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»Auf Knien, aber vorwärts!«

Lech Walesa und die »Solidarität« (II) / Von Jule Gatter-Klenk 1981 Athenäum Verlag, Königstein/Taunus.
• aus DER SPIEGEL 16/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Verhandlungen gehen weiter, beinahe jeden Tag treffen sich die Experten beider Seiten -- der streikenden Danziger Arbeiter wie der Regierung --, um Grundlagen für die Diskussion von Einzelfragen auszuarbeiten. Der stellvertretende Ministerpräsident Jagielski fliegt regelmäßig nach Warschau, um seine Verhandlungslinien mit dem Politbüro abzustimmen.

Primas Kardinal Wyszynski bittet in einer Predigt in Tschenstochau um Ruhe und Arbeitsfrieden für Polen. Die Rede wird im Fernsehen übertragen, sie löst erregte Diskussionen aus.

Die Arbeiter verstehen die Predigt ihres Oberhirten als eine Aufforderung, den Streik zu beenden. Prompt ist am nächsten Tag an einem der Werfttore unter dem Bild der Muttergottes von Tschenstochau die Aufschrift zu lesen: »Auch die Muttergottes streikt.«

Gerüchte tauchen auf, daß die Parteiführung einen halben Tag und ihre sämtlichen Überredungskünste benötigt habe, damit der Kardinal die Arbeiter zur Disziplin auffordere. Das wollen die Bischöfe nun ihrerseits nicht unwidersprochen hinnehmen. Noch in derselben Nacht nach der Übertragung der Predigt Kardinal Wyszynskis bittet der polnische Episkopat in einem Hirtenbrief um Streikrecht für die Polen.

Die Partei hat inzwischen aus der Lage an der Küste personelle Konsequenzen gezogen. Doch die Neubesetzungen interessieren die Arbeiter nicht. »Wir haben dreizehn Tage lang gekämpft«, sagt Lech Walesa, »jetzt werden wir uns nicht mit ein paar Versprechungen einer besseren Zukunft zufriedengeben.«

Über dem Tor ist mittlerweile ein neues Transparent aufgezogen worden: »Proletarier aller Betriebe, vereinigt euch!« Eine Aufforderung, die hier kaum noch notwendig erscheint.

Die Massenmedien berichten weiter über alle wirtschaftlichen Schäden, die der Streik anrichtet: über die Produktionsausfälle, über dringend benötigte Konsumgüter, die nicht mehr importiert würden.

Im Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei finden Grabenkämpfe statt. Die Frage, mit der die Funktionäre beschäftigt sind, lautet nicht mehr: Wie konnte es dazu kommen?, auch nicht: Wie kommen wir da S.196 wieder raus?, sondern nur noch: Wen machen wir zum Sündenbock?

Die Streikenden sitzen am längeren Hebel. Ihre Aktionen lähmen nicht nur die Wirtschaft des Landes, sie lähmen auch die Politiker. Nur wenige Männer der Warschauer Führung sind in diesen Tagen noch dazu bereit, sich zu exponieren.

Zu denen, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, gehört Mieczyslaw Rakowski, Chefredakteur der angesehenen Wochenzeitschrift »Polityka«. Er kann von sich behaupten, sein Mäntelchen nie nach dem Wind gehängt zu haben. Stets ist er für mehr Liberalität, mehr Mitbestimmung und mehr Effizienz eingetreten.

Beschwörend appelliert Rakowski an die Streikenden. Sein Appell, auf eine Kurzform gebracht, lautet: »Ihr habt schon viel für Polen erreicht, überspannt den Bogen nicht. Laßt mit euch reden.«

Die Liberalen in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei scheinen nicht mehr daran zu glauben, daß die Verbündeten Polens bereit sein würden, die systemwidrige Zulassung freier Gewerkschaften zu dulden.

Als die Regierungskommission zu erneuten Verhandlungen auf die Werft kommt, lassen die Männer erste Anzeichen von Erschöpfung erkennen. Das ständige Hin und Her zwischen Verhandlungsfront und Zentralkomitee hat auch Jagielski sichtlich mitgenommen. Abermals bittet er darum, das Fernsehen aus dem Verhandlungsraum zu entfernen.

Seine Augenkrankheit verschlimmert sich während der aufreibenden Tage. Eine der Verhandlungspausen nutzt er, um Walesa zu erzählen, warum ihn Licht derartig störe:

»Während der Zeit der deutschen Besatzung saß ich im Gefängnis in Plock. Man hat uns ein Jahr lang im Keller gefangen gehalten. Im Ersten Weltkrieg hatten die Deutschen an diesem Gebäude die Aufschrift angebracht: ''Dieses Haus schützt die Guten und jagt den Bösen Angst ein''. Als ich verhaftet wurde, ich war damals 17 Jahre alt, hatte man die Aufschrift aus dem Jahr 1914 erneut angebracht.

Wir saßen in Dunkelhaft. Von Zeit zu Zeit wurden wir zum Verhör geholt, aber man stellte uns keine Fragen, wir wurden einfach nur geprügelt. Man zog uns nackt aus und kettete uns an einen Tisch.

