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NORDIRLAND Alte Legende

Die Frauen-Friedensbewegung ist an Extremisten gescheitert, Gewalttaten und Zerstörung haben zugenommen.
• aus DER SPIEGEL 16/1977
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Am 17. März, dem St. Patrick's Day, kletterten sie bei Wind, Regen und bitterer Kälte aufs Plateau des kleinen Mount Slemish (480 Meter) in der nordirischen Grafschaft Antrim: die letzten Getreuen der nordirischen Friedensbewegung.

Sie waren einer Legende auf der Spur: Hier, so will es die Überlieferung, hatte der irische Schutzpatron St. Patrick Schafe gehütet, bevor er gläubig wurde und als Missionar das Inselvolk zum Christentum bekehrte.

Und bekehren wollten auch die Friedens-Frauen Mairead Corrigan und Betty Williams sowie ihr Mitstreiter Kiaran McKeown: Sie wollten dem Terror in Nordirland ein Ende bereiten. Doch was im Sommer, nach einer Reihe besonders abscheulicher Terror-Anschläge und politischer Morde, spontan zur Massenbewegung wurde und bis zu 60 000 Menschen auf Kundgebungen vereinte, zog jetzt nur noch 400 Unentwegte zur Symbol-Veranstaltung auf den Hügel: Vom Heerzug für den Frieden ist nur ein Häufchen Aufrechter geblieben, der idealistische Aufbruch an den irischen Realitäten gescheitert.

Völlig schuldlos an dieser Entwicklung sind die Führer der Friedensbewegung nicht: Ihre Lust an Weltreisen (Mairead Corrigan war fünf Wochen in Australien und Neuseeland), ihre Vorliebe für große Worte (Betty Wilhams: »Die ganze Welt unterstützt uns") und ihre Abneigung gegen praktische Arbeit haben die Gefolgschaft verärgert.

Da die angeblich 168 Ortsgruppen der Friedensbewegung von der Belfaster Zentrale nur unzureichend informiert und selten konsultiert werden, spalteten sich etliche ab. Margaret Doherty aus Londonderry, eine der fünf Gründerinnen der Bewegung, ist ebenfalls ausgestiegen.

Und der Bürgerkrieg ist unterdessen keineswegs abgeklungen, sondern eher schlimmer geworden.

1976, das siebte Konfliktjahr, das erste Jahr der Friedensbewegung, brachte mehr Verwüstungen, mehr Bombenanschläge, mehr Tote, mehr Verletzte als das Jahr zuvor:

* 292 Menschen (45 mehr als 1975) kamen allein im vergangenen Jahr um, in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits 39.

* Die republikanische IRA gibt in ihrer »Ehren-Rolle«, die Ostern veröffentlicht wird, 178 »Gefallene« an, davon 11 »Pfadfinder« der Altersgruppe unter 13 Jahre. > Über 20 000 Menschen (etwa 13 Prozent der Bevölkerung) wurden verletzt.

* 765 Bomben, 8000 Kilogramm Sprengstoff, explodierten letztes Jahr (doppelt soviel wie 1975), 326 Sprengsätze wurden entschärft. In den vergangenen sieben Jahren starben 1762 Menschen als Opfer von Bombenanschlägen oder sektiererischen Morden. Insgesamt befriedigte die Londoner Regierung 120 000 Schadensersatzansprüche von insgesamt 215 Millionen Pfund (etwa 882 Millionen Mark), über 27 000 Einzelansprüche werden noch bearbeitet.

Täglich kommen neue hinzu. Die Bewohner der großen Städte Londonderry und Belfast leben im permanenten Belagerungszustand. Durch die zerbombten und niedergebrannten Straßen patrouillieren Soldaten. Fabriken, Kaufhäuser, Tankstellen, Kraftwerke, Hafenanlagen, Brücken, aber auch Schuh- und Lebensmittelgeschäfte, Zeitungskioske und Gaststätten fliegen beinahe täglich in die Luft.

Der Konsummarkt »Fair Market« in Londonderry wurde insgesamt 13mal ausgebombt, das »Belfast Europa«, größtes und gegenwärtig einzig noch geöffnetes Hotel im Stadtzentrum von Belfast, 29mal durch Bomben beschädigt.

