»Auf Knien, aber vorwärts!« - DER SPIEGEL
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Artikel 51 / 95

»Auf Knien, aber vorwärts!«

Lech Walesa und die »Solidarität« (III) / Von Jule Gatter-Klenk 1981 Athenäum Verlag, Königstein/Taunus. Der vollständige Text ist unter dem Titel »Vielleicht auf Knien, aber vorwärts! Gespräche mit Lech Walesa« (176 Seiten; 18 Mark) erschienen.
• aus DER SPIEGEL 17/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Marchlewskistraße in Danzig steht vor einer verfallenen Jugendstilvilla ein offener Lastwagen. Abgeladen werden Tische, Stühle und Papiere, vor allem Papiere. Vor der Eingangstür unter dem Schild »Polnischer Kanarienzüchterverband, Abteilung Danzig«, hat sich eine Menschentraube gebildet.

Sie wollen sehen, ob es stimmt, was Lech ("Leszek") Walesa den 20 000 Menschen vor dem Werfttor am 31. August versprochen hat: »Wenn noch Fragen offen sind«, so hatte er ihnen zugerufen, »dann kommt ab Montagmorgen um 10 Uhr in die Marchlewskistraße. Ich werde dort sein, in unserem neuen Hauptquartier«.

Die Wohnung eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes, der Polen vor langer Zeit verlassen hat, wird ausgeräumt. Alte Konservenbüchsen, dreibeinige Stühle, Zeitungen von vorvorgestern und anderer Unrat werden hinausgeworfen. Ein Woiwode hat den Arbeitervertretern dieses Haus angewiesen als ein Zeichen der Bereitschaft, von seiten der Regierung mit der neuen Gewerkschaft zusammenzuarbeiten.

Drinnen herrscht allgemeines Durcheinander. In jedem der spärlich möblierten Räume diskutieren mindestens drei Gruppen aufgeregt miteinander. »Keine Schreibmaschine! Wo ist die Kasse? Holt den Delegierten von der Reparaturwerft! Vereinbarungen beachten! Wann kommt Leszek? Schließt doch mal die Tür!«

Die Wortfetzen gehen im allgemeinen Chaos unter. Mit Walesa läßt sich hier nur reden, wenn man ihn in die Enge treibt und keinen anderen an ihn heranläßt. Ich passe einen günstigen Moment ab, als er gerade in die Küche verschwindet, um sich ein Glas Tee zu holen. Wie er sich fühle, ob er mit dem Erreichten zufrieden sei?

»Ich habe gesagt, wir haben gewonnen, was zu gewinnen war. Mehr war zur Zeit nicht zu machen. Wir haben die führende Rolle der kommunistischen Partei anerkannt, aber die Partei interessiert uns nicht. Wir regieren uns selbst, wir sind Gewerkschafter und sonst nichts. Mit der Partei hat das überhaupt nichts zu tun.

Wir nennen uns jetzt unabhängige und selbstverwaltete, nicht mehr freie Gewerkschaften, der Sinn der Sache liegt doch nicht in ihrem Namen. Er liegt in dem, was wir tun. Ich könnte ja auch Kwiatkowski und nicht Walesa heißen.

Unsere Arbeit fängt jetzt erst an. Das, was wir hinter uns haben, war ein Kinderspiel verglichen mit dem, was noch vor uns liegt. Aber wir werden weitermachen.«

Für den Einzug ins neue Gewerkschaftshaus hat Leszek sich freigenommen. Er feiert, wie er sich ausdrückt, Überstunden ab. Formell steht er zwar wieder auf der Gehaltsliste der Lenin-Werft, doch will er sich morgen zunächst einmal in der Personalabteilung erkundigen, wie seine arbeitsrechtliche Situation aussieht.

Bei der Gelegenheit will er sich gleichzeitig für den heutigen Tag entschuldigen. S.181 Eine der Streikforderungen lautete, Walesa unverzüglich wieder einzustellen, nachdem er im Jahre 1976 gekündigt worden war. Dann allerdings hieß es am siebten Streiktag, daß alle Gewerkschaftsführer ihrerseits mit Entlassung zu rechnen hätten, wenn die Arbeit nicht sofort wieder aufgenommen würde.

»Ich muß erst mal herausfinden, wie meine persönliche Lage aussieht, hier muß ich Ordnung schaffen. Um den Rest Polens kann ich mich erst kümmern, wenn wir hier etwas Land sehen. Aber in Danzig bleibe ich auf jeden Fall. Umziehen muß ich zwar auch noch -- aber erst nach der ganzen Aufregung. Ich habe sowieso zu wenig Zeit für mein Privatleben, du siehst ja, was hier los ist«.

Machen die Behörden den neuen Gewerkschaften Schwierigkeiten?

»Das mußt du die Behörden selbst fragen. Ich habe für einen Kleinkrieg mit Bürokraten keine Zeit. Weder ein Streik noch ein Gewerkschaftsbüro lassen sich in ein paar Stunden organisieren. Das politische System bei uns interessiert mich nicht. Ich bin ein Vertreter der Arbeiter und will meine Gewerkschaften haben -- ob das in deine politischen Schubladen paßt, ist mir egal. Mit dem Kommunismus habe ich mich noch nicht gründlich beschäftigt. Ich will nur, daß die Arbeiter in der Lage sind, sich zu verteidigen.«

Ob die Unterzeichnung der Vereinbarungen auf der Werft nach seiner Einschätzung einen historischen Augenblick dargestellt hätte und ob er auf das Erreichte stolz sei, möchte ich erfahren.

