Allgemeines Raubgutfieber - DER SPIEGEL
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KALININGRAD Allgemeines Raubgutfieber

Wie das Herzstück der deutschen Prussia-Sammlung im ehemaligen Königsberg entdeckt wurde.
• aus DER SPIEGEL 4/2000
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In einem großen, Neon-beleuchteten Raum des Museums für Kunst und Geschichte in Kaliningrad krümmen sich zwei Männer und eine Frau über korrodierte und verbeulte Gegenstände: Russische Archäologen untersuchen einen Schatz. Mehrmals am Tag schaut sein Entdecker Awenir Owsjanow herein und fragt besorgt die Forscher: »Nu, ist noch was zu retten?«

Die etwa 16 000 Objekte hat Owsjanow, 63, staatlich ausgewiesener Kulturgutsucher des Kaliningrader Gebiets, kurz vor Weihnachten 1999 in den bombensicheren Kasematten der Königsberger Festung Quednau entdeckt.

Es ist die deutsche Hinterlassenschaft, Ausstellungsstücke der Prussia-Sammlung, die einst die Geschichte Preußens illustrierte. Für die Eisenzeit (vor 3000 Jahren), so rühmte 1925 der Provinzialkonservator Ostpreußens, damals Teil des Deutschen Reiches, gehöre die Kollektion zu den »ersten Museen der Welt überhaupt«.

Die Exponate zur Vorgeschichte der Preußenzeit, zur Herrschaft der Pruzzen und des Deutschen Ritterordens galten nach Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen oder vernichtet. Denn ihre Ausstellungsräume befanden sich im Königsberger Schloss, das ein britischer Luftangriff Ende August 1944 und dann der Sturm der sowjetischen Armee im April 1945 schwer zerstört hatte. 1968 ließ der Generalsekretär Leonid Breschnew die Reste schleifen.

Bald nach Kriegsende tauchten in Kaliningrad ein paar Sammlungsstücke auf, unweit der polnischen Stadt Ketrzyn (Rastenburg) sogar 20 Behälter mit Exponaten. Lange geheim gehalten wurde der Inhalt von über hundert Kisten - jene Stücke aus dem Magazin des Prussia-Schatzes, die seit 1954 in der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin lagerten und seit 1995 im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte.

Doch noch fehlte jede konkrete Spur vom Herzstück der Sammlung - den Ausstellungsstücken. Da kam 1971 ein Brief des russischen Kriegsveteranen Altschakow zur archäologischen Forschungsstelle in Kaliningrad: Sein Artillerie-Regiment war nach der Einnahme Königsbergs direkt neben der im Nordosten gelegenen Festung Quednau einquartiert, im Fort Nr. 3 »König Friedrich III.«. Der Rotarmist erkundete das Gewölbe auf eigene Faust.

Detailliert beschrieb Altschakow, was er damals entdeckt hatte: »Ein etwa 15 Quadratmeter großer Raum war mit Kisten und bronzenen Statuen voll gestellt. In zwei von uns geöffneten Kisten lagen Gegenstände aus Elfenbein, die mit fremdsprachigen Etiketten versehen waren; am Boden war Metallgeld verstreut, kein russisches.«

Zwei Jahre später meldete sich auch sein Kamerad Iwanow, der am selben Ort »Steigbügel, Lanzen- und Pfeilspitzen« gefunden hatte. Die Forschungsstelle erkannte keinen Handlungsbedarf und wiegelte in einem Brief an Iwanow ab, aus der unbewachten Festung seien die meisten Wertgegenstände inzwischen eh schon gestohlen.

Die Gründe der schlampigen Suche glaubt Owsjanow zu kennen. »Unsere Ideologen machten keinen Unterschied zwischen dem Faschismus und der alten Kultur des deutschen Volkes«, konstatiert er verärgert. »Damals, im allgemeinen Raubgutfieber, interessierte sich keiner für Scherben, Elfenbeinsteinchen und winzige Münzen.«

In Kaliningrad wurde die Suche nach der Prussia-Sammlung dadurch erschwert, dass der Raketen- und Flottenstützpunkt bis 1990 für Ausländer verschlossen war; auch Sowjetbürger benötigten eine Sondergenehmigung zum Betreten des Sperrgebiets. Und die Behörden erlaubten dem Forscher Owsjanow den Zugang zum inzwischen als Militärobjekt benutzten Fort noch 1978 nur in Begleitung sowjetischer Offiziere.

Als aber vor drei Jahren die russische Armee endgültig die Festung Quednau räumte, fing Owsjanow mit seinen Leuten an zu graben, bei trübem Laternenlicht. Seiner Behörde fehlte freilich das Geld für einen modernen Metalldetektor, der auch Buntmetalle hätte aufspüren können.

Vor zwei Monaten gelang der Durchbruch. Im Fußboden einer Kasematte wurde tiefer gegraben, der aufgeschüttete Sand per Hand über die Schießscharten und Türen nach draußen getragen und bei Tageslicht gesiebt. Schon während der ersten 24 Stunden fanden die Schatzsucher 600 Kostbarkeiten oder Fragmente davon.

Den glücklichen Entdeckern, die von Journalisten Kaliningrads sogleich als Kollektiv zur Person des Jahres gewählt wurden, blieb keine Zeit für lange Pausen. Sie fürchteten um ihren Schatz, denn auch an der russischen Ostsee agiert das organisierte Verbrechen. So wurde die Fundstelle nur mit Fort N. angegeben.

Jetzt bewachen Polizisten die Festung und auch das Museum für Kunst und Geschichte rund um die Uhr. Ungewiss ist, wann alle Fundstücke so konserviert und identifiziert sind, dass sie sich ausstellen lassen. Es fehlt weiter an Geld. Bisher gab nur die Stadtverwaltung 5000 Rubel (etwa 340 Mark) und Gouverneur Leonid Gorbenko sein Versprechen auf Beistand.

Doch nach vollständiger Restaurierung erwartet den Besucher in Kaliningrad, so Owsjanow, »eine Auferstehung schönster Teile der Prussia-Sammlung«, nun als Heimatmuseum der heutigen Bewohner. REINHARD KRUMM

Reinhard Krumm
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