Atomare Impotenz - DER SPIEGEL
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ENGLAND / CROSSMAN Atomare Impotenz

• aus DER SPIEGEL 14/1960
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Mit einem »Lieber Dick« überschriebenen Brief feuerte jüngst Labour-Boß Hugh Gaitskell einen Mann aus dem Schattenkabinett der britischen Arbeiterpartei, dem eine für Sozialisten wahrhaft beunruhigende Entdeckung geglückt ist - die Entdeckung nämlich, daß für die Ausrüstung Großbritanniens mit Wasserstoffbomben und Atomraketen

keine Macht der Erde heftiger plädiert als das Führerteam der Labour Party.

Der Brief des Oppositionsführers Gaitskell war adressiert an den 52jährigen Abgeordneten Richard ("Dick") Crossman, der schon seit langem mit eigenwilligen Vorschlägen - der liberale »Economist« nannte ihn »einen außergewöhnlich talentierten Ideenmenschen« - die Bürokraten seiner Partei irritiert. Einem solchen Geistesblitz hatte es Crossman auch zu verdanken, daß ihn Gaitskell seines Postens als Pensionsminister im Schattenkabinett enthob.

Anlaß des Hinauswurfs war Crossmans Angriff auf die Verteidigungspolitik Labours, mit dem er wieder einmal eine jener berühmten Wendungen vollzog, die phantasielose Kritiker für die Launen eines unbeständigen Geistes halten, die in Wirklichkeit aber verraten, daß Dick Crossman seinen britischen Zeitgenossen oft um einige Schritte voraus ist.

Richard Crossman darf für sich beanspruchen, wie kein zweiter britischer Politiker die Verteidigungspolitik seines Landes beeinflußt zu haben. Daß Großbritannien 1957 in die Reihe der Atommächte aufrückte, war nicht zuletzt Crossmans Verdienst. Selbst konservative Politiker haben den Linksintellektuellen Crossman einen der geistigen Väter der britischen Atommacht genannt.

Im Jahre 1954 veröffentlichte Crossman zusammen mit einem unorthodoxen Militärexperten der Labour-Fraktion im Unterhaus, Oberst George Wigg, einen zehnseitigen Zeitschriftenartikel, in dem er forderte, Großbritannien müsse atomar aufrüsten. Argumentierte Crossman: Der Eintritt Großbritanniens in den Atomklub der Weltmächte sei unvermeidlich, da das Land einerseits nicht aus dem Atlantikpakt austreten könne. andererseits aber in der Lage sein müsse, die »unverantwortliche Politik Amerikas« zu zügeln.

Seine Forderung nach atomarer Aufrüstung Großbritanniens begründete Crossman mit den steigenden Kosten des britischen Militäretats: Die Atombombe, so behauptete er, sei billiger als die konventionelle Rüstung; daher sei es ratsam, auf die herkömmlichen Streitkräfte zu verzichten und der H-Bombe den Vorzug zu geben. Es waren bereits just die Argumente, mit denen drei Jahre später der konservative Verteidigungsminister Duncan Sandys die britische Umrüstung begründete.

Auch Sandys und sein Premierminister, Harold Macmillan, glaubten, die atomare Rüstung werde für Großbritannien billiger sein als die konventionelle. Zudem hofften die Konservativen, die Umrüstung werde ihnen einen attraktiven innenpolitischen Schlager ermöglichen: die Abschaffung der Wehrpflicht. Auf diese unenglische Institution meinten Macmillan und Sandys verzichten zu können, sobald Kernwaffen die Unterhaltung eines Massenheeres überflüssig machten.

Indes, die Nachäffung des Crossman-Programms durch die Konservativen fand nicht die Billigung seines Erfinders. Dick Crossman hatte längst wieder die Fronten gewechselt; aus dem geistigen Vater der britischen Atomrüstung wurde ihr schärfster Kritiker. Inzwischen war dem Abgeordneten Crossman nämlich aufgegangen, daß H-Waffen viel zu teuer sind, als daß sie Einsparungen am Militäretat ermöglichen könnten. Außerdem hatten die Sowjets den amerikanischen Vorsprung auf dem Gebiet der Kernwaffen schneller eingeholt, als Crossman 1954 vorausgesehen hatte.

Crossman folgerte daraus, daß ein »Gleichgewicht des Schreckens« erreicht sei; beide Seiten, Amerika und die Sowjet-Union, würden von nun an davor zurückscheuen, einen nuklearen Krieg zu entfesseln. Weitere Konsequenz: Die konventionellen Streitkräfte wurden wieder fast genauso wichtig wie zuvor.

