»Auf einem Meer, das keine Ufer hat« - DER SPIEGEL
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»Auf einem Meer, das keine Ufer hat«

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Peter Sutcliffe in London Übung: Denken Sie gemeinsam darüber nach, was in unserer Gesellschaft um 1900 passiert sein muß, daß man plötzlich Spalten, Zerreißen, Trennen, Sich-unverfügbar-Machen so scharf wahrnahm (so bedrohlich fand), daß man die Krankheitseinheit »Schizophrenie« erfand, obwohl es vorher genauso viele »schizophrene« Menschen gab, für die man sich bis dahin mit den Diagnosen »Manie« oder »Depression« begnügte? Klaus Dörner, Ursula Plog
Von Gerhard Mauz
• aus DER SPIEGEL 22/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein furchteinflößender Großinquisitor ist Sir Michael Havers nicht, obwohl er als Attorney General der Regierung Thatcher angehört und seine Rolle die unseres Generalbundesanwalts erheblich übertrifft. Man kann mit Sir Michael, so ist er im Gerichtssaal anzureden, in dem im Old Bailey gegen Peter Sutcliffe verhandelt wird, durchaus ins Gespräch kommen. Sir Michael reagiert sogar auf Klagen.

Eine Journalistin -- blond und langhaarig -- aus der Bundesrepublik trägt ihm in einer Pause vor, daß man ihn auf den Pressebänken kaum hören kann. Sir Michael spielt Schrecken und Reue. Und als die Sitzung fortgesetzt wird, nutzt er die erste Unterbrechung seines Vortrags (der Jury werden Unterlagen übergeben), um sich mit fragendem Blick und einer Hand am Ohr zu vergewissern, ob ihn die Journalistin nun besser hören kann.

Daß sich unter den 13 getöteten Opfern von Peter Sutcliffe auch sechs Frauen befinden, die »völlig respektabel« und keine Prostituierten waren, hat Sir Michael den vielleicht »traurigsten Aspekt« des Falles genannt. Gegen seine Äußerung demonstrierte eine Delegation von Prostituierten vor dem Old Bailey, doch auf diese Klage reagierte Sir Michael nicht.

Die öffentliche Anteilnahme gilt nur den »respektablen« Opfern. Die Prostituierte Marcella Claxton, 25, beispielsweise, die einen Überfall von Peter Sutcliffe schwer verletzt überlebte, hat bislang vergebens um eine Entschädigung gekämpft. Ihre Anträge wurden, sie hat inzwischen einen Sohn namens Adrian, abgewiesen. Gehört an die Spitze der traurigen Aspekte dieses Falles vielleicht, daß man lässig oder wenigstens nachlässig ermittelte, solange »nur« Prostituierte getötet oder überfallen und verletzt wurden?

Kurz nach dem Zwischenspiel mit der Journalistin aus der Bundesrepublik ist Sir Michael natürlich wieder kaum zu hören. Er ist ein erfahrener Mann, der nur für die Jury spricht. Die Jury darf sich nicht überrollt fühlen. Leise Töne wirken auf sie eindringlicher als laute.

Sir Michael bringt den Fall Sutcliffe mit der Frage, ob der Angeklagte »mad or bad« sei, auf die kürzeste aller Formeln: Ist Peter Sutcliffe, 34, verrückt oder einfach nur böse? Der Ton liegt dabei auf dem »oder« und dem, was ihm folgt, was gegen eine Krankheit spricht. Sir Michael macht deutlich, wie für ihn die Antwort lautet, doch selbstverständlich überläßt er die Entscheidung der Jury, die sich eben nicht überrollt fühlen darf.

Wenn es tatsächlich eine Stimme gab, die Peter Sutcliffe zum erstenmal als Totengräber auf dem Friedhof von Bingley beim Grab der Familie Zapolski gehört haben will und der er gehorchte, weil er sie für Gottes Stimme hielt -- warum hat er dann in keinem Polizeiverhör diese Stimme erwähnt? Warum erfuhr der Psychiater Dr. Hugo Milne erst in der achten von elf Besprechungen mit Peter Sutcliffe von dieser Stimme und dem Auftrag, Prostituierte zu töten?