»Was heißt hier historischer Augenblick? Was geht mich denn die Geschichte an? Ich kämpfe für Menschen. Für Tausende unserer Kollegen haben wir diese Forderungen durchgesetzt.«

In der Woche nach Beendigung des Streiks, während die neuen Gewerkschaften sich langsam einrichten, findet in Warschau eine Sitzung des Parlaments statt. Die Abgeordneten beraten über die Vereinbarungen von Danzig. Die Debatte wird künftig als eine Sternstunde des polnischen Parlaments bezeichnet werden.

»Wir müssen endlich aufräumen mit dem Verein der heimlichen Eigentümer Volkspolens«, hat ein Abgeordneter gefordert; ein anderer hat davon gesprochen, daß nunmehr endlich der Weg für eine ehrliche Verständigung der Polen untereinander frei sei -- unabhängig davon, ob sie kirchlich, parteilich oder überhaupt nicht gebunden seien.

Doch das politisch Wichtigste bei dieser Sejm-Sitzung: Edward Giereks Platz in der ersten Reihe, die für den Staatsrat reserviert ist, bleibt den ganzen Tag über leer. Den Ausstand an der Küste hatte Parteichef Gierek politisch und physisch noch überlebt. Dramatisch wurde es jedoch für ihn, als seine Hausmacht ins Wanken geriet.

Die Bergleute Oberschlesiens, parteilich organisiert und im ganzen Land als besonders diszipliniert bekannt, hatten sich nach 17 Tagen Streik an der Küste ebenfalls dem Ausstand angeschlossen; S.183 sie wollten sich keineswegs mit der Versicherung beruhigen lassen, das in Danzig Erreichte werde auch ihnen zugute kommen, sondern sie wollten das schwarz auf weiß vor sich sehen, wie ihre Werftkollegen. So standen sie in Bytom vor den Werktoren, in Jastrzebie, in Walbrzych und allen übrigen Provinzstädten, in denen die Arbeiter entweder zu spät oder nur unvollständig über den Streik in Danzig unterrichtet worden waren.

Bis zuletzt, so heißt es unter Parteiangehörigen, habe Edward Gierek nicht erkannt, daß es sich hier um eine Massenerhebung aller Polen handelte. So sei er noch auf der letzten Politbürositzung vergeblich gegen Konterrevolution und antisozialistische Elemente zu Felde gezogen.

Die Leute, die in dieser Woche, sechs Tage nach Beendigung des Danziger Streiks, ans Ruder kommen, hatten wesentlich früher als ihr ehemaliger Parteichef erkannt, daß sie es nicht mit antisozialistischen Kräften zu tun hatten, sondern mit der von ihnen so häufig beschworenen Arbeiterklasse.

Die ersten Folgen der personellen Neubesetzungen in der Warschauer Parteiführung für Lech Walesa und seine Anhänger: Sie dürfen aus den zu engen und miserabel ausgestatteten Räumen des Kanarienzüchterverbandes wieder ausziehen. Die Direktion der Lenin-Werft stellt ihnen ein vierstöckiges Haus an der Hauptstraße von Danzig nach Zoppot, ein ehemaliges Arbeiterwohnheim, zur Verfügung: das Hotel »Morski«.

Hier ist ab sofort die Leitung der neuen Gewerkschaft »Solidarität« untergebracht, hier hat Leszek sein Büro. Hier finden Sitzungen mit den Delegierten aus dem ganzen Land statt. Die »Solidarität« hat inzwischen, drei Wochen nach ihrem Entstehen, bereits über fünf Millionen Mitglieder. Bald werden es zehn Millionen, bald mehr als die Hälfte aller polnischen Arbeitnehmer sein.

»Wir müssen zusammenhalten; wenn wir uns isolieren, walzen sie uns nieder«, beschwört ein Delegierter aus Krosno seine Kollegen im Versammlungssaal des neuen Gebäudes. Im ehemaligen Arbeiterwohnheim stehen und sitzen Abgeordnete aus dem ganzen Land dichtgedrängt, Schulter an Schulter. Zum ersten Mal diskutieren sie landesweit über das Statut der neuen Arbeitervertretung.

Alle Präsidiumsmitglieder haben sich zwei Monate unbezahlten Urlaub genommen, und jeder von ihnen hat sich im dritten oder vierten Stock des ehemaligen Gästehauses sein Büro mit festen Sprechstunden eingerichtet. Vor jeder Tür steht während des ganzen Tages eine endlose Besucherschlange. Die meisten allerdings warten vor dem Raum, in dem Informationsmaterial ausgeteilt wird.

Seit dem Einzug in dieses Haus sitzen im Keller, in einem fast lichtlosen Raum, Studenten der Medizinischen Fakultät der Universität Danzig und vervielfältigen auf einer altersschwachen Maschine Verlautbarungen des Gewerkschaftsvorstandes.

