NACHRUF ANNA SEGHERS †
Anna Seghers ist, 82jährig, gestorben. Sie war eine bedeutende Schriftstellerin, und sie war ein Leben lang Kommunistin. Sie war eine kämpferische Antifaschistin, die gleichwohl die Arbeit an ihrem (später berühmtesten) Roman »Das siebte Kreuz« für wichtiger hielt als eine Rede auf dem III. Internationalen Schriftstellerkongreß gegen den Faschismus in Paris 1938. Sie war Ehrenpräsidentin der Bewegung »Freies Deutschland« (1943) und seit 1950 Präsidiumsmitglied des Weltfriedensrates. Sie nahm 1947 den Büchnerpreis entgegen und 1951 den Stalin-Friedenspreis.
Sie lebte seit 1947 in Berlin (Ost) und war von 1952 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbands der DDR. Sie hat die meisten Auszeichnungen erhalten, die ein Autor im »Ostblock« erhalten kann. Und 1981 wurde sie, nach unrühmlichen politischen Querelen, Ehrenbürgerin der Stadt Mainz - dort, wo sie am 19. November 1900 geboren war.
Kassandra (wie Christa Wolf, deren Mentorin sie wurde) ist sie nie gewesen. Utopie und Negation, die negativen Utopien kommen in ihrem Werk nicht vor - nicht »Das siebte Kreuz« (1942), nicht einmal die angeblich kafkaeske Welt von »Transit« (1944) spiegeln solche Perspektiven wider. Anna Seghers setzte auf die Hoffnung stets mehr als auf den Pessimismus, sie war eine unverdrossene Autorin des Positiven.
Die Helden ihrer antifaschistischen Romane sind Helden des Widerstands in einer mörderischen Maschinerie. Sie bestehen ihre solidarischen Lebensproben noch im Tod; Romane wie »Der Kopflohn« (1933) und »Die Rettung« (1937) führen jedoch an die Wurzeln des Faschismus und zeigen ein Geschichtsbild, dessen Zentrum jene Niederlage von 1918/19 ist, »die die Revolution in Deutschland erlitten hat«.
Psychologie und Soziologie des ländlichen Kleinbürgertums bilden die Folie einer Menschengestaltung, die sich eher an Tolstoi als an Dostojewski orientiert - und an den Theorien von Lukacs eher als am Beispiel Brechts: Das heißt, daß Anna Seghers sich der realistischen Tradition einzuordnen suchte und nicht auf die Provokation avantgardistischer Neuerung setzte.
Wenn im »Siebten Kreuz« der Held Georg Heisler dem Konzentrationslager entflieht, dann wird seine Flucht von einer »Kette von Händen« ermöglicht und gesichert: Menschliche Solidarität drückt sich politisch als »Volksfront« aus; Antifaschismus war für Anna Seghers immer auch erlebte Menschlichkeit, war immer auch Hoffnung auf die Korrektur einer fehllaufenden Geschichte.
Korrigiert sollte nach 1945 werden. Einst verfolgte Antifaschisten übernahmen den Teil Deutschlands, aus dem dann die DDR wurde. Und aus den Helden des antifaschistischen Widerstands wurden auch in der erzählten Welt der Anna Seghers die neuen Helden des sozialistischen Aufbaus; die negative Folie, auf der ihre Helden Helden waren, wurde ins Positive gewendet - die fehlgelaufene Geschichte lief nun richtig. Da wurde aus der kommunistischen Realistin der antifaschistischen Zeit immer mehr die sozialistische Schriftstellerin einer kommunistischen Utopie. Und zunehmend gerieten die Gestalten ihrer Romane und Erzählungen, die im antifaschistischen Kampf die Ideale einer menschlichen Gesellschaft verkörpert hatten, zu literarischen Figurinen, denen der sozialistische Aufbau die Plakate einer kommunistischen Ideologie in die Hände drückte.
Die drei Romane »Die Toten bleiben jung« (1949), »Die Entscheidung« (1959) und »Das Vertrauen« (1968) dokumentieren den Weg einer großen Erzählerin, die hinter diesen Plakaten immer weniger nach der Wirklichkeit fragte und suchte.
Sie wurde zum Denkmal jenes »sozialistischen Realismus«, der doch allenfalls ein sozialistischer Utopismus ist.
Anna Seghers wollte immer auch ein besseres Leben herbeischreiben, sich der Utopie verschreiben; Hoffnung war ihr Geschäft. Aber auch Hoffnungen werden stumpf und verlieren ihre vorwärtstreibende, stimulierende Kraft, wenn sie schon für erfüllte Wirklichkeit genommen, ja dafür ausgegeben werden. Solchen Hoffnungen sind alle Fragen, alle Zweifel verstummt.
Anna Seghers hat sich in den letzten Jahren kaum mehr zu Wort gemeldet.