* 7. Globale Politik * 7.3. Großmächte - oder Weltregierung? »AMERIKA IST SCHIZOPHREN«
SPIEGEL: Mr. Halberstam, wissen Sie, von welchem amerikanischen Präsidenten dieser stolze Satz stammt: »Alle Völker, seien sie uns wohlgesinnt oder nicht, sollen wissen, dass wir jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jede Mühsal in Kauf nehmen, jedem Freund beistehen und jeden Feind bekämpfen werden, um das Überleben und den Erfolg der Freiheit zu sichern«?
Halberstam: Das ist die Antrittsrede von John F. Kennedy im Januar 1961. Er ist jung, es ist mitten im Kalten Krieg, und manche Bewährungsproben stehen ihm noch bevor. Deshalb liegt eine gewisse Schärfe in seinen Worten, sie klingen ja geradezu machohaft.
SPIEGEL: Könnte Amerikas nächster Präsident zu Beginn seiner Amtszeit eine solche Botschaft verlesen, ohne sich damit unglaubwürdig zu machen?
Halberstam: Nein, weder Bush noch Gore und auch kein anderer Präsident könnte sich heute solche Sätze erlauben. Schon fünf, sechs Jahre, nachdem Kennedy so geredet hatte, wirkten seine Worte voller Hybris - solches Denken hat Amerika nach Vietnam gebracht.
SPIEGEL: Welche Selbstdarstellung ist denn heute einem amerikanischen Präsidenten gemäß?
Halberstam: Heute muss ein Präsident die Amerikaner davon überzeugen, dass er seinen Job beherrscht. Seine Botschaft dürfte ungefähr so lauten: Amerika ist dazu aufgerufen, die Welt stabiler zu machen.
Die neue schwierige Rolle besteht darin, die Schäden zu begrenzen, die entstehen, wenn Länder der Zweiten oder Dritten Welt implodieren und der Gewalt verfallen.
SPIEGEL: Wird Amerika nach dem Ende des Kalten Krieges eine Art Weltmacht wider Willen, womöglich gelockt vom Isolationismus?
Halberstam: Amerika befindet sich in einem schizophrenen Gemütszustand, wie es sich in Bosnien und im Kosovo gezeigt hat. Amerika ist die einzig übrig gebliebene Supermacht: ökonomisch, politisch, militärisch. Und dennoch sind wir hin- und hergerissen, was unser Verhältnis zum Rest der Welt anbelangt.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Halberstam: Amerika ist von zwei riesigen Meeren umgeben, und sie ermöglichen es uns, Isolationisten zu sein. Anders als jedes andere europäische Land grenzt Amerika nicht an potenziell mächtige Nachbarn. Der Zweite Weltkrieg und der Ost-West-Konflikt ließen die Ozeane um uns herum zu Teichen schrumpfen - aber jetzt sind sie wieder Ozeane.
SPIEGEL: Dass die meisten amerikanischen Bürger den Isolationismus bevorzugen, ist keine große Überraschung - aber auch die Eliten?
Halberstam: Nehmen Sie nur die Erweiterung der Nato nach Osten um Polen, Tschechien und Ungarn. Daran hätte sich früher eine intensive Debatte über Ziel und Zweck amerikanischer Außenpolitik entzündet. Sie hätte sich einerseits um die russische Paranoia angesichts der Nato-Expansion gedreht und andererseits um die Chancen, die Reformländer wie Polen oder Ungarn demokratisch zu stabilisieren. Nichts davon: Niemand stellte die Erweiterung in Frage, sie fand einfach statt.
SPIEGEL: Wenn denn Amerika künftig außenpolitische Zurückhaltung übt: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit US-Bodentruppen ins Gefecht geschickt werden?
Halberstam: Erstens muss ein traditioneller Verbündeter von einer Macht bedroht sein, die als feindselig erachtet wird. Zum Beispiel wenn ein europäischer Alliierter bedroht wird und daraus ein Fall für die Nato entsteht. Zweitens, wenn geopolitisches Interesse besteht, weil, wie im Golfkrieg gegen den Irak, Ölquellen gefährdet sind. Wie auch immer die Krise ausfallen mag, sollen möglichst keine amerikanischen Soldaten getötet werden. Im Kriegsfall will Amerika gewaltig und ohne eigene Opfer zuschlagen. Insofern ist der Luftkrieg gegen Milosevic ein Modellfall: Bomben aus sicherer Höhe. Die Angst ist groß, dass CNN Bilder von toten amerikanischen Soldaten in die Heimat sendet, die an einem fernen Ort der Erde, den kein Amerikaner kennt, ums Leben gekommen sind.
SPIEGEL: Das ist das Somalia-Trauma.
