Portugal Auf eigene Faust
In die Redaktionsräume der Tageszeitung »Noticias de Beira« in Moçambique drang eine Gruppe bewaffneter Weißer ein und stellte den Journalisten ein Ultimatum: Ab sofort sei keine Zeile mehr zu veröffentlichen, die den Interessen der weißen Herren im Lande schaden könnte. Andernfalls, so drohten die Eindringlinge, werde es den Zeitungsleuten übel ergehen.
in Luanda, der Hauptstadt der Schwesterkolonie Angola, zogen stundenlang Scharen wütender Weißer durch die Afrikaner-Slums: Die Männer, zumeist Taxichauffeure und Ladenbesitzer reckten unter den Augen der Polizei Gewehre und Pistolen. In der folgenden Nacht wurden mindestens sieben Schwarze erschossen.
Auf eigene Faust versuchen jetzt in Portugals afrikanischen Besitzungen Angola und Moçambique weiße Extremisten, gewaltsam ihre Vorherrschaft zu verteidigen -- denn vom Mutterland fühlen sie sich verraten, seit die neue Lissabonner Regierung den Kolonien die Unabhängigkeit in Aussicht stellte:
Schon gaben in Nord-Moçambique portugiesische Truppen sechs Stützpunkte auf -- nicht zuletzt wohl, weil die Rekruten sich weigerten. weiterhin gegen die Befreiungsbewegung Frelimo zu kämpfen. Hunderte von schwarzen Soldaten liefen zur Frelimo über, und anstatt zu kämpfen, suchten die Kolonialkrieger Annäherung an die Guerillakämpfer -- einmal gar durch ein gemeinsames Mittagessen.
Gleichwohl verstärkte die Frelimo ihre Guerilla-Aktionen -- die Eisenbahnlinie zum Staudammprojekt von Cabora Bassa etwa verminten die Partisanen in so rascher Folge, daß die Portugiesen mit den Reparaturen nicht mehr nachkommen. Verunsichert, verbittert und fanatisch suchen viele Siedler, die Entwicklung um jeden Preis aufzuhalten -- und zusehends geht dabei die einst von Portugal errichtete Fassade einer friedlich zusammenlebenden vielrassigen Gesellschaft zu Bruch. So liquidieren in Moçambique seit Wochen Killer-Trupps nach dem Muster der brasilianischen »Todesschwadron« mißliebige Schwarze und versehen die Leichen mit schwarzgeränderten Zetteln, auf denen. zu lesen steht, der Tote habe für die Frelimo gearbeitet, »die dieses Land an die ausländischen Kommunisten, Russen und Chinesen verkaufen will«. Und als Warnung an jeden, der die Botschaft liest: »Denken Sie daran, daß eines Tuges ein solcher Zettel auch neben Ihrer Leiche gefunden werden könnte.«
Die Männer für derlei Spezialaufgaben werden offenbar per Zeitungsanzeige gesucht -- so etwa erging im Juni in einer Tageszeitung in Lourenço Marques ein Stellenangebot an »junge, kräftige Männer« für »verschiedene« Tätigkeiten, das den Argwohn der Behörden weckte. Als Beamte die angegebene Adresse überprüften, trafen sie niemanden mehr an.
Drahtzieher im Hintergrund, so mutmaßen Moçambiques Demokraten, könnte die »Bewaffnete Aktion für Moçambique« (AMA) sein, die auch für einen Feuerüberfall auf die Mensa der Universität Lourenço Marques verantwortlich zeichnet: Mit Maschinengewehrsalven zerfetzten AMA-Männer ein Frelimo-Plakat, das Studenten ins Fenster gehängt hatten. Am Tatort ließen die Schützen Flugzettel zurück: »Wir werden Volksverräter aufstöbern, sie aburteilen und bestrafen.«
Als AMA-Lenker verdächtigen die Lissabonner Behörden einen Mann, der Anhänger und enger Freund des verstorbenen Diktators Salazar und von dessen gestürztem Nachfolger Caetano war und einer der einflußreichsten Geschäftsleute Moçambiques ist: Jorge Jardim, 54, Vater von zwölf Kindern.
»Wir, die Rechte, die Salazaristen sind es«, so glaubt Jardim, »die über Afrika die fortschrittlichsten Ideen haben, nicht die Linke.« Von Pretoria und Malawi aus spinnt der Bewunderer der brasilianischen Militärdiktatur seine Fäden nach Moçambique -- seinetwegen brach Portugal jetzt die diplomatischen Beziehungen zu Malawi ab.
In Angola hingegen stehen die weißen Extremisten gar unter dem Kommando eines Militärs: Die rund 20 000 Mitglieder des »Vereinigten Widerstands in Angola« (RUA), so erklärte vor wenigen Tagen eine zur Berichterstattung von Luanda nach Lissabon entsandte Acht-Mann-Delegation, werden von dem Hauptmann der Reserve José Maria de Mendoça befehligt und unter anderem auf dem Gelände des metall-verarbeitenden Betriebes Duarte Ferreira gedrillt.
RUA-Mitglieder oder -Sympathisanten haben denn auch, so die angolanischen Emissäre, die bisher schwersten Rassenkrawalle in Portugals reichster Kolonie seit Ausbruch des Guerillakrieges vor dreizehn Jahren geschürt.
Äußerer Anlaß der blutigen Unruhen war der Tod eines weißen Taxichauffeurs, dessen Leichnam in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli, gegen zwei Uhr, im Muceque Cezenga, einem der armseligen Afrikanerviertel von Luanda, aufgefunden wurde. Angeblich hatten schwarze Anwohner den Weißen dort in der Nacht überfallen und erschossen -- was die Schwarzen bestreiten. Kein Taxichauffeur, so argumentieren sie, fahre abends nach etwa zehn Uhr noch in die Afrikanerviertel; der Mann sei also möglicherweise als Toter nach Cazenga gebracht worden.
Wie auch immer -- fest steht, daß in den nun folgenden Zusammenstößen zwischen Schwarzen und Weißen nach offiziellen Angaben 54, nach inoffiziellen Schätzungen etwa doppelt so viele Menschen ums Leben kamen -- und daß fast alle Schwarze waren.
Vergebens bat sofort nach dem ersten Mord eine Abordnung von Schwarzen mit Hilfe eines weißen Rechtsanwalts die Militärbehörden und den Generalgouverneur um Schutztruppen für die Afrikaner-Viertel, damit Racheakte der Weißen vereitelt werden könnten. Erst vier Tage später, nachdem rund 6000 schwarze Rekruten mit Meuterei gedroht hatten, wenn sie nicht zur Sicherheit ihrer schwarzen Brüder in den Slums eingesetzt würden, reagierten die Behörden. Der neuen Regierung in Lissabon schien das offenbar zu spät:
Vergangene Woche berief sie kurzerhand den Generalgouverneur ab, setzte in Angola eine Militärverwaltung ein und dekretierte, daß fortan »jeder, der sich dem Programm der (revolutionären) Bewegung der Streitkräfte nicht anpassen« wolle, außer Landes gewiesen werde. Zudem machte Lissabon ein bedeutsames Zugeständnis -- Artikel 1 der portugiesischen Verfassung, der die Überseebesitzungen zum integralen Bestandteil Portugals erklärt, wurde aufgehoben.