Ich erinnere mich heute noch an eine Frau, sie war wunderschön, die mit zwei uniformierten Hünen erschien; auch an einen Stuhl mit einem Kissen, das unter Strom gesetzt werden konnte. Die Frau hat mich mit einem Schlagring traktiert, an dieser Stelle hier hat sie mir den Bauch mit einem Bajonett aufgeschlitzt.

Einen Finger schnitten sie mir ab und dann warfen sie mich hinaus auf die Straße in den Dreck. Meine Mutter wurde ebenfalls nach einem Jahr Dunkelhaft entlassen, sie war psychisch unheilbar krank. So etwas hinterläßt seine Spuren. Deshalb wäre ich wirklich dankbar, wenn die Scheinwerfer abgeschaltet werden könnten.«

An diesem Tag schaltete das Deutsche Fernsehen seine Scheinwerfer nicht wieder an.

Aus der Streikzeitung »Solidarnosc«, 29. August 1980:

»Die heutigen Gespräche gingen um die Forderungen nach Abschaffung der Zensur und um Straffreiheit für die Streikenden, für ihre Helfer und für politische Häftlinge. Das Wort ergriff Lech Badkowski, Mitglied des Streikpräsidiums.

Er wies auf die Tatsache hin, daß immer wieder in stärkerem oder geringerem Maße mittels Zensur in das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben unseres Landes eingegriffen worden sei. Er betonte, daß es keineswegs darum ginge, die Zensur völlig abzuschaffen. Vielmehr handele es sich darum, einen rechtlichen Rahmen für die Tätigkeit der Zensurbehörde zu schaffen, der ein vollständiges und zuverlässiges Informationswesen sowie eine freie Äußerung von Meinungen und Weltanschauungen der Bürger gewährleiste.

In seiner Antwort erklärte Jagielski, die Stellungnahme der Regierungskommission in dieser Frage sei im Grunde identisch mit den Forderungen des überbetrieblichen Streikkomitees. Problematisch sei nur die Formulierung einzelner Bestimmungen, wie die Arbeit der Zensurbehörde durchgeführt werden solle.«

Erneut hatten die Streikenden der Regierung ein Zugeständnis abgerungen. Offen war an diesem 29. August die entscheidende Frage, ob die Arbeiter Polens das Recht haben sollten, sich in der Form von unabhängigen Gewerkschaften zu organisieren. Und offen geblieben war daneben die Entscheidung über die Freilassung jener Regimekritiker, S.198 die im Laufe des Streiks verhaftet worden waren.

Zu dem Zugeständnis jedoch, daß das Streikrecht mit der politischen Verfassung Polens zu vereinbaren sei, hatten sich die Parteiideologen schon Tage zuvor bereit gefunden. Mit jenen Direktiven reist Jagielski zur nächsten Verhandlungsrunde an.

Jagielski: »Jemand von Ihnen hat gesagt: Heute ist Jagielski der Vorsitzende der Kommission, aber in zwei, drei Wochen gibt es vielleicht keinen Jagielski mehr. Deshalb soll nicht er persönlich, sondern die Partei als Ganzes ihren Standpunkt in dieser Frage klarlegen.

Deshalb, Herr Vorsitzender Walesa, schlage ich vor, daß wir unser Abkommen paraphieren. Ich werde unterschreiben, und Sie werden unterschreiben im Namen der Streikleitung oder der hier Versammelten.

Das unterzeichnete Dokument werde ich nach Warschau mitnehmen, wo heute das Plenum des Zentralkomitees tagt. Ich werde dem ZK Bericht erstatten, dann komme ich zurück, und wir unterschreiben feierlich das Protokoll. Schließlich sind ja nur noch drei Punkte, politische Forderungen, offengeblieben.

Ich sage euch ehrlich, ich für meinen Teil bin jetzt mit euch einig. Aber wenn sich andere daran setzen, werden sie jedes Komma analysieren. Wundert euch nicht darüber. Ich bin Professor, und wenn man mich derart in die Enge triebe, würde ich auch an jedem Komma herumdeuteln. Schließlich geht es uns aber doch um etwas anderes: Wir wollen den sozialen Konflikt hier prinzipiell lösen. Wo ist das Kommunique? Gebt es mir zur Unterschrift.«

Wieder erweist sich Walesa als der hartnäckigere Verhandlungspartner. »Herr Ministerpräsident, wir haben nur noch drei Punkte, und auch bei diesen sind wir bereits im Endstadium der Diskussion. Ich schlage vor, Punkt 2 zu verlesen.«

Forderung Nr. 2 lautet: Sicherung des Rechts auf Streik; Straffreiheit für die Streikenden und für sie unterstützende Personen. Nach kurzem Hin und Her -- Papiere und Vorlagen sind mittlerweile durch Anmerkungen und Anmerkungen zu Anmerkungen beinahe unleserlich geworden -- einigt man sich auf folgende Formulierung:

»Das Recht auf Streik wird im noch auszuarbeitenden Gewerkschaftsgesetz verankert. Das Gesetz soll die Bedingungen der Ausrufung und Organisation von Streiks, Methoden zur Lösung strittiger Fragen sowie Verantwortlichkeit bei Gesetzesüberschreitungen festlegen. Auf die Streikenden werden die arbeitsrechtlichen Gesetze über Arbeitsverweigerung nicht angewendet. Bis zur Verabschiedung des Gesetzes garantiert die Regierung den Streikenden und den sie unterstützenden Personen Straffreiheit und Aufrechterhaltung ihrer bisherigen Arbeitsverhältnisse.«

Damit ist eine weitere Klippe umschifft. Nach wie vor offen jedoch bleibt die Frage, ob die Arbeiter Polens das Recht haben sollen, sich in freien Gewerkschaften zusammenzuschließen.

