PROZESSE An und für sich
Durch den hellgetünchten Saal 13 b des Bonner Landgerichts treibt niederbayrischer Dunst. Auf der Anklagebank beteuert Gastwirt Anton Pell, 44, aus Neukirchen am Inn: »Mei, i hob an und für sich von dera ganzen Fibag und so furt und so weida fast goar nix g'wußt.« Landgerichtsdirektor Herbert Schroeder, Vorsitzender der III. Großen Strafkammer: »Äh -- die Akustik ist hier nicht sehr gut«
Unversehens ist der Pell Toni aus der Passauer Gegend zum Fibag-Fetisch avanciert. Über ein Jahrzehnt nach der Gründung jener abenteuerlichen Gesellschaft, als deren größter Teilhaber der Strauß-Spezi Hans Kapfinger amtierte, versucht jetzt ein Strafgericht, die dubiose Affäre zu erhellen. Pell. die Rechte auf dem Herzen, trägt das Seine bei: »Mei, den Kapfinger hob i an und für sich nie gekannt.«
Dafür kennt der Gastwirt an und für sich einen anderen Landsmann sehr gut: »Mit dem Strauß duze ich mich, das ist richtig.« Und Franz Josef Strauß schätzt Anton Pell -- dessen Persönlichkeit in der Anklageschrift so gestreift wird: »Nach polizeilichen Feststellungen kommt es häufig zu Streitigkeiten zwischen dem Angeschuldigten und seiner Mutter bzw. seiner Schwester« -- besonders hoch ein.
Schon 1958, als der Kneipier zum wiederholten Male wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt worden war, wünschte Strauß per Telegramm an das bayrische Justizministerium »Strafaufschub und einen eventuellen Gnadenerlaß«. Begründung: Er, der Bundesverteidigungsminister, bewerte den Pell Toni »seit langem als einen seriösen und zuverlässigen Menschen«.
Seit Montag letzter Woche steht der seriöse Pell solo vor der Bonner Kammer. Hans Kapfinger, 68, Besitzer der »Passauer Neue Presse« und Angeklagter Nr. 1, braucht sich wegen psychischer und physischer Schwierigkeiten nicht zu verteidigen. Die Persönlichkeit des intimen Strauß-Freundes ist so stark reduziert, daß das Verfahren gegen ihn aufgrund eines Gutachtens der Universität Tübingen vorläufig eingestellt wurde (SPIEGEL 8/1971). Durch eine Flut lateinischer Kunstwörter. die den rapiden Verfall des Passauers präzisieren, arbeitete sich Landgerichtsdirektor Schroeder nur mühsam, schließlich silbenweise, durch. dann gab er auf: »Jetzt kommt ein Wort. das ich nicht lesen kann.«
Zwar wurde das Gutachten bereits Anfang dieses Jahres erstellt, doch die Bonner Justiz verzagte nicht. Auch ohne Kapfinger schien es durchaus möglich. den Kernpunkt der Fibag-Affäre aufzuklären: Am 13. April 1960 befanden sich gegen 17 Uhr in Kapfingers Münchner Absteige Schwedenstraße 62 außer dem Verleger selber und seiner Gespielin Maria-Theresia ("Märri") Schlicker noch die Herren Carl Willy Braun. Lothar Schloß und Wolfgang Winkel.
»Märri« packte in den hinteren Räumen Koffer, da sie mit Hans am nächsten Tage nach Teneriffa fliegen wollte. Im Wohnzimmer »gebärdeten sich Braun und Schloß feierlich: Sie, die Erfinder
* Am Montag letzter Woche zu Beginn der Hauptverhandlung, vor der Einstellung des Verfahrens gegen Winkel.
der Fibag -- die Gesellschaft sollte ein phantastisches 300-Millionen-Bauprojekt für die Amerikaner in der Bundesrepublik durchziehen -, überreichten Kapfinger ein Papier. das ihn zum Kompagnon machte. Inhalt: Ohne jedes finanzielle Engagement, ohne jede finanzielle Verpflichtung für ihn wurde der branchenfremde Niederbayer mit einem Viertel am Fibag-Grundkapital von 500 000 Mark beteiligt.
