Auf Blüms Fußmatte - DER SPIEGEL
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DEZEMBER 2005 Auf Blüms Fußmatte

Ein sehr persönlicher Jahresrückblick des Dramatikers Moritz Rinke
• aus SPIEGEL Chronik 54/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dezember 2105! Es gibt zwei Visionen, erst die gute. Unsere Erde und wir Deutschen konnten nur noch weiterexistieren, weil ein furchterregendes Regime an die Macht gekommen war, das sich aus einem ökoradikalen Flügel der neoliberalen Grünen und Kohlendioxid-Redakteuren der »taz« entwickelt hatte. Und dann saßen alle halbwegs entspannt in irgendwelchen übrig gebliebenen Grünstreifen und versuchten trotz unveränderter Pisa-Werte zu begreifen, wie es eigentlich so weit kommen konnte.

Die zweite Vision: Überall sah es von einem Tag auf den anderen entsetzlich aus, wie damals in New Orleans. Sturmtief »Angela« war mit 8000 km/h von Florida über Kyoto bis nach Berlin gerast, danach jahrzehntelang nur Wasser, dann schreckliche Trockenheit. Doch durch merkwürdige Prozesse in einem ebenfalls untergegangenen Supermarkt entstand wiederum sehr seltsames Leben aus deutschem Fleisch, auf das kurz vor dem Untergang noch eine Mehrwertsteuer von 98 Prozent entfiel.

Es ist jetzt wie in »2001 - Odyssee im Weltraum« von Kubrick: Mitten in der Walachei steht plötzlich ein riesiges Regal da mit SPIEGEL-Jahresrückblicken. Alle seltsamen Wesen nähern sich vorsichtig dem Regal und fangen an, herumzublättern und sich mit verdrehten Augen Bilder von Heide Simonis, Michael Jackson, den homosexuellen Pinguinen in Bremerhaven, Prinz Harry in Nazi-Klamotten oder vom Holocaust-Mahnmal und vom Schiedsrichter Hoyzer anzugucken, wie er gerade HSV gegen Paderborn verpfeift.

Ein Wesen mag ganz besonders die Bilder vom Großen Zapfenstreich und fängt an zu weinen. Ein anderes scheißt hinter das Regal und blättert dabei gelangweilt in einem Essay über die EU-Verfassungskrise; ein weiteres Wesen, das immer das schlaueste sein will, tut so, als verstünde es die Nebeneinkünfte von Politikern. Noch ein weiteres, das auch das schlaueste sein will, zeigt erregt auf einen Artikel über die Linkspartei, danach starrt es wochenlang betont nachdenklich auf einen Beitrag über Friedrich Schiller.

Einen VW Golf aus Wolfsburg hatte die Jahrtausendwelle noch in die Nähe des Regals gespült, und in den VW zieht man sich nun immer zurück und macht bezahlten Sex, so viel Geschichtsbewusstsein gab es komischerweise noch. Irgendwann kommt einmal ein Lebewesen ganz aufgeregt von einem Ausflug zurück. Es hat andere Lebewesen entdeckt. Es sind die Israelis, die Einzigen, die den Untergang überlebt haben und immer noch Gaza räumen.

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Warum sollte es anders ausgehen? Angenommen, die globale Klima- und die moralische Allgemeinentwicklung schreiten Jahr für Jahr ein bisschen voran, dann schaffen wir das doch hundert Jahre lang gar nicht mehr?! Und jetzt auch noch die fatale Bedrohung durch Obst und Gemüse! Dieses Jahr hat mich 19-mal ein Mann von einem Call-Center angerufen, um mir eine Riester-Rente zu verkaufen, man müsse an die Zukunft denken.

»Sie gehen im Jahre 2033 in Rente, hoffentlich in die Riester-Rente!«

»2033?!«, habe ich gesagt, »an 2033 glaube ich nicht, ich glaub ja nicht mal an die nächsten vier Jahre Große Koalition! Warum verkaufen Sie die Riester-Rente?«

»Ich mache einen Ein-Euro-Job«, hat er beim zwölften Anruf gesagt.

Ich war erschüttert. Ein Mann, der mir für einen Euro die Zukunft verkaufen muss, da stimmen ja jetzt schon die Proportionen nicht mehr!

Ich konnte ihm nicht absagen, aber ich konnte auch nicht zusagen. Beim 19. Mal habe ich gesagt, ich würde gerade mit der Rürup-Rente kokettieren. Aber dass ich in Zukunft weder an Rürup noch an Riester glaube, sondern eher an Affen mit Vogelgrippe, die völlig gaga um ein Regal herumsitzen, das konnte ich auch nicht sagen.

