Apostel
Noch herrschte an diesem 15. Mai 1943 große Freude in allen alliierten Hauptquartieren. Zwei Tage zuvor war der Kampf in Nordafrika mit der Kapitulation der letzten deutschen und italienischen Verbände zu Ende gegangen. Stalin sandte Glückwunschtelegramme an Roosevelt und Churchill.
Er tat noch mehr. Gleichsam als Gegengabe überraschte er seine Kriegsfreunde mit dem Auflösungsdekret der Kommunistischen Internationale.
Damals kommentierte der Reuterkorrespondent Harold King die »Entlassung der nationalen kommunistischen Parteien aus der Botmäßigkeit der Moskauer Dachorganisation« freundlich. »Der Kommunismus wird aufhören, eine internationale Organisation zu sein. In jedem Lande wird die kommunistische Partei eine Landespartei werden«, schrieb er. Er verwies auch darauf, daß das Auflösungsdekret die Unterschriften von 17 Kommunistenführern aus aller Welt trug.
»Niemals«, meint die USA-Zeitschrift »Time« bei der Betrachtung dieser Liste, »errang eine Personengruppe - nicht einmal die Zwölf Apostel - einen so gewaltigen Einfluß in so vielen Ländern wie diejenigen, welche die große leere Geste der Komintern-Auflösung mitmachten.« Die Zeitschrift zählt auch jene acht Unterzeichner auf, die heute in europäischen Auseinandersetzungen genannt werden.
Otto Kuusinen, Präsident der Karelo -Finnischen Sowjetrepublik, eröffnet den Reigen. Schon drei Jahre bevor er in Moskau unterschrieb, war er an den Ort seiner zukünftigen Tätigkeit zurückgeschickt worden. Allerdings nur vorübergehend. Während des russisch-finnischen Winterkrieges 1939/40 bildete er in der Grenzstadt Terijoki eine finnische Gegenregierung. »Volksregierung der finnischen demokratischen Republik« nannte sie sich.
Nach dem vorübergehenden Friedensschluß vom 10. März 1940 leistete die Sowjetregierung offiziell »Verzicht« auf die vier Monate früher von ihr anerkannte »Volksregierung«. Kuusinen ging zurück nach Moskau. Dort hatte der einstige sozialdemokratische finnische Erziehungsminister und Begründer der kommunistischen Partei Finnlands schon seit 1931 als Mitglied des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale gewirkt.
Am 3. September 1944 schied Finnland aus dem Kriege aus. Aber auf Kuusinen wartete kein Posten in Helsinki. Er wurde Präsident der aus den an Rußland abgetretenen Gebieten gebildeten Karelo-Finnischer Sowjetrepublik. Und stieg in dieser Eigenschaft unter die Vizepräsidenten des Obersten Sowjets auf.
Wohl die dramatischste Rückkehr inszenierte Palmiro Trogliatti. Nach 18jähriger Abwesenheit im März 1944. In Bari tagte das italienische Befreiungskomitee. Es wollte mit der Regierung des Marschalls Badoglio brechen und sofort das Haus Savoyen in die Verbannung schicken.
Da erschien, im Nonstop-Flug aus Moskau, Togliatti. Er mußte erst seine Identität mit dem einstigen Genueser Kommunistenführer beweisen. In den Zwischenjahren hatte er sich Ercole Ercoli genannt, und in seinen Kriegsreden an die italienischen Landsleute von Moskau aus hieß er Mario Correnti.
Nun hieß er wieder Togliatti. Mit Vornamen Palmiro, den ihm sein Vater, der kleine Buchhalter, einst gegeben hatte, weil er an einem Palmsonntag (vor 54 Jahren) geboren wurde. Der Mann mit den spöttisch blickenden Augen hinter der großen Hornbrille. »der einzige Kommunist mit einem Lächeln, wie amerikanische Beobachter sagten, bestimmte denn Kongreß in Bari, einstweilen ein Kompromiß mit Badoglio zu schließen. Und auch den König zunächst König sein zu lassen.
Der kluge Jurist Togliatti, »vielleicht der größte Kommunist seit Lenin«, meint »Time«, ging auch weiter diesen »sanften Weg«. Wohl verzichtete er bald wieder auf einen Ministerposten, aber als in der Nationalversammlung darüber abgestimmt wurde, ob der Katholizismus Staatsreligion bleiben solle, sagten Togliatti und die Seinen »Ja«.