Noch schlimmer aber: Die beiden Bevölkerungsteile, englisch-loyalistische Protestanten und irisch-republikanische Katholiken, sind aus Angst und Mißtrauen immer weiter auseinander-

* Betty wilLiams (2. v. l.) und Mairead Corrigan (r.) auf dem Mount Slemish.

gerückt. Allein aus Belfast haben sich nach Regierungs-Statistiken 10 und 15 Prozent der Bevölkerung durch Bomben oder aus Angst vor ihnen aus ihren Stadtvierteln vertreiben lassen.

Die traditionell weitgehend in eigenen Wohngebieten konzentrierten Bevölkerungsteile leben heute völlig in Gettos zurückgezogen. Es gibt kaum noch von Protestanten und Katholiken gemeinsam besuchte Schulen.

Mit über elf Prozent Arbeitslosen unter der männlichen Bevölkerung liegt Nordirland weit über der britischen Quote von sechs Prozent. In Strabane (katholischer Bevölkerungsanteil 50,6 Prozent) ist fast jeder zweite arbeitslos. 20 Prozent der bewohnten Häuser von Belfast sind nach Regierungskriterien »unbewohnbar«, fast 40 Prozent liegen unter dem »akzeptablen Zustand«.

Solche Lebensbedingungen haben zwangsläufig gesundheitliche Folgen je nach Konfession unterschiedlich stark: Während im überwiegend protestantischen Osten Nordirlands 10 bis 15 von 1000 Kindern tot geboren werden, sind es im ärmeren katholischen Westen bis zu 35 Totgeburten. Dreiviertel aller Kinder unter 15 Jahren leben in Familien unterhalb oder unwesentlich oberhalb der Armutsgrenze.

Das Elend treibt immer mehr Bürger aus dem Land: 16 000 Menschen wanderten allein 1976 aus. Wer bleibt. resigniert -- oder findet ins Lager der Extremisten.

Religiöse Fanatiker wie der protestantische Sektenführer und britische Parlamentsabgeordnete Ian Paisley bereiten mit Hetztiraden gegen die »Papisten« den Boden, als hätte soeben die Gegenreformation begonnen.

Nur zögernd eingestandene Folterungen bei Verhören durch die vornehmlich protestantisch rekrutierte nordirische Polizei RUC verschaffen der IRA auch jetzt noch mehr Rekruten. als sie brauchen kann.

Nachdem die britische Regierung fünf Jahre lang geleugnet hatte, gab sie im vergangenen Jahr vor der Europäischen Menschenrechtskommission Folterpraktiken in ihren Internierungslagern zu -- die IRA hatte es immerzu behauptet.

London legte ein feierliches Versprechen ab, die Folter nie wieder anzuwenden. Doch Anfang März sendete die britische Fernsehanstalt BBC in einem 40-Minuten-Programm den detaillierten Bericht des katholischen Lehrers Bernard O'Connor. 34. der drei Tage lang auf einem Belfaster Polizeirevier verhört -- zusammengeschlagen und sadistisch erniedrigt wurde. Der unbescholtene Lehrer mußte nackt auf Händen und Füßen kriechen, umgekippte Papierkörbe mit dem Mund füllen wie ein Hund, stundenlang auf Zehenspitzen und mit gespreizten Fingern an eine Wand gelehnt stehen -- das alles, weil die Polizei das Geständnis erpressen wollte, er sei für alle Terrorakte in der Gegend, darunter mehrere Morde, verantwortlich.

Im Lichte solcher Berichte überzeugt auch die Behauptung der Polizei nicht. daß der 25jährige Edward Rooney, der am 28. Februar während eines Verhörs durch RUC-Beamte durch ein geschlossenes Fenster im zweiten Stockwerk des, Polizeireviers Springfield Road in Belfast stürzte, dies »aus freien Stücken und ohne Einwirkung der Beamten« getan habe.

Enthüllungen dieser Art sorgen ebenfalls für Nachwuchs bei der IRA. Andererseits führen der rücksichtslose Bombenkrieg und die Ermordung Unschuldiger durch die IRA auch den protestantischen Terror-Organisationen ständig neue Mitglieder zu.

Da können auch die Gesten von Idealisten kaum helfen: Als Kiaran McKeown seine Gefolgschaft auf dem Berg Slemish versammelte, kam er »wegen einer alten Legende und um eine neue zu beginnen«. Denn die Überlieferung will, daß der Schafe hütende St. Patrick an dieser Stelle mit der Hilfe Gottes alle Schlangen aus Irland vertrieb.

McKeown auf dem Berg: »Wir wollen dafür sorgen, daß alle Waffen von der Insel verschwinden und damit auch die Gewalt als Grundlage irischer Lebensphilosophie.«

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