UNTERHALTUNG Auerbachs Seller
Stacheldraht war einst ein historisches Markenzeichen der DDR, zehn Jahre nach der Wende greift der deutsche Osten ein weiteres Mal nach dem Saum, pardon, Zaun des Mantels der Geschichte. Der ist nun aus Maschendraht, soll die Menschen eigentlich fröhlich stimmen, aber ach: Aus Spaß wird Ernst. Witzischkeit, besonders hier zu Lande, kennt keine Grenzen, nicht mal die, in Humorlosigkeit überzugehen.
Szenen aus dem Vogtland am vergangenen Freitagabend. Rund 80 junge Leute lungern vor einem tristen Rauputzbau. Die Polizei ist mit acht Mann und zwei Einsatzwagen vor Ort. Die meisten Beamten tragen den Schlagstock griffbereit. Und wo die Polizei ist, ist das Fernsehen nicht weit: Wenn ein Scheinwerfer der Teams von Sat 1 und RTL auf einen der Belagerer fällt, brüllen die anderen: »Ey, du bist im Fernsehen.«
Der Ort, an dem jetzt aus einer Komödie bittere Realsatire wurde, trägt einen humoristisch vorbelasteten Namen: Auerbach. Im gleichnamigen Keller zu Leipzig hatten sich Faust und Mephisto über Studentensprüche beölt wie »Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern«.
Im real existierenden Auerbach trägt Mephisto gleich mehrere Namen: Sat 1, RTL und Stefan Raab. Regina Zindler, 51, eine in Auerbach lebende arbeitslose Sekretärin, wäre im Goethe-Stück nicht gerade Faust, eher die unfreiwillig lustige Person.
Das Vorspiel vor dem großen Theater: Schon immer tat Frau Zindler, was Deutsche aus Ost und West am liebsten tun - sich über den Nachbarn ärgern. Ein Anlass war schnell gefunden. Auf dem Grundstück des Anrainers wächst ein Knallerbsenstrauch. Der berührt Frau Zindlers Maschendrahtzaun - und wegen dieses Kontakts fängt das Metall angeblich zu rosten an.
Der deutsche Mensch kennt in solchen Fällen nur einen Weg, den vor Gericht. Aber noch mehr Autorität als Justitia besitzt Justitia im Fernsehen. So focht Frau Zindler ihren Kampf wider das Knallerbsengesträuch vor der Hamburger TV-Richterin Barbara Salesch aus, die auf Sat 1 eine Gerichtsshow mit telegenem Brillenspiel betreibt.
Wer ins Fernsehen geht, kann darin vorkommen, ohne dass er weiß, wie ihm geschieht. Der Pro-Sieben-Spaßmacher Stefan Raab, immer auf der Suche nach unfreiwilliger TV-Komik, sah Frau Zindlers Auftritt und verfing sich im Gehege ihres sächsischen Idioms, das den Streitgegenstand regelmäßig zu »Maschendrooahtzauun« verdunkelte.
Der Spaßmacher trieb seine Scherze auf Kosten der Sächsin, führte sie in seiner Sendung vor und schrieb einen Song namens »Maschen-Draht-Zaun«. Glücklicherweise im - nach dem Sächsischen - beliebtesten deutschen Idiom, dem Englischen. Denn wer möchte den Vers des Raabschen Countrysongs wirklich übersetzen: »I was the sexiest man / in the whole big town / before I ripped my balls / on the Maschendrahtzaun.«
Raabs frivole Gesänge - er beteiligte Frau Zindler mit zehn Pfennig pro Single, die sich inzwischen 800 000mal verkauft hat - ließen den Medienreaktor so richtig außer Kontrolle geraten. Zeitungsreporter streiften durch Auerbach und notierten, wie grölendes Touristenvolk den Ort eroberte.
Die Mrs. Maschendraht musste entdecken, dass Medienruhm auch seine Kehrseiten hat. Kein Frühstücks-TV auf Sat 1 mehr ohne dreifachen Auerbach. Zaunstücke wurden im Internet meistbietend versteigert, Unbekannte zerschnitten auch einen Ersatzzaun.
Die Lokalzeitung ging in Stellung gegen die Sat-1-Behauptung, Frau Zindler sei die berühmteste Frau neben Verona Feldbusch: »Wir alle sind sehr enttäuscht und betroffen, wie diese Frau vermarktet und in den Himmel gehoben wird.«
Von nun an gab's nach dem Vorspiel richtiges Theater - und fast allabendlich Party vor Zindlers Rauputzhütte.
Entnervt vom Rummel, hatte Frau Zindler Hilfe gesucht - und ausgerechnet bei RTL gefunden. Der Sender evakuierte sie samt Katze und Mann auf einen Trip nach Paris, stellte einen Wachmann vor Zindlers Maschendraht und entschuldigte die Frau vorsorglich im ABM-Job, den sie an diesem Montag antreten sollte.
Die Partygäste am Freitagabend amüsierten sich auch ohne die Zindlers prächtig. Sie ließen Dosenbier kreisen und den »Maschendraht«-Hit aus ihren Autos wummern - mochte ein grauhaariger Nachbar auch wütend »Weg da!« brüllen. Der Maurerlehrling Thomas Steckert, 19, aus dem nahen Reichenbach: »Ich will einmal im Leben den Maschendrahtzaun sehen.«
Der Polizei-Einsatzleiter René Schelmat, 40, berichtet von »Beschwerden wegen Ruhestörung und Sachbeschädigungen« und vermutet: »Die Leute reisen aus Langeweile an, zum Teil kommen die zwei Stunden aus Dresden angefahren.«
In selbstloser Scheinheiligkeit will RTL künftig verstärkt über das Medienopfer Zindler und über die »Hetzjagd« auf sie berichten. Die Konkurrenz-Samariter von Sat 1 hatten fürs vergangene Wochenende eine große Versöhnungsshow aus Auerbach aufs Programm gesetzt.
Raab, der mephistophelische Schalk, wandelte sich am Freitag zum reuigen Medienpharisäer: »Diese Entwicklung der Dinge und diese Form der Boulevard-Unterhaltung«, sagte er, »ist nicht in meinem Sinne.« NIKOLAUS VON FESTENBERG, JONAS VIERING