Halberstam: Ja, wir hatten unsere Jungs auf humanitäre Mission nach Somalia geschickt, und dann waren 18 von ihnen getötet worden, und Leichen wurden von einem wüsten, blutrünstigen Mob durch die Straßen von Mogadischu geschleift. Für das öffentliche amerikanische Bewusstsein bedeutet Somalia eine schreckliche Erfahrung. Die Angst vor einer Wiederholung muss jeden Präsidenten im Weißen Haus befallen. Wenn Außenpolitik schon von Fernsehbildern beeinflusst wird, kann sie sich mit Hilfe anderer Bilder über Nacht ändern.
SPIEGEL: »Sollte unsere Außenpolitik auf Macht oder Moral beruhen«, hat der ehemalige Sonderberater im Weißen Haus Eugene Rostow einmal gefragt, »sollte sie den Schutz unserer Interessen oder die Verbreitung unserer Werte zum Ziel haben?« Haben Sie eine Antwort auf so eine grundsätzliche Frage?
Halberstam: Darauf gibt es keine unzweideutige Antwort. Die Extreme bilden die alte Realpolitik, wie sie Henry Kissinger in den siebziger Jahren formuliert hat, und die moralisch grundierte Außenpolitik, die Woodrow Wilson im Ersten Weltkrieg vertreten hat. Dabei glaube ich, dass Amerikas Außenpolitik aus der Sicht der Amerikaner wie aus der Sicht der Verbündeten über bloße Realpolitik hinausreichen sollte.
SPIEGEL: Wie soll Amerika seinen Einfluss ausüben: im Alleingang oder im Auftrag der Uno?
Halberstam: Die Uno ist in Amerika eine verhasste Institution, vor allem im Kongress in Washington. Die Abneigung ist seit Somalia gewachsen. Mein Freund Richard Holbrooke spricht von einem neuen Phänomen, das er »Vietmalia« getauft hat, eine Wortschöpfung aus Vietnam plus Somalia.
SPIEGEL: Besteht das Problem nicht eigentlich darin, dass es in der Welt an einem Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten fehlt?
Halberstam: Das hieße ja, dass Amerika einen Feind braucht, um zu großer Form aufzulaufen, dass es erst dann richtig blüht, wenn es dort draußen jemanden wie die Sowjets gibt ...
SPIEGEL: ... im 20. Jahrhundert war das häufig der Fall: Hitler, Stalin ...
Halberstam: ... ich möchte gerne glauben, dass Amerika nicht erst dann handelt, wenn es einen Feind hat, der leicht an seinem schwarzen Hut zu erkennen ist. Lehrreich am Fall Milosevic ist ja gewesen, dass wir die Entstehung des Bösen in Jugoslawien nicht erkannt haben, weil er nicht den schwarzen Hut trug oder wenigstens einen, an dem man ihn früher hätte identifizieren können. Wir waren es nun einmal aus den letzten 30, 40 Jahren gewöhnt, dass unsere Gegner einen schwarzen Hut trugen, auf dem »Kommunist« stand.
SPIEGEL: Nachdem der US-Senat im Oktober vorigen Jahres den Vertrag zum Verbot von Atomwaffenversuchen abgelehnt hatte, klagte Bill Clinton über die isolationistischen Senatoren, die der Welt damit bekunden würden: »Wir brauchen unsere Freunde und Alliierten nicht.« Denkt nicht die Mehrheit der Amerikaner genauso?
Halberstam: Ja, natürlich. Amerika amüsiert sich mit sich selber. In diesem Land breitet sich eine Stimmung aus wie vor dem Zweiten Weltkrieg: Wir halten uns raus. Der Rest der Welt interessiert uns erst dann, wenn die Ereignisse Auswirkung auf uns haben. Oder wenn schreckliche Bilder über den Fernsehschirm flimmern - vom Völkermord in Ruanda oder aus irgendeinem anderen Teil der Erde. Dann entsteht eine - zumeist sehr zerbrechliche - Koalition, die für begrenztes episodisches Handeln eintritt. Aber diese Koalition ist äußerst verwundbar, weil sie von Fernsehbildern abhängt. Denn zu dem einen Bild, das die Herzen rührt, gibt es immer auch das Gegenbild vom amerikanischen Soldaten, der bei seiner humanitären Mission ums Leben kommt.
SPIEGEL: Aber der Widerspruch ist doch geradezu grotesk: Ökonomisch greift Amerika aus, politisch zieht es sich zurück.
Halberstam: Dass wir der Nutznießer der globalen Märkte sind, bestreitet niemand. Doch die politische Komponente hat sich noch nicht herauskristallisiert. Das hätte Clinton zu seiner Sache machen können.
SPIEGEL: Die Sowjetunion ist verschwunden, aber ist Moskau in der Vorstellung der Leute nicht noch immer der Feind?
