»Angst vor dem eigenen Schatten« - DER SPIEGEL
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»Angst vor dem eigenen Schatten«

Gesellschaft und Politik im Königreich Saudi-Arabien
• aus DER SPIEGEL 18/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vieles haben sie im Überfluß: Sand, Sonne, Prinzen, Öl. Manches ist rar bei ihnen: Lebewesen, Menschen vor allem. Und vieles entbehren sie ganz: politische Freiheiten und Rechte, Parteien, Gewerkschaften, eine Verfassung.

So sieht es in diesem Land, dem eventuellen neuen Partner der Bundesrepublik, gelegentlich aus:

Im Namen Allahs dröhnten ungewöhnliche Töne aus den Lautsprechern der Großen Moschee in Mekka. Die rund 500 religiösen Fanatiker, die im Morgengrauen des Tages vor dem Neujahrsfest für das islamische Jahr 1400 die heiligste Stätte der Moslems gestürmt hatten, verlangten Reformen.

Abgeschafft werden sollte alles, was die Gläubigen vom »reinen Islam« ablenke: Fernsehen, Fußball, Mädchenschulen, Berufstätigkeit der Frauen.

Es dauerte zwei Wochen, bis Saudi-Sicherheitskräfte mit Hilfe französischer Spezialtruppen die Rebellen niedergekämpft hatten. Aber der Schock, den die Moschee-Besetzung am 20. November 1979 beim König und seinen 3000 Prinzen hervorgerufen hatte, wirkt noch fort, beeinflußt die Politik des Ölkönigreichs bis heute.

Zwar beeilte sich Kronprinz Fahd zu verkünden, das Volk habe in »kompletter Harmonie Seite an Seite mit der Regierung« den Aufstand niedergekämpft, doch »Mekka zeigt, daß die Sicherheit Saudi-Arabiens ein Mythos ist«, meinte ein hoher Regierungsbeamter in einem Nachbarland.

Den Prinzen, ihren Freunden und Verbündeten war deutlich geworden, wie dünn die Machtbasis der Herrscherfamilie ist, wie brüchig die Verbindung von moderner Entwicklung und antiquiertem Feudalismus, wie fragwürdig die Synthese von Computer und Koran, die sie bisher als einzig erfolgversprechendes Überlebenskonzept angesehen hatten.

Wem war in der Stunde der Bedrohung zu trauen? Die Antwort auf diese Kernfrage des saudischen Königshauses haben bislang weder der Monarch selbst noch seine Prinzen gefunden.

Das Volk hielt damals still und wartete ab. Die Armee einzusetzen, war schon zu riskant. Aus Furcht, zumindest einzelne Teile der Streitkräfte könnten mit den Aufrührern gemeinsame Sache machen, sperrten die Kommandeure während der kritischen Tage ihren Soldaten die Waffenkammern. Verlaß war noch am ehesten auf die 20 000 Mann starke Beduinengarde.

Es war ein schwacher Schutz für ein Land, das zehnmal so groß ist wie die Bundesrepublik, aber nur etwa fünf Millionen Einwohner zählt. Rund 7000 Kilometer lang sind die Grenzen des Königreiches, über Tausende von Kilometern durchqueren ungeschützte und kaum schützbare Pipelines das Wüstenland. Mögliche Angreifer hätten gute Chancen, das Netzwerk der saudischen S.31 Lebensadern zu unterbrechen und sich davonzumachen, ohne überhaupt bemerkt zu werden.

Kann in einem solchen Notfall Hilfe von außen kommen, von den Vereinigten Staaten etwa -- die dem wichtigsten Öllieferanten der westlichen Welt immer wieder beruhigende Zusicherungen und, gegen den Protest Israels, jetzt auch modernstes Kriegsgerät wie fünf Awacs-Flugzeuge liefern?

Daran glauben die Saudis nicht mehr. Zu oft, so ist aus den Palästen zu hören, hätten die USA diejenigen enttäuscht, die auf ihre Hilfe bauen.

Taiwan sei aufgegeben worden, als es ins außenpolitische Konzept Washingtons paßte. Den Sturz des Schah, ihres Freundes, hätten die USA nicht verhindert. Das peinvoll lange Geiseldrama und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, auf den die USA nur mit Drohgebärden reagiert hätten -- all dies habe die Schwäche der Weltmacht enthüllt.

Nachteile durch Washingtons Untätigkeit, Nachteile aber auch -- in Saudi-Augen -- durch Amerikas einzige große politische Nahost-Tat: das Abkommen von Camp David. Dadurch war es für die Ölherrscher unmöglich geworden, weiterhin Beziehungen zu Ägypten zu unterhalten, der einzigen großen arabischen Militärmacht, die dem menschenarmen Königreich Schutz und Hilfe bieten könnte. Enge Bande zum starken Ägypten hieße houte, daß sich Riad der offenen Feindschaft zu allen anderen Arabern, vor allem Syrern, Irakern und Palästinensern, aussetzen würde.