Kann man wirklich glauben, daß Peter Sutcliffe auf dem Friedhof von Bingley irgendeine Botschaft erhalten hat -- oder ist es nicht auch möglich, daß da überhaupt keine Stimme war? Ist S.139 Peter Sutcliffe nicht eher ein kaltblütiger, kalkulierender Mörder, der die Stimme erfunden hat, um als Kranker glimpflicher davonzukommen?

Sir Michael sät Zweifel, und ein Punkt ist für ihn von besonderer Bedeutung: Keiner der drei Psychiater, die gehört und ins Kreuzverhör genommen wurden, konnte ausschließen, daß er von Peter Sutcliffe getäuscht worden ist. Alle drei Psychiater erklärten, ihre Diagnose, die auf paranoid-halluzinatorische Schizophrenie lautet, stehe und falle damit, daß Peter Sutcliffe auf dem Friedhof in Bingley tatsächlich eine Stimme gehört hat, die er für Gottes Stimme hielt.

Die Psychiater sind im Kreuzverhör von der Anklage massiv attackiert worden. Die Krone wird gegen Peter Sutcliffe nicht nur von Sir Michael, sondern auch von Harry Ognall vertreten, der aggressiv agiert, wo Sir Michael immer leiser spricht. Dr. Malcolm MacCulloch muß einräumen, daß er zu seiner Diagnose schon nach 30 Minuten kam, zudem ohne die Protokolle der Polizeiverhöre zu kennen.

Dr. Hugo Milne wird am intensivsten befragt, über zehn Stunden steht er im Zeugenstand. Dr. Milne berichtet, daß Sonia, die Frau Peter Sutcliffes, 1972 an Schizophrenie erkrankte. Sie hielt sich für einen zweiten, weiblichen Jesus. Dr. Milne muß Ankläger Ognall zugestehen, daß Sonia Sutcliffe ihrem Mann (die Ehe wurde 1974 geschlossen, die beiden waren aber schon 1972 zusammen) die Schizophrenie vorgeführt, ihm die Kenntnis ihrer Symptome verschafft haben könnte.

Ankläger Ognall greift natürlich auch auf, daß Dr. Milne keine sexuelle Motivation bei Peter Sutcliffe festgestellt haben will und daß die letzten sechs Frauen, die er tötete, keine Prostituierten waren: »Wenn die Jury in Betracht zieht, daß dieser Mann sehr wohl wußte, daß die letzten sechs Frauen keine Prostituierten waren, dann fällt doch wohl die 'göttliche Mission, Prostituierte zu töten', in Stücke?« Dr. Milne: »Ich stimme zu.«

Gefängnisbeamte hätten berichtet, daß Peter Sutcliffe gesagt habe, er werde 30 Jahre im Gefängnis bleiben müssen, es sei denn, er könne die Leute davon überzeugen, er sei verrückt: »Was machen wir damit im Zusammenhang mit Ihrer Aussage, Dr. Milne?« Dr. Milne: »Soweit ich das in diesem besonderen Fall beurteilen kann, ist er entweder ein perfekten Schauspieler -- oder ich bin ein unfähiger Psychiater.«

Dr. Terence Kay gibt zu, daß er Symptome vermißt, die er eigentlich erwartet habe. Bei der Dauer der Erkrankung von Peter Sutcliffe, die er auf 15 Jahre ansetzt, hätte er eine größere Desorientierung erwartet. Die Anklage zaust die drei Psychiater nach Strich und Faden.

In der Bundesrepublik ist 1964 und 1965 dreimal gegen zwei Männer verhandelt worden, die des Mordes an einem Taxifahrer angeklagt waren. Im ersten Prozeß schien es erforderlich, die Hauptverhandlung abzubrechen, weil einer der Angeklagten so gestört wirkte, daß er begutachtet werden mußte. Im zweiten Prozeß erkannte dann ein ordentlicher Professor für Psychiatrie auf Unzurechnungsfähigkeit. Seine Diagnose: Paranoide Schizophrenie.

Doch bevor diese zweite Hauptverhandlung mit einem Urteil abgeschlossen werden konnte -- offenbarte der Mitangeklagte, der für krank Befundene habe »absichtlich auf Macke« gemacht. In einer dritten Hauptverhandlung wurden beide Angeklagten zu lebenslänglichem Zuchthaus (was es heute nicht mehr gibt) verurteilt.

