ARBEITSMARKT / LEIHSEKRETÄRINNEN Auf Abruf
Unter dem klassischen Signet eines nackten Supermannes von Leonardo da Vinci treibt die amerikanische Manpower Inc. ein seltsames Geschäft: Menschen-Verleih.
Manpower macht's möglich, durchreisenden Managern auf Anruf Sekretärinnen ins Hotel zu schicken. Manpower vermietet Damen und Herren, die sich auf Büroarbeit verstehen für Stunden, Tage und Wochen. Das größte und älteste Personal-Leasing-Unternehmen der Welt (570 Millionen Mark Jahreseinnahmen) hat immer eine Eingreifreserve von qualifizierten Tipperinnen und Buchhaltern zur Hand. Im vergangenen Jahr lieh es in 35 Ländern 350 000 Notdienst-Helfer aus. Sie erledigten in 180 000 Firmen über eine Million Aufträge.
Außer Manpower betätigen sich noch drei große Personal-Leasing-Unternehmen in der Bundesrepublik:
* die in Lausanne beheimatete Adia Interim GmbH & Co. KG mit etwa 5000 westdeutschen Schreibstuben-Reservistinnen,
* die rein deutsche Interim Service GmbH mit etwa 3000 gelegentlichen Miet-Mitarbeitern und
* die holländische Firma Randstad, die von Düsseldorf aus Leihkräfte auf vorübergehend freie Bürostühle katapultiert.
Alle Agenturen haben Hochkonjunktur, aber trotz starker Nachfrage stellen sie nur qualifizierte Sekretärinnen, Stenotypistinnen und Buchhalterinnen an. Bei Manpower muß jede Bewerberin einen psychologischen Test über sich ergehen lassen. »Dabei fallen meist 50 bis 70 Prozent durch und bei der fachlichen Eignungsprüfung nochmals zehn Prozent«, sagt Geschäftsführer Hans Hermann Oerke in Frankfurt.
Um seine Leasing-Jobs bewerben sich vorwiegend Hausfrauen, die zeitweilig zum Familieneinkommen etwas beisteuern müssen oder sich einen teuren Wunsch erfüllen wollen; ferner ältere Ehefrauen, denen die Hausarbeit keine Erfüllung mehr bietet, nachdem die Kinder selbständig geworden sind. Auch Berufstätige, die eine Zeitspanne zwischen Kündigung und Neuanstellung überbrücken müssen, sowie Studenten und Studentinnen melden sich bei Manpower.
Könnerinnen werden gut honoriert, aber auch die Leihfirmen lassen sich die Miete vergolden. Wer ihre Damen in Anspruch nimmt, muß außer dem vereinbarten Lohn 20 bis 30 Prozent Aufschlag zahlen. So verlangt Manpower zum Beispiel für eine Sekretärin, die normalerweise 915 Mark, einschließlich anteiligem Urlaubsgeld, verdienen würde, 1570,36 Mark. Davon zahlt die Verleihfirma der Leasing-Kraft 907,38 Mark Gehalt und 113,04 Mark Kranken- und Sozialversicherungsbeitrag. Manpowers Einnahme an einem Job: rund 530 Mark.
Bei Adia Interim kostet eine versierte Sekretärin 1557 Mark Monatsmiete. Sie selbst erhält davon aber nur 907,50 Mark (pro Arbeitsstunde 5,23 Mark). Das Schweizer Unternehmen rechnet in diesem Jahr mit 12,5 Millionen Mark Einnahmen allein in der Bundesrepublik.
Um die Sekretärinnen auf Abruf bei der Stange zu halten, sparen die Leasing-Chefs nicht mit menschenfreundlichen Gesten. Adia transportiert zum Beispiel die Kinder der Bürodienerinnen mit Funk-Taxen zum firmeneigenen Kindergarten. Randstad verwöhnt seine Büro-Damen, wie Manager Werner Then es ausdrückt, durch »Service mit Herz, Für ihre persönlichen Probleme haben wir immer ein offenes Ohr«.
Manpower-Manager Oerke veranstaltet alle drei Monate zur Kontaktpflege Cocktailpartys und lädt dazu die Ehemänner, Verlobten oder ständigen Begleiter der Mitarbeiterinnen ein. In allen Räumen der Geschäftszentrale erklingt bis Mitternacht sanfte Hintergrundmusik. Leih-Kellner reichen Snacks, Henkell-Sekt, Gin-Cocktalls und Whisky.
Daß auch intime Herzenswünsche das Manpower-Geschäft heben, verrät der Verleih-Chef am Rande: »Wir haben da eine, die arbeitet mal zwei oder drei Monate. Dann macht sie ein paar Wochen Urlaub auf Mallorca, um sich einen Mann zu angeln. Weil das aber nicht zu klappen scheint, kommt sie immer wieder eine Zeitlang zu uns, um sich Geld für den nächsten Mallorca-Flug zu verdienen.«