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»Angst vor einer Eiszeit«

Der amerikanische Publizist Jeffrey Gedmin über das Zerwürfnis zwischen Berlin und Washington
Von Erich Follath
• aus DER SPIEGEL 40/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gedmin, 44, geboren in Washington, gilt als einer der besten Kenner des transatlantischen Verhältnisses. Der Publizist lebt in Berlin, wo er die Zweigstelle des renommierten amerikanischen Aspen-Instituts leitet. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mister Gedmin, welche Schritte erwartet Präsident Bush von der Bundesregierung, um die zerrütteten Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen?

Gedmin: Ich habe den Eindruck, die deutsche Seite denkt an einen einfachen Katalog von Maßnahmen, so nach dem Motto: Sagt uns doch, sollen wir hier oder da einen Scheck schreiben oder noch ein paar Soldaten in das Kosovo und nach Afghanistan schicken, und dann ist ja wohl alles wieder in Ordnung. Schröder fährt zu Blair nach London und fragt nach dem einen roten Knopf, den er drücken muss. So einfach wird es nicht werden. Dazu ist schon zu viel Porzellan zerschlagen, Washingtons Ärger sitzt tief. Die Angst vor einer Eiszeit der Beziehungen ist nicht ganz unberechtigt.

SPIEGEL: Die amerikanische Regierung macht ihr Missfallen sehr öffentlich. Verteidigungsminister Rumsfeld verweigert seinem deutschen Amtskollegen Struck einen öffentlichen Händedruck, der Präsident sendet nicht einmal ein knappes Glückwunschtelegramm zum Wahlsieg. Ist das nicht kleinkariert?

Gedmin: Man kann das für albern halten. Aber die Vorgeschichte ist doch so, dass Schröder im Wahlkampf mit der Irak-Kriegsfrage populistisch auf Stimmenfang ging und auf einen militanten Pazifismus sowie mögliche antiamerikanische Stimmungen setzte. Das alles mit Formulierungen, die gelegentlich an Provokation grenzten ...

SPIEGEL: ... und die doch eher milde sind im Vergleich zu denen, die in den USA fallen. Ex-Präsident Jimmy Carter nannte die Bush-Doktrin des Präventivkriegs eine gefährliche »radikale Abkehr« von 50-jähriger amerikanischer Tradition in der Außenpolitik; Fast-Präsident Al Gore sprach von

»schwerem internationalem Schaden«. Sind das auch Anti-Amerikaner?

Gedmin: Es geht nicht nur um die Auseinandersetzung, was der richtige außenpolitische Weg ist. Schröder hat die Angst vor einem Krieg geschürt, als ob in Bagdad deutsche Soldaten fallen würden. Dabei hat die US-Regierung Berlin gar nicht um einen militärischen Beitrag gebeten. Und dann spielt da noch etwas mit: Den Deutschen fühlten - und fühlen - sich Amerikaner besonders nahe. Der Marshall-Plan, die Rosinenbomber, die Schutzmachtfunktion, die begeisterte Unterstützung der Wiedervereinigung ...

SPIEGEL: Sie vermissen Dankbarkeit?

Gedmin: Es gibt ein besonderes Verhältnis zwischen unseren Völkern. Gehen Sie in irgendeine amerikanische Kneipe und sagen Sie, dass Sie Deutscher sind. Sofort haben Sie die Sympathien auf Ihrer Seite, ebenso wie zahlreiche positive Bezugspunkte: Mein Sohn war als GI in Heidelberg, werden die einen sagen; meine Tochter hat in Ramstein einen Deutschen kennen gelernt und später geheiratet. Jetzt haben wir nach dem 11. September eine Bedrohung, und die Deutschen unterstützen uns nicht einmal moralisch, behindern vielleicht sogar unsere militärischen Unternehmungen: Das schockt die Menschen.

SPIEGEL: Schröder ist im Anti-Terror-Kampf doch, wie er selbst sagt, uneingeschränkt solidarisch an der amerikanischen Seite. Er beruft sich geradezu auf die intakte Freundschaft, weil auf dieser Grundlage ein Dissens wie jetzt beim Irak-Problem auszuhalten sei. Saddam Hussein aus dem Amt zu bomben erscheint vielen Deutschen völkerrechtlich illegal und wenig vordringlich.

Gedmin: Schröder hat im Wahlkampf kategorisch ausgeschlossen, die USA bei einem Schlag gegen den Diktator von Bagdad zu unterstützen - auch wenn die Vereinten Nationen dem militärischen Vorgehen zustimmen.

SPIEGEL: Er setzt auf die internationalen Waffenkontrolleure, und mehr als deren sofortige Rückkehr in den Irak und die Zerstörung gefundener Waffen hat die Uno auch noch nicht beschlossen. Bushs halbherziger Schwenk zum Multilateralismus mit seinem Gang zur Uno kommt vielen wenig überzeugend vor: Er hat doch schon gesagt, die USA würden den Krieg auch allein führen.