In Leszeks Büro herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. In dem winzigen Raum hat außer einem Schreibtisch und einer Zimmerpalme beinahe nichts mehr Platz. Leszek hockt hinter seinem Schreibtisch wie hinter einer Festung. Er ernährt sich von Tee, Zigaretten und Antibiotika. Seine Rippenfellentzündung hat sich verschlimmert.

Jeder Bittsteller möchte etwas anderes von ihm: Der eine bittet um Unterschrift unter eine Pressemitteilung, ein anderer hat Probleme mit dem Geschäftsführer seines Betriebes. Ein dritter mahnt einen Termin mit dem Minister an wegen des Denkmals für die Sreikopfer von 1970. Eine Kollegin erscheint und erinnert ihn an die Uhrzeit.

»Leszek, der Oberbürokrat«, sage ich spöttisch. Er fühlt sich in keiner Weise herausgefordert.

»Ich versuche es mit sowenig Bürokratie wie möglich und soviel wie nötig«, erwidert er. »Aber manche Dinge müssen einfach unterschrieben werden, sonst sind sie nicht rechtskräftig. Repressionen gegen unsere Mitglieder gibt es jetzt kaum noch, und wenn ich am Montag mit dem Minister gesprochen habe, werden sie wohl völlig aufhören.

Ich bin jetzt ein von der Regierung anerkannter Vertreter der Werktätigen, ein Führer der Arbeiter. Eigentlich hatte ich mit mehr Schwierigkeiten gerechnet, so bin ich nun mal. Ich stelle mir immer die größten Probleme vor, und wenn die Sache dann leichter als erwartet abläuft, bin ich zufrieden.«

In seine führende Rolle hat sich der Elektromonteur der Lenin-Werft erstaunlich schnell hineingefunden. Er entscheidet, delegiert, gibt Anweisungen und stellt gelegentlich Rückfragen -- stets kurz und präzise, doch trifft er seine Entscheidungen am liebsten unverzüglich.

Wenn sich auch manche der raschen Entscheidungen Walesas später als falsch erweisen, eines der Hauptprobleme Polens gibt es im Gewerkschaftshauptquartier nicht: Hier wird nicht gezaudert, nichts auf die lange Bank geschoben, hier drückt sich niemand vor Verantwortung. Mancher Direktor könnte von dem kleinen Mann in seinem abgetragenen grauen Anzug mit dem Madonnenbild am Rockaufschlag durchaus eine Menge über Management lernen.

»Unsere Taktik ist ganz simpel. Wir lassen uns nicht vom rechten Weg abbringen. Wir wollen keine Zentralgewalt, wir wollen feste Vereinbarungen zwischen regionalen Komitees. Die alten Gewerkschaften können uns ruhig Konkurrenz machen. Wenn wir versuchen, uns im Guten gegenseitig zu übertreffen, kann sich das für die Arbeiter nur positiv auswirken. Die Leute sollen dort Mitglied werden, wo sie sich am besten vertreten fühlen. Wenn die alten Gewerkschaften die Interessen der Arbeiter wirkungsvoller vertreten als wir, würde ich bei denen sofort Mitglied werden.«

Seine Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen und den eigenen Erfolgen gegenüber skeptisch zu bleiben, ist in S.184 meinen Augen Walesas größtes politisches Potential.

Wie steht es mit den materiellen Möglichkeiten, hat die »Solidarität« genug Geld, um alle notwendigen Anschaffungen zu finanzieren?

»Wir haben im Moment fast nur Einnahmen und keine Ausgaben, es sei denn für eine Kaffeetasse. Wir sind nur ein Gründungskomitee und können deshalb nicht über Mitgliedsbeiträge verfügen. Bis jetzt haben wir nur gesammelt, was uns gespendet wurde.

Der Zentralrat der alten Gewerkschaften verbreitet in dieser Beziehung üble Gerüchte über uns; er macht zur Zeit nicht den Eindruck, als wolle er konstruktiv sein. Dabei verfügt er über alle Spezialfonds, Ferienheime, Kindergärten usw. Mit welchem Recht eigentlich? Das sind doch Werte, die von uns allen gemeinsam in gemeinsamer Arbeit geschaffen worden sind.«

Der Gang durch die Flure im Hotel »Morski« vermittelt den Eindruck eines totalen Chaos: Menschen rennen ununterbrochen durch die Gänge auf der Suche nach bestimmten Büros, doch sind die meisten Türen falsch beschriftet. Das Zimmer, in dem noch gestern die Gewerkschafterin Anna Walentynowicz saß, gehört heute bereits den Graphikern, und im ehemaligen Zimmer der Übersetzer hat sich inzwischen eine Sekretärin niedergelassen.

Delegierte aus verschiedenen Landesteilen treffen mit ihren Gesprächspartnern nicht zusammen, weil niemand weiß, wer für sie zuständig ist. Es fehlt an allem: Papier, Büroklammern, Kugelschreibern und Stempelkissen; die Telephonzentrale ist überlastet, der Student, der den Fernschreiber bedient, völlig überfordert.