Hier hakt Walesa sofort ein. Die entsprechenden Ausführungen von seiten der Regierung klingen ihm zu glatt, zu flüssig. Er fürchtet um seinen wichtigsten Punkt, die Forderung Nr. 1:

»Einen Moment, bitte. Das alles ging zu schnell. Wir können so rasch gar nicht tippen. Wir machen jetzt erst einmal fünf Minuten Pause und überlegen gemeinsam; wir sind leider etwas langsamer als Sie. Dann erst fangen wir an, uns noch einmal über Punkt 1 zu unterhalten.«

Jagielski bietet dem Streikführer seinen Text an, denn »er ist identisch mit dem, was wir gesagt haben«.

Aber Walesa bleibt auf der Hut. »Es ist immer besser, wenn man seinen eigenen Text hat. Deshalb warten wir noch ein wenig, Andrzej Gwiazda kann in dieser Zeit unsere Vorstellungen über Punkt 1 verlesen.«

Jagielski wirft ein, daß doch alles schon bekannt sei, aber Walesa bleibt unbeirrbar. »Wir müssen das noch einmal zur Sprache bringen. Es ging wirklich zu schnell. Keiner weiß mehr genau, was eigentlich besprochen wurde, und, vor allen Dingen, die Delegierten im Saal haben auch nicht alles verstanden. Ich bitte darum, Formalitäten einzuhalten und sowohl unsere Ansicht zu diesem Problem als auch Ihre Stellungnahme nochmals zu wiederholen.«

Jagielski erklärt sich einverstanden, und Walesas Mitarbeiter Andrzej Gwiazda faßt zusammen: »Die Arbeit der Gewerkschaften in der Volksrepublik Polen hat die Hoffnungen und Erwartungen der Werktätigen nicht erfüllt. Deshalb erscheint es zweckmäßig, neue, selbstverwaltete Gewerkschaften zu gründen. Sie sollen bevollmächtigte Vertreter der Arbeiterklasse sein. Das Recht jedes einzelnen, Mitglied der alten Gewerkschaften zu bleiben, soll damit nicht in Frage gestellt werden; Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen beiden Gewerkschaften sollen künftig überprüft werden.

Das überbetriebliche Streikkomitee stellt fest, daß es bei der Gründung neuer unabhängiger und selbstverwalteter Gewerkschaften die in der Verfassung der Volksrepublik Polen verankerten Prinzipien befolgen wird. Die neuen Gewerkschaften werden die materiellen und sozialen Interessen der Arbeiterschaft vertreten und erklären ihre Absicht, nicht die Rolle einer neuen politischen Partei zu übernehmen.

Sie bekennen sich dazu, daß die Produktionsmittel Volkseigentum sind, sie bekennen sich zur bestehenden sozialistischen Gesellschaftsordnung in Polen. Sie werden durch Kontrollen sicherstellen, daß die Arbeiter ihre Meinungen und Interessen verteidigen können. Sie erkennen die führende Rolle der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei an und stellen das sozialistische System und die internationalen Bündnisse nicht in Frage.

Die Regierungskommission erklärt, daß die Staats- und Parteiführung Unabhängigkeit und Selbstverwaltung der neuen Gewerkschaften achtet, garantiert und sichert. Sie sorgt dafür, daß die Interessen der Arbeiter, ihre sozialen, materiellen und kulturellen Bedürfnisse, vertreten werden können und daß die neuen Gewerkschaften weder S.200 diskriminiert noch verfolgt werden dürfen.

Die Größe dieses neuen Interessenverbandes erfordert entsprechende Gesetzesänderungen innerhalb der Volksrepublik. Die Regierung verpflichtet sich, diesbezügliche Entwürfe vorzulegen. Dabei sollen Gewerkschaftsgesetzgebung, Arbeiterselbstverwaltung und das allgemeine Arbeitsrecht berücksichtigt werden.

Das Überbetriebliche Streikkomitee hat das Recht, seine Arbeit in Form eines Gründungskomitees für die neuen Gewerkschaften fortzusetzen und die Form der neuen Vereinigung innerhalb der Küstenregion selbst zu bestimmen.

Die Regierung verpflichtet sich, die Voraussetzungen für eine Registrierung der neuen Gewerkschaften außerhalb des Zentralrats der Gewerkschaften CRZZ zu schaffen.