Kapfinger las den Text und brach in Jubel aus: »Ein Bombengeschäft, ohne einen Pfennig zu investieren, ohne einen Pfennig zu riskieren« Schade sei nur, so der Passauer weiter, daß er »mit ihm« teilen müsse.
Für Braun und Schloß stand zweifelsfrei fest, wer mit diesem Dativ gemeint war. Denn einmal hatten sie Kapfinger ausschließlich wegen seiner Beziehungen zum damaligen Bundesverteidigungsminister Strauß als Teilhaber erwählt -- und tatsächlich förderte Strauß auf Kapfingers Verlangen das Fibag-Projekt denn auch durch ein Empfehlungsschreiben an den damaligen US-Verteidigungsminister Gates.
Zum anderen aber untermischte Kapfinger seinen Jubelruf mit dem nüchternen Kommentar. ohne Strauß sei das Fibag-Vorhaben nicht durchführbar. Und diese Bemerkung variierte der Passauer auf der Stelle noch einmal.
Aus der Fibag aber wurde nichts, und hinterher -- vor dem Fibag-Untersuchungsausschuß des Bundestages sowie vor zwei Landgerichten -- erklärte Hans Kapfinger als Zeuge, mit dem Dativ habe er keineswegs Strauß gemeint. Für die Bonner Staatsanwaltschaft ergab das drei vorsätzliche uneidliche Falschaussagen.
Kapfinger fand eine Stütze in Wolfgang Winkel, einem einstigen Barbesitzer und blonden Hansdampf. Winkel fiel zunächst ein, daß er sich -- entgegen seinen ersten Bemerkungen -- nicht nur bei der kofferpackenden »Märri«, sondern zeitweise auch im Wohnzimmer aufgehalten habe.
Später wurde Winkel bewußt, daß Kapfinger mit der Teilungsäußerung ja gar nicht Strauß, sondern nur ihn, Winkel selber, gemeint haben konnte, denn zwischen ihm und dem Verleger habe eine entsprechende Geheimabmachung bestanden. Und nach neuerlicher Überprüfung seines Gedächtnisses wußte Winkel es sogar ganz genau: Als Kapfinger das Wort »teilen« artikulierte, habe er Winkel »zugezwinkert«.
Nachdem Winkel derlei Erzählungen dem Untersuchungsausschuß und einem Landgericht dargebracht hatte, erhob die Bonner Staatsanwaltschaft auch gegen ihn Anklage wegen zweier Falschaussagen, Doch als der Ex-Barmann am Montag vergangener Woche neben Pell auftrat, bot er sich als ergrautes Wrack dar. Ein Halbdutzend ärztlicher Atteste stellte klar: Das einstige Gedächtniswunder ist einem solchen Prozeß nicht mehr gewachsen; auch gegen Winkel wurde das Verfahren vorläufig eingestellt.
Bleibt der niederbayrische Toni« der eher zufällig an einer Unterredung zwischen den Fibag-Kompagnons Braun und Kapfinger teilgenommen hatte, in der es wesentlich um die »Mit ihm«-Passage gegangen war. Da Anton Pell vor dem Untersuchungsausschuß im Sinne Kapfingers gezeugt hatte, wurde auch er von der Anklage erfaßt -- als Nr. 3.
Gegen ihn wird voraussichtlich bis Ende Juni verhandelt werden, und jedenfalls in der ersten Woche erwies sich der Gastwirt. der den Verleger an und für sich gar nicht gekannt haben wollte, als zäher Verteidiger der Kapfinger-Version. Fragen, die seine Dialekt-Darbietungen zu irritieren drohten, parierte der Pell Toni stets geistesgegenwärtig: »Mei, die Fibag, die war an und für sich so kompliziert.«