Halberstam: Ich glaube, dass für die meisten Amerikaner die Russen nie der böse Feind gewesen sind. Es war der Kalte Krieg, und vor allem die Militärs pflegten ihr Feindbild, damit sie Grund zur Aufrüstung hatten. Mir kommt Russland heute wie Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen vor. Die Gesellschaft implodiert. Die Institutionen brechen auseinander. Die Währung ist nutzlos, Gewalttaten greifen um sich, eine Mafia treibt ihr Unwesen. So sehen die Vorbedingungen für potenziellen Faschismus aus. Ein Land, das jetzt gefährlicher scheint als zu jener Zeit, da es noch machtvoll war.
SPIEGEL: Der Boom der US-Wirtschaft scheint ungebrochen. Es gibt aber auch Indizien, die ein Ende der wirtschaftlichen Vorherrschaft ankündigen könnten. Wie verhielte sich die Supermacht Amerika in ökonomischen Turbulenzen?
Halberstam: Unsere Wirtschaft ist sehr robust, weil sie auf vielen Standbeinen ruht. Damit ist sie den meisten anderen Nationen voraus. Seit 50 Jahren schon wächst sie ohne Unterbrechung. Das ist gleichzeitig auch ihre größte Schwachstelle: Die einfachen Bürger erwarten weiter stetes Wachstum und sind auf die Schmerzen eines ökonomischen Rückschlags, der natürlich auch die USA ereilen kann, nur schlecht vorbereitet.
SPIEGEL: Im 20. Jahrhundert waren es die Vereinigten Staaten, die zum Modell für die Welt wurden. Kann die Europäische Union im 21. Jahrhundert ihr Erbe antreten?
Halberstam: Momentan ist das nur schwer vorstellbar. Amerika schöpft seine Kraft aus der Größe seiner Wirtschaft, seinem Klima, den Bodenschätzen, dem intellektuellen Potenzial aus der Einwanderung und dem Unternehmergeist seiner Bürger. Hält der Integrationsprozess Europas die nächsten 50 Jahre jedoch an, so entsteht eine Gegenmacht. Sie bezieht ihre Stärke aus der Verschiedenartigkeit der europäischen Nationen und der langen, hoch entwickelten Kultur des alten Kontinents.
SPIEGEL: Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson prophezeit gar den Niedergang der Supermacht USA. Ihre imperiale Außenpolitik lasse den Widerstand in Europa und Asien wachsen.
Halberstam: Das reichste Kind im Viertel wird von niemandem geliebt. Das ist auch mit Amerika nicht anders. Wir sind aber auch derart überzeugt von unserem System, dass wir die Fehler immer bei anderen suchen und genau wissen, was für sie das Beste wäre. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir noch eine imperiale Außenpolitik haben. Ich könnte noch nicht einmal sagen, ob wir überhaupt eine haben.
SPIEGEL: Kann Amerika immer noch Anspruch darauf erheben, dass es im Namen der internationalen Gemeinschaft spricht?
Halberstam: Nein, wir sprechen für die Vereinigten Staaten, und zwar ziemlich leise und ohne große Entschiedenheit. Dabei treiben unsere Wirtschaftsinteressen die Internationalisierung voran. Wir bleiben abhängig und stark verbunden mit dem Rest der Welt, auch wenn wir momentan ausgesprochen mit uns selbst beschäftigt sind.
SPIEGEL: Mr. Halberstam, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
----------------------
DIE NEUE UNÜBERSICHTLICHKEIT
Seit dem Ende der Sowjetunion scheint die machtpolitische Weltordnung so klar zu sein wie nie zuvor. Anspruch auf den Titel Supermacht hat fortan nur noch eine Nation - die USA. Um diesen Fixpunkt herum gruppieren sich die Länder in zwei Kategorien: Freunde Amerikas und seine Feinde. Kann angesichts dieser Abhängigkeiten ein Weltgerichtshof mehr sein als ein juristisches Sandkastenspiel, fragt SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt.
Der US-Publizist David Halberstam befürchtet hingegen, der Wirtschaftsriese USA könnte sich aus der Weltpolitik in eine komfortable Isolation verabschieden. Es droht eine neue Unübersichtlichkeit: In Asien erstarken neue Mächte. Chinas gefährliche Gratwanderung zwischen Demokratisierung und Unterdrückung beschreibt der Asienkenner Ian Buruma. Die nächste Folge der Zukunftsserie widmet sich ganz dem Subkontinent Indien, wo Armut, Analphabetismus, Atomwaffen und Spitzentechnologie nebeneinander existieren. Folge 7.5 untersucht die Zukunft von Krieg und Konflikt mit der beunruhigenden Vision, dass Hightech-Terroristen selbst Großmächte in die Knie zwingen könnten.
* In Spangdahlem bei seinem Deutschlandbesuch im Mai letztenJahres.Das Gespräch führten die Redakteure Helmut Sorge und GerhardSpörl.