DIE GEHEIMNISSE DES WEIBLICHEN KÖRPERS TEIL 2 »Apparate der Lust«
Nancy Burley, Dozentin für Evolutionsbiologie und Ökologie an der University of California in Irvine, spielt Maskenball mit Vögeln. Sie nimmt männliche Zebrafinken und verkleidet sie. Ein normaler Prä-Burley-Zebrafink ist ein hübsches Tier: mit rotem Schnabel und orangefarbenen Wangen, zebragestreifter Brust, orangegetupften Unterflügeln und mit senkrechten weiß-schwarzen Strichen über und unter den Augen, die an Pantomimengesichter erinnern.
Was der Zebrafink im Gegensatz zu manchen anderen Vogelarten nicht hat, ist eine Haube. Also verpasst Burley den Männchen eine. Dem einen etwa appliziert sie eine hohe weiße Vogelkochmütze, dem anderen einen nicht minder prächtigen roten Federputz.
Indem Burley die äußere Erscheinung, die Finkigkeit, des Finken modifiziert, verändert sie auch sein Leben. Wie sie durch eine Reihe wunderbarer, amüsanter, wichtiger Experimente nachweisen konnte, haben Zebrafinkenweibchen nämlich sehr entschiedene Ansichten bezüglich solcher Verschönerungsmaßnahmen. Die hohen weißen Kochmützen finden sie ganz hinreißend, und dementsprechend reißen sie sich darum, sich mit einem dergestalt ausgestatteten Herrn zu paaren.
Normalerweise teilen sich Zebrafinken die Brutpflege und wechseln sich beim Füttern der Jungen ab, aber wenn ein Weibchen einen Weißbemützten ergattert hat, legt es bereitwilligst Sonderschichten ein und erlaubt seinem Gatten zu faulenzen - nur dass der Nichtsnutz nicht faulenzt, sondern sich mit anderen Weibchen herumtreibt. So ergeht es eben der tumben Frau, die meint, unter einer Tolle müsse auch ein toller Mann stecken.
Aber setz einem Männchen eine hohe rote Mütze auf, und die Weibchen kehren ihm sofort den Bürzel zu. Nichts zum Vorzeigen, der Typ. Kannste geschenkt haben, Schwester. Und wenn ein rotbehaubtes Männchen es trotz allem doch schafft, eine Partnerin abzubekommen, steht es fortan unter dem Pantoffel und hat so viel mit der Pflege und Fütterung seiner Sprösslinge zu tun, dass ihm überhaupt keine Zeit für außereheliche Affären bleibt - für die sich im Übrigen ohnehin keine Interessentinnen finden würden.
Zebrafinkenweibchen haben eigentlich keinen vernünftigen Grund, auf weiße Toques zu fliegen. Wir können schwerlich sagen: Ja, klar, die weiße Haube dient den Weibchen als Indikator
dafür, dass das Männchen einen guten Vater abgeben wird oder dass es robuste Gene hat und deswegen einen guten Fang darstellt. Wie soll ein Zebrafink mit einer weißen Haube als Träger beson-
ders hochwertiger Zebrafinkgene angesehen werden, wenn er von Haus aus überhaupt keine Haube hat.
Die unerwarteten Resultate liefern vielmehr eine Bestätigung der so genannten Theorie der sensorischen Ausnutzung ("sensory exploitation") bei der Partnerwahl. Nach dieser Theorie nutzt die weiße Haube einen neurophysiologischen Prozess im Gehirn des Zebrafinkenweibchens aus, der eigentlich einem anderen, unbekannten Zweck dient, aber leicht abgelenkt und von einem »uneigentlichen« Reiz erregt werden kann.
Die Mütze stimuliert eine bestimmte neuronale Bahn und lockt damit das Weibchen an, das zwar nicht weiß, warum, aber doch weiß, was ihm gefällt. Wir können diese Regung durchaus nachvollziehen: die Faszination durch einen Gegenstand, den wir für schön erachten.
