Andere Köpfe - DER SPIEGEL
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Andere Köpfe

• aus DER SPIEGEL 40/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die letzte Bundestagswahl in diesem Jahrhundert hat etwas Verstörendes. Die Sozialdemokraten reden vom Politikwechsel, die Grünen fordern eine nachhaltige Politik, und die Regierungskoalition will, daß alles bleibt, wie es ist.

Recht haben alle, und dennoch bleibt das Gefühl, daß etwas nicht stimmt. Ja, es muß sich etwas ändern, tiefgreifend und nachhaltig, und es gibt viel, das sich zu bewahren lohnt. Nur wie?

Anders als viele in der Politik glaube ich, daß wir andere Köpfe brauchen, ein anderes Denken, nicht bloß andere Gesichter. Ich bin skeptisch, ob es davon in der politischen Landschaft der Bundesrepublik genug gibt. Denn es ist mehr als ein bloßer Wechsel, der uns ins Haus steht. Es ist eine Veränderung, die nur zu bewältigen ist, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen, inklusive der Wirtschaft (die ganz besonders) daran mitarbeiten.

Das Problem ist: Der Globalisierungswahn geht um, ein neuer Absolutismus bestimmt die Welt. Der »Markt« hat recht, angeblich immer! Welch ein Irrtum. Rußland und die Asienkrise zeigen doch, daß es ohne vernünftige Intervention nicht geht. Der »Markt« ist doch kein gottähnliches Konstrukt, von Dollar-Titanen gezeugt. Er ist von Menschen gemacht, wird von Menschen in Gang gehalten und ist deshalb auch von Menschen veränderbar.

Das zu sehen fällt auch Herrn Schröder und seinen Stollmännern unendlich schwer. Bei einigen Grünen habe ich da mehr Hoffnung. Die haben begriffen, daß wir in einem System leben, dessen Ziele ausschließlich Produktion und Konsum sind. Sonst nichts. Und damit alles reibungslos läuft, sollen alle »flexibel« sein bis zur Selbstauflösung - Arbeitsnomaden, die in Wohnmobilen von Standort zu Standort ziehen, immer dorthin, wo den Produzenten niedrigste Löhne und Sozialleistungen, niedrigste Umweltstandards und Steuersätze garantiert werden.

Die Welt als Markt fordert berechenbare Menschen mit kalkulierbarem Geschmack und standardisierten Wünschen. Gefragt sind leicht zu beeinflussende Konformisten, Menschen, die nichts anderes mehr sind als die Kurzzusammenfassung ihres beruflichen Werdegangs. Sich dem zu widersetzen, muß das Ziel all jener sein, denen die Würde des Menschen noch ein heiliges Gut ist. Ich wünsche mir kreative Nonkonformisten.

Selbstkritik wäre kein schlechter Anfang, denn wir alle sind Abhängige, Konsum-Junkies. Wir müssen auf Entzug. Entzug heißt auch Verzicht, aber nicht Verarmung. Vor allem bedeutet Entzug: die Neubestimmung der Prioritäten in Anbetracht der globalen Katastrophen; sowohl der ökologischen als auch der ökonomischen. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Bevor wir von der Tyrannei der virtuellen Marktwirtschaft verschluckt werden, sollten wir eine Verabredung treffen: Respekt. Damit meine ich die Fähigkeit, den anderen Menschen als meine Ergänzung und die Natur als unsere gemeinsame Lebensgrundlage zu begreifen. Die Umwelt, die Tiere, die Menschen in ihrer Besonderheit zu erkennen und unsere Abhängigkeit voneinander einzusehen.

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