Dritte Welt An die Fleischtöpfe
Die Angst geht um in der Dritten Welt - Angst, eine Ost-West-Verbrüderung im Norden werde den armen Süden noch weiter ins politische und wirtschaftliche Abseits drängen.
»Die Leute haben Afrika einfach satt«, klagte kürzlich der Staatssekretär im kenianischen Außenministerium, B. A. Kiplagat, »so viele Länder haben wir und so viele Kriege.« Der Politiker gibt seinem Kontinent kaum noch eine Chance. »Afrika ist eine alte zerlumpte Frau, Osteuropa dagegen ein wunderschönes, verführerisches Mädchen.«
Auch in Lateinamerika verfolgen Politiker den globalen politischen Klimawandel mit Sorge. In Brasilien fürchtet die Regierung um dringend benötigte Auslandsinvestitionen. »Wir sind leider überzeugt«, so der Politologe Helio Jaguaribe, »daß sich die Investoren jetzt auf Osteuropa konzentrieren werden.« Die Tageszeitung Folha de Sao Paulo kommentiert nüchtern: »Aus geographischen, kulturellen, politischen und ökonomischen Gründen ist der immense Markt in den ehemals sozialistischen Ländern für die Kapitalgeber aus den großen Industriestaaten um vieles attraktiver als Lateinamerika.«
In den Schwellenländern Asiens macht sich gleichfalls Sorge breit. Thailands Botschafter in Belgien, Danai Tulalamba, sieht in Osteuropa Südostasiens schärfsten Konkurrenten für Investitionen und die Tourismusindustrie heranwachsen. Noordin Sopiee, Direktor des malaysischen Instituts für strategische und internationale Studien, warnt vor einem »Eurozentrismus der Wirtschaftsmächte«.
Mit einer Mischung aus Angst, Argwohn und Fatalismus beobachten aber vor allem die Afrikaner die Umwälzungen im Ostblock. Sie müssen zu Recht fürchten, daß ihr Kontinent mit seinen Krisen, Hungersnöten und Schulden nun vollends abgeschrieben wird.
»Die Zweite Welt drängt an die Fleischtöpfe der Ersten Welt, um sich mit ihr gegen die Dritte Welt zu verbünden«, so die resignierten Worte eines Studenten aus Tansania angesichts deutschdeutscher Einheitseuphorie und großzügiger Hilfszusagen des Westens an den Osten.
Zwar beteuern westliche Regierungen, zumindest die staatliche Hilfe für Osteuropa solle nicht zu Lasten der Entwicklungsländer gehen. Doch die Budgets für Hilfeleistungen an die traditionellen Entwicklungsländer stagnieren. »Wir können nur das verteilen, was da ist«, sagt Mark Edelman von der US-Agentur für Internationale Entwicklung.
Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) scheint eine rühmliche Ausnahme zu sein: Er steigt 1990 um 3,9 Prozent auf 7,4 Milliarden Mark und in den folgenden drei Jahren weiter um die gleiche Rate. Dennoch schrumpft der Anteil dieses Postens am gesamten Bundeshaushalt und im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt von 0,48 Prozent in den Jahren 1981/82 auf nur noch 0,37 Prozent ein Jahrzehnt später.
Das schon in den siebziger Jahren angepeilte Ziel der reichen Industrienationen, jährlich mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die öffentliche Entwicklungshilfe bereitzustellen, haben bisher nur die skandinavischen Staaten und die Niederlande erreicht.
Aus diesem schmalen Budget können künftig auch die Osteuropäer bedacht werden. Als Mitte Dezember die 24 OECD-Staaten ihre Osthilfe koordinierten und ein Finanzpaket für Polen und Ungarn im Wert von über fünf Milliarden Mark verabschiedeten, einigten sich die reichen Länder nach heftigem Streit darauf, daß sie sich bei ihrer Osthilfe notfalls aus dem bisherigen Etat für Entwicklungsländer bedienen können.
Den ganz großen Einbruch für die traditionellen Entwicklungsländer sagen Experten jedoch nicht für die staatliche Hilfe, sondern für die Privatinvestitionen voraus. Otto Wolff von Amerongen, Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Industrie, machte vorige Woche klar, daß Unterstützung für Osteuropa wichtiger sei als Bemühungen um die Dritte Welt. Schnelle Hilfe für die DDR sei dringender, da der Bundesrepublik dieses Problem »politisch, geographisch und menschlich« näher stehe als das Nord-Süd-Problem.
Auch die privaten Hilfsorganisationen für die Dritte Welt spüren Anzeichen einer Spenden-Wende in Richtung Osten. So verzeichnete die Deutsche Welthungerhilfe in der besten Spendenzeit vor Weihnachten einen Rückgang von etwa 2,5 Millionen Mark - die Deutschen gaben ihr Geld wohl lieber für die befreiten Brüder und Schwestern jenseits der Mauer. »Unsere Spendeneinnahmen werden vom BMZ oder der EG verdoppelt«, rechnet Sprecher Holger Baum vor, »uns fehlen also fünf Millionen. Konkret heißt das, daß wir etwa 20 ländliche Projekte nicht mehr beginnen können.«
Die Uno-Einrichtung für Ernährung und Landwirtschaft FAO befürchtet, daß die Industrieländer die armen Länder im Süden vergessen. In seinem Jahresbericht bezeichnet Generaldirektor Edouard Saouma die achtziger Jahre als »verlorenes Jahrzehnt« für die Dritte Welt. Die Menschheit könne es sich aber nicht leisten, ein weiteres Jahrzehnt zu verlieren.
Denn im Gegensatz zu anderen Teilen der Erde gehe es, wie Ägyptens Präsident Husni Mubarak mahnt, in Teilen Afrikas »nicht um Wachstum oder Entwicklung, sondern ums Überleben«.