USA / PUEBLO Alter Eimer
Sie drückten ihm eine Pistole in den Nacken, sie traten ihn, sie prügelten ihn blutig, um ihm ein Geständnis zu entlocken -- doch Lloyd M. ("Pete") Bucher widerstand seinen nordkoreanischen Peinigern.
Sie führten ihn in ihre Folterkammer, zeigten ihm den zerschundenen, leblosen Körper eines kurz zuvor malträtierten Südkoreaners, prophezeiten ihm dasselbe Schicksal -- aber immer noch widerstand Lloyd M. Bucher. Kommandant des gekaperten US-Spionageschiffes »Pueblo«, seinen Peinigern.
Erst als sie drohten: »Wir werden jetzt vor Ihren Augen so lange ein Mitglied Ihrer Besatzung nach dem anderen erschießen, bis Sie Ihr Geständnis ablegen«, war Lloyd M. Bucher, wie er jetzt schilderte, »überzeugt, daß sie es ernst meinten, daß sie Tiere waren«.
Er habe nicht zusehen wollen, »wie meine Mannschaft erschossen wurde« -- und daher unterschrieben, was von ihm verlangt wurde: daß er ein Spion sei und die »Pueblo« widerrechtlich in nordkoreanische Gewässer geführt habe
Ein entsprechendes Geständnis unterschrieb elf Monate später auch Amerikas Regierung -- und entschuldigte sich obendrein für den angeblichen Übergriff der »Pueblo«.
Die scheidende Johnson-Regierung erhielt für ihre Unterschrift -- mit der sie die Freilassung der »Pueblo«-Crew bewirkte -- viel Lob. Dem »Pueblo«-Skipper Bucher aber droht für seine Unterschrift (die vermutlich das Leben der Crew rettete) ein Kriegsgerichtsverfahren.
Denn als amerikanischer Soldat durfte er sein Schiff nicht kampflos dem bewaffneten nordkoreanischen Prisenkommando übergeben und auch kein Geständnis unterzeichnen.
Das jedenfalls glauben Amerikas konservative Mariner, die sich in ihrem Stolz verletzt fühlen, weil erstmals seit 161 Jahren ein amerikanisches Schiff in Friedenszeiten widerstandslos aufgebracht wurde**.
Und das glauben offenbar auch fünf amerikanische Admiräle, die seit über zwei Wochen im kalifornischen Navy-Stützpunkt Goronade als Untersuchungsgericht gegen Lloyd M. Bucher verhandeln.
Sie sind Schüler der Marine-Elite--Akademie in Annapolis, deren Absol-
* Vor dem Untersuchungsgericht der Navy in Coronado.
** Zuletzt war ein amerikanische Schiff, die »Chesapeake«, 1807 gekapert worden -von dem britischen Kriegsschiff »Leopard«.
venten -- so die Londoner »Times« -»seit alters her auf alle anderen Offiziere herabsehen, vor allem auf jene, die aus so unmaritimen Gegenden wie dem Mittleren Westen kommen«. Lloyd Bucher kommt aus dem Mittleren Westen.
Sie gehören -- wie zum Beispiel ihr Vorsitzender Harold Bowen, der einen Admiral zum Vater und eine Admiralstochter zur Frau hat -- zum Marine-Establishment. Sie richten über einen Offizier, der als Waise aufwuchs, von Nonnen erzogen wurde und sich langsam vom Marine-Freiwilligen zum Marine-Kapitän hochdiente.
Zwei Tage lang ließen sie den »Pueblo«-Kommandanten wiederholen, was er seit seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft bereits in zahllosen Verhören erklärt hatte (SPIEGEL 3/ 1969). Dann, am dritten Tag, unterbrach plötzlich der juristische Berater des Gerichts den Bucher-Bericht: »Commander Bucher, es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß die vor diesem Untersuchungsgericht zutage getretenen Tatsachen Sie verdächtig machen, gegen den Artikel 0730 der Navy-Verordnungen verstoßen zu haben.«
Die Ankündigung wirkte auf Bucher wie ein Schock. Er konnte nicht begreifen, daß das Marine-Establishment ihn für eine Entscheidung verantwortlich machen wollte, die ihm eben dieses Marine-Establishment geradezu aufgezwungen hatte.
Denn als Amerikas Navy die »Pueblo« am 11. Januar 1968 mit »83 Spionen in die Kälte schickte« ("Nexvsweek"), befehligte Bucher einen »alten, verrosteten Eimer« ("Time") von 935 Tonnen Wasserverdrängung, der Amerikas Army bereits 24 Jahre lang als Transporter gedient hatte. Das Schiff lief gerade noch 13,1 Knoten. Die Steueranlage versagte in zwei Wochen 60mal.
Der amerikanische Geheimdienst NSA ("National Security Agency") hatte sich den alten Frachter für 4,5 Millionen Dollar umbauen lassen und ihn mit den modernsten und kompliziertesten elektronischen Geräten im Werte von vielen Millionen Dollar ausgestattet: Einige Kameras zum Beispiel konnten noch auf eine Entfernung von fast fünf Kilometern den Draht einer einzelnen Antenne ausmachen.