Psychiater können gerade im Umkreis schizophrener Krankheiten getäuscht werden oder sich irren, nicht zuletzt weil die Ursache schizophrener Krankheiten bis heute ungeklärt ist. 1979 befragte der Psychiater Professor Müller, Lausanne, Schweizer Kollegen:

16,1 Prozent der Befragten sahen die hauptsächlichen Ursachen in »hereditär verankerten biochemischen Anomalien des Zentralnervensystems«; 12,1 Prozent in der Lebensgeschichte seit der Kindheit, also in »individuellen psychogenetischen Faktoren sowie in deformierten Interaktions- und Kommunikationsmodi unter den Familienmitgliedern«; 63,1 Prozent meinten, daß »im heutigen Zeitpunkt keine Prioritäten gesetzt werden können«, weil alle Faktoren eine Rolle spielten. Und 8,6 Prozent waren der Ansicht, die Frage könne überhaupt nicht gestellt werden: »Man wisse überhaupt nichts Gewisses.«

Die heikelste Diagnose ist die paranoide Schizophrenie dann, wenn es um einen Menschen geht, der Straftaten begangen hat, die auf diese Krankheit zurückzuführen sein könnten. Denn hier prallt die Unsicherheit im Wissen über die Schizophrenie auf die Skepsis und den Widerstand der Juristen. Die Stimme, die einer gehört und der er gehorcht haben will: Was beweist sie außer seiner eigenen Aussage?

Die »Übung«, die der Psychiater Professor Dörner und die Psychologin Dr. Ursula Plog in ihrem Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie »Irren ist menschlich« empfehlen (sie steht diesem Bericht voran), führt zu Überlegungen darüber, warum Menschen schizophren erkranken. Diese Welt produziert Bewußtseinsinhalte, die nicht mehr in Einklang zu bringen sind im einzelnen, die also ab- und aufspalten. Für die Gerichte sind die Straftaten, zu denen es aus diesem Bereich seelischer Störungen heraus kommen kann, ein unheimliches, beunruhigendes Terrain.

Das Strafrecht Englands sperrt sich durch seine Geschichte hindurch gegen die Berücksichtigung pathologischer Fehlentwicklungen. Es respektiert das Individuum, es geht davon aus, daß jeder weiß, was er tut, daß also jeder für sich verantwortlich ist. Auf dieser Linie behandelt man ja auch in England Hungerstreikende nicht zwangsweise. Zwar gibt es seit 1957 die Möglichkeit, in Fällen verminderter Zurechnungsfähigkeit auf Totschlag statt auf Mord zu erkennen, doch die Gerichte machen davon nur widerstrebend Gebrauch. Sie wollen sich nicht »auf einem Meer einschiffen, das keine Ufer hat«.

Verteidiger James Chadwin kämpft unter diesen Umständen und angesichts einer psychiatrischen Diagnose, die sich nicht unabhängig von der Frage machen läßt, ob Peter Sutcliffle die Wahrheit sagt, auf verlorenem Posten. Er S.140 muß es wagen, seinen Mandanten in den Zeugenstand zu rufen. Doch damit verliert sich die Spur zu einer Antwort auf die Frage, warum Peter Sutcliffe getötet hat, endgültig. Sie versickert zwischen den Einlassungen des Angeklagten gegenüber der Polizei, seinen Antworten auf die Fragen seines Verteidigers und seinen Antworten im Kreuzverhör durch Sir Michael.

Die Widersprüche, die sich zwischen diesen drei Komplexen von Antworten ergeben und ergeben müssen, kann die Meinung von drei Psychiatern nicht ausräumen. Der englische Strafprozeß verlangt Beweise von ihnen, die zu bringen sie Psychologen und Sexualwissenschaftler zur Seite haben müßten. Die These, daß man 13 Frauen töten und sieben schwer verletzten kann, weil man böse und die Inkarnation des Teuflischen ist, kann von der Wissenschaft nicht überzeugend widerlegt werden.

Es ist für jede Gesellschaft angenehm, wenn einer nicht verrückt, sondern ganz einfach böse ist. Das Böse kann man wegsperren.

