OLLENHAUER Als Staatsmann
Einer der acht Ersten Sekretäre der Sowjetbotschaft am Rhein, Alexander Iwanowitsch Alexandrow, versuchte am Samstag, dem 28. Februar, gegen 20.00 Uhr den Anschluß 28 14 82 in Bonn zu erreichen. Der Inhaber des Anschlusses, Erich Ollenhauer, Mitglied des Bundestags, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, meldete sich nicht. Er sprach zu jener Stunde auf einer Wahlkundgebung in Osterode am Harz.
Auf diese recht unprotokollarische Weise leitete die Sowjetdiplomatie ein politisches Unternehmen ein, das den sozialdemokratischen Parteivorsitzer zum Kreml-Machthaber in die Statthalterei der sowjetischen Militärprovinz Mitteldeutschland führte und ihm außerdem Gelegenheit gab, als Staatsmann, Gesprächspartner und Verhandler unter dem Scheffel hervorzukriechen.
Freilich ist das Verhalten der bundesdeutschen Sozialdemokraten den roten Kreml-Päpsten gegenüber seit jeher als tapsige Hilflosigkeit richtig gekennzeichnet. Ein schönes Beispiel dafür lieferten sie in jüngerer Zeit gelegentlich ihres Münchner Parteitages im Sommer 1956, dem die Kreml-Herren in einer Grußbotschaft gutes Gelingen gewünscht hatten.
Damals wurde Ost - Experte Herbert Wehner beauftragt, das Schreiben aus Moskau zu analysieren und eine Antwort zu entwerfen. Wehner tat es, eine ganze Nacht lang, während die übrige Partei -Prominenz vermittels einer Dampferfahrt auf dem Starnberger See neue Kräfte sammelte. Am anderen Morgen teilte Ollenhauer dem Genossen Wehner mit, er und einige andere hätten es sich bei Lampionschein und Wellenplätschern anders überlegt: Man werde den Sowjetmenschen überhaupt nicht antworten. Wehner biß auf seinen Pfeifenstiel.
So ging es weiter: Sowjetbotschafter Smirnow teilte wenige Wochen später offiziell mit, Ollenhauer und sein damaliger Stellvertreter Wilhelm Mellies seien zu einem Informationsbesuch in Moskau willkommen. Ollenhauer lehnte ab.
Wieder einige Wochen später wiederholte Chruschtschew die Einladung. Diesmal schickte Ollenhauer Herbert Wehner zu Botschafter Smirnow und ließ mitteilen, er nehme an. Ganze anderthalb Tage später mußte Wehner abermals nach Rolandswerth zu Smirnow: Ollenhauer hatte sich wieder einmal eines schlechteren besonnen und wollte nun doch nicht reisen. Botschafter Smirnow trug's mit Fassung.
Was Ollenhauer und den Parteivorstand bewogen haben mag, jene Einladung nach Moskau abzulehnen, obschon es damals die sowjetischen Berlin-Noten noch nicht gab und Oppositionsführer anderer westlicher Länder allenthalben mit dem promillehaltigen Nikita anstießen, wird immer unverständlich bleiben, sofern man nicht die groteske Erklärung akzeptieren will, die der sozialdemokratische »Parlamentarisch-Politische Pressedienst« offerierte: »Ollenhauer unternimmt als Parteivorvorsitzender ... keine derartigen Informationsreisen.«
Als jedoch der Kreml-Chef den Wunsch verspürte, bei Gelegenheit seiner Reise nach Leipzig und Ostberlin auch den westdeutschen Oppositionsführer zu beäugen, vermochte der wackere Parteichef dem Ruf nicht zu widerstehen - vermutlich glaubte er seine geschichtliche Stunde gekommen.
Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, warum der SPD-Chef bereitwillig ins Rampenlicht der Weltdiplomatie hineinstolperte, obwohl diesmal - im Gegensatz zu früheren Einladungen aus Moskau - die äußeren wie die politischen Umstände klar dagegensprachen, obwohl er sich keine Chance ausrechnen konnte, eine politische Wundertat zu vollbringen, obwohl eine normale und vernünftige Informationsreise der SPD-Politiker Schmid und Erler nach Moskau unmittelbar bevorstand und obwohl er selbst, wie sich nur zu deutlich zeigte, nicht im mindesten auf ein solches Unternehmen vorbereitet war.