Leszek betrachtet alles mit Gleichmut; er hofft auf Besserung. »Zu behaupten, das sei Desorganisation, halte ich für unfair. Wir bauen erst auf, wir müssen alle noch lernen. Wenn eine so große Sache entsteht wie die 'Solidarität', etwas so weltweit Wichtiges, dann kann das einfach nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen.«

Leszek gerät ins Schwärmen, was ihm selten passiert. Er vergißt alle Probleme mit den Hilfskräften, die bei der »Solidarität« zu wenig verdienen, alle Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Expertengruppen, die gelegentlichen Streitereien im Gewerkschaftsvorstand.

»Wenn wir schaffen, was wir uns vorgenommen haben, wird die Menschheit ein wenig menschlicher werden. Was wir hier machen, kann etwas Großes werden, was die Welt verändert. Der Mensch lebt nur siebzig Jahre auf diesem Planeten, warum soll er sich quälen müssen? Wir sind dazu da, mehr Menschlichkeit zu erreichen, und die 'Solidarität' ist ein Schritt in diese Richtung.« S.185

»Bist du ein Sozialist?«

»Nein, ich passe nirgendwo hin, in keine Kategorie. Aber ich glaube, der Sozialismus enthält einige Lösungsvorschläge für soziale Probleme, die besser sind als die anderer Systeme.«

»Fühlst du dich wie ein Held?«

»Nein, ich bin nur ein kleiner Wurm, der vielleicht bei einer großen Sache etwas mithelfen kann.«

Die Experten, die den Werftarbeitern bei der Ausarbeitung ihrer Forderungen geholfen haben, halten sich immer noch im Gewerkschaftshaus auf. Zu ihrer Gruppe gehören liberale katholische Intellektuelle, Abgesandte des Episkopats sowie einige Männer der Oppositionsgruppe KOR.

»Ich höre auf alle von ihnen und denke darüber nach, was sie zu sagen haben. Schließlich haben ja Leute wie ich ihr Leben lang hart geschuftet, damit solche Experten, die Bildung und Wissen erwerben konnten, uns jetzt auch helfen. Wir wären dumm, wenn wir ihren Rat ausschlagen würden. Auch wenn die Partei Fachleute zu uns schickt, müssen wir ihnen zuhören.«

Walesas Absichten werden deutlich: Allen zuhören, von allen Argumente und Gegenargumente sammeln, um dann in der Lage zu sein, selbständig und ohne Beeinflussung durch eine der Expertengruppen so entscheiden zu können, wie er es für richtig hält. Offensichtlich hat für ihn bei intellektueller Unterstützung dasselbe Prinzip Gültigkeit wie bei Geldspenden: »Unterstützung S.187 ja, aber ich lass' mich vor keinen Karren spannen.«

Viele der Experten sind Rechtsanwälte. Sie kennen die Klippen, die in der gegenwärtigen Phase des organisatorischen Aufbaus besonders gefährlich sind. Alle, die hier tagtäglich zwischen zwölf und vierzehn Stunden ehrenamtlich tätig sind, wollen mit der neuen Gewerkschaft mehr erreichen als ein Aushandeln von Tarifen und ein Verwalten von Sozialpaketen. Sie wollen ein Organ gesellschaftlicher Kontrollen errichten, durch welches garantiert wird, daß sich die Sünden der Vergangenheit nicht wiederholen.

Diese Zielsetzungen kann nicht ein einzelner, kann nicht Lech Walesa allein verwirklichen. Seine wichtigsten Stützen sind Andrzej Gwiazda, Ingenieur und Gewerkschaftsspezialist -»mein Generalstabschef«, wie ihn Walesa nennt --, und Bogdan Lis, ein ungelernter Arbeiter und das Organisationstalent im Hotel »Morski«.

»Gwiazda kenne ich schon aus den illegalen Zeiten der freien Gewerkschaften. Bogdan Lis habe ich erst beim Streik auf der Werft kennengelernt. Wenn ich mir überhaupt jemals Gedanken über meinen Rücktritt mache, fällt mir als Nachfolger immer sofort Lis ein. Er hat etwas Besonderes an sich, aber er ist noch zu jung.

Er braucht vielleicht noch vier oder fünf Jahre, dann ist er der ideale Mann für diesen Posten. Für ihn ist das alles etwas zu früh passiert, er hat zu wenig erlebt, verliert zu schnell die Ruhe und reagiert dann nur noch emotional. Weder Andrzej Gwiazda noch Anna Walentynowicz würden auf diesen Posten passen. Gwiazda als Ingenieur ist phantastisch in fachlichen Diskussionen, aber Lis wäre dennoch für diese Arbeit geeigneter.«

Gwiazda ist ein enger Freund Walesas. Er ereifert sich freundschaftlich über ihn, weil dieser Mann so ganz anders als er selbst ist. »Er ist enorm exakt, das war ich mein Leben lang nicht. Ich fange hundert Dinge auf einmal an, er legt eine Sache erst aus der Hand, wenn sie hundertprozentig in Ordnung ist. Wenn er irgendwo einen Fehler entdeckt, muß er ihn erst reparieren, bevor er weitermachen kann.

