Angst vor Polen - DER SPIEGEL
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GRENZGEBIETE Angst vor Polen

Auf seiner Sommerreise will der Kanzler den Ostdeutschen die Bedenken gegen die EU-Osterweiterung nehmen. Wahrscheinlich vergebens: Die Polen holen mächtig auf.
Von Alexander Bürgin und Jürgen Hogrefe
• aus DER SPIEGEL 33/2001
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An Menschen, die das Gute wollen, herrscht kein Mangel. Im kleinen Städtchen Forst nahe Cottbus werkelten vergangene Woche 17 Jugendliche aus Deutschland, Polen und Frankreich an einem symbolischen »Brückenschlag«.

Zwischen die Betonstümpfe einer im Krieg zerstörten Brücke spannten sie ein 42 Meter langes Mittelstück aus Holz, Textilien und Bändern. »Die Neiße muss ein Symbol der Hoffnung auf gute Nachbarschaft werden«, fordert Aktionsleiter Wolf Leo, ein Künstler aus Berlin.

Die Einheimischen scherten sich wenig um die angereisten Gutmenschen. Ein Mittfünfziger im türkisfarbenen Jogginganzug, der seinen Schäferhund am Neißeufer spazieren führt, winkt ab: »Die Polen ham nix, wir ham nix, da ändert auch 'ne neue Brücke nix.«

Gerhard Schröder, der ab diesem Montag zehn Tage lang die Ostgrenze bereist, kennt die schlechte Stimmung vor Ort. Bei 20 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit längs der Grenze. »Viele Menschen haben hier Angst, man muss das so deutlich sagen«, weiß der Kanzler.

Noch immer ist das Verhältnis zum Nachbarn von tief sitzenden Vorurteilen geprägt. Polen seien »rückständig«, »nicht modern«, »ineffektiv« und »nicht erfolgreich«, ergab Mitte Juli eine gemeinsame deutsch-polnische Untersuchung. Nicht auszurotten ist das Gerede vom »polnischen Schlendrian«.

Daran wird sich wohl erst etwas ändern, »wenn der Bundeskanzler einmal in Polen Urlaub macht« - statt in Italien, glaubt Jerzy Mackow, Dozent an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder), wo polnische und deutsche Studenten gemeinsam lernen.

Die polnische Wirklichkeit sieht schon längst anders aus. Während die ostdeutsche Wirtschaft vielerorts in einer vertrackten Mischung aus postsozialistischer Depression und süßer Subventionitis vor sich hin dämmert, kommen die Polen in Schwung. Fast dreimal schneller als in der Bundesrepublik stieg das Lebensniveau in Polen.

Und der Abstand wird ständig geringer. Um bis zu drei Prozent soll die Wirtschaft in Polen in diesem Jahr wachsen, in Ostdeutschland weniger. Um 20 Prozent nahmen die ausländischen Investitionen im Nachbarland bislang jährlich zu. Da kommen die neuen Bundesländer kaum mit.

Anders als die meisten Ostdeutschen, so ein Schröder-Mitarbeiter, der die Reise vorbereitete, haben »die Eliten in Unternehmen und die Verwaltung die immensen Chancen erkannt, die die EU-Osterweiterung gerade auch für die grenznahe Region bietet«.

6000 deutsche Unternehmen haben mittlerweile Firmen in Polen gegründet - und die Chefs staunen nicht schlecht über Können und Arbeitsmoral ihrer polnischen Mitarbeiter. Rund 70 Prozent der deutschen Unternehmer, so ergab eine Umfrage, halten die Arbeitsleistungen der Polen für ebenbürtig oder gar besser als die der Deutschen.

»Der Unternehmergeist war auch im sozialistischen Polen nicht kleinzukriegen«, erinnert sich Andrzej Byrt, Polens Ex-Botschafter in Berlin. Das Einkommensgefälle in Richtung Osten, das früher einmal zwölf zu eins betrug, ist in den grenznahen Regionen auf das Verhältnis von vier zu eins zusammengeschrumpft. Tendenz: abnehmend.

So viel Aufschwung beunruhigt die Ostdeutschen. 42 Prozent der Sachsen lehnen das Jahrhundert-Vorhaben der EU-Osterweiterung glatt ab, wie die Dresdner Staatskanzlei Ende Juni ermittelte. »Die Befürchtungen sind zum größten Teil wirtschaftlicher Art«, fand die sächsische Staatskanzlei heraus.

Dennoch kommen sich die Nachbarn allmählich näher - der Austausch über die Grenze wird zunehmend normaler.

Vergangenes Jahr reisten Deutsche 50 Millionen Mal nach Polen, und rund 30 Millionen Mal machten sich Polen gen Westen auf. Geschätzte 400 000 Polen arbeiten bereits in Deutschland, die polnische Gemeinde in Berlin soll 80 000 Köpfe zählen. Viele Deutsche fahren rüber, um sich in Polen günstig die Haare schneiden und billig den Tank füllen zu lassen.

Engere Beziehungen über die Grenze bringen den verängstigten Nachbarn durchaus auch wirtschaftliche Vorteile. Deutsche Unternehmen, die nach Polen exportieren, schaffen sogar Arbeitsplätze in Ostdeutschland - 100 000 Jobs hängen bundesweit mittlerweile vom Handel mit Polen ab.

Vorrangig mit solchen Hoffnungsträgern will sich Schröder in den nächsten Tagen treffen - etwa in Jena. Dort wartet die Schott Jenaer Glas GmbH, die jetzt schon in Osteuropa den Markt für Ceran-Kochfelder beherrscht, dringend auf die Osterweiterung. Der Export gen Osten soll dann noch weiter steigen. Und neue Arbeitsplätze, so werden die Manager dem Kanzler versichern, gibt es dann auch.

ALEXANDER BÜRGIN,

JÜRGEN HOGREFE

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