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RUNDFUNK Am Bettelstab

Ein Defizit von 100 Millionen Mark erwartet der NDR. Kürzungen im Programm und die Einführung des Werbefunks sollen helfen.
• aus DER SPIEGEL 27/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mitte Mai fanden die NDR-Herren noch Worte des Trostes für ihre Belegschaft.

Intendant Martin Neuffer beteuerte, trotz miserabler Finanzlage bleibe die Programmsubstanz des NDR unangetastet. Sein Stellvertreter Dietrich Schwarzkopf streute aufmunternde Metaphern: »Das Schiff schlingert, aber es geht nicht unter.«

Doch nur 14 Tage später funkte der NDR-Dampfer SOS; die Besatzung blickte auf die Kommandobrücke und sah »das reine Chaos«.

Den Notruf ihrer Führungskräfte hatten die NDR-Redakteure -- ebenso wie die »völlig perplexen« Rundfunk- und Verwaltungsräte -- in der Tagespresse gelesen: Angesichts horrender Haushaltsdefizite von demnächst 100 Millionen Mark sehe sich der Sender, laut Neuffer, »zu schweren Eingriffen in das Programm gezwungen«.

Nun müsse auch der NDR, als vorletzte der neun ARD-Stationen, Hörfunk-Werbung einführen, das Schulfernsehen abschaffen, das Dritte TV-Programm kürzen und seinen Anteil am TV-Gemeinschaftsprogramm der ARD von 20 auf 19 Prozent senken. Auch die 24 Millionen Mark, die Hamburg, im jährlichen Finanzausgleich, an arme, noch ärmere ARD-Brüder abführe, seien ersatzlos zu streichen.

Kaum publik, erhob sich reihum Protest gegen das Krisenpapier. Die Parteien, einig wie selten, meldeten »grundsätzliche Bedenken« an. In Büros und Kantinen fragten sich empörte und verstörte NDR-Mitarbeiter, »was nun bloß in den Neuffer gefahren ist?« Denn im »abenteuerlichen« Sparplan des Intendanten erkannte kaum jemand Sinn und Verstand.

Zwar bezweifelt niemand, daß die Anstalt am Bettelstab geht, und halbwegs verständlich schien auch die Drohung, das Schulfernsehen abzuschalten. Schließlich müßten für den TV-Unterricht, wie bei anderen Sendern, die zuständigen Länderregierungen aufkommen. Aber was mochte den Intendanten bewogen haben, den Dritten TV-Kanal zur Ader zu lassen?

Wenn Nord 111 nämlich künftig (statt um 18) erst um 19 oder 20 Uhr beginnen würde, träfe das ausschließlich das am Vor-Abend plazierte Bildungs- und Kursusprogramm ein eh schon notleidendes NDR-Ressort, das spottbillig produziert und über 80 Prozent seines Sendevolumens aus Wiederholungen und Übernahmen bestreitet. Logisch, daß sich Abteilungsleiter Klaus Schönfeldt vorkommt, »wie ein nackter Mann, dem man in die Tasche greift«.

Verblüfft vernahm das NDR-Personal auch Neuffers Annonce, statt 20 nur noch 19 Prozent (wie es dem NDR-Anteil am Gebührenkuchen entspricht) zum ARD-Fernsehen beizusteuern. Denn diesen· Beitrag hatte der Sender schon im Vorjahr auf 19,3 Prozent beschnitten. Wo sollte da noch gespart werden, und wie sollen die Ressorts zum Sparen motiviert werden, wenn im Sender offenbar die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut?

Im vergangenen Herbst wurden die Abteilungsleiter von den Direktoren angewiesen, Mittel aus dem laufenden Haushalt, die noch nicht ausgeschöpft seien, sofort in Sendeprojekte zu investieren. »Da mußten wir«, sagt ein NDR-Macher, »auf Teufel komm raus produzieren.« So geht im NDR alles seinen finanzpolitischen Gang.

Derlei ökonomische Bocksprünge nähren den Verdacht, die Anstalt wolle ihre Finanzlage bewußt dramatisieren, um eine drastische Gebührenerhöhung zu erzwingen. Die jetzt vorgeschlagene Erhöhung um 2,50 Mark (auf 13 Mark) zum 1. Juli 1979 hält Neuffer »für nicht ausreichend«.

Mit »Defizit-Manipulationen« ("Funk-Korrespondenz") hatte die ARD ja schon 1973 Druck auf die Politiker ausüben wollen. Bis 1978, so das Lamento, erwarte die ARD ein Gesamtdefizit von rund einer Milliarde Mark. Jetzt spricht niemand mehr davon, jetzt zieht der Bayerische Rundfunk für den Ausbau seines Dritten TV-Programms sogar 18 Millionen aus dem Hut.

Bei ARD-Finanzexperten jedenfalls, die das NDR-Kassenelend durchaus nicht bestreiten, stoßen »die Zahlenkünste der NDR-Finanzdirektion auf Unglauben«. Die furchterregenden Defizit-Vorhersagen, monieren sie, »beruhen auf überholten Planzahlen, die einfach hochgerechnet wurden«.

1975 hatten die NDR-Finanzstrategen beispielsweise, laut ARD-Zahlenwerk III, mit einem Fehlbetrag im Erfolgsplan von 70,4 Millionen gerechnet. Tatsächlich wurden es dann nur 35 Millionen.

Solche Fehlprognosen führt die NDR-Mannschaft auf »laienhaftes Management« zurück, In fetten Jahren habe die Sender-Bürokratie überdies allzu spendabel gewirtschaftet -- etwa beim Neubau eines protzigen TV-Hochhauses, das mit allerlei kostspieligen Sperenzien, wie automatischen Außen-Jalousien, ausgestattet wurde. Für diese Mißwirtschaft, so klagen sie, müßten nun die Redaktionen büßen.

Denn sicher ist auch, daß die geplante NDR-IV-Kette mit Reklame und seichter Musik (Hausjargon: »Industrie-Kanal") den anderen NDR-Wellen viele Hörer abspenstig machen und die Werbe-Einnahmen des benachbarten ARD-Zwergs Radio Bremen existenzgefährdend schmälern würde.

Bei kalkulierten Werbe-Einkünften von jährlich 11 Millionen Mark -- einer im Vergleich zum 500-Millionen-Haushalt des NDR lächerlichen Summe -- halten es die Redakteure »für nicht gerechtfertigt, daß unsere anderen Programme kaputtgemacht werden« und der NDR »in die Abhängigkeit der Wirtschaft gerät«.

Auch Intendant Neuffer, der Funk-Spots »im Grunde für eine Pest« hält, hat diese Gefahr erkannt. Aber er hofft, die Seuche eines Tages wieder aus dem Haus zu drängen: »Ich kann mir vorstellen, daß man zwei Jahre lang Werbung treibt und sie dann wieder einstellt.« Ein frommer Wunsch.

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