»Der Mensch verfügt über einen erlesenen Sinn für Ästhetik, der reiner Selbstzweck ist«, sagt Burley. »Unsere Fähigkeit, ein impressionistisches Gemälde zu schätzen, kann nicht als zweckmäßig bezeichnet werden. Wie ich die Sache sehe, ist es genau das, was wir bei den Zebrafinken beobachten. Die Vorlieben sind ästhetisch, nicht durch Nützlichkeitsdenken begründet. Sie stehen in keinerlei praktischem Zusammenhang mit Fortpflanzungsstrategien.«
Doch sollte eines Tages ein männlicher Zebrafink mit einem mutierten Gen geboren werden, das ihm den Anflug eines weißen Kopfputzes verleiht, dann sprechen die Ergebnisse der Versuche dafür, dass das neue Merkmal sich durch natürliche Zuchtwahl rasch ausbreiten und intensivieren wird, bis eine neue Unterart entstanden ist, die von Natur aus die Toque aufweist, die Burley ihren Vögeln nur leihweise überlässt. Ohne Zweifel würden dann einige Forscher in dieser hypothetischen Zukunft annehmen, dass die auffällige Kopfbedeckung des Finken eine Bedeutung habe, dass sie ein Indikator zebrafinkischer Fitness sei, und sie würden allerlei Spekulationen über den adaptiven Charakter dieses Merkmals anstellen.
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Die Brüste einer Frau, behaupte ich, sind durchaus mit Burleys weißen Hauben zu vergleichen. Sie sind hübsch, sie sind Aufsehen erregend, sie sind unwiderstehlich. Aber sie sind arbiträr, und sie bedeuten von sich aus weit weniger, als wir gemeinhin annehmen. Ich weiß sehr wohl, dass diese Auffassung auf Zweifel und Widerstand stößt.
Die Evolutionsbiologie hat schon viele Erklärungen für die Existenz der Brüste vorgeschlagen, wobei sie ihnen in der Regel einen symbolischen oder funktionellen Wert zuschreibt: als Signalreize nämlich, die dem Mann benötigte Informationen über seine potenzielle Partnerin übermitteln. Und wie könnten wir den Brüsten auch einen evolutionären Wert absprechen, wo sie sich uns förmlich aufdrängen und um eine Entschlüsselung ihrer Geschichte betteln?
Ich bleibe bei meiner Behauptung, dass die Brüste grundsätzlich aus purem Zufall entstanden sind. Sie sind »sensorische Ausnutzer«. Über Gesundheit, Wert oder Gebärfreudigkeit ihrer Trägerin sagen sie wenig oder nichts aus. Sie sind bloße Staffage.
Wenn wir nach Mitteln und Wegen suchen, unsere Brüste formal aufzuwerten und zur Geltung zu bringen, sie zu zwingen, wie unnatürliche, fast absurd lächerliche Barbie-Puppen-Sprengköpfe in den Raum zu ragen, dann tun wir nichts anderes als das, was Brüste von sich aus schon immer getan haben: einen irrationalen ästhetischen Geschmack anzusprechen, der keinerlei Funktion besitzt, aber ständig darum bettelt, ergötzt zu werden.
Die idealen Brüste sind - und waren zu allen Zeiten - stilisierte Brüste. Sie bieten sich zu täuschender und phantasieanregender Verhüllung an. Sie lassen sich hervorkehren oder herunterspielen, ganz wie ihre Eigentümerin es wünscht, und diese Variabilität ist bereits in ihrer Substanz begründet: Sie sind weich und nachgiebig, Wachs in den Händen der Künstlerin. Sie sind, bei Licht betrachtet, ziemlich komische Dinger, und wir sollten lernen, über sie zu lachen - was uns leichter fallen wird, wenn wir sie zunächst einmal ernst nehmen.
Das Nächstliegende, was sich über Frauenbrüste sagen lässt, ist, dass sie sich von jedem anderen Primatenbusen unterscheiden. Die Brüste einer Menschenäffin schwellen nur an, wenn sie säugt, und die Größenzunahme ist in der Regel so bescheiden, dass sie unter der Körperbehaarung fast völlig verborgen bleiben kann. Sobald die Mutter ihr Junges entwöhnt hat, werden ihre Brüste wieder flach.
Nur bei Menschenweibchen schwellen die Brüste bereits in der Pubertät an, bevor es zur ersten Schwangerschaft kommt und sogar physiologisch kommen könnte, und ebenfalls nur bei Menschenweibchen bleiben sie ein Leben lang mehr oder weniger prall. Tatsächlich vollzieht sich die Vergrößerung der Brust bei schwangeren und stillenden Frauen völlig unabhängig von der pubertären Brustentwicklung und auch auf weit gleichförmigere Weise: Die Brüste einer flachbrüstigen Frau nehmen während der Schwangerschaft, absolut gesehen, in etwa gleich viel zu wie diejenigen einer Großbusigen.