Die neuen Gewerkschaften sollen eine reelle Chance erhalten, wirtschafts- und sozialrechtliche Entscheidungen offiziell begutachten zu lassen. So die Verteilung des National- und Volkseinkommens; Änderungen in der Lohnpolitik, Inflationsausgleichsmaßnahmen, Wirtschaftsjahrespläne, Investitionspolitik und Preisänderungen.

Außerdem sollen Untersuchungen über den Lohn- und Preisindex angestellt werden. Auch diese Ergebnisse sollen veröffentlicht werden. Darüber hinaus sollen die neuen Gewerkschaften eigene Publikationsorgane besitzen.

Die Regierung sichert den Arbeitern und Beschäftigten das Recht zu, sich freiwillig in Gewerkschaften zusammenzuschließen. Die neuen Vertretungen werden nicht Mitglieder des Zentralrats der Gewerkschaften CRZZ. Wir gehen davon aus, daß die Regierung dies alles bei ihren neuen Gesetzesentwürfen berücksichtigt.

Zusätzlich soll sichergestellt werden, daß die Vertreter des Überbetrieblichen Streikkomitees an der Ausarbeitung der neuen Gesetze beteiligt werden.«

Als Gwiazda seinen Vortrag beendet hat, fügt Walesa nur noch einen Satz hinzu: »So sehen wir das neue Gewerkschaftsgesetz, und so möchten wir es verwirklicht wissen.«

Der stellvertretende Ministerpräsident beginnt seine Rede mit einem Satz, der alle aufatmen läßt:

»Meine Herrschaften, es scheint die Zeit gekommen, unsere Arbeit zu beenden. Die Verhandlungen waren schwierig und mühsam, aber es ging um die ureigensten Angelegenheiten unseres Landes. Es handelt sich nicht nur um die Beendigung eines aktuellen sozialen Konflikts, sondern auch um Probleme, die die künftige Entwicklung der Volksrepublik beeinflussen.

Nun zu Punkt 1: Wie Sie, Herr Vorsitzender, bereits festgestellt haben, ist er der Grundstein unserer Vereinbarungen, gleichzeitig aber auch die schwierigste Forderung des gesamten Katalogs. Deshalb bedarf er einer besonderen Behandlung.

Auch die übrigen Forderungen sind nicht weniger wichtig, weil sie Lohn- und Sozialforderungen der Arbeiterklasse betreffen. Diese Fragen dürfen nicht am Rande behandelt werden, obwohl es manchmal so aussieht, als seien sie sehr leicht zu lösen und -- ich berufe mich hier auf Ihre Meinung, meine Herren -- als könnten sie auf der Stelle erledigt werden.

Jeder muß sich darüber im klaren sein, daß der soeben formulierte Standpunkt gegenüber der ersten Forderung von grundsätzlicher Bedeutung sein wird und daß der Inhalt einer von uns gebilligten Lösung in jedem Fall entscheidend den Handlungsspielraum der Arbeiterklasse und anderer sozialer Gruppen in naher und ferner Zukunft beeinflussen wird.

Im Grunde genommen halten wir die Vorschläge, die die Experten beider Seiten ausgearbeitet haben, für eine angemessene Grundlage endgültiger Entscheidungen, die wir in diesem Saal treffen müssen.

Dennoch möchte ich einige wichtige Fragen anschneiden. Die erste betrifft die politische und ideologische Orientierung der Gewerkschaften. Wir haben sie eine selbstverwaltete genannt wie S.202 auch andere Vertretungen. Ich habe mit großer Genugtuung festgestellt, daß das Überbetriebliche Streikkomitee sich hierzu eindeutig geäußert hat.

Es hat betont, daß die Gewerkschaft auf dem Boden des Eigentums aller an den Produktionsmitteln stehe, also der Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung Polens. Ferner erkennt die Gewerkschaft die führende Rolle der Partei in unserem Staat an und ebenso unsere bestehenden internationalen Bündnisse. All dies bedeutet, daß sie auf dem Boden der Verfassung der Volksrepublik Polen steht und immer stehen wird.

Eine weitere Frage betrifft die Rolle der neuen Gewerkschaften. Sie soll eine stärkere, ich würde sagen demokratischere Vertretung, eine wirksamere Verteidigung darstellen und die Interessen der Belegschaft schützen. Unter diesen Voraussetzungen sollen wir für ihre Registrierung sorgen.

Wir verstehen, daß vor dieser Registrierung ein Statut ausgearbeitet werden soll und daß die selbstverwaltete Gewerkschaft ein Gründungskomitee besitzt. Man könnte auch andere Bezeichnungen wie Arbeiter-, Beschäftigten- oder Belegschaftskomitee wählen, unter den genannten Voraussetzungen kann das akzeptiert werden.

Es ist klar, daß auch förderative Verbände zur Erfüllung der Aufgaben entstehen können, die Sie genannt haben: Untersuchungen über den Lebensstandard der Werktätigen, Begutachtung von Schlüsselentscheidungen in Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Ich möchte hier noch einmal mit Nachdruck unterstreichen, daß die Schwierigkeiten, entsprechende und zutreffende Formulierungen für unser aller Anliegen zu finden, nicht auf ein mangelndes Verständnis für die Wichtigkeit der Arbeit der Gewerkschaften zurückzuführen sind. Das heißt nicht, daß wir menschliche Forderungen oder den Wunsch nach sozialen Aktivitäten nicht verstanden hätten.

