Alte Blüte - DER SPIEGEL
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BILDUNGSFÖRDERUNG Alte Blüte

Statt Stipendien für alle zu zahlen, wollte die neue Regierung Hochbegabte besonders fördern. Doch auch dafür fehlt das Geld. *
• aus DER SPIEGEL 20/1983
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In sieben Monaten ihrer Amtszeit hat Bildungsminister Dorothee Wilms gelernt, sogar dem chronischen Geldmangel in ihrem Ressort gute Seiten abzugewinnen: »Gerade Krisenzeiten wie heute«, verkündete die Bonner Kabinettsdame, »bieten wesentlich eher die Möglichkeit für Verbesserungen als Zeiten von Wohlstandseuphorie.«

Hatten die Sozialliberalen in den goldenen siebziger Jahren mit Subventionen in Milliardenhöhe Hunderttausenden von Schülern und Studenten Chancen für bessere Bildung geboten, so wollen die christlich-liberalen Koalitionäre nur noch eine Auslese von besonders Begabten päppeln. Es kommt die Regierung nicht nur billiger, es paßt den Konservativen auch ideologisch: »Auf Leistungseliten«, so der Kanzler in seiner Regierungserklärung, »können wir nicht verzichten.«

In der vergangenen Woche versprach Helmut Kohl der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Schluß zu machen mit dem »Gießkannenprinzip« bei der Hochschulförderung. »Die größte Gerechtigkeit« sei nicht »in der größten Einheitlichkeit« zu suchen. Vielmehr könnten die Universitäten nur dann »zu ihrer alten Blüte zurückfinden, wenn wir uns bewußt und gezielt für eine Differenzierung einsetzen«.

Auf deutsch: Wurden früher Schülerstipendien nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) für viele Jugendliche aus sozial schwachen Familien bezahlt, soll es künftig eine staatliche Belohnung für die Klassenbesten geben.

Wurden früher Zuschüsse an minderbemittelte Studenten überwiesen, sind es in Zukunft für Hochschüler Darlehen. Und es sollen Promotionsgehälter für den besonders qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs bezahlt werden. Gab es bisher eine gleichmäßige finanzielle Versorgung der 235 Hochschulen mit ihren inzwischen 1,2 Millionen Studenten, so sollen künftig »wissenschaftlich besonders produktive Universitätsinstitute« (Kohl) begünstigt werden.

Die großen Worte haben vor allem ideologischen Wert. Denn für eine Begabtenförderung von Schülern, wie Frau Wilms sie noch im November versprach, fehlt das Geld. Der vom Kabinett verabschiedete Entwurf eines »Gesetzes zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlern« liegt auf Eis, weil Bund und Länder sich nicht einigen können; und Elite-Hochschulen nach Kohls Wünschen wird es bis in die neunziger Jahre gar nicht geben können: Bis dahin müssen alle Universitäten für die geburtenstarken Jahrgänge offengehalten werden.

Immerhin ist der Regierung Kohl die bildungspolitische Wende ganz gut gelungen: Sie strich das Schüler-Bafög und stellte die Studentenstipendien auf Darlehen um - eine Wende von der Breitenförderung zur Auslese der Leistungselite.

So sieht es jedenfalls der Präsident der Rektorenkonferenz, George Turner: Womöglich sei der »Abschreckungseffekt« durch Sparmaßnahmen »gewollt«. Die Folge wäre, daß Qualifizierte aus ärmeren Familien nicht mehr studieren, sondern die Hochschulen von jenen auch zweitklassigen Studikern gefüllt sind, »die es sich leisten können« (Turner).

Bildungsministerin Wilms bestreitet diese Art von Leistungsauswahl. Nach ihrer »höheren Auffassung von Bildungsstrebigkeit der deutschen Arbeiterfamilie« ließen sich begabte, aber weniger begüterte Schüler durch nichts - weder durch monatliche Einbußen von 225 Mark noch durch eine Darlehensschuld von 40 000 Mark - vom Besuch einer weiterführenden Schule oder vom Studium abbringen.

Der Ministerin bleibt allerdings nichts anderes übrig, als beschwichtigende Reden zu halten: Finanzminister Gerhard Stoltenberg verweigerte ihr Mittel, um wenigstens die schlimmsten Härtefälle mildern zu können. An Stoltenbergs leeren Kassen scheitert auch der Versuch, ein »Begabtenprogramm« durchzusetzen.

Ebensowenig Glück ist der Bildungsministerin mit ihrem Plan beschieden, wissenschaftlichen Nachwuchs an den Hochschulen zu fördern. Zwar hat ihr Finanzminister Stoltenberg 25 Millionen Mark für das Programm zugebilligt, mit dem die 1981 eingestellte Graduiertenförderung fortgesetzt werden soll. Doch die Länder weigern sich, die Hälfte der Kosten für die Promotionsstipendien, wie Bonn es verlangt, zu übernehmen. Niedersachsen und Hessen wollen statt der gewünschten 50 Prozent nur 35 Prozent zahlen, Bayern und Baden-Württemberg sich nur mit 25 Prozent begnügen.

Da greifen die Regierenden notgedrungen auf Errungenschaften der sozialliberalen Koalition zurück. Für die Förderung hochqualifizierter Nachwuchswissenschaftler, so der Parlamentarische Staatssekretär im Bildungsministerium, Anton Pfeifer, stehe »ein insgesamt gutes Instrumentarium zur Verfügung« - nämlich acht Förderungswerke der Parteien, Kirchen und Stiftungen, die 1982 mit Hilfe des Bundes 52 Millionen Mark für Studenten und zwölf Millionen Mark für Doktoranden ausgaben.

Manchmal jedoch beläßt es Kanzler Kohl nicht nur bei Worten - er fördert die Leistungselite auch direkt. Am vergangenen Mittwoch empfing er die Preisträger des Wettbewerbs »Jugend forscht« im Palais Schaumburg, nannte sie den »eigentlichen Schatz dieses rohstoffarmen Landes« und überreichte einem von ihnen einen Scheck über 3000 Mark.

So viel hält der Dispositionsfonds des Kanzlers für die »schöpferisch beste Leistung« dieses Schülerwettstreits bereit - seit 1971. _(Am Mittwoch letzter Woche bei der ) _(Preisverleihung des Wettbewerbs »Jugend ) _(forscht«. )

Am Mittwoch letzter Woche bei der Preisverleihung des Wettbewerbs"Jugend forscht«.

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