Altes Gift - DER SPIEGEL
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ALGERIEN Altes Gift

Aufstand der Berber: Ihr Kampf um Gleichberechtigung könnte den Maghreb-Staat auseinandersprengen.
• aus DER SPIEGEL 28/1998
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Die letzte Ruhestätte des Sängers liegt dort, wo er sie sich gewünscht hat: im Garten seines Hauses zwischen Kirsch- und Pflaumenbäumen. In der Ferne erheben sich die Gipfel der Kabylei. Doch das Begräbnis von Lounes Matoub verlief überhaupt nicht friedlich.

»Mörderregime«, riefen aufgebrachte Berber, die ihrem Nationalbarden die letzte Ehre erwiesen. Matoub war am 25. Juni bei seinem Heimatdorf Taourirt-Moussa erschossen worden, und das Volk machte vorige Woche die Herrschenden in Algier für seinen Tod verantwortlich. Dabei bekannte sich ein Terrorkommando der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) offen zu dem Mordanschlag.

Der Sänger, für die Berber ein Symbol ihrer kulturellen Eigenständigkeit, war zugleich Gegner des Regimes und der Islamisten: »Wir müssen gegen den korrupten Staat ebenso kämpfen wie gegen die Terroristen.« Da er seine Lieder nicht in Arabisch verfaßte, stand er auf der Todesliste der Fundamentalisten: »Wer die Sprache Allahs ablehnt, wie der Gottesfeind Matoub, hat sein Leben verwirkt.«

In der Berber-Hauptstadt Tizi Ouzou gingen Zehntausende auf die Straße, rissen arabische Inschriften von Amtsgebäuden und schlugen sich mit der Polizei. Selbst in Algier demonstrierten junge Berber: »Wir sind keine Araber«, »Unsere Heimat ist kein arabisches Land« stand auf ihren Spruchbändern, dazu skandierten sie »Tamazight, Tamazight«.

So wird die Sprache der Berber genannt, die bislang in der Schule kaum gelehrt wurde, aber von einem Viertel der 29 Millionen Algerier gesprochen und in lateinischer Schrift geschrieben wird. Seit dem 5. Juli, genau 36 Jahre nach der erkämpften Unabhängigkeit, ist Arabisch laut Gesetz die alleinige Staatssprache. Was die Tageszeitung »el-Mudschahid« als »späte Krönung des Freiheitskrieges« preist, stellt sich den Berbern als Katastrophe dar.

Fortan ist für alle Medien, für jeden Schriftverkehr von Behörden und Unternehmen klassisches Arabisch vorgeschrieben; auch Oberschulen und Universitäten müssen in den nächsten zwei Jahren den Unterricht auf die Sprache des Koran umstellen - die vom einfachen Volk zumeist gar nicht verstanden wird.

»Die Araber haben uns sprachlich vergewaltigt«, klagte ein Berber, »sie sind nicht minder imperialistisch als die Franzosen.«

Tatsächlich durften sich die Berber, die sich selbst »Imazighen«, freie Männer, nennen, fast nie als Herren im eigenen Land fühlen. Die Krieger, die von Marokko bis Libyen meist in den Bergregionen siedeln, wurden im siebten Jahrhundert von den Arabern unterworfen; sie nahmen den islamischen Glauben an, behielten aber ihre Sprache, Schrift und Tradition.

Deshalb ist die nationale Identität des größten nordafrikanischen Landes bis heute brüchig geblieben. Nicht einmal der acht Jahre währende Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich konnte die Algerier zu einem Volk zusammenschweißen.

Zwar fochten in der Nationalen Befreiungsfront FLN auch Berber. Aber als die Führungspositionen im neuen Staat verteilt wurden, gingen sie meist leer aus. Die Sieger machten sich alsbald daran, die Sprache der Fremdherrschaft zugunsten des Arabischen zu verdrängen, doch Französisch blieb bis heute die Lingua franca - wie auch in Marokko und Tunesien.

Staatschef Houari Boumedienne, ein Absolvent der berühmten islamischen Azhar-Universität in Kairo, rief in den sechziger Jahren Tausende Palästinenser und Ägypter als arabische Sprachlehrer nach Algerien - unter ihnen viele Mitglieder der militanten Muslimbruderschaft.

Sein Nachfolger Schadli Bendschedid holte gar Prediger ins Land, die sich offen für die Einführung der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, einsetzten. Damit trug das Regime selbst dazu bei, seine mörderischsten Widersacher heranzuziehen: Mit der Arabisierung breitete sich auch islamistisches Gedankengut aus.

Nun widersetzen sich die Berber erneut der von oben verordneten Arabisierung, mit der Staatschef Zéroual die Islamisten zu besänftigen hofft. Der Sprachpurismus soll nicht nur mit einem Dutzend frankophoner Zeitungen aufräumen, es geht laut amtlicher Darstellung auch um die »Wiederherstellung und Bewahrung der nationalen Souveränität«.

Das sei reine Demagogie, meint Mohammed Benrabah, Dozent an der Universität Grenoble, »tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Gesetz die Absicht, einem ganzen Land die Bürgerrechte zu nehmen«. Die laizistische »Front sozialistischer Kräfte«, die stärkste Partei in den Berbergebieten, fordert für die Kabylei eine »sprachliche, kulturelle und administrative Autonomie«. Mit der »Sammlungsbewegung für Kultur und Demokratie« einigte sie sich darauf, gegen das »alte Gift der Ausgrenzung« zu kämpfen.

Die Berber fürchten, daß die bedrängten Machthaber, die der Gewalt nicht Herr werden, ein Arrangement mit den Islamisten suchen - auf ihre Kosten. Die Freiwilligenmilizen in den Wehrdörfern rund um Tizi Ouzou bereiten sich schon auf neue Überfälle vor.

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