»Die Prinzen«, spottete Ägyptens Präsident Sadat, »haben Angst vor ihrem eigenen Schatten.« Aber sie haben auch Grund zur Angst. Denn im Fall einer neuen Nahostkrise muß sich Saudi-Arabien nolens volens auf die Seite der anderen Araber, vor allem der Palästinenser, stellen, ein Ölembargo mitmachen, gegen die USA Stellung nehmen, die ja auch bekennen, sie seien die Freunde Israels.

Oft wird in Riad die Frage diskutiert, wann denn wohl Amerika den Saudis zu Hilfe kommen würde. Bei einem syrischen Panzervorstoß aus dem Norden, bei einem jemenitischen Einfall im Süden, bei einem iranischen Angriff von Osten her? Noch steht nicht fest, wann Amerikas Eingreiftruppe für die Golfregion zum Eingreifen bereit sein wird, und würde sie auch bei einer internen Bedrohung des Königshauses helfen?

Die Saudis beschlossen spätestens nach Mekka, die Antwort auf diese Frage nicht abzuwarten, sondern sich selber zum Machtfaktor hochzurüsten, wenn möglich ohne Amerika, mit Hilfe der Europäer, vor allem der Deutschen. Dann bliebe ihnen die Peinlichkeit vor der arabischen Welt erspart, den Amerikanern doch später einmal Stützpunkte einräumen zu müssen.

Den Prestigegewinn aber veranschlagen die Saudis, wenn beispielsweise der Panzerhandel mit den Deutschen zustande kommt, als ungeheuer. »Auch wenn die Deutschen nur 30 Leopards schicken«, meinte ein hoher saudischer Offizier zum SPIEGEL, »würde uns das schon enorm helfen, so als hätten wir dreihundert.«

Ob sie damit ihre Ölquellen schützen können, bleibt aber fraglich. Erdöl ist Saudi-Arabiens Schicksal, Ursprung seines Reichtums, aber paradoxerweise auch gerade deshalb Ursache seiner inneren Probleme, die der Monarchie weit gefährlicher werden können als eine mögliche Bedrohung von außen.

Rund zehn Millionen Barrel werden täglich gefördert. Bei einem Preis von 32 Dollar pro Barrel bringen Erdölverkäufe über 230 Milliarden Mark pro Jahr. Von dem Geld kauften sich die Saudis alles, was gut und teuer ist, für ihr Land, im letzten Fünfjahresplan investierten sie rund 360 Milliarden Mark. Bis 1981 wurden 21 000 Kilometer neue Asphaltstraßen gebaut, 3800 neue Schulen errichtet, entstanden S.32 acht Meerwasser-Entsalzungsanlagen und zwölf supermoderne Flughäfen. In der Hafenstadt Dschidda wurde vor zwei Wochen der größte Airport der Welt eröffnet.

Noch mehr Geld wollen die Saudis bis 1985 investieren: rund 500 Milliarden Mark. Denn die Wirtschaft des Landes soll auch dann noch funktionieren, wenn einmal das Öl unter Saudi-Arabiens Wüstenboden -- rund ein Viertel der bisher bekannten Reserven der Welt -- aufgebraucht sein sollte.

Eines aber konnten die Saudi-Prinzen mit all ihrem Geld nicht kaufen, ein Gut, das ihnen wichtiger ist als Raffinerien und Chemiefabriken: Sicherheit. Nicht einmal auf ihre eigenen Untertanen können sich die Regenten des Wüstenreiches verlassen, hierin durchaus mit dem Schah, ihrem ehemaligen Nachbarn, vergleichbar.

Zwar: Anders als der einstige Herrscher auf dem Pfauenthron ist das Saudi-Königshaus gewissermaßen die Schutzmacht des Islam, unterhalten die Prinzen beste Beziehungen zur Geistlichkeit. Und anders als im Iran sorgen sie auch dafür, daß vom Ölboom nicht nur eine kleine Schicht direkt profitiert, sondern jedes Landeskind den Petrodollar-Segen zu spüren bekommt.

Das Wüstenreich ist für jeden Saudi zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. »Es ist wie ein Traum«, sagte ein Regierungsbeamter, »von einem Augenblick zum anderen bist du reich.«

Kostenlos ist die Krankenversorgung, mit reichlichen Stipendien gefördert die Schulbildung bis zum Universitäts-Abschluß. Bei Eheschließung gibt die Regierung ein Geldgeschenk von 5000 Dollar. Wer bauen will, erhält kostenlos Land und Darlehen von 100 000 Dollar, das 25 Jahre zinsfrei ist, rückzahlbar in 99 Jahren. Bei vorzeitiger Tilgung gibt es einen Nachlaß von 25 Prozent. Unternehmen mit Saudi-Beteiligung können sogenannte Steuer-Ferien auf zehn Jahre beanspruchen.