Auf der Werft gab es einmal eine Szene, da dachte ich: Jetzt erschlag' ich ihn! Es brannte förmlich überall, der Streik schien zusammenzubrechen, ich rannte zu ihm, brauchte einen Rat, brauchte schnelle Hilfe. Und was tat er? Er bückte sich erst einmal, um in aller Ruhe irgendwelche Kamerakabel beiseitezuschieben, die ihm im Weg lagen!

Wenn er in einer eiligen Sache unterwegs ist und zwischendurch einen Kramladen sieht, bleibt er erst einmal stehen, schaut sich alles genau an und kauft dann meistens eine Kleinigkeit. Ich bekomme in solchen Situationen fast einen Herzschlag, lasse alles stehen und liegen, selbst wenn was Wichtiges zu erledigen ist.«

Vielleicht liegt das Geheimnis der Persönlichkeit Lech Walesas, das Durchsetzungsvermögen des Arbeiters Leszek gerade darin, daß er nicht nur Gegensätze anzuziehen, sondern auch Personen unterschiedlichster Mentalität und Fähigkeit zu einem funktionsfähigen Team zusammenzuspannen vermag.

Leszek zählt zweifellos nicht zu den Klügsten, Geschicktesten und Scharfsinnigsten unter den Männern und Frauen, die den Streik auf der Lenin-Werft organisierten. Aber kraft seines Charakters, seiner wachen Intelligenz, seines schnellen Auffassungsvermögens und seiner Persönlichkeit ist er zum Katalysator im polnischen Sommer 1980 geworden.

Eine wichtige Hilfe für ihn ist überdies seine Fähigkeit, mehrere Verbündete gleichzeitig bei der Stange zu halten. Einer seiner mächtigsten und in ihrer Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzenden Verbündeten im Kampf für eine freie Arbeitervertretung ist die katholische Kirche Polens.

Lech Walesa ist gerade aus Warschau zurückgekehrt. Er war zu Gast beim Primas von Polen, Stefan Kardinal Wyszynski. Ob das bedeute, Kirche und »Solidarität« hätten sich nun zusammengetan?

Walesa deutet auf das Kreuz hinter sich an der Wand. »Das Kreuz war von Anfang an bei uns und wird bei uns bleiben, solange ich in der 'Solidarität' eine entscheidende Stimme habe. Mit dem Kreuz verbinden sich für uns Grundprinzipien: Wahrheit und Gerechtigkeit. Es ist unser Symbol und wird stets an meiner Seite bleiben. Ich bin, wie wohl die Mehrzahl unserer Gewerkschaftsmitglieder, praktizierender Katholik. Das heißt aber nicht, daß wir aus unserer Bewegung einen klerikalen Verein machen.«

Mit den Bürgerrechtlern vom »Komitee zur gesellschaftlichen Selbstverteidigung« KOR will er seine Gewerkschaft ebenfalls nicht verwechselt wissen.

»Wir sind keine antisozialistischen Elemente. Solche Behauptungen sind schlicht blödsinnig! Wir haben unseren Standpunkt bezogen und werden ihn nicht verlassen. Ich weiß, was ich tue, und ich weiß, was ich will. Die KOR-Bürgerrechtler schätze ich sehr. Sie sind schließlich meine Freunde, mit denen mich die Gefängniserfahrung verbindet. Ich ziehe diese Leute zu Rat, aber nicht als KOR-Mitglieder, sondern S.190 als kluge Sachverständige, die uns mit ihrem Wissen helfen können.«

Fühlt er sich als Arbeitervertreter mit nicht ausreichender Schulbildung im ständigen Widerstreit der Meinungen von Professoren und Doktoren verschiedenster politischer Richtungen nicht manchmal auf verlorenem Posten?

»Ich habe einfach Glück, meistens gelingt es mir, den Faden nicht zu verlieren. Ich bin ein Mensch, der trotz aller Übermüdung unheimlich schnell regenerieren kann. Ich höre mir alles an, was die zu sagen haben. Dann überdenke ich das alles blitzschnell und entscheide genau und schnell.

Der liebe Gott hat mir einen Verstand gegeben, mit dem ich rasch denken und genauso rasch entscheiden kann. Vielleicht sind meine eigenen Einfälle nicht immer die besten -- aber wenn ich zwei Möglichkeiten vor mir habe, kann ich in Sekunden herausfinden, welche die bessere davon ist.«

»Wir können die anstehenden Aufgaben nicht mit neuen Methoden lösen, solange uns nicht die Erfahrungen von gestern vor Augen geführt haben, wie falsch die alten Methoden waren.« Dieses Lenin-Zitat stellt der neue Parteichef Stanislaw Kania an den Anfang seiner erbitterten Analyse der gesellschaftlichen Zustände, die für die Arbeiterrevolte in Danzig verantwortlich gewesen sein sollen.

Fernsehen und Rundfunk übertragen Kanias Rede wiederholt. Es erscheinen zu diesem Anlaß in Polen eigens Sonntagszeitungen, die es ansonsten nicht gibt. Vor den Zeitungskiosken bilden sich endlose Schlangen, die Bürger wollen erfahren, wie die Partei die Rechnungen der Vergangenheit aufmacht und welche neuen Lösungen sie dem Volk anzubieten hat.

