»Angenehmer Nervenkitzel« - DER SPIEGEL
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»Angenehmer Nervenkitzel«

• aus DER SPIEGEL 21/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Gedanke, dessen Zeit gekommen ist: privatisierte Hinrichtungen. Längst steht ohne jeden Zweifel fest, daß die Regierung - ja, die Gesellschaft selbst - unfähig ist, irgend etwas richtig zu tun, und das gilt sicher auch für die Exekution verurteilter Krimineller. Gegenwärtig ist ein solches Ereignis ein totaler Fehlschlag - ohne Nutzen für den Verurteilten, für seine Familie, für die Gesellschaft. Das braucht nicht so zu bleiben.

Hinrichtungen könnten künftig vor riesigen Massen zahlender Zuschauer etwa in Stadien stattfinden. Die Einnahmen eines solchen Spektakels würden beispielsweise dem Gefängnis zugute kommen, in dem der Verurteilte inhaftiert war und versorgt wurde. Denkbar wäre auch ein Fonds für die Rehabilitierung von Kriminellen. Selbstverständlich könnte der Delinquent über die Verwendung eines persönlichen Anteils aus dem Kartenverkauf entscheiden, den sein Agent zuvor aushandeln müßte.

Ohne Zweifel würden die Einnahmen gewaltig sein, wenn man bedenkt, wie viele Amerikaner sich für die Todesstrafe aussprechen. Für gute Plätze, nahe am Ort des Geschehens, wären Eintrittsgelder zwischen 200 und 300 Dollar nicht übertrieben; Plätze auf den Rängen könnten immerhin noch 25 Dollar bringen.

Sobald sich die Zuschauer niedergelassen hätten, träte eine Sopranistin auf und stimmte die Nationalhymne an. Danach würde der Gouverneur erscheinen, detailliert die Verbrechen des Verurteilten beschreiben und dessen abschlägig beschiedene Revisionsgesuche erläutern.

Nach der Rede des Gouverneurs bezöge eine Phalanx von Polizisten oder Soldaten auf der Plattform Stellung. Dieser Aufmarsch könnte von einer Trompetenfanfare oder dem klingenden Spiel eines Polizei- beziehungweise Armeemusikkorps begleitet werden - alles im Rahmen des guten Geschmacks, versteht sich.

Als nächstes würde ein Priester oder ein Geistlicher ein Bittgebet sprechen und Gottes Segen für die Hinrichtung erflehen. Anschließend würde der Verurteilte auf dem Stuhl festgeschnallt.

Dann endlich könnte der Henker auftreten, sich vor eine Konsole stellen und - auf ein Zeichen des Gouverneurs hin - den Schalter betätigen. Der Verurteilte würde sich in seinen Fesseln aufbäumen, kleine Rauchwolken würden von seinem Körper aufsteigen.

Schon allein dieses Detail wäre eine hilfreiche Lektion für alle, die daran denken, einen Mord zu begehen. Für diejenigen, die daran nicht denken, wäre es eine lebhafte Vergegenwärtigung des beglückenden Zustands, zum aufrechten und ehrlichen Teil Amerikas zu gehören.

Dem Verurteilten schließlich böte die Exekution eine Gelegenheit zur Aufbesserung seiner Lebensbilanz: Er stürbe im Bewußtsein, nicht umsonst gelebt zu haben.

Natürlich würde es Einwände geben. Eine solche Darbietung wäre unter Umständen so attraktiv, daß einige Leute möglicherweise nur deshalb einen Mord begingen, um die Hauptrolle in dieser Show zu übernehmen.

Schließlich, und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt, ist es aber auch sehr gut möglich, daß die Zuschauer nach ein paar Dutzend privatisierter Hinrichtungen des Spektakels überdrüssig würden. Erst dann wären wir Amerikaner vielleicht endlich bereit, darüber nachzudenken, daß wir durch die Hinrichtung von Gefangenen nur die Anzahl der Toten erhöhen, ohne gleichzeitig die Zahl der Morde zu senken.

In dem Augenblick, in dem die Langeweile einsetzte, würden wir vielleicht zu fragen beginnen, warum wir Amerikaner mehr Morde begehen als irgendein anderes Volk. Zur Zeit allerdings hat dieser Ermüdungseffekt noch nicht eingesetzt. Im Gegenteil: Wir rufen nach immer mehr Exekutionen - höchstwahrscheinlich, weil wir sie noch niemals persönlich beobachten konnten.

Mein Vorschlag würde uns sicher schneller zu diesem Sättigungspunkt führen, weg vom angenehm empfundenen Nervenkitzel und hin zu einer klügeren Verwendung für Wechselstrom.

Arthur Miller
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