Ich muß offen gestehen, daß es hier und unter diesen Umständen schwierig ist, eine für beide Seiten befriedigende Lösung zu finden. Das Problem besteht auch darin, daß es sich um neue und institutionelle Veränderungen handelt, die ausdiskutiert werden müssen. Das geht nicht von heute auf morgen.«

Der folgende Dialog zwischen Lech Walesa und Mieczyslaw Jagielski bedeutet das Ende des gespannten politischen Tauziehens auf der Lenin-Werft; es ist der achte Tag seit Verhandlungsbeginn.

WALESA: »Ich schlage vor, die neue Gewerkschaft Unabhängige Gewerkschaft zu nennen.«

JAGIELSKI: »Das haben wir ja bereits unterschrieben.«

WALESA: »Aber in diesem Protokoll gibt es drei verschiedene Bezeichnungen. Es ist von ''Neuen Gewerkschaften'', von ''Unabhängigen Gewerkschaften'' und ''Selbstverwalteten Gewerkschaften'' die Rede.«

JAGIELSKI: »Dann sucht euch doch eine Bezeichung davon aus.«

Zwischenruf aus dem Saal: »Macht bloß kein Durcheinander!«

WALESA: »Dann soll folgende Bezeichnung gültig sein: Unabhängige, Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität!«

JAGIELSKI: »Gut, ich akzeptiere.«

WALESA: »Unterschreiben wir jetzt?«

JAGIELSKI: »Wir unterschreiben.«

WALESA: »Ich habe noch eine Anmerkung. Wir wünschen uns, daß Sie, Herr Ministerpräsident, so schnell wie möglich aus Warschau zu uns zurückkehren. Wir haben nun schon so lange gewartet, heute ist Samstag. Am Sonntag wird ohnehin nicht gearbeitet. Wir werden hier die Papiere nach unseren gemeinsamen Beschlüssen umschreiben, und Sie, Herr Ministerpräsident, kommen zurück und sagen uns, wie Warschau die Sache sieht.

Wenn alles gutgeht, sind wir am Montag wieder an unseren Arbeitsplätzen. Nur eins noch: Wir gehen zur Arbeit, aber wir müssen die Vereinbarungen schwarz auf weiß bekommen. Im Namen der Muttergottes, schwarz auf weiß!«

Und der kommunistische Vizepremier der Volksrepublik Polen antwortet: »Sie werden die Vereinbarungen schriftlich bekommen, schwarz auf weiß, im Namen der Muttergottes!«

Sonntag, 31. August 1980. Ein Streiktag wie jeder andere. Messe, dann die morgendliche Ansprache von Walesa. Die Arbeiter hocken auf kleinen Holzbänken oder haben sich ins Gras gelegt. Die Sonne scheint, und die Lautsprecher rufen pausenlos Namen auf. Später das sonntägliche Familientreffen am Werfttor.

Und doch hat sich etwas verändert. Die Menge der Arbeiter, die sich auf der Hauptstraße und vor dem Verhandlungsgebäude drängt, ist weitaus größer als an anderen Streiktagen, die Zahl der Wartenden vor dem Tor ebenfalls, die Spannung intensiver, viele der Arbeiter haben fröhlichere Gesichter.

Hier und da sind bereits Aktentaschen abgestellt, fertig gepackt. Die Arbeiter haben ihre Arbeitsanzüge ausgezogen, in Zivilkleidung stehen sie wartend da -- das Bild gleicht dem vor 17 Tagen, als sie zur Morgenschicht auf die Werft kamen.

Lech ("Leszek") Walesa ist kaum noch ansprechbar. Im Sturmschritt eilt er vom großen in den kleinen Sitzungssaal, von dort in die Druckerei und wieder zu seinem Sessel. 10 Minuten später taucht er am Tor auf, redet kurz mit den Streikposten, verschwindet für einen Moment in der Kantine, kommt wieder zum Vorschein, läuft zu seinem Elektrokarren. Ich frage ihn, ob nun alles vorbei sei.

»Es hat sich gelohnt«, sagt er, indem er mit der Hand auf ein Blechschild »Büro des Betriebsrates« weist. Es ist an einem niedrigen Gebäude neben Tor 2 befestigt, die Aufschrift mit zwei dicken Balken roter Farbe durchgestrichen. Damit haben die Beschäftigten der Lenin-Werft klargemacht, was sie von ihrer früheren Arbeitervertretung halten.

Leszek grinst. »Jetzt haben wir endlich unsere eigene Vertretung und nicht diesen Bürokratenverein. Wir können wirklich froh sein, denn das, was hier geschehen ist, ist unser Werk. Wir haben gute Arbeit geleistet. Wie groß unser S.204 Erfolg wirklich ist, ahnen die meisten von uns nicht einmal.