Auf das Bekenntnis Kanias zur Bündnistreue und zum Sozialismus in Polen folgt eine schonungslose Abrechnung mit den Fehlern der Vergangenheit. Mit Bezeichnungen wie »anmaßender Führungsstil«, »Machenschaften hinter den Kulissen«, »aufdringliche Propaganda« und »aggressive Haltung gegenüber Kritik« werden die Vorwürfe gegenüber der früheren Führung zusammengefaßt. Kanias Kritik enthält gleichzeitig sein Versprechen, es in Zukunft besser zu machen.

Die Funktionäre der »Solidarität« allerdings hören sich das »mea culpa« der Parteiführung ungerührt an. »Wir haben das schon zu oft gehört«, meint Anna Walentynowicz in Danzig. »Laßt uns erst einmal abwarten, wie die Praxis aussieht. Im übrigen haben wir hier unsere eigenen Schwierigkeiten, mit denen wir fertig werden müssen.«

In der Tat, Schwierigkeiten gibt es in Hülle und Fülle: Kampf mit den alten Gewerkschaften, die sich nicht alle Butter vom Brot nehmen lassen wollen; Auseinandersetzungen um die Registrierung der neuen Gewerkschaft; und schließlich Funktionäre in Partei und Staatsapparat, die der Auffassung sind, daß man die »Solidarität« so schnell wie möglich sang- und klanglos begraben sollte.

Daneben noch die Apparatschiks, die um ihre langjährig ersessenen Privilegien fürchten; und nicht zuletzt gibt es in der neuen Gewerkschaft die jugendlichen Hitzköpfe, die endlich ans Aufräumen gehen wollen -- so schnell und gründlich wie möglich.

Wer ist Lech Walesa heute? Als ich ihn danach frage, sitzen wir im Warschauer »Sejm«-Hotel. Er ist als Gast der Regierung zu Gesprächen mit ihren Vertretern in die Hauptstadt gereist. Er trifft mit Jagielski, Kania und dem Ministerpräsidenten zusammen, und er besucht, wie inzwischen bei fast jedem Warschau-Aufenthalt, Kardinal Wyszynski.

»Der, der er immer war. Ein elender Wurm dieser Erde.«

Wenn ich heute, so erkläre ich Walesa, nach seinen Ängsten frage, dann meine ich nicht diejenigen aus den Augusttagen auf der Werft, eher neue Unsicherheiten und Ungewißheiten.

»Nein, ich habe immer noch keine Angst. Nicht einmal vor mir selbst. Ich kann mich selbst kontrollieren, dabei hilft mir mein Glaube. Mir drohen nicht die Gefahren, die einige von euch S.191 an die Wand malen. Ich überschätze mich nicht und verkünde immer wieder laut und deutlich, daß meine Meinung überhaupt nicht zählt. Ich tue nur das, wozu mich einige Leute bevollmächtigt und beauftragt haben. Ich bin ihr Repräsentant und erfülle die Aufgabe, die sie mir übertragen haben. Ich bin einfach einer, der vorangehen muß.«

Heißt das, er verstehe sich inzwischen als Politiker?

»Wenn jemand endlich einmal präzisieren könnte, was ein Politiker oder was Politik ist. Ich weiß nicht, was das ist. Deshalb kann ich auch nicht beurteilen, ob ich plötzlich auf den Weg der Politik geraten bin. Wenn du behauptest, daß alle meine Aktionen politische Folgen haben, dann kann das zwar stimmen, aber solange es kein Buch gibt, in dem klar und deutlich steht, was politisch ist, so lange behaupte ich, kein Politiker zu sein.«

Warum reagiert er in jüngster Zeit auf persönliche Fragen immer mit Aggressivität? Verletzen sie ihn?

»Nein, aber von Stimmungen will bei mir niemand etwas wissen. Ich bin auch nur ein Mensch. Manchmal habe ich Lust zu lachen, und manchmal möchte ich weinen. Das ist menschlich -- auch bei mir.«

Ich komme auf Fragen zurück, die gegenwärtig viele seiner Mitarbeiter an ihn richten und die ihm häufig auf Treffen mit anderen Vertretungen der »Solidarität« an den Kopf geworfen werden. Ob er persönlich Vorteile aus seiner Stellung ziehe? Ob es nicht verständlich sei, daß sich seine Kampfgenossen über seine neue Wohnung, neue Möbel, ein Auto Gedanken machten und daß sie seine Popularität in der westlichen Presse mit ein wenig Mißtrauen beobachteten?

»Ich nehme das alles nicht zur Kenntnis. Die westliche Presse ist für mich unwichtig. Ich tue meine Pflicht, alles andere geht mich nichts an. Ich will in keinem Lexikon stehen, und ich erwarte nicht, daß man mir ein Denkmal baut. Ich will kein Geld, ich erwarte überhaupt nichts. Ich führe das zu Ende, wozu ich mich verpflichtet habe. Die Journalisten sind normale Profis, die durch mich ihr Geld verdienen. Es freut mich, daß sie sich etwas bereichern können, es kann auch uns helfen. Vielleicht werden sie sich eines Tages daran erinnern, durch wen sie verdient haben.«

Sind seine persönlichen Ziele andere geworden? Kann er sich eine Führungsposition in diesem Staat vorstellen? Wie erträgt seine Familie seinen Aufstieg?

