AKTIONÄRE / DIVIDENDEN Auf Abruf
Börsen-Spötter Fürstenberg, der in 60 Aufsichtsräten saß, irrte, als er alle Aktionäre der Frechheit zieh. Ein Teil der deutschen Coupon-Schneider verzichtet heute auf die Dividende: Bei den Aktiengesellschaften der Bundesrepublik liegen mehr als zehn Millionen Mark Gewinnanteile, die niemand haben will.
Als es den Deutschen etwas besser ging, sammelten sich die ersten Dividenden-Reste an. 1956 registrierten die Finanzdirektoren des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen zum erstenmal, daß 202,50 Mark Dividende nicht abgerufen worden waren.
Im vergangenen Jahr hatte BASF-Finanzchef Dr. Rolf Magener schon rund eine halbe Million Mark übrig: 373 710 Mark Dividende sowie Zinsen in Höhe von 56 000 Mark und 132 000 Schweizer Franken.
Auch die Geldverwalter anderer Konzerne warten auf Aktionäre, denen fällig gewordene Dividende zusteht:
* bei Hoesch 120 000 Mark,
* bei der Veba 132 000 Mark,
* bei den Farbwerken Hoechst 230 000 Mark,
* bei den Farbenfabriken Bayer 312 000 Mark,
* beim VW-Werk 345 000 Mark,
* bei der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa) 378 389,59 Mark.
Die Vorstände der Gesellschaften vermuten, daß der größte Teil des Geldes Sparern gehört, die erst durch die Ausgabe von verbilligten Volksaktien zu Kapitalisten geworden sind. Dr. Friedrich Thomée, Finanzchef des Volkswagenwerks, spricht von einer »natürlichen Folgeerscheinung der Heranführung breiterer Bevölkerungskreise an den Kapitalmarkt«. Rudolf von Bennigsen-Foerder, Vorstandsmitglied des 1965 privatisierten Veba-Konzerns, meint, viele Volksaktionäre könnten »mit ihren Dividenden-Gutscheinen nicht umgehen«.
Die wachsenden Bilanzposten »unerhobene Dividende« sind auch ein Indiz dafür, daß viele mißtrauische Volksaktionäre ihr Papier nicht einer Bank anvertrauen möchten. Die Geldinstitute ziehen regelmäßig die Dividenden für ihre Kunden ein. Zahlreiche Aktionäre jedoch behalten ihre Aktien zu Hause »und stecken sie in den Strumpf« (VW-Direktor Thomée). »Sie lesen keine Dividenden-Annoncen und gehen leer aus.«
Manche ausländischen Aktionäre »holen ihre Dividende ab, wenn sie mal wieder in der Bundesrepublik sind«, berichtet AEG-Finanzvorstand Johannes Semler. Vier Jahre lang müssen die Kassierer der Aktiengesellschaften das Geld für die Aktionäre aufheben, dann verfällt es der Firma.
Aber Deutschlands Manager machen von dieser Möglichkeit vorerst keinen Gebrauch. Veba-Vorstand von Bennigsen-Foerder versichert. »Meldet sich jemand nach Ablauf dieser Zeit, so könnte ich mir vorstellen, daß wir nicht auf dem Rechtsstandpunkt beharren.«