Richter Leslie Boreham belehrt die Jury aus sechs Frauen und sechs Männern. Er verschweigt nicht, daß er sich eine Meinung gebildet hat, aber wenn die Jury anderer Meinung sei, so macht er deutlich, dann müsse sie sich über seine Meinung hinwegsetzen. Die Meinung von Richter Boreham ist erkennbar, so wie er den Fall für die Jury zusammenfaßt, daß Peter Sutcliffe voll verantwortlich und ein Mörder sei.

So entscheidet denn auch die Jury auf Mord, wenn auch nicht ohne Komplikation. Richter Boreham hat sie belehrt, daß er in diesem Fall auf einem einstimmigen Spruch bestehen müsse. Als aber die Jury nach über fünf Stunden Beratung noch kein Ergebnis hat, wird sie von Richter Boreham hereingerufen: Er sei nun auch bereit, ein Ergebnis von zehn zu zwei Stimmen anzunehmen. Diesen Schuldspruch trägt die Jury dann auch eine halbe Stunde später vor.

Kein Mißverständnis -- der Prozeß war fair. Ein anderes Resultat war in den Grenzen des englischen Strafprozesses unmöglich. Richter Boreham verurteilt Peter Sutcliffe zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe, und er fügt hinzu, daß er lebenslänglich und nichts darunter meint. Richter Boreham sagt, er finde keine Worte für die Brutalität der Taten des Verurteilten. John Thompson, 42, der kurz zuvor im Old Bailey als Mörder lebenslänglich erhielt, hat 37 Menschen auf dem Gewissen, die in den von ihm angezündeten Nachtklubs starben.

Der Presse der Bundesrepublik blieb es vorbehalten, die Welt einmal mehr am deutschen Wesen genesen zu lassen. »Quick« druckte ein im Sutcliffe-Prozeß gemachtes Photo mit der Begründung, es habe »zeitgeschichtlichen Wert«. Die Countess of Gowrie, geborene Adelheid Gräfin von der Schulenburg, Ehefrau eines Staatsministers im britischen Arbeitsministerium und Londoner Korrespondentin von »Quick«, mußte deswegen in den Zeugenstand. Sie wurde aus dem Prozeß ausgeschlossen. Photographieren ist während der Sitzungen im Old Bailey streng verboten. »Quick« verkündete: »'Quick' hat es trotzdem geschafft.« Man werde es auch in Zukunft versuchen.

Vielleicht hatte man einen Komplex zu heilen. Aus dem Prozeß gegen den deutschen Schauspieler Gunnar Möller im Old Bailey brachte der »Stern« im vergangenen Jahr ein gleichfalls trotz Verbot aufgenommenes Photo. Bevor darüber diskutiert wird, was Pressefreiheit ist und was Photos besagen, sollte man überlegen, ob nicht den Regeln, die beim Gastgeber verbindlich sind, ein gewisser Respekt gebührt. Zu einem Essen bei gläubigen Mohammedanern eingeladen, wird man kaum ohne Folgen eine Flasche Whisky unterm Jackett mitbringen, weil man auf seinem Alkohol besteht.

Zwei Helden des Sutcliffe-Falles müssen abschließend erwähnt werden: die Polizeibeamten Robert John Hydes und Robert Ring. Ihnen ist zu danken, daß Peter Sutcliffe im Januar 1981 in der Melbourne Avenue in Sheffield doch noch gestellt wurde. Sie schöpften und belegten einen Verdacht, über den ihre Vorgesetzten nicht mehr hinweggehen konnten.

Bei der Verfolgung von Peter Sutcliffe scheint über Jahre Detective Chief Inspector Dover, der negative Held der Kriminalromane von Joyce Porter, tätig gewesen zu sein: der Polizist, dessen Fälle voller Menschen sind, »die er als schuldig oder unschuldig bezeichnet ... so wie ein Kind mit der Binde über den Augen wahllos mit der Stecknadel auf ein Bild einsticht«. Es fügt sich zu der über Jahre hin blinden Jagd nach dem »Ripper«, daß Peter Sutcliffe als Mörder, als der schlechthin Böse verurteilt wurde. Es gibt Antworten, die man nicht will -- für die eine Gesellschaft nicht, oder noch nicht reif ist.

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