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Das Jahr stand im Zeichen des Untergangs und des Geldes, wie eigentlich mittlerweile alle Jahre.

Es begann mehr oder weniger mit Münteferings Kapitalismuskritik. Er nannte die Manager »Heuschrecken«, mitten im NRW-Wahlkampf. Das war eine gute, eine richtige Kritik, nur vom NRW-Termin her gesehen total verlogen. Und dann war sie auch noch nach zwei Tagen eine Debatte über Nationalsozialismus (das ist ja nebenbei unser Problem, dass jede Debatte immer irgendwie ganz woanders endet, meist beim Nationalsozialismus), aber immerhin: Zwei Tage redeten wir über Marx, über Werte, über Moral, sogar der SPIEGEL, das war schön.

Am Ende des Jahres aber hatten wir den Blick für die größeren Unproportionalitäten verloren und waren wieder bei uns angekommen: bei der Eigenheimzulage, die gestrichen wurde, bei der Pendlerpauschale, bei der Mehrwertsteuer, ich sogar bei wöchentlichen Gesprächen über die Riester-Rente.

Vielleicht ist es auch das Jahr der immer größer werdenden Angst.

Immer mehr Freunde, die vor Jahren noch auf Globalisierungskonferenzen reisten, Briefe an die WTO oder George W. Bush verfassten, sitzen jetzt da mit den Finanzseiten der »FAZ« und studieren Anlage- und Vorsorgeformen. Man kann das als positive und reformerische Abkehr vom überforderten Staat bezeichnen, als Liberalisierung etc., aber es ist auch die Verengung des Blicks, die mit der Angst dieses Jahres einherging.

Und vielleicht ist die neue Regierung ja auch ein Ausdruck davon - von den großen Zampanos der nach außen blickenden 68er nun zu den Zahlenmenschen, den Sachlichen und Technokraten und den, was die neue Generation der Union betrifft, schon mit 40 Ergrauten, denen auch noch der Humor abhanden gekommen ist. Aber vielleicht ist sogar das angemessen.

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Gab's eigentlich auch etwas Schönes? Ja, eine Frau wurde Kanzlerin! Das war historisch. Es wurde allerdings so viel darüber geredet, dass man das Gefühl haben konnte, wir seien ja noch nicht wirklich weit mit unserem Selbstverständnis. Da fand ich es sogar gut, dass die Merkel die Frauenfrage völlig abblockte, und als sie es dann wirklich geschafft hatte gegen all diese Typen, wusste ich auch nicht mehr, ob sie eigentlich eine Frau ist oder doch eher ein Mann, oder ob das jetzt einfach egal war.

Auf jeden Fall hatte sie ihrem Lebensgefährten, Herrn Sauer, noch am Tag ihrer Vereidigung das Frühstück zubereitet, das fand ich beeindruckend, Brötchen mit Kochschinken, Quark, Leberwurst und O-Saft. Dann ging Herr Sauer aus dem Haus zur Molekularforschung und fünf Minuten später Frau Merkel, um sich zur Bundeskanzlerin wählen zu lassen. Zwei Stunden später hat sie mich dann fast mit ihrem Dienstwagen umgefahren.

Ich spazierte ums Charlottenburger Schloss, mach ich immer. Von einer Zeugin Jehovas hatte ich gerade die Broschüre »Was erwartet Gott von uns?« bekommen, Merkel im Schloss von Köhler ihre Ernennungsurkunde. Dann ging ich in der Broschüre blätternd über die Fußgängerampel am Schloss, während Merkel bereits im Dienstwagen mit Urkunde bei Rot über meine Ampel fuhr. Ich hatte Grün!! Auch wenn man zur Vereidigung in den Bundestag fährt, gilt immer noch die Straßenverkehrsordnung! Ich sage das aber auch, weil es für mich eigentlich der symbolische Abschied war von Rot-Grün. Das gilt nun nicht mehr.

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Apropos »Was erwartet Gott von uns?": Bewegt und verwirrt hat mich die Beisetzung des Papstes auf dem Petersplatz. Das war ein sehr windiger Tag, und die Trauergewänder der Kardinäle flogen alle durcheinander, einmal hatte sogar George W. Bush die Trauerschleife im Gesicht von Bernadette, der Gattin von Chirac. Alle waren gekommen.