Weißt du, warum ich so gut in Form bin? Ich habe einen Schock hinter mir. Ich hatte mich auf einen längeren Kampf eingestellt. Mindestens drei Wochen, dachte ich, müßten wir noch streiken. Und heute abend wird alles vorbei sein. Vorbei? Was heißt hier vorbei?

Wir werden erst richtig anfangen müssen. Wir brauchen eine eigene Zeitung, ein eigenes Gebäude. Wir brauchen Platz, damit wir uns den Kopf zerbrechen können, wie es weitergehen soll. Wir werden uns ein entsprechendes Haus suchen, an der Tür wird ein Schild hängen, auf dem steht: Unabhängige Gewerkschaft Solidarität!«

Er ist schon wieder weg, steigt auf seinen Elektrowagen und spricht zu den Leuten vor dem Tor. »Neunzig Prozent haben wir schon geschafft«, sagt er, »aber ich habe eine Bitte: Noch sind wir nicht ganz fertig, deshalb bitte ich mir bei euch etwas entschlossenere Gesichter aus. Ihr müßt Vertrauen zu uns haben. Vertrauen zu den Leuten, die zwar langsam müde werden, aber immer noch durchhalten. Dann wird alles gut.«

Den Beifall hört er nicht mehr, er ist bereits auf dem Weg zurück in den großen Sitzungssaal. Wie immer gefolgt von Henryk, seinem Leibwächter.

Die Regierungsdelegation trifft ein. Alle rechnen mit einer Unterschrift unter die Vereinbarungen. Doch in letzter Minute entsteht ein neues Problem. Die Bürgerrechtler, die während des Streiks in Polizeigewahrsam waren, sollen freigelassen werden.

Leszek ist sich und seinen Freunden in der Streikleitung diese Forderung schuldig. Und so setzt er, anscheinend leichtfertig, die Unterschrift unter den Vertrag von Danzig noch einmal aufs Spiel. Die Regierungskommission zieht sich zu letzten Beratungen zurück.

Die meisten sind mit Walesas Vorgehen nicht einverstanden. »Was gehen mich diese Dissidenten an?« knurrt ein Molkereiarbeiter aus Elbing. Die Umstehenden stimmen ihn nieder; Leszek auf dem Podium läßt keinen Zweifel daran, wie er zu dieser Sache steht.

»Wir haben die Lage geprüft und festgestellt, daß die Dreistadt und die Tausende von Menschen, die draußen vor dem Tor stehen, mit dem Ergebnis unserer Verhandlungen einverstanden sind, unter der einen Bedingung: daß die Häftlinge freigelassen werden. Der Ministerpräsident wird uns eine Versicherung geben, daß sie aus dem Gefängnis herauskommen, erst dann werden wir das Protokoll unterschreiben.«

Alle noch offenen Fragen, so verspricht Walesa seinen Streikgenossen, werden in Zukunft gelöst werden -doch nicht hier auf der Lenin-Werft, sondern im neuen Präsidium, in Wrzeszcz, das früher einmal Danzig-Langfuhr hieß.

Der Woiwode hat den neuen Gewerkschaften wahrhaftig ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt. Lech Walesa sagt: »Ich glaube, unsere Forderungen sind erfüllt worden. Es gibt gewisse Konzessionen, das ließ sich nicht vermeiden. Wir haben alle wie die Löwen gekämpft, das Ergebnis ist wirklich gut. Doch das heißt nicht, daß es jetzt nichts mehr zu tun gibt. Das war nur die erste Schlacht, eine winzig kleine, wir haben sie gewonnen. Und jetzt geht nach Hause, ihr seid schließlich alle müde.«

Leszek hat sich von seiner eigenen Begeisterung hinreißen lassen. Doch S.205 daran, daß die Sache noch nicht ausgestanden ist, erinnern ihn die Delegierten im Saal. »Wir gehen noch nicht«, ruft einer, und ein anderer: »Erst muß alles unterschrieben sein. Schwarz auf weiß, das hast du selbst gesagt!« Walesa beschwichtigt sie, selbstverständlich werde es eine zeremonielle Unterzeichnung geben, Fernsehkameras, Reden, Dankesworte.

Als dann alles soweit ist, hat der Streikführer seinen riesigen Kugelschreiber mit dem Papstportrait in der Hand und schwenkt ihn wie einen Marschallstab.

»Meine Lieben! Am 1. September kehren wir an unsere Arbeit zurück. Wir alle wissen, woran uns dieser Tag erinnert. An diesem Tag denken wir an unser Vaterland, an die Probleme unserer Nation und die gemeinsamen Interessen unserer Familie, die Polen heißt.« Walesa spielt damit auf den Tag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges an, der sich am 1. September zum 41. Mal jährt.

»Wir haben alles erreicht, was wir wollten, was wir uns wünschten, wovon wir träumen. Das heißt, fast alles, jedenfalls eine ganze Menge. Vertraut mir, wie ihr mir die ganze Zeit über vertraut habt. Glaubt mir, was ich euch sage: Wir haben alles herausgeholt, was in der gegenwärtigen Lage herauszuholen war. Die wichtigste unserer Forderungen ist erfüllt: Wir haben unsere unabhängige Gewerkschaft. Sie ist unsere Garantie für die Zukunft.

