Viele haben sich nach dem großen und außerordentlichen Geheimnis gefragt, das sie in sich barg. Was machte Astrid Lindgren zu einer so großartigen Künstlerin? Auf welche Weise unterschied sie sich von anderen Schriftstellern? Nicht nur als eine Erzählerin für Kinder, sondern auch für Erwachsene?
Ohne Sentimentalität konnte ich als Erwachsener von neuem die Bücher lesen, die ich als Kind gelesen hatte. Astrid Lindgren betrachtete ihre Bücher und ihre erdichteten Gestalten als ihre Freunde. Und sie schickte sie als ihre persönlichen Botschafter hinaus in die Welt und ließ andere an dieser Freundschaft teilhaben: Ihre Bücher wurden in mehr als achtzig Sprachen übersetzt.
Doch ihr Geheimnis? Worin bestand es? Kann man es überhaupt ergründen? Ich erlaube mir, es zu versuchen. Ich glaube, die Antwort ist zweigeteilt. Wenn man ge-
nau auf Astrid Lindgrens Sprache hört, wie sie in ihren Erzählungen angelegt ist - über Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Michel aus Lönneberga oder Ronja Räubertochter, alle ihre erdichteten Gestalten -, so merkt man, dass sie vom mündlichen Erzählen geprägt ist. Astrid Lindgren war Schriftstellerin, sie schrieb, doch sie tat das auf eine Art und Weise, dass man sich in eine Welt der Stimmen versetzt wähnte.
Ihre Worte waren wie Türen; öffnete man sie, wurden die Stimmen dahinter hörbar. Vielleicht wie es vor langer, langer Zeit gewesen war, in ihrer eigenen Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts. Als die Menschen sich in der Dämmerung versammelten, wenn es zu dunkel war, um zu arbeiten, aber noch zu hell oder zu früh, um zu schlafen; wenn man zusammensaß und den Erzählungen lauschte; dort fand Astrid Lindgren ihren ganz eigenen Rhythmus, ihre ganz eigene Sprache. Dies, glaube ich, ist der eine Teil des Geheimnisses, das ihre Erzählungen in so vielen unterschiedlichen Kulturen so beliebt macht.
Der andere Teil des Geheimnisses ist bedeutend leichter zu enthüllen: Astrid Lindgren nahm Kinder ernst. Sie wusste, dass die Phantasie in der Welt des Kindes nicht nur ein sinnvolles Instrument zum Bauen von Waldhütten und Flößen war, oder um kleine Bäche in riesige afrikanische Ströme zu verwandeln; sie wusste, dass die Phantasie ein Überlebensinstrument war, ein Instrument, mit dessen Hilfe es möglich war, das Schwere im Leben zu ertragen.
Astrid Lindgren vergaß nie die tiefste Wahrheit über die Kindheit und das Heranwachsen; dass das, was Kinder und junge Menschen wirklich interessiert, die großen Fragen sind: nach Liebe und Einsamkeit, Verlassensein und Sehnsucht, Angst und Tod. Sie hat die Geschichten erzählt, die Kinder wirklich hören wollen, nicht die, von denen Erwachsene glauben, dass Kinder sie haben wollen.
Ich bin Astrid Lindgren mehrmals begegnet. Sie besaß eine große Wärme und eine ebenso große Integrität. Ich glaube außerdem, dass ich nie einen kindlicheren Menschen getroffen habe als sie. Und das ist wohl das Schönste, was man über einen Künstler sagen kann. Da war Astrid Lindgren in guter Gesellschaft. Ich habe nie einen bedeutenden Künstler getroffen oder von einem gehört, der nicht seine Kindheit als eine seiner größten Kraftquellen betrachtet hat.
Aber Astrid verfügte auch über eine große intellektuelle Kapazität. Sie beteiligte sich lebhaft, kraftvoll und feurig an politischen Diskussionen, ob es sich um Steuern handelte oder um die Rechte von Tieren. Ihr Ernst und ihre ironische und zugleich humoristische Sprache bewirkten, dass man auf sie hörte. All dies lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Lebenslust. Ihre kindliche Neugier verlieh ihr Kraft bis ins hohe Alter, bis sie über neunzig Jahre alt war. Ich erinnere mich an ihre milde Selbstironie und ihren tiefen Ernst.
Vielleicht ist das ihr größtes Geheimnis; die Geschichte, die sie nie schrieb. Die Erzählung, die sie selbst als Mensch ausmachte: dieses einzige Leben, das wir haben, immer ernst zu nehmen. Es nicht zu einem Nichts zerrinnen zu lassen. Deshalb ließ sie den Tod in ihren Erzählungen gegenwärtig sein. Ich glaube, sie wollte damit sagen: »Wenn du den Tod nicht siehst, kannst du das Leben nie ernst nehmen.«
Astrid Lindgren war eine der größten Erzählerinnen unserer Zeit. Es gibt jetzt eine Reihe von Menschen, wie es sie schon seit vielen Jahren gegeben hat, die meinen, ihr sollte postum der Nobelpreis verliehen werden. Warum?, frage ich mich. Astrid selbst hätte nur mit den Schultern gezuckt und die Diskussion für töricht gehalten. Sie hat sich kaum darum gekümmert, als sie lebte. Warum sollte sie sich jetzt, wo sie tot ist, darum kümmern? Astrid war zu groß für den Nobelpreis. Sie brauchte ihn nicht.
Sie hat erreicht, wovon alle Schriftsteller träumen: ein riesiges Publikum von Kindern und jungen Menschen in der ganzen Welt, die durch ihre Erzählungen Kraft und Mut zum Leben und zum Erwachsenwerden bekommen. Ihre Unsterblichkeit liegt nicht darin, dass ihr Name in einen Katalog mehr oder weniger bedeutender Nobelpreisträger eingetragen wird. Sie liegt in ihren Büchern, die heute und in Zukunft gelesen und wieder gelesen werden.
Astrid Lindgren wurde 94 Jahre alt. Sie hat sich endlich niederlegen können, um auszuruhen und sich von hier fortzuträumen in eine der vielen anderen Welten, die sie in ihrer Phantasie geschaffen hat. Für uns alle, und damit auch für sich selbst.
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.Der Schriftsteller Mankell veröffentlichte zuletzt den Roman"Die Brandmauer«.