SPD Altmodisch höflich
Es war ein Abgang nach Wehner-Art - einsam und mit jenem Teil Bescheidenheit, mit der sich der große alte Mann der SPD auch im Zenit seiner Macht stets zurückzunehmen suchte.
In dem Brief, in dem er letzte Woche seinen Entschluß begründete, nicht wieder für den Bundestag zu kandidieren, bat der 76jährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion die Hamburger Parteifreunde gleich dreimal »um Verständnis«. Alter und körperliche Verfassung nötigten ihn zu »selbstkritischer Beurteilung«, ob er »imstande sein werde, die mit dem Mandat verbundenen Verpflichtungen erfüllen zu können«.
Das hätten so oder ähnlich auch andere sagen können. Typisch für Herbert Wehner aber ist die Bemerkung, mit der er anspielt auf die Bitte der Hamburger, noch einmal anzutreten: Es stehe ihm nicht an, schreibt der Mann, der oft genug die Partei mit eisernem Willen auf Kurs gebracht oder gehalten hat, »den Genossinnen und Genossen Vorschriften zu machen«.
Vorschriften, diesen Eindruck hat Wehner in nachgerade masochistischer Manie gepflegt, haben die anderen stets ihm gemacht. Wenn alle Welt, wie häufig in den vergangenen zwei Jahren, über seinen Rücktritt spekulierte und der Onkel nach gebührendem Schweigen sich wie selbstverständlich wieder zur Wahl stellte, dann nicht, weil er es so gewollt habe, sondern weil er noch einmal »vor den Karren« mußte. Wehner: »Ich bin ein Hilfsruderer für Leute, die ganz groß sind - mehr nicht.«
So spricht einer, der selbst wußte, daß er nie Erster werden konnte in Partei oder Staat. Und doch hat er darunter ebenso gelitten wie unter den Verdächtigungen wegen seiner kommunistischen Vergangenheit oder der, wie er es empfand, unzureichenden Anerkennung für die »Kärrnerarbeit«.
Wenn Wehner nun das Mandat zurückgibt, so sind Alter und Gesundheitszustand gewiß wichtige Motive. Schon lange drängten die Ärzte, vor allem aber seine Stieftochter Greta Burmester, der schwer Zuckerkranke solle endlich Schluß machen mit dem »mörderischen 18-Stunden-Tag« (SPD-Fraktionsgeschäftsführer Jürgen Linde).
Sicher aber haben ihm die politischen Zeitläufe die Entscheidung erleichtert. Am 1. Oktober 1982 war sein Lebenswerk, die sozialdemokratische Regierungsverantwortung in Bonn, zerbrochen. Und mit dem Nein Helmut Schmidts zu der Aufforderung Wehners, den Fraktionsvorsitz zu übernehmen, scheiterte auch der letzte Versuch des Onkels, SPD-Personalpolitik zu machen.
Die Endphase der sozialliberalen Koalition erlebte er kaum noch als Handelnder, mehr schon als Zuschauer. Zwar gab Wehner zu erkennen, daß er die Sache für verloren hielt: Er redete von der »sogenannten Freien Demokratischen Partei«, von »Ränkespiel« und »Verschwörung«. Zum Szenario des Bruchs aber schwieg Wehner meist, wenn er sich nicht gar beschwerte, »ihm sage ja keiner was«, wie Ex-Regierungssprecher Klaus Bölling in seinem Tagebuch notierte.
Der Mythos seiner Autorität reicht dennoch allemal zur Legendenbildung. Mit einem gesunden Wehner, glauben manche Genossen, wäre es womöglich anders gekommen.
Jedenfalls »nicht in diesem Tempo und in dieser Form«, sagt sein freidemokratischer Amtskollege Wolfgang Mischnick. Nachlassende Spannkraft und krankheitsbedingte Abwesenheit Wehners hätten sicher dazu beigetragen, daß Koalitionskontroversen öfter »öffentlich wurden«. Mischnick: »Es gab keinen vollgültigen Ersatz für unseren engen, auf sachlich-fairer Partnerschaft ruhenden Kontakt.«
Die Fraktionsführung war Wehner schon lange vor dem Machtverlust der SPD entglitten. Immer häufiger beschwerten sich Genossen über ungeordnete Sitzungen, in denen der Vorsitzende sich nur noch auf das Abhaken der Rednerliste beschränkte.
Leicht vergaßen die Kritiker, daß Wehner ihnen auch früher viel Leine gelassen hatte - »aus Achtung«, so sein langjähriger Pressesprecher Knut Terjung, »vor der Würde des einzelnen Abgeordneten«. Damals verstand es der Chef freilich auch, die lange Leine unter polternden Worten jäh wieder anzuziehen.
Diesen Wehner bekamen als letzte zwei Genossen zu spüren. Als nach dem Bruch mit der FDP Spekulationen über eine Große Koalition aufkamen, bestand die Abgeordnete Brigitte Traupe darauf, die Fraktion müsse dazu eine Sprachregelung finden. Beim dritten Anlauf der Kanalerin fuhr der Onkel wie in alten Tagen auf. »Weißte«, brüllte er, »was du deinen Genossen sagst: Nein!«
Leiser verfuhr er mit dem Bayern Ludwig Stiegler, der in der letzten Fraktionssitzung ermüdend detailliert über den Versorgungsausgleich referierte. Den Einflüsterungen seiner Helfer ("Herbert, dreh den ab") folgte Wehner nicht. Doch als Stiegler geendet hatte, knurrte er: »Nun haben wir aber einen langen Vortrag gehört, kann das vielleicht mal einer zusammenfassen.«
Sonst gab sich der Alte in den zurückliegenden Monaten milde - ganz der »sensible, altmodisch höfliche Mann« (Linde), der er privat schon immer war.
Als ihn Journalisten bei seinem letzten Besuch im Bonner Presseclub daran erinnerten, wie rüde er sie oft abgekanzelt habe, war Wehner sichtlich betroffen. Er wolle »Gelegenheit nehmen, sich dafür zu entschuldigen«. Die Ursache seien wohl »Gereiztheit und Abgespanntsein« gewesen, keinesfalls aber »die Absicht, jemanden zu verletzen«. Wehner: »Das wäre eine Sünde.« Am Donnerstag dieser Woche, wenn Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand vor dem Bundestag spricht, wird Herbert Wehner voraussichtlich zum letzten Mal auf dem Stuhl Platz nehmen, den er ausdauernd wie kein anderer Abgeordneter gedrückt hat.
Jene, die ihm unterstellten, ein Wehner lasse sich nur »mit den Füßen nach vorn aus dem Parlament tragen«, hat er mit dem »Schlüsselsatz« (Terjung) seines Hamburger Abschiedsbriefs eines Besseren belehrt: »Ich bitte herzlich darum zu verstehen, daß es für mich eine Entscheidung ist, die 34 Jahre auf anständige Weise zu beenden.«