Zunächst einmal war er, an jenem Samstagabend im Februar, für den Protokollsekretär Alexandrow nicht erreichbar. Dem Sowjetmenschen fiel in seiner Zeitnot nichts Besseres ein, als den Pressechef der deutschen Sozialdemokraten, Franz Barsig, in dessen Friesdorfer Bundeswohnung anzuläuten. Barsig saß gerade wochenendbereit in seinem Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat, um sich die Übertragung einer Sportveranstaltung aus der Dortmunder Westfalenhalle anzusehen.
Als der Russe sich meldete, fiel Barsig dem Vorboten großer politischer Ereignisse ins Wort: »Ach, Sie wollen Herrn Ollenhauer wohl mitteilen, daß die Reise der Herren Schmid und Erler nach Moskau nun endgültig am 11. März beginnen kann?« Alexandrow: »Es handelt sich um etwas anderes. Botschafter Smirnow möchte dringend Herrn Ollenhauer in einer wichtigen Sache sprechen.«
Das Rendezvous fand am Montag, dem 2. März, in der Sowjetbotschaft zu Rolandswerth statt. Der Botschafter eröffnete dem SPD-Chef, daß Ministerpräsident Chruschtschew sich freuen würde, ihn, Ollenhauer, in Leipzig oder Ostberlin zu einem Gespräch unter vier Augen zu treffen. Ollenhauer behielt sich seine Antwort zunächst vor.
Am selben Nachmittag hielt der SPD -Vorstand eine Routine-Sitzung in der Partei-Baracke in der Bonner Friedrich-Ebert -Allee ab. Ollenhauer berichtete über die Einladung Chruschtschews nahezu beiläufig. Bundespräsidenten-Kandidat Carlo Schmid, der die Sitzung mehrmals verließ, um die ermüdende Diskussion über belanglose Parteigeschäfte zu schwänzen, bekam die große Nachricht, die seine eigene Reise nach Moskau überschattete, nicht mit. Die Aussprache war kurz, und alle Anwesenden waren sich einig: Erich muß nach Ostberlin.
Auf die Idee, daß ein solches Gespräch - durch das sich Ollenhauer und mit ihm die ganze Partei in der gegenwärtigen Situation außerordentlich exponieren mußten gründlicher Vorbereitung bedurfte, etwa durch die Emissäre Schmid und Erler, kamen die Vorstands-Funktionäre nicht.
Auch die Tatsache, daß die Sowjetbotschaft Unter den Linden nicht nur ein »exterritorialer Platz« ist, vor dessen Terrain die Staatsgewalt des SED-Regimes endet, sondern auch die geographische Materialisierung des sowjetischen Anspruchs auf völkerrechtliche Anerkennung der DDR, schien dem SPD-Parteivorstand kein hinreichender Grund zu sein, »die einmalige Chance in einer solchen Situation nicht zu nutzen«, wie Mitglieder des höchsten Parteigremiums formulierten.
So verzichteten die sozialdemokratischen Außenpolitiker des Schattenkabinetts der Opposition von vornherein auf die Möglichkeit, ihren Parteichef ohne Zeitdrang und nach gründlicher Vorbereitung in aller Form, mit einer protokollgerechten Einladung versehen, zu einer Kontaktaufnahme in die Sowjet-Union zu entsenden, nur um eine Einladung wahrzunehmen, von der sie plötzlich glaubten, daß sie, einmal ausgeschlagen, nicht wiederholt würde.
Als einzige Bedingung, die von den Sowjets für das Zusammentreffen in Ostberlin zu erfüllen sei, verlangten Erich Ollenhauer und Genossen, daß nicht plötzlich hinter einer aufgestoßenen Tür der Spitzbart des Walter Ulbricht sichtbar werde. Gegen Chruschtschews Wunsch, daß der SPD-Vorsitzende allein kommen solle, hatte niemand ernsthafte Bedenken.
