakojannis: Es bleibt, dass die Olympischen Spiele Athen, und damit Griechenland, weit nach vorn bringen werden, so wie es beispielsweise Barcelona dank der Spiele zu einer Top-Stadt im internationalen Tourismus gebracht hat. Das ist das Modell, dem wir nacheifern. Denn wie zuvor Barcelona ist auch Athen seit vielen Jahren auf der Karte populärer touristischer Ziele kaum existent und nur Durchgangsstation.
SPIEGEL: Athen ist laut, schmutzig, chaotisch. Länger als einen Tag, unterwegs zu den Inseln, will kaum jemand bleiben.
Bakojannis: Das war vielleicht so, aber heute ist Athen eine ganz andere Stadt: Sie hat ein funktionierendes Bus- und Straßenbahnsystem, hat die schönste Metro der Welt durch antike Stätten, sie ist sauber, viel grüner als früher. Heute lohnt es sich, eine Woche zu bleiben.
SPIEGEL: Malen Sie sich die Zukunft rosig, weil die Gegenwart grau ist? Zu den Spielen werden vermutlich weit weniger Menschen anreisen als erhofft.
Bakojannis: Das wird sich zeigen. Wir haben am Anfang Angst gehabt, dass wir nicht genug Zimmer anbieten können. Aber jetzt haben wir reichlich Unterkünfte. Auch private Zimmer sind noch zu haben.
SPIEGEL: Wie steht es mit den Eintrittskarten?
Bakojannis: 3 Millionen von 5,3 Millionen Tickets sind verkauft. Vor allem die teuren Karten sind praktisch alle weg. Viele der preiswerten sind indes noch zu haben. Aber keine Bange, es werden keine »Olympischen Spiele vor leeren Stadien«, wie ich schon gelesen habe. Wir werden das Ziel erreichen, alle Stadien mindestens zu 70 Prozent zu füllen. Denn die Griechen entscheiden sich in der Mehrheit, so wie es ihre Art ist, erst in letzter Minute, ins Stadion oder an die Regattastrecke zu gehen.
SPIEGEL: Wer sich jetzt erst zur Athen-Reise entschließt, hat also noch gute Chancen?
Bakojannis: Unbedingt, bei vielen Großveranstaltungen sind die Karten ja erst kürzlich in den Verkauf gegangen.
SPIEGEL: Die Frage ist doch auch: Lohnen Kosten und Mühen für einen normalen Olympia-Besucher, wenn viele Veranstaltungen ohnehin mehr für die Kameras der Fernsehanstalten ausgerichtet sind, die das große Geld bringen?
Bakojannis: Natürlich kann man sich die Olympischen Spiele im Fernsehen ansehen, das werden ja auch unzählige Millionen Menschen tun. Aber hier dabei zu sein, teilzunehmen, die Atmosphäre zu spüren, das ist etwas ganz anderes. Was Schöneres gibt es doch nicht.
SPIEGEL: Ihren sprühenden Optimismus in Ehren, aber fürchten Sie als Gastgeberin nicht, dass es während der Spiele zu einem neuerlichen totalen Stromausfall kommt? Oder zu einem schaurigen Verkehrskollaps?
Bakojannis: Ich werde dafür bezahlt, mir Sorgen zu machen, das ist doch klar. Und obwohl ich glaube, dass alles gut gehen wird, bin ich vermutlich die einzige Frau der Welt, die lieber schon ein, zwei Monate älter wäre. INTERVIEW: OLAF IHLAU,
HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Mit Stadion (oben), Mehrzweckhalle, Schwimmstadion undVelodrom (unten).