Auf der Autobahn - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 78

BERLIN / SCHUTZ Auf der Autobahn

• aus DER SPIEGEL 47/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klaus Schütz, 41, der neue Rathausherr zu Schöneberg, trat vor West-Berlins Parlamentarier und schimpfte »auf Arroganz, auf überhebliche Nörgelei und auf die peinliche Art der Besserwisserei«.

Darauf und auf die »Mode der Berlin-Verdrossenheit«, so der Regierende Bürgermeister in seiner Jungfernrede am 26. Oktober, »kann Berlin ... getrost verzichten«.

Solche Worte, Antwort auf Analysen zur wirtschaftlich wie politisch kritischen Lage der Stadt, waren wie Balsam für die Berliner. Der »Berliner Morgenpost« »tat es wohl zu hören, wie entschieden der Regierende Bürgermeister dem modischen »Berlin-Pessimismus entgegentrat«. Und Schwester-Blatt »Welt« aus dem Hause Springer assistierte: » Was (Schütz) sagte, war erfrischend und beherzigenswert.«

Doch mehr noch als der rhetorische Kraftakt imponierte den Berlinern die Betriebsamkeit, die der neue Mann gleich in den ersten drei Wochen seiner Amtszeit entfaltete.

Kein Tag verging, an dem der Bürgermeister nicht von sich reden machte. Kaum im Amt, schrieb er ein halbes Dutzend Briefe; vier davon an die Botschafter der Siegermächte, denen er sich als neuer Berlin-Regent vorstellte, zwei an die Stadt- und Staatsrepräsentanten in Ost-Berlin, denen er Besprechungen über »innerstädtische Beziehungen« anbot.

Er hielt Reden, gab Interviews, verfaßte Nachrufe und Grußworte. Per Hubschrauber inspizierte er die zu West-Berlin gehörende Exklave Steinstücken in der DDR. Er flog nach Bonn, reiste mit dem Dienstwagen über die Interzonen-Autobahn nach Berlin zurück und bekannte diesseits des Schlagbaums Berlin ist eine Reise wert, auch auf der Autobahn.« Und er gab seinem Planungsstab Auftrag, Exkursionen nach Paris, London und Washington zu terminieren.

Zwar gelang es dem jungen Mann aus dem Hause Brandt, sich mit dieser Darbietung von Energie und Optimismus Tag für Tag auf die Frontseiten der Zeitungen zu bringen. Doch was immer er tat oder sagte, um die schwierige Lage der zerteilten Stadt zu verhüllen -- er glich dabei stets ein wenig jenem Knaben, der, um sich Mut zu machen, im finsteren Wald pfeift.

Denn Klaus Schütz kennt Berlins Probleme, und in keiner seiner Äußerungen vermochte er bislang den Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit aufzulösen.

Er behauptete: »Die Berliner Wirtschaft ist im Kern gesund.« Aber er gab zu: »Natürlich müssen wir versuchen, Ordnung in die Berliner Wirtschaft zu bringen. Er versicherte: Auf dem Arbeitsmarkt »gibt es keinen Anlaß zur Katastrophenstimmung«. Aber er räumte ein: »Die Angst um den Arbeitsplatz muß in Berlin endgültig gebannt werden.

Er versprach, an der Berlin-Hilfe Bonns werde sich nichts ändern. Aber er weiß noch nicht einmal, ob er wenigstens den Plan des Finanzministers Franz-Josef Strauß vereiteln kann, die Berlins Inseldasein erleichternden Flugpreis-Zuschüsse zu halbieren.

Schließlich: In der Frage von DDR-Kontakten verwies der Bürgermeister zwar mehrmals auf seine Übereinstimmung mit Bonn, wo -- wie die Kiesinger-Briefe an Stoph zeigen -- noch immer die Bezeichnung der DDR als DDR für einen unzulässigen Akt der Anerkennung gehalten wird. Schütz:

* Beim Besuch der West-Berliner Exklave Steinstücken am 29. Oktober.

»Ich fühle mich voll eingebettet in die Politik der Bundesregierung.«

Gleichwohl setzte er als erster West-Berliner Amtsträger auf den Umschlag seines Briefes an den ostdeutschen Vize-Premier Alexander Abusch die korrekte Staatsbezeichnung -- DDR, ohne Anführungszeichen. Er tat es, weil ihm bewußt ist, daß er allenfalls dann auf gute Antwort rechnen kann, wenn der Senat darauf verzichtet, die Nachbarn zu brüskieren.

Vorletzte Woche endlich vollbrachte der Mann, der zehn Monate lang Bonns Diplomaten kommandierte (Schütz: »Ich denke mit Wehmut daran zurück!"), ein diplomatisches Meisterstück. Er übertrug eine an den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Helmut »Lemke, seinen Vorgänger im Amt des Bundesratspräsidenten' ergangene Einladung der Bonner Sowjet-Botschaft zum Revolutionsjubiläum auf sich und verkündete (seit dem 1. November selber Bundesratspräsident): »Diese Delikatesse lasse ich mir nicht entgehen.«

Die Russen hatten zwar die Schütz-Wahl zum Bundesratspräsidenten mit Schweigen übergangen, obschon nach ihrer Ansicht Berlin nicht zum Bund gehört und mithin Berliner Amtsträger keine Bundesfunktionen übernehmen dürfen. In aller Öffentlichkeit von Berlins Regierendem provoziert, sahen sie sich jedoch zur harten Reaktion genötigt. Sie luden Schütz aus,

Just zu diesem Zeitpunkt geschah es, daß sich in West-Berlins Jubel um den Neuling erster Mißklang mischte. »Der Abend«, sonst des Lobes über den Bürgermeister voll, fragte, »ob es klug war, daß Schütz dieses Thema so demonstrativ hochgespielt hat«.

Der konservative »Tagesspiegel« wurde noch deutlicher. ·Die Zeitung stellte fest, daß »die Zurücknahme der Einladung ... provoziert wurde«, und beklagte: »Die Frage, was er (Schütz) sich von seiner Handlungsweise verspricht, bleibt leider unbeantwortet.«

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 78

Mehr lesen über