Am Dienstag vorletzter Woche suchte Erich Ollenhauer den Bundesaußenminister Heinrich von Brentano auf, um ihn über das bevorstehende Tête-à-tête in Ostberlin zu unterrichten. Heinrich von Brentano nahm zur Kenntnis, enthielt sich aber jeden Ratschlags und sagte Ollenhauer, als Politiker müsse er selber entscheiden, ob er dieses Gespräch führen könne. Dann bedankte sich Konrad Adenauers Außenminister für das »loyale und korrekte Verhalten« des Oppositionschefs. Der SPD -Pressedienst münzte später diese unverbindlichen und selbstverständlichen Worte in »Zustimmung« um.
Drei Tage später, am Freitag, flog Erich Ollenhauer dann nach Westberlin, wo er am Wochenende die versammelten Sozialdemokratinnen der Bundesrepublik in ihrem Vertrauen zur Partei und zur sozialistischen Zukunft Deutschland zu bestärken hatte. Schattendiplomat Ollenhauer nutzte die Parteifrauen als Alibi für seinen Aufenthalt in Berlin.
Seine Hauptsorge war bis dahin weniger der Ausgang des Gesprächs mit Chruschtschew als die Gefahr, daß Walter Ulbricht mit einer gezielten Indiskretion aus dem vereinbarten Besuch des SPD-Vorsitzenden bei Chruschtschew in der »Hauptstadt der DDR« Propaganda-Kapital schlagen oder den Besuch torpedieren könnte. So verschwieg Erich allen Berliner Parteigenossen, was er wirklich vorhatte. Selbst den PV-Kollegen und Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, zog er nicht ins Vertrauen. Zwar feierte er Brandt, der am Freitagabend von seiner Asientournee zurückkehrte, auf dem Tempelhofer Flugfeld als »Botschafter Berlins« und hörte sich lächelnd an, wie Willy Brandt auf der Freitreppe des Schöneberger Rathauses vor Parteifrauen ausrief: »Es gibt Leute, die versuchen, Gegensätze zwischen Erich Ollenhauer und mir zu konstruieren, aber unsere große SPD hat für viele Schattierungen Platz, und das Vertrauen zwischen uns ist größer als Meinungsverschiedenheiten.« Aber von der Chruschtschew-Einladung sagte er kein Wort.
Derweil wartete Ollenhauer unablässig auf eine Nachricht aus Ostberlin, denn Chruschtschew war noch nicht eingetroffen, und der Zeitpunkt der Audienz in der Sowjetbotschaft stand noch nicht fest. Schließlich fiel den Genossen auf, daß der vielbeschäftigte Parteichef aus Bonn plötzlich in Berlin Zeit hatte, obschon es für ihn keinen erkennbaren Anlaß gab, seinen Aufenthalt in die Länge zu ziehen. Verwundert fragte Franz Neumann: »Erich, wie lange willst du denn noch bleiben?« Erich: »Nun, so bis Montag.«
Am Sonntagmorgen - Chruschtschew war am Sonnabendabend in Ostberlin eingetroffen - flüsterten SED-Journalisten von einem möglichen Zusammentreffen Chruschtschew-Ollenhauer. Nachmittags lief dann eine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS über die Ticker, in der es hieß, westliche Agenturen hätten von einem solchen Treffen berichtet. TASS sei jedoch nichts davon bekannt. Das konnte als ein offiziöses Dementi verstanden werden.
Ollenhauer erschrak. Die Chancen, Chruschtschew Unter den Linden gegenüberzusitzen, schienen zu schwinden. Sein Attaché in der geheimdiplomatischen Mission, Pressechef Franz Barsig, entsandte eilends einen Späher durch das Brandenburger Tor zur Sowjetbotschaft. Die Sowjetmenschen beruhigten: »TASS weiß nichts. Wir haben alles geheimgehalten.«
Eine Gefahr war freilich damit nicht behoben: daß nämlich die Gerüchte und Nachrichten auch bis ins Schöneberger Rathaus vordringen könnten. So blieb dem SPD-Chef nichts anderes übrig, als doch noch seinem Parteigenossen Brandt das große Geheimnis zu offenbaren.
