Auf den Stempel - DER SPIEGEL
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VERKEHR Auf den Stempel

In Niederbayern passieren die meisten schweren Verkehrsunfälle der Bundesrepublik.
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es zur Sommerzeit auf Niederbayerns Straßen mal wieder kracht, dann weisen die schweren Verkehrsunfälle mitunter Parallelen auf. Beispiele aus der ersten Juli-Hälfte:

Auf der Staatsstraße von Drachselsried nach Bodenmais steuerte ein Bauarbeiter seinen Simca zu schnell in eine unübersichtliche Linkskurve, der Wagen geriet ins Schleudern und stieß frontal mit einem entgegenkommenden Toyota zusammen. Die Toyota-Fahrerin wurde tödlich, der Simca-Fahrer schwer verletzt.

Bei Gretismühle auf der Kreisstraße nach Landshut kam ein Porsche in flottem Tempo von der nassen Fahrbahn ab und prallte gegen eine Birke. Der Fahrer, ein 25jähriger Zeitsoldat, war auf der Stelle tot, seine Beifahrerin, 21, erlitt lebensgefährliche Verletzungen.

An einem Alleebaum in einer Kurve endete auch die Todesfahrt eines 18 Jahre alten Elektrikers auf der Bundesstraße zwischen Tännesberg und Weiden ebenso wie das Überholmanöver, das ein 19jähriger Angehöriger des Bundesgrenzschutzes auf der Staatsstraße von Niedertraubling nach Mangolding riskierte.

Und so kamen bei Abensberg, Böhmzwiesel und Vilshofen noch drei junge Motorradfahrer ums Leben: Einer schnitt eine unübersichtliche Linkskurve, zwei trug es bei überhöhter Geschwindigkeit aus einer Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn -- in jedem Fall tödlicher Zusammenprall mit dem Gegenverkehr.

Es waren nur sieben von über 400 Verkehrsunfällen, die sich in zwei Wochen im Bereich des Polizeipräsidiums Niederbayern/Oberpfalz ereigneten, aber auch sieben Tote, die nach Einschätzung des Präsidiums in Regensburg »Opfer von großenteils undisziplinierter Verkehrsraserei« wurden.

Den Raserei-Vorwurf erhebt die Polizei seit Mitte Mai in einer ungewöhnlichen Abschreckungsaktion in Form von »Todesanzeigen« im Lokalteil ostbayrischer Tageszeitungen. Jeden Samstag erfahren die Leser unter dem Stichwort »Die Polizei trauert« die jeweilige Wochenquote der Verkehrstoten und Schwerverletzten sowie eine fortgeschriebene Jahresbilanz nebst der düsteren Ankündigung: »Das kommende Wochenende wird neue Trauer, neues Leid bringen.«

Manches Wochenende brachte allein schon ein bis zwei Dutzend Trauerfälle. Bis Mitte Juli kletterte die Zwischenbilanz für 1981 auf über 300 Tote. Und einiges spricht dafür, daß die niederbayrischen Kraftfahrer auch heuer wieder an die Rekordstrecken der vergangenen Jahre herankommen -700 bis 800 Tote per anno, nicht zu reden vom Mannigfachen an Verletzten und Geschädigten.

In der ostbayrischen Region zwischen Oberpfälzer Wald und dem Passauer Drei-Flüsse-Eck passieren, das wissen Verkehrsexperten und Kfz-Versicherer nach vergleichenden Untersuchungen, zwar nicht die meisten, aber die meisten schweren Verkehrsunfälle in Westdeutschland.

Während vergangenes Jahr im Bundesgebiet ein Todesopfer auf rund 2000 Autos kam, lag die Rate in Niederbayern etwa doppelt so hoch. Die Kraftfahrer in Deggendorf oder Dingolfing zahlten deshalb auch Kfz-Haftpflichtprämien wie sonst nur Großstädter: 880 Mark Jahresversicherung beispielsweise für einen 55-PS-Wagen, 160 Mark mehr als etwa im ähnlich ländlich strukturierten niedersächsischen Regierungsbezirk Braunschweig.

Tiefere Ursachen, weshalb es ausgerechnet im dünnbesiedelten und verkehrsarmen Ostbayern so schwer scheppert, sind bislang nicht greifbar geworden und statistisch wohl auch kaum zu erfassen. Fest steht aber, daß dreiviertel aller Unfälle und 96 Prozent S.70 aller tödlichen von Einheimischen und Ortskundigen verursacht werden; gesichert ist auch, daß die schweren Karambolagen sich überwiegend (70 Prozent) auf freier Strecke ereignen und zur Hälfte auf das Konto junger Fahrer im Alter von 16 bis 25 Jahren gehen.

Und da spielt mit Sicherheit mit, daß die Niederbayern trotz ihres buckeligen und waldreichen Geländes ein auffälliger »Drang nach schnellem Vorwärtskommen« bewegt, wie das bayrische Innenministerium in einer internen Studie wohl noch untertreibt. So ergab eine im letzten Herbst durchgeführte Untersuchung des HUK-Verbands und der bayrischen Polizei (Titel: »Geschwindigkeiten in Niederbayern") nicht nur »bemerkenswert hohe Maximalgeschwindigkeiten« von 135 bis 154 Stundenkilometern außerhalb geschlossener Ortschaften und von »wesentlich über 80 km/h« im Ortsbereich.