»Für mich persönlich plane ich nichts, ich habe auch augenblicklich keine Zeit dazu. Ich will keine Macht. Lieber möchte ich mich zurückziehen und mich um meine Familie kümmern. Ich muß nur zuerst alles erledigen, was S.194 man mir aufgetragen hat, dann kann ich mich privateren Dingen widmen.

Zu Hause leiden alle unter der jetzigen Situation. Ich bin im Grunde ein sehr stiller Mensch, ich bin weder auf Beifall noch auf Hektik angewiesen. Am liebsten möchte ich unbemerkt bleiben. Es fällt mir immer schwerer, so wie jetzt zu leben. Ich bin zwar nicht eitel, habe aber Vergnügen an schönen Dingen. Ich war immer darauf bedacht, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Grenzen, die von Moral und Menschlichkeit gezogen sind.

Ich amüsiere mich ganz gern, manchmal trinke ich auch einen Schluck, schöne Mädchen gefallen mir -- aber alles, wie gesagt, in Grenzen. Ich bin viel zu spontan. Auf der einen Seite ist das gut, weil es Zeit spart, auf der anderen Seite geht es mir selbst manchmal zu schnell. Dann setze ich mich hin und werde furchtbar müde.«

In der ersten Januarhälfte unterhalten wir uns wieder in Danzig, doch auch hier kann von Ruhe nicht die Rede sein. Warnstreiks flammen in allen Teilen des Landes auf. Aus den verschiedensten Gründen kommt es zu Arbeitsniederlegungen; beinahe jeder Betrieb nimmt die Gelegenheit wahr, eine alte, noch offene Rechnung mit Funktionären zu begleichen.

Die Situation in Polen wird immer komplizierter und undurchschaubarer. Wer wo und warum streikt, ist selbst für Walesa nicht immer klar zu erkennen. Ihn trifft in diesem Chaos die Hauptlast, als eine Art Feuerwehrmann der Regierung und der »Solidarität« hastet er durchs Land.

Er schlichtet, redet und schimpft -- und da er diese Aufgabe auch im Namen der Regierung übernommen hat, bilden sich während seiner Abwesenheit in Danzig innerhalb der »Solidarität« erste Gruppierungen heraus, die gegen ihn opponieren. Er sei zu gemäßigt, gebe zu häufig nach -- sie sind für radikalere Schritte.

»Am Anfang war unsere Bewegung sehr radikal, und die meisten verstanden noch gar nicht, worum es uns ging. Dann wurde die Abteilung Danzig vernünftiger, die Landeskommission aber verschärfte ihre Ziele. Da sind zum Beispiel jetzt diese dummen Streiks. Wir haben diese Bewegung erst ins Leben gerufen. Wir haben unseren Streik gewonnen.

Jetzt wollen auch alle anderen beweisen, daß sie kämpfen können, man weiß ja inzwischen, daß das gut ausgehen kann. Sie wollen ebenfalls unbedingt gewinnen -- dabei haben sie meist lächerliche Probleme. Die ganzen letzten Streiks sind ein wirklicher Blödsinn. Vielleicht gibt es ein oder zwei Punkte, die ernst zu nehmen sind, die meisten ihrer Forderungen sind albern.

Nur damit ein Woiwode ausgewechselt, nur damit ein Dieb geschnappt wird -- dafür kann man nicht streiken. Die Zeiten sind nun einmal S.197 so, fast alle sind Diebe, aber man zerstört noch mehr, wenn man deshalb gleich streikt. Das kann man ander machen: Man sammelt Beweismaterial, schickt es an die Staatsanwaltschaft und wartet ab.

Da verfallen plötzlich Leute auf die Idee, das alte Verwaltungssystem wieder einzuführen. Früher hatten wir 17 Woiwodschaften, heute sind es 49. Ich bin auch der Meinung, daß das alte System besser war. Aber für solche Änderungen muß man der Regierung Zeit lassen. Woiwoden müssen versetzt, neue Grenzen gezogen werden -- das ist alles nicht so einfach. Von heute auf morgen geht das nicht -- aber sie streiken trotzdem. Das alles gefällt mir nicht.

Die sollen mir hier mehr Spielraum geben und mich in Ruhe lassen. Dann würde ich die Sache schon bereinigen. Oder sie sollen sich selbst hinsetzen und es mit ihren Lösungen versuchen. Ich stelle ihnen gern meinen Stuhl zur Verfügung.

Aber ich werde sie beobachten, all diese Schlauköpfe! Einer ist wie der andere, mich schicken sie los, und dann graben sie hinter mir eine Grube. Ich glaube, ich könnte das Problem der Warnstreiks schon lösen, wenn ich mit der Landeskommission so reden könnte, wie ich wollte. Aber nein, sie haben ja hier ihre neuen Ideen -- hier im sicheren Danzig. Dabei brauchten sie einen Mann, zu dem die Leute in den anderen Regionen ebenfalls Vertrauen haben. Sie allein schaffen das nicht.«

Welche Funktionen übt er gegenwärtig offiziell aus?