Abermals setzten sich Crossman und Labour-Oberst Wigg zusammen, um eine neue Formel für die Verteidigungspolitik ihrer Partei zu finden. Die beiden Verteidiger forderten im Frühjahr 1957, Großbritannien müsse zwar Verbündeter der Atommacht Amerika bleiben, seine eigene Atomrüstung aber abbauen und sich auf den konventionellen Landkrieg vorbereiten. Möglicherweise werde man sogar gezwungen sein, die Wehrpflicht beizubehalten und nicht - wie von der Regierung für 1962 vorgesehen - abzuschaffen.

Empört wiesen die Manager und auch das Fußvolk der Partei die Volk-ans-Gewehr-Vorschläge Crossmans zurück. Erschreckt von der Aussicht, die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht propagieren zu müssen, erklärte die Parteileitung, Labour habe sich nun einmal nach schweren Gewissenskonflikten für die britische Atomrüstung entschieden; nur die Mitgliedschaft im Atomklub der Weltmächte gewährleiste Englands internationalen Einfluß.

Crossman aber ließ sich von seinem neuen Programm nicht abbringen, zumal ihm nicht entgangen war, daß die Regierung selber mit dem Gedanken spielte, ihre einseitige Atomstrategie zugunsten der konventionellen Rüstung zu ändern.

Dick Crossman drängte seinen ehemaligen Schulkameraden Gaitskell, Labour solle der konservativen Regierung mit einem neuen Verteidigungsprogramm zuvorkommen. Der »Ideenmensch«, inzwischen zum Pensionsminister in Labours Schattenkabinett avanciert, sah in der bevorstehenden Debatte über das Militärbudget Macmillans die passende Gelegenheit, ein neues Programm zu verkünden. Doch Gaitskell entschied anders: Er reichte am 1. März namens der Labour Party einen Mißtrauensantrag im Unterhaus ein, mit dem die Regierung gerade wegen ihrer zu geringen Anstrengungen auf dem Gebiet der Atomrüstung kritisiert wurde.

Parteidisziplin gebot, den Mißtrauensantrag der Labour-Führung zu unterstützen. Crossman jedoch entschied sich, gegen die Verteidigungspolitik seiner eigenen Partei zu rebellieren. »Ich bin kein Pazifist«, polterte er. »Aber wenn wir uns derart von Atomwaffen abhängig machen, daß wir nicht einmal einen zweitrangigen Krieg führen können, ohne uns auf Nuklearwaffen zu verlassen, dann machen wir uns nicht stark, sondern sind impotent. Wir sind jetzt schwächer als zur Zeit der Suez-Aktion.«

Als wenige Tage später das Unterhaus über den Mißtrauensantrag Gaitskells abstimmte, ließen Crossman, Wigg und 42 ihrer Parteifreunde die Labour-Führung im Stich. Von Labours Schatten-Verteidigungsminister Brown aufgestachelt, schrieb Gaitskell daraufhin einen Brief an seinen ehemaligen Schulkameraden, worin er Crossman ultimativ aufforderte, entweder jede öffentliche Kritik an der Verteidigungspolitik der Partei zu unterlassen oder aus dem Schattenkabinett auszuscheiden. Konterte Crossman: Er würde den Posten nie angenommen haben, hätte er gewußt, daß Mitglieder des Schattenkabinetts ihre Kritik an der Politik der Partei nur privat äußern dürften.

Kurz darauf aber wurde deutlich, daß die konservative Regierung Großbritanniens längst dazu übergegangen ist, die Ideen Richard Crossmans abermals zu adoptieren. Innerhalb des Kabinetts«, meldete die konservative »Daily Mail« kürzlich, »bezweifeln bereits einige Minister privat den Sinn britischer H-Bomben. Eine beträchtliche Zahl konservativer Abgeordneter beginnt offen zu sagen, daß in der Verteidigungspolitik eine revolutionäre Änderung notwendig ist, weil das Abschreckungsmittel viel zu teuer ist und seinen vollen Wert verloren hat.«

Der Londoner »Observer« aber kommentierte spöttisch: »Gaitskell und seine Kollegen könnten vielleicht eines Morgens erwachen und dabei feststellen, daß sie die einzigen Leute in England sind, die noch an das britische Abschreckungsmittel glauben.«

New Statesman, London

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