BÜCHER Anwalt der Verdammten
Sein Pamphlet »Die Verdammten dieser Erde« wurde die Bibel der Befreiungsbewegungen. »Europäer, schlagt dieses Buch auf«, eiferte Jean-Paul Sartre im Vorwort, »habt den Mut, es zu lesen, weil es euch beschämen wird.« Vier Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Schrift und dem Tod ihres Autors Frantz Fanon beschreibt eine ehemalige Kollegin und Mitkämpferin Fanons Schaffen. Die in Frankreich lebende jüdisch-algerische Psychotherapeutin Alice Cherki arbeitete mit dem aus der Karibik stammenden schwarzen Intellektuellen mehrere Jahre in Krankenhäusern Algeriens und Tunesiens.
Einfühlsam schildert sie Fanons Lebensweg: Kindheit in einer Mittelschichtsfamilie auf Martinique, Freiwilliger im Krieg gegen Hitler-Deutschland, Studium in Frankreich, als Psychiater nach Algerien. Dort behandelt Fanon Folteropfer aus dem schmutzigen Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich. Angewidert geht er 1957 nach Tunesien und arbeitet als Arzt und Agitator für die algerische Befreiungsbewegung FLN. Fanon stirbt 1961 mit nur 36 Jahren im US-Marinehospital von Bethesda bei Washington an Leukämie. Drei Monate nach Fanons Tod öffnet General de Gaulle den Weg zu Algeriens Unabhängigkeit.
Der undogmatisch denkende Fanon ahnte viele Übel in den befreiten Ländern der Dritten Welt voraus. So warnte er vor Korruption, Vetternwirtschaft, ethnischen Konflikten, Einparteien-Herrschaft - und den Risiken des Islamismus. Dem auf die Kraft des Islam bauenden iranischen Denker Ali Schariati schrieb er: So »respektiere ich deine These, dass der Islam, mehr als jede andere soziale und ideologische Macht, ein antikolonialistisches Potenzial und eine anti-westliche Natur besitzt. Ich fürchte allerdings, dass die Wiederbelebung des sektiererischen und religiösen Geistes die Nation von ihrer Zukunft abhält und sie krampfhaft in ihrer Vergangenheit festhält.«
Alice Cherki: »Frantz Fanon. Ein Porträt«. Edition Nautilus,Hamburg; 352 Seiten; 24,90 Euro.