Bei jeder Frau erfolgt die Vergrößerung der Brust während Schwangerschaft und Stillzeit durch eine zahlen- und größenmäßige Zunahme der Zellen der Drüsenläppchen und Milchgänge durch verstärkte Durchblutung, durch Einlagerung von Wasser sowie durch die Milch selbst. Flachbrüstige Frauen besitzen exakt die gleiche Menge Milchdrüsengewebe wie großbusige - in nichtmilchendem Zustand rund einen Teelöffel voll pro Brust -, und produzieren damit auch die gleiche Menge Milch. Auf Grund ihrer funktionellen Natur steht die Milchdrüse unter einem hohen Selektionsdruck, der es ihr angeraten erscheinen lässt, sich eines vergleichsweise standardisierten Verhaltens zu befleißigen.
Die Größenzunahme der ästhetischen Brust ist eine ganz andere Angelegenheit. Hier ist die spezifische Ausbildung des Fett- und Bindegewebes der Brust für die Masse verantwortlich. Als Gewebearten mit nur wenigen zellulären Pflichten und mit nur wenigen funktionalen Einschränkungen können es sich Fett und Bindegewebe leisten, sich den Launen der Mode und den Erfordernissen sensorischer Ausnutzung zu fügen. Sie können nahezu beliebig wachsen und gedeihen, ohne ihrer Trägerin allzu viel Beschwer zu bereiten - wenigstens bis zu einem gewissen Grad.
Die so auffälligen Größenschwankungen ausgesetzte ästhetische Brust ist nicht die mammalische Brustdrüse, die, als ein Organ, einen unverzichtbaren Bestandteil unserer Anatomie darstellt. Im Gegenteil: Die ästhetische Brust ist nicht nur funktionslos, sie ist geradezu funktionswidrig, was auch genau der Grund ist, warum sie uns so schön erscheint. Das Praktische reizt uns nicht.
Die mütterliche Brust beruhigt uns und lädt uns zum stillen Verweilen ein. Die ästhetische Brust erregt uns, packt uns bei den Jackenaufschlägen, und genau aus diesem Grund und zu diesem Zweck wird sie auf Plakaten und Titelblättern und wohin wir auch schauen eingesetzt.
Die zwei Begriffsmodelle der Brust sprechen zwei deutlich unterschiedene sensorische Bereiche an. Der eine ist uralt und logisch: die Liebe zu Mama und mammae. (Sarah Blaffer Hrdy schreibt: »Das lateinische Wort für ''Brust'', mamma, leitet sich vom klagenden Ruf ''Mama'' ab, den kleine Kinder aus ganz unterschiedlichen Sprachgemeinschaften spontan ausstoßen und der oft eine ganz konkrete dringende Aufforderung übermittelt: ''Säuge mich!''") Der andere sensorische Bereich ist viel jünger, und er ist oberflächlicher und weniger zweckmäßig. Und da sie ausschließlich menschlich ist, plustert sich die ästhetische Brust auf und nennt sich göttlich.
»Jeder liebt Brüste«, sagte Anne Hollander, die Verfasserin von »Seeing Through Clothes«, zu mir. »Babys lieben sie, Männer lieben sie, Frauen lieben sie. Die ganze Welt weiß, dass Brüste Apparate der Lust sind. Sie sind ein kostbarer Besitz der menschlichen Rasse.« Was wir lieben, ist nicht die Brust per se, sondern die Fantasy-Brust, die ästhetische Brust ohne jedweden praktischen Wert.
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An wirklichen Frauen habe ich Brüste so individuell wie Gesichter gesehen: schlauchförmige Brüste, tropfenförmige Brüste, hängende Brüste, himmelfahrtsnäsige Brüste, von dicken, dunklen Brustwarzen beherrschte Brüste, Brüste mit Knospen so blass und klein, wie nur eben hingetuscht. Wir setzen Hängebrüste irrigerweise mit alten Brüsten gleich, aber tatsächlich kann die Brust in jedem Alter erschlaffen. Bei manchen Frauen lässt der Busen gleich von Anfang an die Nase hängen.