Bald darauf teilte die Sowjetbotschaft mit, wann Ollenhauers Besuch dem Kreml -Herrn genehm sei: am Montag, um 11.15 Uhr. Franz Barsig brütete bis 19 Uhr über einer offiziellen Mitteilung an die Presse und durfte anschließend, als die Mitteilung heraus war, bis zwei Uhr nachts einen Telephonanruf nach dem anderen beantworten. Barsig: »Es war nervenzerfetzend.«
Der nervenzerfetzte, übermüdete Barsig war Ollenhauers einziger Begleiter, als der SPD-Chef sich am anderen Morgen anschickte, nach Ostberlin zu fahren. Den Journalisten, die in der Halle des »Hotels am Zoo« auf die Abfahrt des neuen Stars der Weltpolitik warteten, fiel ein eleganter Herr auf, der die »Berliner Zeitung« las und sichtlich aufmerksam ihren Gesprächen folgte.
Als Ollenhauer auf der Treppe sichtbar wurde, faltete der Herr die Zeitung zusammen, ging auf ihn zu, lüftete den Hut, und fragte: »Sind Sie Herr Ollenhauer?« Erich Ollenhauer anwortete gefaßt: »Ja.« Der Fremde verbeugte sich leicht: »Mein Name ist Slawin, ich habe den Auftrag, Sie abzuholen.« Botschaftsrat Slawin war über die Sektorengrenze gekommen, um den bundesdeutschen SPD-Chef dem Moskauer Großherrn zuzuführen.
Der grüne Vorstands-Mercedes aus Bonn, der abfahrtbereit - mit den Bundesfarben und einem Berliner Bären-Wimpel beflaggt
- vor dem Hotel stand, blieb unbenutzt. Der
Sowjetdiplomat wies auf einen schwarzen Mercedes 220 S mit der Ostberliner CD -Nummer: »Bitte, hier einsteigen.« Ollenhauer und Barsig kletterten gehorsam in das Sowjet-Gefährt Untertürkheimer Herkunft.
In der Halle der Sowjetbotschaft hatten sich Nikita Chruschtschew, der Sowjetbotschafter in der DDR, Perwuchin, und der Vize-Außenminister Sorin inmitten einer Schar niedrigerer Funktionäre der Sowjetbotschaft zur Begrüßung aufgebaut. Dann erlebte Ollenhauer seine erste Überraschung: Während er seinen Barsig verabredungsgemäß in der Halle ließ, marschierten Perwuchin und Sorin mit Chruschtschew und dem russischen Dolmetscher in das Konferenzzimmer. Der SPD-Chef aus Bonn sah sich plötzlich allein dem Herrn über das Sowjet-Imperium und drei anderen Sowjetrussen gegenüber.
Draußen erwartete auch den zurückgebliebenen Barsig eine Überraschung. Ein kräftig gebauter Mann ging auf ihn zu und stellte sich vor: »Ich bin Roth.« Dann verwickelte er Ollenhauers Attaché in ein Gespräch über die hohe Politik und gab gravitätisch seiner Freude darüber Ausdruck, daß dieses Zusammentreffen zwischen Chruschtschew und Ollenhauer zustande gekommen sei.
Schließlich fragte Barsig: »Herr Roth, was machen Sie hier eigentlich?« Roth antwortete: »Ich bin Ingenieur und an der Herstellung der Strahltriebwerke für die französischen Überschalljäger ,Mirage III' beteiligt.« Barsig war, wie er sich erinnert »sehr verdutzt«. Er zog den Botschaftsrat Slawin in eine Ecke und fragte: »Wer ist denn dieser Herr?« Darauf Slawin: »Zu uns gehört er nicht, ich denke, der gehört zu Ihnen.«
Der mysteriöse Herr Roth wurde höflich, aber bestimmt aus der Botschaft gewiesen. Er bestieg vor dem Haus sein Auto, das ein Frankfurter Kennzeichen trug, und fuhr davon. Bis heute weiß der Ollenhauer-Begleiter nicht, mit wem er es da zu tun hatte. Zwei Erklärungen bieten sich an: Entweder war der Strahltriebwerker ein V-Mann Walter Ulbrichts oder des Bundesnachrichtengenerals Reinhard Gehlen.
