Alter Nick - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 85

NEUKALEDONIEN / ERZ Alter Nick

• aus DER SPIEGEL 14/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was Europas Diplomaten vergebens versuchen, schafften dunkelhäutige Neukaledonier: Sie brachten Franzosen und Amerikaner an einen Tisch.

Gemeinsam wollen beide Länder die Nickel-Schätze der französischen Pazifik-Insel Neukaledonien ausbeuten -eines der größten Erzlager der Welt.

Bereits im vergangenen herbst gab Frankreichs Charles de Gaulle seinen Segen zur Gründung einer französischamerikanischen Firma, an der sich das franko-kaledonische Unternehmen »5. A. Le Nickel« und der US-Aluminiumkonzern »Kaiser Aluminium and Chemical Corporation« beteiligen.

Noch in diesem Jahr wird die neugebildete französische Gesellschaft »Société Auxiliaire Minière du Pacifique« mit dem von US-Amerikanern beherrschten Industrie-Giganten »International Nickel Company of Canada« (Inco) ein Tochter-Unternehmen gründen: die Cofimpac.

Damit endet auf Neukaledonien das Monopol des französischen Industrie-Konzerns »Le Nickel«, des zweitgrößten Nickel-Produzenten der westlichen Welt. Das vom Pariser Bankhaus »Rothschild Frères« kontrollierte Unternehmen schürft seit fast einem Jahrhundert den einzigen Reichtum Neukaledoniens -- Nickelerze -- und beherrschte die Inselwirtschaft.

»Le Nickel« verschaffte jedem vierten Kaledonier Arbeit und Brot, füllte mit seinen Steuern nahezu zwei Drittel des Insel-Budgets und verdiente dem Pazifik-Eiland 90 Prozent seiner Exporterlöse. Nach den Einwohnern der Phosphat-Insel Nauru haben die Neukaledonier das höchste Pro-Kopf-Einkommen des Pazifiks.

Die etwa 90 000 Kaledonier -- Melanesier, Polynesier, Indonesier, Vietnamesen und Europäer -- wollten mehr. Sie versprechen sich noch besseren Lebensstandard durch Konkurrenz. Deshalb forderte das Inselparlament die Gründung eines zweiten Nickel-Unternehmens und nannte gleich den Partner seiner Wahl: Amerika.

Denn die Nickel-Sterne stehen günstig. Das Metall -- einst von deutschen Bergleuten nach dem Grubengeist »Alter Nick« benannt -- ist eine der wichtigsten Beimischungen für hochwertigen Edelstahl, ohne Nickel kommen Flugzeugbau, Weltraumfahrt und Atomindustrie nicht aus. Jährlich nimmt der Welt-Nickelverbrauch um etwa zehn Prozent zu. Größter Abnehmer sind die Vereinigten Staaten.

Die Amerikaner griffen zu. Wohl beziehen sie den weitaus größten Teil ihrer Nickel-Importe vom Inco-Konzern. Aber: Die kanadischen Nickel-Vorkommen sind in höchstens 30 Jahren erschöpft -- nicht dagegen die neukaledonischen.

Nach Schätzungen amerikanischer Experten wird das Pazifik-Eiland noch gut ein Jahrhundert lang die Welt mit Nickel beliefern. Im vergangenen Jahr produzierte Neukaledonien etwa 60 000 Tonnen Nickel (Weltverbrauch 1967: 350 000 Tonnen).

Amerikas Aluminiumkonzern Kaiser offerierte »Le Nickel« Investitionsgelder in Höhe von 100 Millionen Mark, stellt den Franzosen sein Verkaufsnetz zur Verfügung und öffnet dem Unternehmen damit den lukrativen US-Markt. Bis 1973 will »Le Nickel« mit amerikanischer Hilfe die Jahresproduktion verdoppeln.

Noch weiter ging »Lc Nickel«-Konkurrent Inco. Für eine Beteiligung von nur 40 Prozent an der zu gründenden Cofimpac-Firma (de Gaulle: »Frankreichs Interessen müssen gewahrt bleiben") versprachen die Kanadier, 70 Prozent der Investitionen (etwa 400 Millionen Mark) zu übernehmen und in den ersten zwei Jahren gratis zu prospektieren.

Staatschef de Gaulle willigte ein. Er kann es sich nicht leisten, das Inselvolk zu brüskieren. Wenn nämlich Neukaledonien von Frankreich abfallen würde, dürften auch die französischen Eilande in Polynesien Unabhängigkeit verlangen.

Zu Polynesien aber gehört das Atoll Mururoa, auf dem im Sommer dieses Jahres Frankreichs erste Wasserstoffbombe explodieren soll.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 85