Alles wird sein - DER SPIEGEL
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EMIGRANTEN Alles wird sein

Der soeben aus der UdSSR emigrierte Philosoph Sinowjew ist Autor satirischer Bücher. Darin spricht er dem Sowjetsystem die Fähigkeit ab, sich aus eigener Kraft zu reformieren.
• aus DER SPIEGEL 33/1978
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Panische Angst vor sich selbst ... Nicht vor der Entlarvung, sondern vor der Wahrheit über sich selbst« herrscht im Lande.« Die Menschen dürsten danach, belogen zu werden.«

So sieht es im (erdachten) Staat Ibansk aus, wo die Beamten korrupt sind, die Künstler gekauft, das Denunziantentum bis in den engsten Familienkreis hineinreicht, die Jugend keine Karriere machen, doch »sich bloß möglichst gut im Leben einrichten will«.

Erfunden hat den Staat der Philosoph Alexander Sinowjew. 55, der vorletzten Sonntag aus Moskau nach München übergesiedelt ist. Beschrieben hat er seine Fiktion 1974 in einem satirischen Buch »Gähnende Höhen«, das auf Deutsch demnächst im Zürcher Diogenes-Verlag herauskommt: eine Sammlung böser, intelligenter Essays -- keine Utopie, sondern die bisher erbarmungsloseste Vivisektion des politischen Systems seiner Heimat, des täglichen Lebens und der ideologischen Grundlagen Rußlands in den 70er Jahren.

Sinowjew hat 1976 seinen Lehrstuhl für Logik an der Moskauer Universität verloren. Das erste Mal war er schon 1939 mit dem Staat in Konflikt geraten: Er wurde damals vom Studium relegiert und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, weil er sich gegen den Stalin-Kult geäußert hatte. Sinowjew meldete sich damals zur Roten Armee und wurde Kampfflieger.

Mit seinen Militär-Auszeichnungen durfte er nach dem Krieg promovieren. Seine Dissertation über die Marxsche Philosophie war so exzellent, daß sie nicht zurückgewiesen werden konnte, aber so aufrührerisch, daß sie im Samisdat umlief.

Während Sinowjew über formale Logik forschte und lehrte, begann er über »Ibansk« nachzudenken, jenes Land, in dem ein »endloser Herbst in einen endlosen Winter übergeht« ein Heuchelei-Theater mit 250 Millionen Schauspielern, in dem die Grenzen zwischen Betrug und Selbstbetrug verwischt und auch die Regisseure kaum imstande sind, an den eingespielten, erstarrten Inszenierungen noch wesentliche Änderungen vorzunehmen.

Der Zerfall ist unaufhaltsam. »Ihr habt einen Staatskapitalismus«, läßt Sinowjew einen ausländischen Journalisten den Staat Ibansk mit der ibanischen Ideologie definieren: »Durchaus nicht«, sagt sein Gesprächspartner. »es ist ein Staatsfeudalismus"« Ein Dritter widerspricht: »Was wir haben, ist eher eine Staatssklaverei.«

Widerstand von Dissidenten, Auflehnungen von Nationalitäten, neue religiöse Sehnsüchte der Jugend, Konvergenz mit dem Westen -- nichts vermag laut Sinowjew die Realität zu ändern, wie sie an der Wand einer Moskauer Bedürfnisanstalt geschrieben steht: Alles, was gewesen ist, wird sein. Alles, was sein wird. ist!«

Mit Frau und Kind bei der Ankunft in Frankfurt.

Auch Gulag-Autor Solschenizyn tritt in dem Buch auf, als ein Wahrheitsliebender, welcher irrt, wenn er meint, die ibanische Lebensweise sei dem Volk aufgezwungen: Das habe das Volk selbst getan, und es könne ohne den Ibanismus auch gar nicht mehr leben -- freiwillig stehe es Schlange vor dem Lenin-Mausoleum in Moskau.

Pessimist Sinowjew hält den Westen, ohne dessen Hilfe das Sowjetsystem ohnehin nicht existieren könne, für die hoffnungsvolle Alternative. »Leuchtende Zukunft« hat er ein zweites Buch betitelt, das den beruflichen Untergang eines Moskauer Wissenschaftlers schildert. dessen Nebenbuhler im Kampf um Posten (mit Privilegien wie Auslandsreisen oder günstigere Einkaufsmöglichkeiten) noch skrupelloser handeln als er selbst.

Auch hier bieten junge Nonkonformisten und alte Outsider keine Alternative für die »moralische Wüste« mit dem Klarnamen UdSSR.« Aus sich heraus«, sagt eine der Buchfiguren, »ist sozialer Fortschritt in der Sowjet-Union nicht möglich.« Sinowjew, der Einöde entflohen: »Verbesserungen sind möglich«, sagte er jetzt dem SPIEGEL, »in der Verwaltung, in der Propaganda -- aber nicht im Grundsätzlichen.«

»Wann wird das alles ein Ende nehmen«?« fragt einer in Sinowjews erstem Buch. Antwort: »Erst wenn die Schlangen zum Grab des Lehrers aufhören.«

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