GEISELN Als Eintrittsgebühr 50 Sack Reis
Als die Dämmerung hereinbricht, wird Abu-Sayyaf-Kommandeur Ben Halib, ein finsterer junger Mann mit entsichertem M-16-Gewehr, ungeduldig: »Um 22 Uhr muss das Geld hier sein, sonst stirbt jemand.«
Nur wenige hundert Meter von jenem Camp entfernt, in dem die Busch-Guerrilla derzeit 21 Geiseln festhält, darunter die deutsche Familie Wallert, gerieten am vorigen Freitag auch zehn Journalisten, darunter TV-Teams von ZDF, RTL, Sat 1 und SPIEGEL-Redakteur Andreas Lorenz, in Gefangenschaft. Eigentlich wollten sie das Geisellager besuchen, wo sich die Gefangenen nach sechs Wochen Haft in einer psychischen Krise befinden. Zwei Millionen Dollar verlangen die Rebellen angeblich an Lösegeld; die Verhandlungsführer der philippinischen Regierung rechnen mit einem monatelangen Gezerre um die Freilassung. Von den Berichterstattern forderten die Abu-Sayyaf-Kämpfer eine Million Pesos (50 000 Mark). Um die Summe aufzutreiben, durften vier Reporter und ein Dolmetscher in die Stadt Jolo zurück.
Am Morgen schien der Weg zu den Gefangenen noch offen. Jolos Ärztin Nelsa Amin sollte, begleitet von der Presse, zum fünften Mal die Geiseln untersuchen und ihnen Medikamente bringen. Im Tross: ein grüner Lkw mit einer Ladung Balken, die im Geiselcamp zu einer festen Behausung gegen den Monsunregen gezimmert werden sollen. Doch bald tauchen Hindernisse auf. Abu-Sayyaf-Chef Galib Andang alias »Kommandant Robot« verlangt als eine Art Eintrittsgebühr 50 Sack Reis. Den, versichert er, würden nur die Gefangenen erhalten. Als die Journalisten sich weigern, gibt er dennoch grünes Licht: »Sie können zu ihnen gehen.« Nach zehn Minuten Fußmarsch, in Begleitung schwer bewaffneter Krieger, erweist sich die Einladung als Falle. Die TV-Teams müssen ihre Kameras, Uhren, Jacken und Schuhe abgeben.
An Bargeld kommen nur 10 000 Pesos (495 Mark) zusammen. Lange zählen die Banditen die Scheine, dann schicken sie einen Boten los, um sich neue Befehle zu holen. Die Gruppe setzt sich wieder in Marsch, an einer Bambushütte aber ist Stopp. Die Atmosphäre entspannt sich, die Kameras tauchen wieder auf. Ein Guerrillero gibt dem französischen RTL-Kameramann Jean-Claude Ramigé dessen Talisman, ein goldenes Herz, zurück.
Einige Kidnapper untersuchen die Taschen ihrer Gefangenen. Offenbar können sie es nicht fassen, dass westliche Korrespondenten nur so wenig Bares bei sich haben. Dann servieren sie auf Bananenblättern Reis und Sardinen aus der Dose. Die Konserven stammen aus der Hilfslieferung für die Geiseln.
Plötzlicher Aufbruch: Offenbar fürchten die Abu Sayyaf, andere Gruppenmitglieder könnten ihnen die Beute abspenstig machen. Immer tiefer geht es in den Dschungel hinein, in mittlerweile sternenklarer Nacht, bis zu einer Hütte, vor der Berge von Kokosnüssen liegen. Mit Macheten schlagen die Abu-Sayyaf-Leute die Früchte auf. Dann spendieren sie den Journalisten mit einem Anflug von Kameraderie Cola und Fanta.