Die Spionage-Einrichtung aber war das einzig Moderne an Buchers Seelenverkäufer. Vergebens hatte der Kommandant beantragt. an Bord der »Pueblo« auch Selbstvernichtungsmechanismen einzubauen oder ihm wenigstens ein paar 50-Pfund-Kanister TNT zur Verfügung zu stellen, damit die geheimen Apparaturen im Krisenfall vernichtet werden konnten. Die Navy hatte abgelehnt. Der »Pueblo« wurden nur ein paar Feueräxte und Vorschlaghammer bewilligt, »gerade so schwer, daß sie von einem normal großen Matrosen geschwungen werden konnten« (Bucher).
Auch für die Vernichtung geheimer Dokumente wurden keine Geräte installiert. Bucher ließ daraufhin selbst zwei altmodische Papierzerkleinerer und einen Ofen einbauen. Er konnte nicht wissen, daß diese Anlagen sich im Ernstfall als viel zu klein erweisen würden: Ihm als Kommandanten der »Pueblo« war der Zugang zum NSA-Teil des Schiffes nur mit Sondergenehmigung gestattet, den NSA-Raum durfte er gar nicht betreten.
Buchers Antrag auf ein 20-Millimeter-Zwillingsgeschütz oder ein 40-Millimeter-Geschütz wurde ebenfalls abgelehnt. Statt dessen lieferte ihm die stärkste Militärmacht der Welt einen Karabiner, zwei Maschinengewehre, zehn Maschinenpistolen und 50 Granaten -- zum Einsatz gegen Kampfschwimmer.
Daß auch Schiffe die »Pueblo« angreifen könnten, hielt das Marine-Establishment für nahezu ausgeschlossen -- obwohl nicht einmal ein Jahr vor dem Auslaufen der »Pueblo« deren Schwesterschiff »Banner« vor Nordkorea nur mit Hilfe amerikanischer Flugzeuge aus roter Umklammerung hatte entkommen können.
Im Notfall, so wurde dem »Pueblo«-Kommandanten im US-Marine-Hauptquartier Jokosuka bei Tokio erklärt, hätten Navy und Air Force ja auch »Flugzeuge, um zu reagieren«. Zugleich aber warnte ihn Jokosuka-Chef Konteradmiral Frank L. Johnson -- so Bucher vor dem Untersuchungsgericht -, die beiden Maschinengewehre an Bord »abzudecken, bevor es unbedingt erforderlich sei«.
Johnson, so fuhr Bucher fort, »war ganz sicher, daß sie nie benötigt werden würden«.
Am 23. Januar, zwölf Tage nach dem Auslaufen der »Pueblo«, wurden sie benötigt. Denn an diesem Tag wurde Buchers Schiff von nordkoreanischen Schnellbooten gestoppt und beschossen.
* Beim Unterzeichnen seines Geständnisses. An der Wand Photokopien von Buchers »Schuldbekenntnis«.
Doch die beiden MGs ließen sich nicht einmal in Schußposition bringen: Planen und Vertäuung waren steifgefroren. Über Sprechfunk fragte Bucher das Hauptquartier: »Wie wär's mit ein bißchen Hilfe«? Die Burschen meinen's ernst.« Doch Hilfe blieb aus.
Eine Selbstversenkung des Schiffes war nicht mehr möglich; sie hätte zweieinhalb Stunden gedauert und wäre wegen der geringen Wassertiefe (knapp 60 Meter) ohnedies sinnlos gewesen. Nordkoreanische Taucher hätten leicht das Geheimmaterial bergen können. Die Nordkoreaner beschossen die wehrlose Pueblo immer heftiger. Deshalb beschloß Bucher, »das Schiff aufzugeben, sobald die Geheimpapiere vernichtet waren ... Ich sah keinen Grund, die Mannschaft sinnlos sterben zu lassen«.
Die Vernichtung der Geheimpapiere und der Elektronik gelang indes nur unvollkommen: Die Papierwölfe sowie die Äxte und Hammer erwiesen sich als nahezu wirkungslos. Wenig später machte die »Pueblo« im nordkoreanischen Hafen Wonsan fest, von ihrem Kommandanten widerstandslos aufgegeben, weil er aufgrund der Navy-Fehlentscheidungen gar keinen Widerstand leisten konnte.
In der Gefangenschaft wollte Bucher nach seinem erzwungenen Geständnis »aus dem dritten Stock (des Gefängnisses) springen, aber sie verhinderten es. Ich steckte meinen Kopf in einen Eimer Wasser, um mich in ertränken, aber ich schaffte es nicht.
Seine Crew, mit ihm zusammen elf Monate später freigelassen, schickte ihm während des Untersuchungsverfahrens eine Botschaft: »Lieber Captain, bis hierher haben wir es zusammen geschafft, wir werden es auch zusammen zu Ende bringen. Buchers Bastarde.«
Das Ende ist möglicherweise nicht glücklich. Denn dem Bemühen der arrivierten Marine-Admirale, jede Schuld von sich abzuwälzen kann eigentlich nur ein Mann zum Opfer fallen: Lloyd M. Bucher.
Zwar wollen amerikanische Senatoren demnächst die vielen bedrückenden Fragen über die Selbstzufriedenheit und Kurzsichtigkeit der US Navy« ("Time") untersuchen, zwar bewundern viele jüngere US-Mariner den »Pueblo«-Kommandanten.
Doch nach Meinung der Konservativen -- so formulierte ein alter Haudegen -- wird »dieser Bursche seine Karriere mit dem Zählen von Wolldecken irgendwo auf den Aleuten beenden«.