Gedmin: Ich glaube fest daran, dass wir im Sicherheitsrat eine Resolution bekommen, die den Weg zu Aktionen frei macht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Deutschland abseits stehen wird, wenn Amerikaner, Briten und vielleicht sogar Franzosen gegen Saddam kämpfen. Wohlgemerkt: Das wäre nicht unser Problem, sondern Ihres - Berlin wäre dann endgültig international isoliert.

SPIEGEL: Wie wird Schröder aus diesem Dilemma herauskommen, sollte der Sicherheitsrat tatsächlich Gewalt gegen Saddam legitimieren?

Gedmin: Er könnte vor das deutsche Volk treten und sagen: Mir lagen Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen bisher nicht vor, und ich war sehr skeptisch. Auf Grund einer neuen Informationslage habe ich meine Position überdacht und geändert.

SPIEGEL: Das wird sehr schwer, nicht nur für ihn, sondern auch für seine Koalition. Viele würden von einem Wortbruch sprechen.

Gedmin: Ich weiß, der Pazifismus ist stark, und ich kenne auch die historischen Gründe für diese Kultur der Zurückhaltung im Nachkriegsdeutschland. Allerdings wird Pazifismus in Berlin nicht nur als Erklärungsmuster gebraucht, sondern als schlichte Ausrede für ein Nichthandeln, wo Handeln an der Seite der Verbündeten Not tut. Deutschland träumt wohl immer noch davon, wie eine Großausgabe der Schweiz agieren zu können. Und es ist unflexibel, geradezu dogmatisch in seinem Ansatz. Wir stehen aber vor wirklich neuen Herausforderungen beim Kampf gegen Terrorismus und Massenvernichtungswaffen.

SPIEGEL: Und deshalb muss Berlin Bush blind folgen? In Afghanistan unterstützt die deutsche Regierung die USA, weil von dem dortigen Boden aus mit aktiver Unterstützung der Machthaber von Kabul Terroristen gegen die westliche Welt losgeschickt wurden. Die Verbindungen der Qaida in den Irak sind doch allenfalls lose. Und wenn es um Unterstützung für den Terror geht: Müsste Washington da nicht eher gegen den Partner Saudi-Arabien vorgehen?

Gedmin: Die amerikanische Regierung glaubt, Saddam könnte den Irak zum Supermarkt, zum Magneten für Terroristen machen: Er hat das Geld, die Waffen und ganz sicher die böse Absicht. Im Übrigen teile ich Ihre Meinung, dass Saudi-Arabien islamistischen Terror exportiert und finanziert. Wir müssen uns da neu positionieren, aber aufpassen, dass wir statt des Königs nicht einen noch unerfreulicheren, radikal-islamistischen Herrscher an die Macht hieven.

SPIEGEL: Woher beziehen Sie Ihren Optimismus, dass es in Bagdad nach dem Sturz Saddams bald eine gemäßigte, womöglich demokratisch legitimierte Regierung geben wird?

Gedmin: Gegenüber Saddam ist doch alles ein Fortschritt. Aber zugegeben, das mit der Demokratie dort wird nicht so schnell gehen.

SPIEGEL: Schröder und Fischer scheinen nicht daran zu glauben, dass die Amerikaner den langen Atem haben und dazu bereit sind, womöglich zehn Jahre und mehr im Irak beim Wiederaufbau des Staates mitzuwirken.

Gedmin: Wir Amerikaner hängen in der Tat Instant-Lösungen nach und haben manchmal Probleme mit dem langen Atem. Gerade da wären unsere europäischen Partner gefragt, sie sollten unbedingt beim Aufbau demokratischer Institutionen mitwirken - voran die Deutschen.

SPIEGEL: Sie haben Kanzler Schröder in einem offenen Brief aufgefordert, endlich zum Telefon zu greifen und Bush anzurufen. Geht der ran, wenn''s klingelt - oder setzt der Mann im Weißen Haus womöglich auch auf einen Regimewechsel in Berlin?

Gedmin: Manchmal mag es nicht so aussehen, aber auch wir Amerikaner kennen unsere Grenzen. Nein, im Ernst: Kommunikation ist notwendig, ein offener und harter Gedankenaustausch. Der Streit sollte nicht öffentlich ausgetragen werden, das schürt nur die Entfremdung. Die Deutschen und die Amerikaner sind wie ein Paar, bei dem nach Jahrzehnten harmonischer Ehe jetzt die Fetzen fliegen. Da ist es nicht damit getan, sich Blumen oder Pralinen zu schenken. Man muss über erste Gesten hinaus wieder das Vertrauen aufbauen.

SPIEGEL: Und das dauert ?

Gedmin: Ja, nicht Wochen, sondern mindestens einige Monate. Aber am Schluss steht die Versöhnung, sofern man nicht immer die alten Geschichten aufwärmt.

INTERVIEW: ERICH FOLLATH

* Am 19. Dezember 1998.

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