Wir haben nicht nur für uns und unsere Interessen, wir haben für das ganze Land gekämpft. Ihr alle könnt euch S.207 daran erinnern, wie groß die Solidarität der gesamten polnischen Arbeiterklasse mit uns war.

Wir haben das Recht auf Streik erkämpft, das Recht auf bürgerliche Freiheiten und das Recht auf freie Gewerkschaften. Und nun gehen wir mit derselben Solidarität und Besonnenheit, mit der wir gestreikt haben, an die Arbeit zurück. Ab morgen gibt es die Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität. Wir wollen dafür sorgen, daß sie immer unabhängig und immer selbstverwaltet bleibt und daß sie stets für das Wohl Polens arbeitet. Ich erkläre den Streik für beendet.«

Walesa, die Delegierten und die Regierungskommission erheben sich und singen gemeinsam die Nationalhymne. Im Saal herrscht eine Atmosphäre der Versöhnung. Die Spannung der 17 Streiktage löst sich allmählich. Leszek nimmt die Gelegenheit wahr, sich noch einmal persönlich bei seinem Verhandlungspartner der Regierung zu bedanken. Man hat verhandelt, Zugeständnisse gemacht und sich auf eine gemeinsame Sache geeinigt.

Noch einmal greift Walesa zum Mikrophon: »Während dieser kurzen Pause möchte ich mich noch einmal bei Ihnen. Herr Ministerpräsident, und auch bei allen anderen politischen Kräften, die es nicht zugelassen haben, daß dieser Konflikt mit Gewalt entschieden wurde, bedanken. Wir haben miteinander geredet, wie es sich unter Polen gehört.«

Auch der Vertreter der Warschauer Führung kann seine Bewegung kaum verbergen. »Es waren schwierige und langwierige Gespräche, die große Anstrengungen erfordert haben. Es ging um sehr wichtige Fragen. Es ging um die Probleme der Werktätigen, derer, die hier sind, wie auch derer, die nicht bei uns sein können.

Wenn wir diesen Saal verlassen, dann müssen wir uns vergegenwärtigen: Es gibt hier keine Sieger und keine Besiegten, keine Verlierer und keine Gewinner. Das Wichtigste ist, wir haben uns miteinander zu verständigen gesucht und uns geeinigt.«

Die Regierungsdelegation unter Führung von Vizepremier Mieczyslaw Jagielski verläßt den Verhandlungssaal. Die Reporter sammeln ihre Kameras und Tonbandgeräte ein. Leszek meint: »Im Prinzip können alle auf der Werft nach Hause gehen.« Dann, lauter: »Die Delegierten bleiben bitte noch hier, wir müssen weitere Einzelheiten besprechen.«

Plötzlich ist Walesas Platz am Präsidiumstisch leer, auch Henryk, den Leibwächter, kann ich nirgends entdecken. Durch die Aufbruchstimmung auf der Werft haste ich zum Tor. Ein mir vertrauter Streikposten gibt mir den Tip: Hinter dem Wachhäuschen steht eine Leiter, über die kann man aufs Dach gelangen, wo inzwischen rund 50 Fernsehteams mit ihren Kameras stehen.

Als ich oben ankomme, glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen. Leszek steht am Tor auf seinem alten Elektrokarren, zwischen polnischen Fahnen; er spricht, das Mikrophon der Lautsprecheranlage in der einen, seinen Kugelschreiber mit dem Papstporträt in der anderen Hand, zu mindestens 20 000 Menschen.

Die Baugrube vor dem Tor ist verschwunden, die Straßenbahnhaltestelle nicht mehr zu sehen. In einem neuen Sprechchor rufen die 20 000: Nicht mehr Walesas Vornamen höre ich, minutenlang schallt ein einziges Wort über den Platz: »Dziekujemy --Danke!«

Leszek ist verlegen, und wie immer, wenn er es ist, versucht er, die Situation mit Albernheiten zu überspielen: »Leute, macht Platz, unsere Jungs von der Werft sind müde und wollen nach Hause. Das wird zwar den Geburtenzuwachs steigern, aber das ist schließlich normal. Laßt die Kollegen raus, damit sie feststellen können, ob zu Hause noch alles beim alten ist, oder ob die Alte sich anderweitig umgetan hat.«

Die Spannung in der Menge läßt nach, alle lachen. Doch dann kommt der Satz, auf den sie die ganzen 17 Tage gewartet haben: »Ich habe am ersten Tag gesagt, erinnert euch, wir werden siegen. Wir haben gesiegt. Das ist die einfache Wahrheit. Vielleicht auf Knien, habe ich gesagt, aber vorwärts!«

Der Streik auf der Lenin-Werft ist beendet. Sie alle haben gesiegt, die vor dem Tor und die dahinter. Walesa spricht weiter: Nun gehe es darum, das Erreichte zu sichern. Er erwähnt die sonntäglichen Gottesdienste im Radio, die die Streikenden durchgesetzt haben, und die Zusage, daß die Häftlinge freigelassen würden.