Wir wissen nicht, warum es so auffällig verschiedene Brustgrößen gibt oder was genau das Wachstum der Brust regelt, insbesondere des Fettgewebes, das den menschlichen Brüsten ihr Volumen verleiht. In ihrem Milchdrüsenaspekt folgen menschliche Brüste durchaus dem normalen Säugerstandard. Eine Milchdrüse ist eine modifizierte Schweißdrüse, und Milch ist stark angereicherter Schweiß.
Prolaktin, das für die Milchproduktion verantwortliche Hormon, geht zeitlich der Entwicklung der Säugetiere voraus: Ursprünglich bestand seine Funktion darin, im Organismus früher Wirbeltiere den Salz-Wasser-Haushalt zu regulieren. Vereinfacht gesagt, es ermöglichte Fischen zu schwitzen. Bei den Kloakentieren, also Schnabeltier und Ameisenigel, die als die urtümlichsten heute noch lebenden Säugetiere gelten und keine Zitzen besitzen, sickert die Milch, fast genauso wie es beim Schweiß passiert, aus der Drüse direkt durch die Haut der Mutter und wird von den Jungen abgeleckt.
Die ontogenetische Entwicklung des Milchdrüsengewebes setzt früh ein, bereits in der vierten Gestationswoche. Sie äußert sich zunächst als zwei parallele Milchleisten, archaische mammalische Strukturen, die sich von den Achselhöhlen bis hinunter zur Leistengegend erstrecken. Beide Geschlechter besitzen Milchleisten, aber nur im weiblichen Embryo erhalten diese eine ausreichende hormonelle Stimulierung.
Säugetiere wie Elefanten, Rinder, Ziegen und Primaten, die in der Regel nur ein bis zwei Jungen auf einmal gebären, benötigen nur zwei Milchdrüsen, und so bildet sich der größte Teil der Milchleisten schon im Embryonalstadium wieder zurück. Bei den vierbeinigen Grasfressern sind es die untersten, zwischen den Hinterbeinen lokalisierten Milchdrüsen, die zur vollständigen Entwicklung kommen, so dass die Jungen im Schutz des Brustkorbs und der mächtigen Hinterschenkel der Mutter saugen können. Bei Menschen, Affen und fast allen Halbaffen, deren Jungen entweder in den Armen gehalten werden oder sich am mütterlichen Brustfell festhalten, sind die Milch spendenden Zitzen die zwei obersten, den Achselhöhlen am nächsten gelegenen.
Unsere potenziellen Brüste gehen uns allerdings nicht spurlos verloren. Die Milchleiste erinnert uns subkutan an unsere Abstammung: Das Brustgewebe ist im Körper weit stärker verbreitet, als die meisten von uns ahnen. Es reicht vom Schlüsselbein bis hinunter zu den letzten zwei Rippen und vom Brustbein zum hinteren Rand der Achselhöhle.
Kein anderes Organ mit Ausnahme der Gebärmutter verändert sich hinsichtlich seiner Größe, Form und Funktion so drastisch, wie es die Brust während der Pubertät, Schwangerschaft und Stillzeit tut. Und gerade weil sie zwischen Menarche und Klimakterium ständig darauf gefasst sein muss, ihr Volumen zu ändern, mit jedem neuen Maul, das es zu stopfen gilt, zu wachsen und anschließend wieder zusammenzuschrumpfen, ist die weibliche Brust so anfällig für Krebs. Die genetischen Kontrollmechanismen, die das Zellwachstum überall sonst im Körper in kanonischen Grenzen halten, sind in der Brust erheblich gelockert, wodurch Neoplasmen jeder Art besonders leichtes Spiel haben.
Die ästhetische Brust entwickelt sich vor der drüsigen. Im Anfangsstadium der Adoleszenz beginnt das Gehirn Schübe von Hormonen abzusondern, die die Eierstöcke stimulieren. Die Eierstöcke ihrerseits setzen Östrogene frei, und die Östrogene wiederum regen den Körper dazu an, in der Brust Fettdepots anzulegen. Dieses Fettgewebe lagert sich in einer schwammartigen Matrix aus Bindegewebe an. Dieses Bindegewebe ist äußerst dehnbar und kann damit alles aufnehmen, was ihm der Organismus an Fett zuführt. Durch seine Elastizität verleiht es den Brüsten außerdem ihre wuppende Festigkeit.
