ISRAEL Allzu stark
Ronald Reagan sprach von »einer Tragödie«, er sei »überrascht und schockiert«.
Es war im Juni, kurz nachdem die Nachricht nach Washington gedrungen war, israelische Kampfflugzeuge hätten die irakische Reaktoranlage bei Bagdad bombardiert.
Prompt setzte damals das Weiße Haus die Lieferung schon bezahlter Flugzeuge des Typs F-15 und F-16 an Israel aus. Zwar erhielten die Israelis die Maschinen später dennoch, aber zum erstenmal hatten die USA zu erkennen gegeben, daß sie durchaus bereit seien, den Judenstaat für gefährliche Eigenmächtigkeiten abzustrafen.
Vorletzte Woche, nachdem Israels Premier Begin im Husarenstreich die Annektierung der Golanhöhen durchgesetzt hatte, stand nicht mehr zur Debatte, ob, sondern wie die Israelis zu bestrafen seien: auf jeden Fall um einige Grade härter als das letzte Mal.
Im Weltsicherheitsrat stellten sich die USA hinter einen Beschluß, der von Israel verlangt, die Annexion rückgängig zu machen oder auf Gegenmaßnahmen gefaßt zu sein.
Dies regte Menachem Begin noch nicht sonderlich auf. Aber die Extrastrafen, mit denen Reagan die neue Extratour seines Verbündeten ahndete, trafen ihn empfindlich: Die amerikanische Schutzmacht revidierte nicht nur eine im November vereinbarte strategische Kooperation beider Staaten, sondern zog auch wirtschaftliche Zugeständnisse zurück - eine bittere Botschaft für den notleidenden jüdischen Staat.
So setzten die USA ihre Zusagen aus, Rüstungsgüter »Made in Israel« im Wert von 200 Millionen Dollar zu erwerben sowie einen Rückexport israelischer Kampfgeräte mit amerikanischen Bestandteilen zu gestatten. Auch die technologische Zusammenarbeit beider Länder, die Israels elektronischer Industrie beträchtlichen Auftrieb gegeben hätte, soll vorerst auf Eis gelegt werden.
Ohne amerikanische Kooperation wird der von den Israelis erwartete weitere Aufschwung ihres Waffenexports (im laufenden Jahr für 1,5 Milliarden Dollar) ausbleiben. Besonders der Verkauf von israelischen »Kfir«-Düsenjägern an mehrere südamerikanische Länder wird von Washington blockiert. Auch die Pläne für Israels neuen Kampfjäger »Lavie« dürften ohne Motoren und Know-how aus den USA nicht über das Reißbrett-Stadium hinaus gedeihen.
Vor dem Fernsehen begründete US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger die Aktionen seiner Regierung: »Wir haben das Gefühl, daß es wesentlich ist, klarzumachen, daß solche einseitigen Aktionen, die uns und die Welt überraschen, nicht so einfach hingenommen werden können.« Außenminister Alexander Haig verdeutlichte: »Wir hatten die Verpflichtung ... eine Atmosphäre zu schaffen, in der es keine Blankoschecks für die israelische Führung gibt. Auch sie, die Israelis, haben Verpflichtungen.«
Eine solche Sprache freilich wollte Begin nicht hinnehmen. Zwar hatte er ständig die traditionelle Freundschaft mit Amerika als Grundlage der Politik aller israelischen Regierungen gepriesen und Reagan jüngst als »unseren zuverlässigsten Alliierten im Weißen Haus« gelobt. Doch jetzt war eine offene Konfrontation wohl unvermeidlich.
Wie üblich nahm Israels Regierungschef eine Haltung stolzen Trotzes ein: Dem völlig verblüfften US-Botschafter Samuel Lewis hielt er eine Philippika: »Wir sind nicht Vasallen amerikanischer Feudalherrscher, eine Bananenrepublik oder ein 14jähriger Junge, dem man mal auf die Finger schlägt.«
Ein entrüsteter amerikanischer Diplomat kommentierte die Predigt: »In den 205 Jahren unserer staatlichen Geschichte haben wir noch niemals solche Töne hören müssen.«
Amerikas Beschluß, die Strategie-Vereinbarung auszusetzen, betrachtete Begin als definitive Kündigung des Memorandums. Dieses Abkommen dürfe Israel nicht wie »ein Damoklesschwert« bedrohen, um Wohlverhalten im Südlibanon, Konzilianz bei den Autonomie-Gesprächen oder Verzichte in der Jerusalem-Frage zu garantieren. Das jüdische Volk habe 3700 Jahre ohne ein amerikanisches Memorandum gelebt und könne auch weitere 3700 Jahre ohne ein derartiges Dokument auskommen.
Daß Israel in den fünf Jahren der Begin-Regierung amerikanische Hilfszusagen von 12,8 Milliarden Dollar erhielt, daß der Staat auch 1982 eine US-Beihilfe von 2,2 Milliarden bekommen soll, ignorierte der wütende Premier.
Ohne weitere amerikanische Hilfsleistungen wird er jedoch nur schwer auskommen. Denn allein die Schuldentilgung wird 1982 mehr als drei Milliarden Dollar kosten. Der Abgeordnete Jossi Sarid meinte: »Unser Premier braucht eine solide Infusion von Realismus und klarem Verstand.« Die »Jerusalem Post« entdeckte sogar »einen Schuß puren Wahnsinns«. Ernsten Widerstand fand Begin aber kaum.
Vorsichtshalber hatte er seine scharfe Rede an die Adresse Reagans ohne Absprache mit dem Kabinett gehalten. Doch Begin blieb sicher: »Bei einer vorherigen Debatte im Kabinett hätte ich eine zuverlässige Mehrheit erhalten.«
Auch die Opposition enthielt sich allzu heftiger Kritik. Wie immer in Krisenzeiten wurden die Reihen geschlossen. Ex-Premier Rabin glaubte sogar einen Teil der Schuld für die Verstimmung den USA zuschieben zu können. Denn »die Reagan-Regierung will schon längst von den Camp-David-Vereinbarungen abrücken. Begin bot ihr jetzt lediglich einen passenden Vorwand.«
Nur Ex-Stabschef Mordechai Gur mahnte, Begin solle doch wieder vom allzu hohen Roß auf den Boden der Realitäten heruntersteigen. Die Morgenzeitung »Haarets« meinte, es lasse sich leicht erraten, »wer bei einer Auseinandersetzung zwischen Israel und den USA den kürzeren ziehen wird«.
Indessen lenkte auch Washington wieder ein. Präsidenten-Berater Edwin Meese: »Die Vereinigten Staaten bleiben der beste Freund Israels.« In Wahrheit fürchten die Amerikaner, durch allzuviel S.70 Schroffheit den unberechenbaren Israel-Premier zu neuen Alleingängen vor dem 25. April, der letzten Räumungsetappe im Sinai, zu provozieren. Ein Einmarsch im Südlibanon oder ein Schlag gegen die syrischen Raketen-Basen in der Bekaa-Ebene könnten zu einem neuen Nahostkrieg führen.
Doch auch Israels Regierung bleibt besorgt und bangt vor weiteren amerikanischen Strafmaßnahmen, etwa davor, daß Washington bei der für den 5. Januar vorgesehenen zweiten Runde der Golan-Debatte im Sicherheitsrat eine Sanktionsresolution nicht durch ein Veto blockiert.
Das Unbehagen, das viele Israelis über ihren Regierungschef empfinden, drückte der israelische Publizist Amos Kennan so aus: »Schließlich ist nichts schwächer als eine allzu starke Hand.«