Dann sagt er den Leuten noch einmal, sie sollen den Werftarbeitern Platz machen, die endlich, endlich nach Hause wollten. »Wir lassen uns nicht unterkriegen«, ruft er, »wir alle tragen die Verantwortung. Ich allein bin schwach, jeder von uns ist schwach, S.210 wenn er allein ist. Aber wir alle zusammen, wir sind eine Macht.«

Montagmorgen, 1. September 1980. Vier Uhr. Ein merkwürdiges Geräusch dringt durch das Hotelfenster. Die Räder der Straßenbahnen rollen quietschend über lange Zeit unbefahrene Weichen. Die Streikführerin der städtischen Verkehrsbetriebe -- ein Witzbold im Streikkomitee hat ihr den Spitznamen »Zwerg Nase« gegeben -hat ihr Versprechen wahrgemacht.

»Wenn sie unterschreiben«, so hatte sie mir am Sonntagnachmittag gesag t, »steige ich ins nächste Auto, fahre zum nächsten Depot, setze mich selbst ans Steuer der nächstbesten Tram und fahre in die Stadt. Da gibt es keinen Fahrplan, da geht es nur darum, den Leuten zu zeigen, daß die Bahn wieder fährt.«

Ganz so einfach aber geht es nicht. Einheiten der polnischen Armee müssen zuerst am Montagmorgen Unkraut und Schmutz, die sich in den 17 Streiktagen angesammelt hatten, von den Weichen abkratzen. Unter strömendem Regen tun die Soldaten ihre Pflicht, 300 Meter vom Eingang der Lenin-Werft entfernt, wo die Frühschichtler wieder an ihre Arbeit gehen.

Aus eben diesem Tor heraus, in dessen Umgebung sich noch Stunden zuvor Fernsehteams und Photoreporter aus aller Welt frei bewegten, kommt nun um halb sechs Uhr morgens ein Uniformierter, der mit amtlicher Miene auf das Photographierverbot hinweist.

Ein Verbotsschild mit der Zeichnung eines altertümlichen Photoapparats, der dick und rot durchgestrichen ist, hängt in Polen am Eingang jedes Industriebetriebes. 17 Tage lang hatte sich niemand um dieses Schild gekümmert. Doch seit Montag, dem 1. September 1980, ist Danzig zum normalen polnischen Alltag zurückgekehrt.

Um einer Einigung willen haben sich die Arbeiter manches Zugeständnis abringen lassen. Sie haben akzeptiert, daß die neuen Gewerkschaften nicht »frei«, sondern »unabhängig« heißen sollen. Die Bezeichnung Freie Gewerkschaften war für die Regierung politisch zu sehr belastet.

Sie haben sich zufriedengegeben mit der vagen Formulierung: »Die Zensurbestimmungen werden abgeschwächt« -- ein Zeichen der Angst auf beiden Seiten vor einer Entwicklung wie in Prag 1968. Sie haben zugestimmt, die Gehalts-, Urlaubs-, Renten-, Versorgungs- und Wohnungsprobleme auf spätere Verhandlungen zwischen Sonderkommissionen zu vertagen.

Und: Sie haben die grundsätzliche Führungsrolle der kommunistischen Partei und Polens Zugehörigkeit zum sozialistischen Lager prinzipiell anerkannt. Einzelne Hitzköpfe sind der Meinung, da sei kein Sieg errungen, sondern lediglich ein halbherziger Waffenstillstand geschlossen worden. Diejenigen aber, die in der Politik zwei und zwei zusammenzählen können, wissen, daß Lech Walesa recht hat, wenn er sagt: »Was wir noch nicht erreicht haben, das werden unsere Freien Gewerkschaften letztendlich erkämpfen.«

Danzig nach 17 Streiktagen. Die Frühschichtarbeiter gehen zur Lenin-Werft, als sei es ein ganz normaler Montagmorgen. »Hallo, guten Tag«, ruft mancher mir zu, nur einige tun so, als kennten wir uns nicht mehr, trotz mehr als zweiwöchiger harter Streiks und harter Arbeit.

Sie werden heute nicht besonders produktiv sein, sie sind zu müde nach der langen Zeit innerer Anspannung. Doch sie gehen an ihren Arbeitsplatz in der Hoffnung, daß sich vieles in Polen bessern wird, daß ihr Streik von Nutzen und ihr Einsatz die Sache wert war.

Leszek gehört zu den wenigen, die heute nicht zur Arbeit kommen. Er ist dabei, seine Gewerkschaft zu organisieren und sich um seine Familie zu kümmern, doch in einen normalen Alltag wird er nie wieder zurückkehren können.

Im nächsten Heft

Die »Solidarität« bezieht ein eigenes Gebäude - Walesa: »Ich weiß, daß uns eine Spaltung bevorsteht«

S.204Das Büroschild des offiziellen Betriebsrats wurde von denWalesa-Anhängern durchgestrichen.*

Jule Gatter-Klenk
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