AM ABEND WAR DIE SCHLACHT VERLOREN
Generalleutnant Günther Blumentritt, 72, der heute als Pensionär in München lebt, war während der Invasion Chef des Stabes beim Oberbefehlshaber West.
Von 1943 an waren wir uns sicher, daß die westlichen Alliierten kommen würden.
Aber wo die Landung im Westen stattfinden würde, konnte niemand sagen. Wir mußten 2000 Kilometer französischer, belgischer und holländischer Küste verteidigen. Den Invasionsstreitkräften standen viele Möglichkeiten zur Wahl, die richtige Stelle auszusuchen.
Die Küstenbefestigungen waren in ihrer Stärke sehr unterschiedlich. Am stärksten waren sie in Holland, auf beiden Seiten von Calais und an beiden
Seiten der Somme. Sehr schwach waren sie in der Normandie; in Südfrankreich sogar noch schwächer.
Was wußten wir vom Gegner zu der Zeit? Wenig. Luft- und Seeaufklärung, Spione, Agenten und so weiter lieferten sehr stark widersprechende Berichte. Bis zum Frühling des Jahres 1944 wußten wir nicht, wann und wo die Alliierten landen würden.
Über welche Streitkräfte verfügten wir zur Bekämpfung der alliierten Invasion? Dem Kommando Feldmarschall von Rundstedts unterstanden insgesamt 59 Divisionen - 32 stationäre Küstendivisionen, 17 normale Infanteriedivisionen und zehn Panzerdivisionen. Die Einheiten variierten beträchtlich in Stärke und Ausrüstung.
Die schwächsten und schlechtestausgerüsteten unter ihnen waren die Küstendivisionen. Zu den Mannschaften gehörten auch ehemalige russische Kriegsgefangene, die sich freiwillig für den Kampf in deutschen Reihen gemeldet hatten. Die Waffen umfaßten verschiedene Fabrikate, größtenteils Kriegsbeutestücke. Es gab polnische, russische, tschechische und andere Karabiner, Maschinengewehre und so weiter. Munition gab es kaum. Die Artillerie war pferdebespannt.
Unsere Luftwaffe umfaßte nur 320 Flugzeuge. Hitler hatte 1000 (Messerschmitt) Düsenjäger versprochen, aber sie erreichten uns niemals. Deshalb kamen am Invasionstag 28 alliierte Flugzeuge auf ein deutsches. Unserer Luftaufklärung gelang es nur selten, das alliierte Abwehrsystem zu durchdringen. So mangelte es uns an Einzelheiten über die D-Tag-Vorbereitungen.
Am 4. Juni steigerte sich die Spannung im Hauptquartier des OB West in Saint -Germain im Nordwesten von Paris. Man fühlte, daß etwas in der Luft lag. Die alliierten Luftangriffe wurden immer zahlreicher. Eine beachtliche Zunahme der Sabotageakte der französischen Widerstandsbewegung konnte beobachtet werden.
Am 5. Juni wurde eine Funknachricht aufgenommen. Die chiffrierte Warnung an die französische Widerstandsbewegung besagte, daß die Landung bevorstand.
Die ersten Nachrichten, die in dieser Nacht über Landungen von Fallschirmjägern bei Caen und Carentan eingingen, waren ziemlich unklar. In den ersten Morgenstunden des 6. Juni wurde die Lage klarer. Amerikanische Luftlandetruppen waren nördlich von Carentan gelandet (82. und 101. Luftlandedivision).
Aber sie stießen auf starken Widerstand. Sie liefen der 352. deutschen Infanteriedivision direkt in die Arme, die in diesem Raum rein zufällig für ein Invasionsspiel zusammengezogen worden war. Es schien uns nahezu so, als ob die amerikanische Landung mißlungen wäre. Schließlich machte sich aber die überlegene Stärke bemerkbar.
Handelte es sich bei diesen Landungen um die tatsächliche Invasion oder lediglich um einen Scheinangriff im großen Maßstab, während die wirkliche Invasion dann weiter östlich an der Somme stattfinden sollte? Diese Zweifel sollten uns noch die folgenden Tage beschäftigen.
Die erste große alliierte Landung kam dann am 6. Juni in der Morgendämmerung. Am späten Abend des 6. Juni wurde uns klar, daß die Invasion erfolgreich und nicht wiedergutzumachen war.
Blumentritt