Damit waren die Abenteuer des Franz Barsig Unter den Linden aber noch nicht zu Ende. Die Strapazen der sozialdemokratischen Geheimdiplomatie hatten sein ohnehin nervöses Herz überanstrengt, nun trieb das beklemmende Gefühl, den Parteichef allein, ohne Hilfe und ohne Dolmetsch, den Finessen dreier Sowjetmenschen ausgesetzt zu wissen, Barsigs Herz zu bedenklich schnellen Schlägen an. Barsig bat den Sowjetdiplomaten Slawin um ein Beruhigungsmittel aus der sowjetischen Hausapotheke.
Der Sowjetmensch eilte davon, von der Furcht geplagt, daß Barsigs Leben in Gefahr sei. Nach wenigen Minuten kehrte er mit einem hoch dekorierten Generalarzt der Sowjetarmee zurück. Der rote Sanitätsgeneral übernahm sofort das Kommando: Er scheuchte die Zivilisten aus dem Raum und befahl dem herzbeklommenen Barsig, sich zur Herzmusterung frei zu machen. Barsig entblößte sich. Dann hörte und klopfte der Generalarzt die Brust des bundesdeutschen Sozialdemokraten und ehemaligen Kommunisten aus Hannover ab, verpaßte ihm ein Beruhigungsmittel, und bald fühlte Barsig sich besser. Franz Barsig: »Genau wie mein Bonner Arzt verbot er mir Rauchen und Trinken.«
Auch im Konferenzzimmer wurde weder getrunken noch geraucht. Chruschtschew ließ Mineralwasser servieren, und Ollenhauer verzichtete auf die Zigarre, um den Nichtraucher aus dem Kreml nicht unpäßlich zu machen. Meinte Barsig über Ollenhauers Qualifikationen für Unterhaltungen mit Staatsmännern: »Er hat Übung darin, denn auch bei den interfraktionellen Besprechungen mit Adenauer versagt er sich aus Rücksicht auf den Regierungschef das Zigarrenrauchen.«
Erich Ollenhauer mußte bei Nikita Chruschtschew erfahren, daß, wer mit dem Teufel zu Tisch sitzen will, einen langen Löffel haben muß. Als es zum Ende des Gespräches kam, boten die routinierten Apparatschiks der sowjetischen Machtmaschine einen Kommuniqué-Entwurf an, in dem die Gesprächsgegenstände aufgeführt waren. Von der Wiedervereinigung Deutschlands war nicht die Rede, dagegen von der »Liquidierung des Besatzungsregimes in Berlin«, über die freundschaftlich gesprochen worden sei.
Erich Ollenhauer, ohne Übung, ohne Berater, ohne eigenen Dolmetscher und unter dem Druck der abgelaufenen Besuchszeit, akzeptierte diesen antiwestlichen Propaganda-Jargon und begnügte sich damit, die Vokabel »Status von Westberlin« als seinen einzigen Beitrag in das Kommuniqué zu bringen. Der Gedanke, daß ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen überhaupt keines Abschlußkommuniqués bedarf, kam ihm in seiner Bedrängnis nicht.
Kommentierte die »Neue Zürcher Zeitung": »Im Kreise der sowjetischen und der polnischen Journalisten herrschte nach der Bekanntgabe der Kommuniqués Triumphstimmung. Der Ausgang der Unterredung zwischen Chruschtschew und Ollenhauer wird im Osten als ein klarer und großer Erfolg der Sowjets gewertet, wie er wohl selbst von den Optimisten im kommunistischen Lager in diesem Ausmaß kaum erwartet worden war.«
Chruschtschew hielt mit seiner Freude nicht hinter dem Berg; er entließ den sozialdemokratischen Parteileiter, indem er wiederholt und in deutscher Sprache laut ausrief: »Freundschaft, Freundschaft.« Als wenig später Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt seinen Parteichef das Kommuniqué verlesen hörte, fragte er leise: »Ist dies das sowjetische Kommuniqué?« »Nein«, antwortete stolz Erich Ollenhauer, »das ist unser gemeinsames Kommuniqué.«
Schrieb der Chefredakteur des Westberliner »Tagesspiegel": »Ollenhauer als für Deutschland verantwortlicher Staatsmann
- das ist eine grausame Vorstellung.«
Chruschtschew mit Besucher: »Freundschaft«
Rheinischer Merkur
Ollenhauer: »Hier kommen wir bestimmt vorwärts«
Ollenhauer-Begleiter Barsig
»Machen Sie mal die Brust frei!«