FREMDENVERKEHR Auf Dollarbasis
Vom Sommer-Programmheft des
staatlichen Reisebüros DER herab verheißt eine Bikini-Maid »Gute Reise 1963« und lockt devisenträchtige Westler zu Ferien ins Paradies der Kolchosen und Kombinate.
Solche, dem heiß erstrebten »Weltniveau« angenäherte Werbung soll - nach anderen Ostblockländern wie Bulgarien, Polen und Sowjet-Union - künftig auch die DDR in spürbarem Umfang an den westeuropäischen Reise - und Devisenstrom anschließen.
An einen Reisestrom aus der Bundesrepublik ist dabei freilich nicht gedacht, denn Bundesbürger dürfen in der Zone nur dann Urlaub machen, wenn sie Verwandte besuchen, und Westberlinern ist die Einreise in die Sowjetzone seit dem 13. August 1961 sogar ganz verwehrt.
Die Aussichten der DDR, ihre mehr oder weniger fortschrittlichen Reize nun auch der kapitalistischen Umwelt zu enthüllen, sind aber vorerst noch gering. Zwar preist der farbige Faltprospekt »Reiseland DDR": »Das Verkehrswesen, Hotellerie, Gastronomie und der gesamte Touristenservice haben einen Stand erreicht, der auch den verwöhntesten Ansprüchen genügt.«
Das Angebot gerade an brauchbaren Unterkünften jedoch ist dürftig. Zur Unterbringung von Touristen aus dem Westen steht in den Ferienzentren der DDR vorerst nur, ein rundes Dutzend Hotels zur Verfügung.
Um diesem Mangel wenigstens während der Sommermonate Juli und August abzuhelfen, bietet das staatliche Reisebüro in diesem Jahr zum erstenmal Pauschalaufenthalte von sieben Tagen in sogenannten Saison-Hotels an: In Berlin, Potsdam, Dresden, Erfurt, Weimar und an der Ostsee sind Studentenheime für die Zeit der Semesterferien als Touristenherbergen eingerichtet worden.
Die Saison-Hotels können allerdings nur von Gruppen (Mindeststärke zehn Personen) in Anspruch genommen werden. Dafür ist der Preis (einschließlich Vollpension, Betreuung und Kurtaxe) verhältnismäßig niedrig. Er beträgt 80,50 Mark je Person und Woche. Von Hotel zu Hotel können Reisen unternommen werden, für die je Tag und Person zusätzlich 11,50 Mark pauschal zu erlegen sind.
Urlaubsaufenthalte in regulären DER -Hotels sind teurer. Zur Auswahl stehen die Ferienorte Sellin auf Rügen, Kühlungsborn an der Ostsee, Oberwiesenthal im Erzgebirge, Tabarz und Friedrichroda im Thüringer Wald; Bastei und Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz, Wernigerode am Harz und Potsdam.
Die Pauschalpreise für sieben Urlaubstage bewegen sich bei Reisegruppen von 15 Personen an zwischen 100,10 Mark (Sellin) und 129,90 Mark (Bad Schandau). Einzelreisende haben in Sellin wöchentlich 116,90 und in Bad Schandau 148,65 Mark zu zahlen. Für Kinder im Alter bis zu fünf Jahren wird eine Ermäßigung von 50 Prozent gewährt.
Neben organisierten Urlaubsaufenthalten dieser Art haben westliche Interessenten auch die Möglichkeit zu Einzelreisen mit beliebigem Ziel.
Die Formalitäten allerdings sind umständlich und die Kosten beträchtlich: Der Antrag auf ein Visum muß in vierfacher Ausfertigung mit vier Lichtbildern versehen vier Wochen vor Reiseantritt beim staatlichen Reisebüro in Ostberlin gestellt werden. Die Bearbeitung kostet einen Dollar, für das Visum selbst kassiert der Staat 15 Mark.
Sodann hat der West-Tourist für jeden Aufenthaltstag einen Pauschalpreis zu akzeptieren, der mehrere Leistungen deckt: Vollpension in einem Hotel, Fremdenführer für vier Stunden täglich und die Gebühren für zwei eintrittspflichtige Besichtigungen.
Der Preis der Pauschale pro Tag liegt in der ersten Kategorie bei zehn Dollar (40 Westmark), und in der zweiten Kategorie bei 8,30 Dollar. Bei mehr als dreitägigen Aufenthalt ermäßigen sich die Sätze auf 8,10 und 6,40 Dollar. In der Touristenklasse kostet jeder Tag 5,10 Dollar*.
Wer die Segnungen des DDR-Tourismus nur für einzelne Tage genießen will kann - etwa während eines Aufenthaltes in Westberlin - ohne umständliche Visaformalitäten an Ausflugsfahrten nach Potsdam (20 Mark) oder Dresden (50 Mark) teilnehmen. Die Fahrten beginnen am Sektorengrenzübergang Friedrichstraße.
Skandinavier haben überdies die Möglichkeit, sich auf den Fährschiffen zwischen Gedser (Dänemark) und Warnemünde oder Trelleborg (Schweden) und Saßnitz ein Tagesvisum zum Besuch der Ostseebäder ausstellen zu lassen.
Als besondere Attraktion schließlich empfehlen Ostberlins Touristenwerber in diesem Jahr »Hobby-Reisen« für »Architekten und Liebhaber der Baukunst": In sechs bis acht Tagen werden den Teilnehmern bauliche Sehenswürdigkeiten vom Naumburger Dom bis zu den Zuckerbäcker-Türmchen der vormaligen Stalin-Allee vorgeführt. Die Preise betragen (volle Pension, Führung und alle Gebühren inbegriffen) für die Sechs-Tage-Fahrt 158 Mark, für die Acht-Tage-Fahrt 205 Mark.
Alle in Mark angegebenen Beträge sind in Ostmark zu zahlen, die zuvor bei der Ostberliner Deutschen Notenbank gegen Devisen einzutauschen sind. Westmark wird im Verhältnis 1:1 gewechselt. Alle übrigen Zahlungsmittel werden dem Dollarkurs entsprechend getauscht, der vor der Markaufwertung in der Bundesrepublik gültig war: Für einen Dollar zahlt die DDR-Staatsbank 4,18 Ostmark.
Obschon dieser Wechselkurs, gemessen an der geringen Ostmark-Kaufkraft, auf westliche Touristen nicht eben verlockend wirken muß, hoffen Ostberlins Staatsreiseplaner doch, mit Hilfe ihrer vergleichsweise günstigen Pauschalangebote künftig mehr als bisher zum mageren DDR-Devisenkonto beisteuern zu können.
Um potentiellen Touristen die Orientierung zu erleichtern, erläutert der Prospekt »Reiseland DDR": »Die Deutsche Demokratische Republik (ist) ein relativ kleines Land, das man zwischen der Ostseeküste und dem Erzgebirge sowie zwischen den Flüssen Elbe und Oder auf der Landkarte findet ...«
* Zum Vergleich: In der sowjet-Union betragen die Pauschalpreise für Einzelreisen 24 bis 140 Mark, in Polen 30 bis 50 Mark.
Staatlicher Reiseprospekt 1963
Die Reize der DDR ...
...sollen enthüllt werden: DDR-Urlauberheim an der Ostsee