Auch in dem Leben Georgi Dimitroffs spielt eine Luftreise eine erhebliche Rolle. Es war nach dem Reichstagsbrandstifterprozeß. Der Bulgare, der sein Vaterland nach dem Attentat auf die Kathedrale in Sofia 1925 hatte verlassen müssen, war am 5. März 1933 in Berlin verhaftet worden. Im Dezember mußte er freigesprochen werden. Im Februar 1934 wurde er im Flugzeug nach Rußland geschafft.
Die Gestapo hatte in das Flugzeug eine Zeitzünderbombe einbauen lassen. Die Maschine sollte mit dem Fahrgast (und der Besatzung) über russischem Boden explodieren. Bei der Zwischenlandung in Königsberg ließ ein Beamter, der Deruluft, der Deutsch-Russischen Luftverkehrsgesellschaft, die Bombe aus dem Flugzeug entfernen Dimitroff wurde in Moskau begeistert begrüßt.
Er kam nicht zum ersten Male. Er war zwischen 1925 und 1933 schon mehrfach in Moskau gewesen. Als Mitglied der Komintern. Er nahm seinen alten Arbeitsplatz wieder ein. Bald rückte er zum Generalsekretär auf.
Er war der letzte Träger dieses Amtes. Im September 1944 erschien er in Sofia. Seine kommunistischen Landsleute erhoben ihn auf den Schild. Er machte aus allen Parteien die eine »Vaterländische Front«. Sie trug den 65jährigen im November 1946 in sein erstes ordentliches Staatsamt. Es war das des Regierungschefs.
Mathias Rakosy kam erst im Frühjahr 1945 nach Ungarn zurück. Er konnte sich gewissermaßen sofort als Regierungsmann ausgeben. In London hatte er einer ungarischen Exilregierung angehört. Der Weg zum stellvertretenden Ministerpräsidenten in Budapest war also nicht weit.
Zweimal war Rakosy durch die Moskauer Schule gegangen. 1919 hatte er der Räteregierung Bela Khuns angehört. Nach dem Zusammenbruch verschwand er in der Sowjetunion. Aber schon 1924 kehrte er zurück. Um bereits 1926 wegen Teilnahme an einem »kommunistischen Staatsstreich« zu acht Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. 1934, kaum entlassen, wurde er erneut verhaftet. 1940 gelang es ihm, nach Moskau zu entkommen.
Ueber London führte sein Weg in die ungarische Heimat zurück. Er begnügte sich dort, wenigstens offiziell, mit der Stellung des zweiten Mannes. Er will sich auch jetzt damit begnügen, obwohl die Kleinen Landwirte in Nagy ihren ersten Mann verloren haben.
Frühling und Frühsommer 1945 war überhaupt die Zeit der Heimkehr für viele aus Moskau. Da kam der tschechische Tischler Klement Gottwald wieder nach Prag. Ein Jahr später, nach dem Wahlsieg der Kommunisten, war der 50jährige Ministerpräsident. Er ist es heute noch und hat vorerst keine ernstliche Opposition zu fürchten.
Völlig im Hintergrund dagegen blieb die rumänische Kommunistin Anna Pauker, die »Passionaria« des Südostens. Sie verschmähte jedes Staatsamt und wirkte weiter im Dunklen, wie sie es immer getan hatte. Nur als vor einiger Zeit Gerüchte über die Bildung einer »Balkan-Zentralregierung« umliefen, wurde auch sie als zukünftiges Kabinettsmitglied genannt.
Der französische Kommunistenführer Maurice Thorez hat sich gerade erst durch Ramadier »aus der Regierung herausmanövrieren lassen«, wie die Schweizer »Weltwoche« meint. Seit dem November 1945 hatte er als Staatsminister und dann als stellvertretender Ministerpräsident verschiedenen Kabinetten angehört.
Im Frühsommer 1945 kam schließlich auch Wilhelm Pieck nach Deutschland zurück. Aus dem Präsidenten des Zentralkomitees der KPD wurde binnen Jahresfrist der »Vater der Einheit«.
Getrennt - im Geiste vereint Kreml-Schüler: Georgi Dimitroff, Klement Gottwald, Palmiro Togliatti, Maurice Thorez, Anna Pauker