Argentinien: »Ein Augenblick der Illusion«
Am vorletzten Mittwoch noch billigte Argentiniens Kongreß ein Projekt zum höheren Ruhm des Peronismus: den Bau eines über 50 Meter hohen Mausoleums in Buenos Aires. Die Heiden der Nation sollen in diesem »Altar des Vaterlandes« ihre letzte Ruhestätte finden.
Fünf Tage später schon schien gewiß, wer als erster in dieses Pantheon einziehen würde: der Initiator selbst -- Argentiniens am vergangenen Montag verstorbener Führer Juan Domingo Perón, 78.
Denn dieser Mann -- zweifellos einer der bemerkenswertesten Politiker Lateinamerikas -- war für die meisten Argentinier schon zu Lebzeiten zum Mythos geworden.
Als »wahren Apostel des Friedens« feierte ihn seine Witwe, Maria Estela Martinez de Perón, die seine Nachfolge in der Präsidentschaft antrat. Arbeiterfamilien richteten in ihren Wohnungen Altäre für den Toten her. »Perón, Perón, wie groß bist du«, riefen die Massen, die seinen Trauerzug begleiteten. Und Argentiniens Druckergewerkschaft weigerte sich, auch nur eine Zeile zu drucken, die nichts mit dem Todesfall zu tun hatte.
Bis zu drei Kilometer stauten sich die Schlangen der aus dem ganzen Land angereisten Getreuen, die an dem im Kongreß-Gebäude aufgebahrten Leichnam vorbeidefilieren wollten. Allein 17 824 der Wartenden mußten in den ersten 48 Stunden per Erste Hilfe versorgt werden. In Regen und Kälte harrten sie aus, weil Perón -- so ein Arbeiter -- »unser Vater war«.
Vergessen schien, daß »El Lider«, der Führer, bei seinem Sturz 1955 das Land nach zehnjähriger Herrschaft im politischen und wirtschaftlichen Chaos zurückgelassen hatte. Vergessen schien, daß Perón auch in seiner dritten Amtszeit -- die er vor 9 Monaten mit dem Versprechen, die Nation auszusöhnen, begonnen hatte -- gescheitert war. Eines freilich hatte der Caudillo »erstanden: Er hatte als erster den Arbeitern Argentiniens das Bewußtsein gegeben, daß sie -- wie der peronistische Gewerkschaftler Raimundo Ongaro einmal sagte, »überhaupt Menschen sind«.
Als Militärattaché in Rom hatte Juan Domingo Perón gesehen, wie Mussolini, den er für den »größten Mann des Jahrhunderts« hielt, die Massen für sich mobilisierte. Mit einer Militärjunta 1943 in Buenos Aires an die Regierung gekommen, gründete Perón seine Macht auf ein in Argentinien bis dahin ungenutztes Reservoir: das Proletariat.
Gemeinsam mit seiner charismatischen Geliebten und späteren zweiten Ehefrau Evita gewann er die »descamisados« ("Hemdlosen"), die besitzlosen Massen der Land- und Industriearbeiter, durch revolutionär anmutende Sozialreformen: durch höhere Löhne und mehr Urlaub, Altersversorgung und Kündigungsschutz, den Bau von Krankenhäusern und Arbeitersiedlungen.
Freilich, die bestehende Herrschaftsstruktur, den Großgrundbesitz, tastete Perón nicht an; die »descamisados« durften nur das Symbol der Oligarchie. den Jockey-Club, in Brand stecken. Peróns laut propagierter Kampf gegen den Wirtschafts-Imperialismus der Großmächte beschränkte sich vor allem auf den Kauf der von den Engländern betriebenen schrottreifen Eisenbahnen.
Am Ende seiner ersten Amtszeit. 1951, waren die reichen Reserven aus den Fleisch- und Weizengeschäften des Zweiten Weltkriegs aufgezehrt. Und immer mehr, vor allem nach dem Krebstod Evitas 1952. sicherte Perón seine Herrschaft durch Unterdrückung und Korruption. Der Caudillo selbst hatte, so wird geschätzt. 200 bis 300 Millionen Dollar ins Ausland geschafft, als er sich 1955 vor putschenden Militärs auf ein paraguayisches Kanonenboot flüchtete.
Dennoch gelang es Perón von seinem Madrider Exil aus, über zwölf Jahre und 10 000 Kilometer hinweg, seinen Einfluß auf den 3,5 Millionen Mitglieder starken Gewerkschaftsbund CGT und seine »Nationale Gerechtigkeitsbewegung« zu erhalten. Im Gegenteil: Sein Mythos wuchs um so mehr, als »jene, die nach uns kamen, so mies waren, daß sie uns besser erscheinen ließen, als wir waren« (Perón).