Gut versorgt sind auch die Beduinen. Kostenlos stellt ihnen die Regierung Wohnhäuser zur Verfügung, in denen sie als echte Nomaden aber meist nicht bleiben wollen. Dafür leben sie von ihren Herden. Denn für die Haltung eines Kamels zahlt der König monatlich 30 Mark, pro Schaf 16 Mark.

Farbfernseher fürs Zelt und Lastwagen für den Transport der Tiere von einem Weideplatz zum anderen werden immer mehr zur Regel. »Der Wohlstand sickert ganz schön bis nach unten«, stellte Abd el-Asis Suleiman fest, dessen Vater der erste Finanzminister des Königreichs war.

Und doch könnte gerade der Reichtum ein Sprengsatz für Revolte und Umsturz sein, fühlen sich die Saudis in ihrem Schlaraffenland doch nicht glücklich. Viele wurden durch den jähen Einbruch der Moderne in ihre bis dahin mittelalterliche Stammesgesellschaft entwurzelt -- viel tiefer als die Schah-Untertanen in Persien.

Jene Saudis, die noch die traditionellen Werte des Islam hochhalten, sind von der Verschwendungssucht der Prinzen, ihrer oft doppelbödigen Moral, der allgemeinen Korruption und Vetternwirtschaft zutiefst angewidert.

Vor allem gärt es unter der Minderheit von 200 000 saudischen Schiiten am Golf. Sie hören auf den monarchiefeindlichen Ajatollah, dessen Gebiet gleich jenseits des Wassers beginnt, keine 300 Kilometer entfernt.

Alle Subventionen können auch die Stämme im Süden nicht beruhigen, die sich nach der Annexion ihres Gebietes vor dem Zweiten Weltkrieg noch immer als von den Saudis besetzt fühlen. Ein Augenzeuge berichtet, daß vor wenigen Wochen nach Schießereien in der Nähe des Luftstützpunktes Chamis Mischet Teile der Armee zu den aufständischen Beduinen übergegangen seien. Angehörige der Stämme Otaiba und Mater, der offiziellen Hauptschuldigen am Mekka-Anschlag, verteilen an Schulen und Universitäten regierungsfeindliche Flugblätter.

Aus Furcht, die fundamentalistische islamische Militanz anzuheizen, entschlossen sich die Prinzen zu Zugeständnissen an die Eiferer und brachten so die Gemäßigten gegen sich auf.

So etwa wurde die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsprozeß erst mal aufgeschoben, gemeinsames Baden von Männern und Frauen in Hotel-Swimmingpools verboten. Von ausländischen Arbeitskräften verlangen die Saudis ein Bekenntnis zum Islam. Außerdem sperrten sie die Importe von Hundefutter und Puppen, denn das Spielen mit Hunden und Puppen gilt bei den Frommen im Lande als Götzendienst.

Derlei vom Ausland bespöttelte Aktionen vertieften aber wiederum den Gegensatz zu den im Westen ausgebildeten Saudis, vor allem Akademikern und Offizieren. Sie hatten im Ausland demokratische Gepflogenheiten kennengelernt, und ihnen fällt es nach der Rückkehr schwer, sich einem altertümlichen Feudalsystem, einer als Familienbetrieb gemanagten Theokratie, bedingungslos unterzuordnen, selbst wenn es sie mit Geldern überschüttet.

»So verrückt es klingt«, meinte ein gebildeter Saudi, »die Vorfälle in Mecka könnten für uns heilsam gewesen sein. Nach diesem Trauma können wir nicht mehr selbstzufrieden sein.«

Unzufriedenheit breitet sich selbst in den Kreisen aus, die in anderen Ländern niemals die Regime kritisieren, aus denen sie materiellen Nutzen ziehen. »Es ist schwer zu ertragen«, beklagte sich ein saudischer Geschäftsmann, »daß man hier keinerlei Möglichkeiten besitzt, etwas mitzuentscheiden.«

Das paßt vielen nicht mehr. Vor gut einem Jahr stellte eine Zeitung in Dschidda einer Gruppe prominenter Saudis die Frage, was sie vom politischen System des Landes hielten. Einige der Befragten bezeichneten es rundheraus als unzeitgemäß. Das Land brauche angesichts der raschen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ein moderneres politisches System.

Etwas irritiert meinte ein Teilnehmer: »Sie sprachen von einem System mit demokratischen Elementen.«

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