Die Östrogene sind notwendig für die ästhetische Brust, aber sie reichen nicht aus. Diese Hormone allein erklären noch nicht die hohe Variabilität der Brustgröße. Eine Frau mit großen Brüsten hat nicht unbedingt einen höheren Östrogenspiegel als ihre flachbrüstige Schwester. Das Brustgewebe spricht in unterschiedlich hohem Maß auf die Östrogene an, und der individuelle Grad der Empfindlichkeit ist zum Teil genetisch bestimmt. Östrogenempfindliche Frauen können nach mehrwöchiger Einnahme der Antibabypille feststellen, dass sie einen größeren BH brauchen, während die unempfindlichen Frauen ovulationshemmende Mittel schachtelweise schlucken können, ohne dass sich ihr Busen auch nur im Geringsten rührt.
Umgekehrt können Androgene, wie zum Beispiel Testosteron, die Anlagerung von Brustfett hemmen. So können Frauen mit genetisch bedingter Androgenresistenz sehr große Brüste bekommen. Männer, deren Keimdrüsen nicht genug Testosteron produzieren, leiden bisweilen an Gynäkomastie: Ohne die hemmende Wirkung des Testosterons haben die im männlichen Organismus produzierten geringen Mengen an Östrogenen Gelegenheit, rasch selektive Fettdepots anzulegen und wieder einmal vorzuführen, wie dünn die Trennlinie zwischen Männlich und Weiblich ist - so dünn wie die androgyne embryonale Geschlechtsfalte, so dünn wie die Milchleiste, die wir im Mutterleib alle besaßen.
Doch auch die Androgene reichen zur Erklärung der von Frau zu Frau verschiedenen Brustgröße nicht aus. Viele Frauen mit vergleichsweise hohem Testosteronspiegel - Frauen, deren Damenbart und üppige Achselbehaarung beweisen, dass sie alles andere als resistent gegen die Androgene in ihrem Organismus sind - haben nichtsdestoweniger einen ausgeprägten Vorbau. Schilddrüsenhormone, Stresshormone, Insulin, Wachstumshormone - sie alle hinterlassen am Busen ihren jeweiligen, verschmierten Fingerabdruck. Kurz gesagt: Wir wissen nicht, was die ästhetische Brust zu dem macht, was sie ist. Wir kennen das Hormonrezept für die universale Mae-West-Brust nicht.
Die Östrogene fördern aber auch die Herausbildung der praktischen Brust, des Drüsengewebes, das planmäßig bald seinen trüben zuckerigen Schweiß absondern wird. Ein System von festen, gummiartigen Gängen und Lappen oder Lobi beginnt, sich durch Fett und Bindegewebe auszubreiten. Jede Brust hat am Ende in der Regel fünf bis neun Drüsenlappen, in denen die Milch erzeugt wird und die je einen eigenen Gang aufweisen - das Gefäß, das die Milch zur Brustwarze leitet.
Die Lobi sind in sich in rund zwei Dutzend Lobuli (Läppchen) untergliedert, die wie winzige Trauben aussehen. Die Lobi und Lobuli sind ziemlich gleichmäßig in der ganzen Brust verteilt, aber sämtliche Milchgänge führen zu einem einzigen Ziel: der Brustwarze. Wenn sich die schlängeligen Gänge der Brustwarze nähern, vergrößert sich ihr lichter Durchmesser.
Den Zustand ihrer vollkommenen Ausbildung erreichen die Milchgänge und Drüsenlappen erst mit der Schwangerschaft. Dann nämlich vermehren, verdicken und differenzieren sie sich. Die winzigen Stopfen von ohrenschmalzartiger Konsistenz, die normalerweise die Milchgänge verschlossen halten, lösen sich nach und nach auf. Während der Laktation nimmt die Brust um bis zu einem Pfund zu.
Nach dem Abstillen atrophisieren die Lobuli, bilden sich die Milchgänge zurück, zieht sich der die Brustwarze umgebende pigmentierte Warzenhof zusammen und macht sich das Fett wieder breit - jedenfalls mehr oder weniger. Frauen, die gestillt haben, klagen oft, dass ihre Brüste nie wieder zu ihrer ursprünglichen Größe und Elastizität zurückfinden.