Ein geschickter Taktiker, interpretierte er sein vages politisches Credo
soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und nationale Souveränität -- gelegentlich so revolutionär, daß er, der alternde Caudillo, sogar Argentiniens linke Jugend für sich gewann. »Wenn ich fünfzig Jahre jünger wäre«, so schwadronierte Perón noch im Exil, »dann wäre ich in Argentinien. würde Bomben werfen und mit meinen eigenen Händen für Recht sorgen.« Nicht zuletzt der Guerillakampf linker Untergrundgruppen trieb schließlich die in Buenos Aires herrschenden Militärs zum Rückzug: Gegen Perón schien eine Sanierung des politisch und wirtschaftlich zerrütteten Landes nicht mehr möglich.
Doch als der bereits todkranke Volkstribun -- mit 62 Prozent der Wählerstimmen -- im Oktober vergangenen Jahres triumphal ins Präsidentenpalais Casa Rosada zurückgekehrt war, brachte er »für Argentinien«, so die Londoner »Times«. »kaum mehr als einen kurzen, berauschenden Augenblick der Nostalgie und Illusion":
Peróns »Sozialpakt«, ein Lohn- und Preisstopp. mit dem die kranke Wirtschaft des Landes saniert werden sollte. drohte einzustürzen. Trotz der Vereinbarung streikten Gewerkschaften für höhere Löhne. horteten Unternehmer Waren, um sie zu Schwarzmarktpreisen zu verkaufen.
Statt das Land auszusöhnen, hatte die Rückkehr Peróns blutigen Zwist um sein Erbe entfacht: Mindestens 200 Tote kostete bereits der nach der Manier rivalisierender Mafiabanden geführte Krieg zwischen faschistischen Schlägertrupps sowie konservativer Gewerkschaftsbürokratie einerseits und allen linken Gruppierungen andererseits, die von ihrem einstigen Idol Perón ein »sozialistisches Vaterland« erhofft hatten.
Der Cauclillo hatte in den letzten Monaten eindeutig bekundet, auf welcher Seite er stand: Die linke Peronistische Jugend schimpfte er »Verräter« und verstieß sie kurz vor seinem Tod aus der »Bewegung«. Aufsässige Jungperonisten wurden verhaftet und gefoltert -- wie zu Zeiten der Militärregime.
Linke wie Rechte freilich fühlten sich verprellt durch die Erbfolgeregelung, die »El Viejo«, der Alte, getroffen hatte: Kaum jemand schien ihnen weniger geeignet als die von Perón zur Vizepräsidentin gekürte Ehefrau Maria Estela. »Mein einziger Titel«. bekannte sie einst selbst, »ist. Schülerin Peróns gewesen zu sein.«
Sechs Jahre hatte die Tochter eines Bankbeamten die Volksschule besucht, bevor sie sich der Cervantes-Theater-Tanzgruppe anschloß. Bei einem Gastspiel im »Happyland«-Nachtklub von Panama traf Maria Estela, die sich den Künstlernamen Isabelita zugelegt hatte, 1956 den verjagten Juan Perón. Der Ex-Diktator kaufte die Tänzerin frei und engagierte sie als Sekretärin. 1961, im Madrider Exil, heiratete er die 25 Jahre jüngere Frau.
»Wie eine Maus in Bedrängnis« war die zierliche Frau Beobachtern erschienen, als sie im Auftrag ihres Mannes zweimal in politischer Mission nach Argentinien reiste. Ihr fehlte, so »Le Monde«, »das Auftreten. der Charme, der Wille. die Überzeugungskraft. die absolute Hingabe und die Genieblitze« der Vorgängerin Evita.
Wohl versuchte sie mit blondgefärbten Haaren der vergötterten Peronisten-Madonna zu gleichen. Aber: »Es gibt nur eine einzige Evita«, protestierten Parolen, mit denen bei der Rückkehr Isabelita-Plakate überschmiert wurden.
Denn bald schon galt die Perón-Gattin den linken Gefolgsleuten als Mitglied jenes »Ringes« reaktionärer Berater, den sie für die Rechtswendung des Caudillo verantwortlich machten. Allzu offensichtlich war ihre Vertrautheit mit einem Mann, der vielen Argentiniern als »Rasputin« am Hofe der Peróns erscheint: José López Rega, 54.
Vom Tango-Sänger zum Leibwächter, Privatsekretär, Astrologen, ständigen Begleiter und Hausgenossen des Präsidenten-Paares aufgestiegen, gewann »der Hexer«, wie ihn die Links-Peronisten tauften, immer mehr Einfluß. Servil stand er stets hinter dem Meister und formte dessen Worte mit den Lippen nach.
Per Dekret Nummer 1350 wurde López Rega denn auch direkt vom Polizeigefreiten zum Generalkommissar, dem höchsten Rang, befördert -- wegen seiner kaufmännischen Ausbildung, seiner Sprachkenntnisse und seiner Begabung als Maler und Bildhauer. Obendrein verwaltet er das Wohlfahrtsministerium -- jenes Ressort, in das die Spuren etlicher Morde an Linksperonisten führen.
Als einziges Regierungsmitglied rief er nach Peróns Tod im gleichgeschalteten Fernsehen das Volk zur Ruhe auf. Besitzergreifend legte er die Hände auf die Sessellehne der neuen Präsidentin, als diese sprach und »Erleuchtung und Kraft für den von Gott und Perón erteilten Auftrag« erflehte.