Prinz Charles hatte sogar seine Hochzeit mit Camilla um einen Tag verschoben (was vielleicht bei einer 35-jährigen Affäre der beiden auch egal war), auf jeden Fall füllte sich der Platz mit Königen und Präsidenten, die man eher mit Krieg und Terror verband als mit Gottesgebeten. Der Kongo, Iran, Simbabwe, Nigeria, die PLO, auch die Nato war vertreten.

Zudem waren mit Joschka Fischer und Schröder noch nie so viele deutsche Ehebrecher auf einer Papstbeerdigung, dazu der österreichische Bundeskanzler aus dem Land mit den katholischen Sex-Priestern, am Rande sah man Stoiber und Merkel trauern und gleichzeitig sich absprechend, wie sie am besten dem betenden Fischer drei Reihen weiter vorn ab morgen wieder die ukrainischen Nutten in der Visa-Affäre um die Ohren hauen könnten.

Der Papst hatte sich für den Abschied »I did it my way« von Frank Sinatra gewünscht. Wenn ich mich jetzt allerdings genau erinnere, habe ich das verwechselt, es war Harald Juhnke, dessen Beisetzung quasi simultan übertragen wurde. Das waren auch die Tage, als der eigentlich schon tote Fürst Rainier von Monaco künstlich am Leben gehalten wurde, weil es einfach keine Sendeplätze mehr für Beisetzungen gab.

Mein Gott, was für eine Zeit.

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Am Ende des Jahres fuhr ich nach Bonn-Königswinter, in den Fuchspfad, zu Norbert Blüm.

Im Auftrag der Nibelungenfestspiele Worms sollte ich Blüm fragen, ob er eventuell im nächsten Jahr in meinen »Nibelungen« eine Rolle übernehmen würde, da ja mein Stück vom rheinischen Kapitalismus handelt. Ich saß eine halbe Stunde in seinem Büro hinter Tüllgardinen; Blüm hatte sich verspätet und war noch in der Autowerkstatt. Frau Schreiber, seine Sekretärin, hatte Jacobs-Kaffee gemacht und mir eine Tageszeitung gegeben.

Auf dem Eichenschrank stand Martin Luther, daneben ein Bierorden, eine Amorfigur, die deutschen Sozialgesetze bis 1994, und auch die Zeitung, die mir Frau Schreiber gegeben hatte, war schon ein paar Jahre alt. Auf der Toilette genau die gleichen Fußmatten und die gleiche Fliederseife wie bei meinen Großeltern. Und dieser Geruch! Ja, auf Blüms WC war ich plötzlich wieder 15, Anfang der Achtziger. Dann ging die Toilettentür auf, Blüm kam wie Opa ohne zu klopfen herein und sagte, die Rente sei sicher.

Natürlich ist er nicht zu mir auf die Toilette gekommen, aber mitten auf dieser hellgrünen WC-Fußmatte war ich irgendwie felsenfest überzeugt: Die Welt ist noch in Ordnung, auf jeden Fall weit vor dem Untergang, und Blüm ist mein Großvater, der gleich mit dem Opel aus der Werkstatt kommt.

Wir haben uns dann sehr lange im Büro über die jesuitische Soziallehre unterhalten, über das Wesen der Macht von Hagen von Tronje, über Kohl bis zu Merkel und auch über die Riester-Rente, von der er entschieden abrät.

In welche Partei er heute eintreten würde, fragte ich. Blüm überlegte. Ich sagte: Irgendetwas zwischen dem Seeheimer Kreis der SPD und Gregor Gysi? Ja, sagte Blüm, vielleicht, am liebsten aber innerhalb der CDU. Dann schaute er so seufzend an die Decke wie mein Opa, wenn ich ihn als Kind nach den alten Kirschbäumen im Garten fragte, die es heute nicht mehr gibt.

Es war schön bei Blüm, auch traurig. Und am Ende des Jahres ein Bild und eine Ahnung davon, dass man vielleicht irgendwann im Leben aufhört, sich Jahr für Jahr mit dem Neuen zu beschäftigen, sondern einfach im alten Büro sitzen bleibt und die Gardine zuzieht.

Ja, und wenn ich eines dieser seltsamen Wesen wäre nach dem Ende der Welt und mir wünschen dürfte, was außer dem VW aus Wolfsburg und dem SPIEGEL-Regal übrig bleiben soll, dann würde ich mich für Blüms Fußmatte aus Königswinter entscheiden.

Damit könnte man dann fliegen durch 1001 Nacht in eine Zeit, in der man leben möchte.

Moritz Rinke
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