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Brüste wiegen faktisch nur ein paar hundert Gramm, aber ideell sind sie tonnenschwer. Wie Marilyn Yalom in ihrem Werk »Eine Geschichte der Brust« so eindrucksvoll beschreibt, ist die Brust eine öffentliche Plakatwand, die jede Verlautbarung und jedes Bonmot geduldig hinnimmt, und die Hymnen der Vergangenheit lassen sich mühelos mit den Predigten von heute überkleistern.
Die vielbrüstige Göttin, der wir in vielen Kulturen begegnen, ist ein Bild von immenser Kraft. Das Gleiche gilt für die Amazonen, die mythischen Kriegerinnen, die ganz unter sich lebten und sich nur einmal im Jahr mit Männern trafen, um sich schwängern zu lassen, die ihre Töchter aufzogen, aber ihre Söhne abschlachteten, verstümmelten oder aussetzten.
Am berühmtesten sind die Amazonen wegen ihrer selbst zugefügten Mastektomien - wegen ihrer Bereitschaft, sich eine Brust abzuschneiden, um den Bogen ungehinderter spannen und sich so die sie umgebenden Männerhorden besser vom Leib halten zu können.
Für die Frauen symbolisiert die Amazone einen keimhaften Wunsch, die nostalgische Sehnsucht nach der Zukunft. In jüngerer Vergangenheit haben Frauen, denen auf Grund eines Mammakarzinoms eine Brust abgenommen wurde, die zornig-stolze Haltung der amazonischen Kriegerin eingenommen und auf Titelblättern und Werbeanzeigen ihren nackten asymmetrischen Oberkörper vorgeführt. Wo einst die Brust war, verläuft jetzt eine diagonale Narbe, die den Brustkorb wie ein Bogen oder ein Patronengurt kreuzt: erschreckend, faszinierend und schön in ihrer Wut.
Die Brust ist wie ein Brandzeichen gebraucht worden: Privatbesitz - das gehört mir. In Rembrandts berühmtem Gemälde »Die Judenbraut« sehen wir den - erheblich älteren - Bräutigam die linke Brust der Braut mit seiner rechten Hand bedecken und damit Anspruch auf sie erheben, sie in seine väterliche Obhut nehmen, während die Hand des Mädchens nach oben greift und - ob keusch, einwilligend oder zögernd, bleibt herrlich unbestimmt - die grapschende Gattenpranke berührt. Im 19. Jahrhundert wurden zum Verkauf angebotene Negersklavinnen mit nacktem Oberkörper fotografiert, wodurch ihr Status als zweibeiniges Vieh unterstrichen werden sollte. Wann immer Frauen gequält werden, sind vor allem die Brüste das Objekt der Aggression.
Heute starren die Wissenschaftler das herausragende Merkmal der weiblichen Anatomie unentwegt an und suchen nach möglichen Anhaltspunkten. Die Brüste sind ihnen immer noch ein Rätsel; und so gehört es sich auch.
Männer haben keine Brüste, aber sie erheben gern Anspruch auf sie. Sie möchten ihre Judenbraut begrapschen, und sie möchten das Gefühl haben, dass sie bei der Erfindung der Dinger ihre Hand im Spiel hatten. Daher darf es uns nicht wundern, wenn viele Evolutionstheorien darauf hinauslaufen, dass die Brüste entstanden, um die Männer anzusprechen.
Die mit Abstand berühmteste Erklärung dieser Art stammt von Desmond Morris, dem britischen Zoologen, der 1967 das spektakulär erfolgreiche Buch »Der nackte Affe« veröffentlichte und darin eine ganz spezielle Metapher vorstellte: die Brüste als Nachahmung der Pobacken. Wie Mick Jagger weigert sich diese Theorie bislang, von der Bühne abzutreten.
Vielleicht hat Morris ja damit Recht, dass Brüste ein wenig wie Pobacken aussehen, aber wer sagt, dass es nicht genau umgekehrt war und sich runde Pobacken als Nachahmung der Brüste entwickelten? Oder aber dass beide sich unabhängig voneinander zu dieser Form hin entwickelten, weil sie nun einmal unbestreitbare ästhetische Vorzüge besitzt?