Vielmehr wurde durch verdeckte Messungen bei 4000 Fahrzeugen auch festgestellt, daß sich außerorts ein Drittel, innerorts gar zwei Drittel der Fahrer nicht um das zulässige Tempo scherten. »Es bedarf keines weiteren Kommentars«, so das Fazit der Studie, »daß aus diesem Geschwindigkeitsverhalten natürlich besondere Gefahren resultieren.«

Jeder fünfte der mittelschweren bis schweren und 36 Prozent aller tödlichen Unfälle in Niederbayern und der Oberpfalz, errechnete das Regensburger Polizeipräsidium, wurden vergangenes Jahr unmittelbar durch Geschwindigkeitsübertretungen verursacht. Hinzu kommen nach Überzeugung des Verkehrssachbearbeiters Horst-Dietmar Kirchner »eigentlich noch viel mehr Fälle von Raserei«, die aber statistisch (16 Prozent) als Verstöße gegen das Rechtsfahrgebot abgebucht werden -wenn''s etwa Tempo-Bolzer aus der Kurve auf die Gegenfahrbahn trägt, doch »meist keine Bremsspuren und kein Tachostand« zu Aufschlüssen verhelfen.

Tempo-Typen, das sind im und um den Bayerischen Wald herum auch kaum PS-strotzende Automobile oder Motorräder, sondern eher bescheidene, manchmal etwas auffrisierte Vehikel. »Die meisten Unfälle«, weiß Kirchner, »passieren auf unseren Straßen nicht bei 160 Sachen. Da sind doch oft 80 oder 90 schon Wahnsinn.« Und es sind, nach der Polizeistatistik, zu 60 Prozent die jungen Leute bis 25. Fragt sich nur warum.

Mag Straubings Polizeidirektor August Nothaft recht haben, der -- wie anders auch -- für Niederbayern mehr Autobahnen fordert: »Dann könnten«, meint er, »die Buben mal Gas geben. So treten''s halt auf den Landstraßen auf den Stempel.« Aber das ist es wohl nicht allein.

Strukturbedingt, weil der Region weitgehend die öffentlichen Nahverkehrsmittel fehlen, sitzen die Buben schon am Steuer, »wenn sie von A-Dorf zur Disco nach B-Dorf wollen« (Kirchner). Und bei der Spritztour durch die Provinz, der es hinten wie vorn an Jugendzentren und anderen Freizeiteinrichtungen mangelt, fährt oft genug und nicht nur bei den Jungen der Alkohol mit.

Jeder vierte der tödlichen Unfälle, weit mehr als im Bundesdurchschnitt (19 Prozent), kommt laut Polizeistatistik in Ostbayern durch Suff zustande. Wahrscheinlich sind es weit mehr, da die Staatsanwaltschaft nach den Erfahrungen der Polizei bei sogenannten Alleinunfällen ohne Schaden Zweiter oder Dritter nicht selten auf eine Blutprobe verzichtet.

An Gelegenheiten, seinen Frust auf Festen zu betäuben, mangelt es in Niederbayern wiederum keineswegs. Nirgendwo sonst wird so ausgiebig gefeiert: auf Volksfesten, Frühlingsfesten, Bürgerfesten, Feuerwehrfesten, Schützenfesten, Trachtenfesten oder Reservistentreffen.

Im Landkreis Regensburg beispielsweise wurden gelegentlich schon acht Bierzeltereignisse gleichzeitig begangen. »Da san doch Hagelbuchane drunter«, weiß ein Lokalreporter, »die rumpeln von einem Volksfest zum anderen.« Anfang Juni schafften vier Bundeswehrsoldaten die Rückfahrt vom Weidener Volksfest nicht ganz: Kurz vor der Kaserne, auch wieder in einer Kurve, stießen sie mit einem Lastwagen zusammen. Zwei bezahlten mit ihrem Leben.

Steckt hinter den Bierreisen und Tempo-Touren aber etwa noch mehr als Frustration und Strukturdefizit, vielleicht etwas »Waldler«-Mentalität, bei der Mut zum Risiko mit tödlichem Leichtsinn verwechselt wird? Im Regensburger Polizeipräsidium jedenfalls hat man sich das »auch schon gefragt«, so Polizei-Oberrat Kirchner, der deshalb persönlich »von den Einheimischen schwer angegriffen« wurde. Das Thema ist, sagt der Sprecher des Präsidiums, Hans Wagner, »ein ganz heißes Eisen«.

Ob was dran ist oder nicht, das Polizeipräsidium hält seine Aktion »Todesanzeigen« schon unter den greifbaren Umständen für angebracht, obschon die »wohl aggressivste Unfallbekämpfungsaktion, die jemals in Bayern praktiziert wurde« (so Münchens »Abendzeitung") bei den Kollegen im Freistaat unterschiedlich aufgenommen wurde: Schwabens Polizei plant, die Annoncen-Kampagne zu übernehmen, die Oberbayern halten sie für »irgendwie makaber«.

Regensburgs Polizeipräsident Hermann Friker hat durchaus Verständnis für formale Bedenken ("Sicher eine makabre Anzeige"), rechtfertigt die Todesbilanz jedoch mit dem niederbayrischen Ausnahmezustand: »Wir waren«, sagt er, »gezwungen, eine neue Taktik zu wagen. Wir haben seit Jahren die schwersten Unfälle in ganz Bayern. Gegen dieses Phänomen blieben alle bisherigen Aktionen erfolglos.«

Ob sich der Erfolg der neuen Aktion nach einer »Langzeitwirkung über den Sommer« wirklich einstellt, kann auch Frikers Sprecher Wagner nur hoffen. Wagner: »Mütter, Väter oder Bräute werden eines Tages vielleicht sagen: ''Bursch, nimm''s Gas weg.''«

S.69Bergung von Autowracks an der Bundesstraße 8 bei Straßkirchen; beidem Unfall am 6. Juni kamen drei Menschen ums Leben.*

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