Bekannt ist, dass Frauen einen runden, festen Hintern an einem Mann ebenso verlockend finden wie Männer einen solchen an einer Frau, und dass Frauen ihn an einer Frau bemerken und Männer an einem Mann. Schöne Pobacken sind ein ansprechender Anblick, aber ihre kurvigen Konturen brauchen sie keineswegs zu dem praktischen Zweck angenommen zu haben, einen großen Muskel aufzunehmen.
Ebenso gut könnte die Rundheit des menschlichen Hinterns beiderlei Geschlechts zwecks sensorischer Ausnutzung unserer angeborenen Vorliebe für das Kurvige und Üppige gegenüber dem Geraden und Kargen selektiert worden sein. Und so könnte es sein, dass die Brüste nicht so sehr die Pobacken imitieren, als dass vielmehr beide, Brüste und Pobacken, durch Konvergenz zu einem ähnlichen Resultat gelangt sind.
Da die Brüste eine wesentliche Rolle bei der Fortpflanzung spielen, wenn sie nicht gerade als visuelle Lockmittel dienen, sind viele Forscher der höchstens partiell überzeugenden Ansicht, sie hätten sich zu dem Zweck entwickelt, potenziellen Partnern irgendeinen Aspekt des Fruchtbarkeitsstatus der Frau zu signalisieren.
Die Frauen haben gleichfalls Anspruch auf die Brüste erhoben. Meredith Small greift die Idee von den Brüsten als tragbare Speisekammern wieder auf, variiert sie aber dahingehend, dass die Vorräte eher der Frau als Notreserve als dem Mann als Fruchtbarkeitssignal gedient haben. »Eine große Brust könnte einfach ein Fettspeicher für die Weibchen einer Spezies gewesen sein, die sich in einer kargen Umwelt entwickelte«, schreibt sie.
Helen Fisher schlägt vor, die Brüste als etwas zu betrachten, das der Lust der Frau dient, quasi als gepolsterte Präsentierteller für die erogenen Brustwarzen, die, so appetitlich angerichtet, umso lieber gekost, gestreichelt und stimuliert werden.
Oder wenn sie nicht für die Frau gedacht sind, dann vielleicht für das Kind. Elaine Morgan, eine originelle, kühne Denkerin, die fast ohne jede Unterstützung unbeirrt fortfährt, die »Wasseraffentheorie« der menschlichen Evolution zu verfechten - für die es weder paläontologische noch sonstige Indizien gibt - hat mehrere Brustmodelle vorgelegt. Sie glaubt, dass der Mensch einen Teil seiner evolutionären Entwicklung im Wasser absolvierte - dass wir also teils Robben, teils Affen sind. Eine Erklärung für die Entstehung der Brüste könnte also lauten, dass sie als »Mae Wests« dienten, wie die britischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs ihre Schwimmwesten nannten - als Rettungsflöße, an denen sich die Babys während des Nuckelns festklammern konnten.
Überzeugend sind alle diese Theorien und Erklärungsmodelle nicht. Auch wenn manche partiell plausibel erscheinen, der Einwände sind viele, die dagegen sprechen.
Demgegenüber verweise ich darauf, dass wir, solange wir Menschen sind, das Vorherrschen der Kreisform beobachtet und den innigen Zusammenhang zwischen allem Runden und unserem biologischen Leben wahrgenommen haben. Der Kreis erhellt und umgrenzt. Wir können ihm nicht entrinnen. Wir können nicht genug von ihm bekommen. Wir führen ein Schwindel erregendes Leben, in dem es fortwährend rundgeht. Kein Mensch weiß, warum. Es könnte alles mit dem Gesicht angefangen haben. Das erste Objekt, dem die visuelle Aufmerksamkeit des Neugeborenen gilt, ist nicht die für das ungeübte Babyauge noch viel zu nahe Brust, sondern das Gesicht der Mutter. Menschliche Gesichter sind rund, viel runder jedenfalls als diejenigen anderer ausgewachsener Affen.
Oder war es unsere ehrfürchtige Liebe zum Licht? Die Sonne und der Mond sind rund, und je runder sie sind, desto heller leuchten sie.
Die weibliche Brust ist die offensichtlichste Weise, wie der menschliche Körper dem Kreis und der Rundung seine Reverenz erweist. Im Laufe der Jahrhunderte sind Frauenbrüste mit so ziemlich jedem runden Ding verglichen worden, das wir kennen und lieben: mit Äpfeln, Melonen, Sonnen, Monden, Kirschen, Gesichtern, Augen, orientalischen Perlen, Sphären, Mandalas, konzentrischen Welten.
Doch sich ausschließlich auf die Brust zu konzentrieren bedeutet zu übersehen, wie der Körper sonst noch in Rundheiten schwelgt. Nicht nur bei den Pobacken. Unser langer menschlicher Hals etwa geht mit einer Linie in die Schultern über, die von hinten gesehen eine Parabel der Anmut beschreibt. Auch unsere übrigen Muskeln weisen eine artspezifische Gerundetheit auf.
Dabei könnten wir stark und fruchtbar sein, schnellfüßig und milchreich und so eckig-hager wie ein Gepard. Und trotzdem haben wir unerklärlicherweise überall Kurven an uns, und wir fühlen uns zu Kurven hingezogen - und zu Leuten, die uns solche Kurven unter die Nase halten.
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Der Zebrafink ist ein geborener Ästhet, aber anatomisch und intellektuell hat er seine Grenzen. Er kann sich seine Hüte nicht selbst fabrizieren. Wäre er dazu im Stande, könnte er wagemutig werden. Er könnte anfangen, sich Hauben so hoch wie die Haare Marie-Antoinettes zu bauen. Eine Haube wäre ein perfektes Merkmal zum Akzentuieren. Eine solche Federkrone kann man dazu bringen, wie ein Gockel von seinem Misthaufen herabzukrähen: Schau mich an! Nein, schau mich an! Mich!
Wir haben nicht nur Geschmack, sondern auch die erforderlichen Mittel, ihm zu frönen, ihn zu verändern und ihn zu missbrauchen. Brüste bieten sich ebenso sehr wie Federhauben zu allerlei Manipulationen an. Sie sind ideale Accessoires, und wir haben unsere sensorischen Ausnutzer weidlich ausgenutzt.
Die Fetischisierung der Brust geht Hand in Hand mit unserem Status als bekleidete Affen. In den meisten Fällen ist die ideale Brust eine erfundene Brust. Der aus dem Dekolleté hervorstrotzende Busenpopo ist ein Produkt der Schneiderkunst. Nackte Brüste tanzen nicht Wange an Wange; sie wenden sich trotzig voneinander ab. Brüste legen eine aberwitzige Form- und Größenvielfalt an den Tag, aber sie lassen sich auch in einem erstaunlichen Ausmaß normieren, und weil wir nun einmal Menschen sind und überall unsere Finger reinstecken müssen, haben wir auf Teufel komm raus normiert. Wir haben die Neigung des Auges, der Rundung zu folgen, Hemisphären zu liebkosen, schamlos ausgenutzt und haben die Brust aufgebläht und gemästet.
Zu sagen, alle Brüste seien hübsch, ist nicht anders, als sagte man, jedes Gesicht ist hübsch: Es stimmt, und es stimmt auch wieder nicht. Ja, wir alle haben unsere reizvollen Seiten, jede von uns ist ein genotypisches und anatomisches Unikat, und Einmaligkeit hat ihre unbestreitbaren Vorzüge. Gleichzeitig erkennen wir wahre Schönheit, sobald wir sie sehen. Die Schönheit ist eine Despotin, aber was soll''s.
Problematisch wird es erst, wenn wir einem ansprechenden Profil mehr Bedeutung zuschreiben, als es schon von sich aus besitzt. Ein strammer Hintern und ein properer Busen sind eine feine Sache, aber nichts davon sollte als notwendige Bedingung der Fraulichkeit gelten.
Wenn Brüste etwas Wesentliches zu sagen hätten, wären sie weniger variabel und launisch, als sie sind. Dann verhielten sie sich wie brave Milchdrüsen: einen Teelöffel voll pro Brust pro Frau und basta. Wenn Brüste reden könnten, würden sie wahrscheinlich Witze erzählen - nichts als Witze den lieben langen Tag.
© C. Bertelsmann Verlag, München 2000.Im nächsten Heft: Der Mythos vom zuckersüßen Mädchen - Frauensind voller Aggressionen - Das Wunder der Crocuta crocuta - Diebeste Freundin, die ihre Widersacherin vernichtet