»Ich bin Vorsitzender des Streikkomitees der Werft und der Landeskommission der 'Solidarität'. Aber auf der Werft haben sie mich inzwischen etwas zurückgedrängt. Sie haben einen anderen zum Vorsitzenden des Gründungskomitees gemacht, ich bin nur noch Ehrenvorsitzender -- aber das spielt keine Rolle.

Wir sollten uns nicht mit solchen Nebensächlichkeiten aufreiben. Wir haben genug mit dem Aufbau unserer Organisation zu tun! Und was machen wir? Ich rase herum, um Streiks zu schlichten, und hier beschäftigt man sich mit tausend anderen Problemen: Wir greifen bei Ehekonflikten ein, bei Grenzabmessungen auf irgendwelchen Bauernhöfen; wir holen Leute aus Gefängnissen und müssen bei hundert Unterorganisationen mitdiskutieren.

Das kann nicht der Sinn des Ganzen gewesen sein; wir müßten erst mal bei uns Ordnung schaffen. Ich sehe ja ein, daß das alles nötig ist, daß wir auch menschliche Probleme berücksichtigen müssen.

Aber das alles sollte am Ende unseres Aufbaus stehen -- dann fang ich gern Diebe, meinetwegen können auch in jedem Regionalkomitee Detektive sitzen. Aber bitte erst, wenn unsere Organisationsarbeiten abgeschlossen sind. Beim augenblicklichen Durcheinander können wir nur verlieren. Wir müssen uns ständig selbst zerreißen, und unsere Interessen werden durch Splittergruppen gefährdet. Das kann eigentlich nur der Regierung gefallen -- für unsere Bewegung ist das tödlich.«

Braucht die Regierung ihn nicht ebenfalls? Nicht ohne Grund werde er mittlerweile »Warschaus Feuerwehrmann« genannt.

»Es geht überhaupt nicht um Warschau, sondern ganz allein darum, daß ich kein landesweites Chaos will. Wir haben das Recht auf Streik erkämpft. Aber dieser Streik soll solidarisch und mit guten Gründen stattfinden. Nicht mal hier, mal da -- kein Mensch kommt dazu, Atem zu schöpfen, weder wir noch die Regierung. Die können S.199 augenblicklich nichts unternehmen, weil sie nur dasitzen und ängstlich dem nächsten Streik entgegensehen.

Der Minister rast hierhin, ich dorthin, irgendwo treffen wir uns -- und keiner von uns weiß, wo wir morgen sein müssen. Wir sollten alle zusammenhalten. Wir kümmern uns um unsere Organisation, und der Regierung lassen wir etwas Zeit. Das heißt nicht, daß wir das Gewonnene aufgeben sollten. Aber wenn alle etwas Ruhe hätten, könnte man entschiedener feststellen: dieses ist noch nicht erledigt, hierüber müssen wir noch diskutieren. Solche Konfrontationen, wie die wegen des freien Samstags, sind vielleicht nur aus diesem Grund entstanden.

Die Regierung hat unsere Forderungen auf der Werft unterschrieben, jetzt darf sie ihr Gesicht nicht verlieren, sonst hätte sie einen großen Fehler gemacht. Sie hat einfach zu spät angefangen, darüber nachzudenken, was sie da eigentlich unterschrieben hat. Wären die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt zu uns gekommen und hätten sie uns erklärt, daß es jetzt noch nicht gehe, daß die Wirtschaftslage zu angespannt sei, es mit der Versorgung schlecht stehe -- wir hätten uns bestimmt geeinigt.

Man muß uns das alles nur erläutern und uns als Gesprächspartner ernst nehmen. Statt dessen treten sie ohne Beratungen mit uns einfach im Fernsehen auf und geben bekannt: keine freien Samstage. Sie hätten ihren Kopf etwas früher anstrengen, etwas früher mit uns reden müssen. Zum Beispiel freie Samstage im Januar -- wegen der Unterzeichnung -- und danach diskutieren wir noch einmal darüber.

So hätte das laufen müssen, aber dazu hatten sie keine Zeit. Jetzt ist es passiert, und wir können nicht mehr nachgeben, weil die ganze Sache inzwischen zu hochgespielt wurde. Weil die Situation verfahren ist, riskieren wir jetzt überall neue Feindschaften: mit der Regierung, innerhalb der 'Solidarität', in der Landeskommission.

Ich hatte früher schon einmal ähnliche Befürchtungen, als die KOR-Gruppe anfing, unsere Gewerkschaft zu beraten. Ich war nicht dagegen, ich habe nur gewußt, daß es damit zu Zerwürfnissen in unserer Bewegung käme. Einige Splittergruppen wollten sich von uns lösen. Ich habe gekämpft, ich wollte, daß all dies unter uns bliebe, daß wir nach außen weiterhin ein geschlossener Block sind.

Ich habe mich tagelang mit Kollegen und Frau Walentynowicz darüber gestritten. Ich wollte um jeden Preis alle zusammenhalten, aber erreicht habe ich nichts. Ich weiß heute, daß uns eine Spaltung bevorsteht. Ich weiß nicht wann, nicht in wie viele Gruppen -aber sie wird kommen. Nur bitte jetzt nicht! Das wäre für alle der dümmste Zeitpunkt, dann würden wir total zerfallen.

Die Sache mit dem freien Samstag werden wir lösen. Jeder gibt etwas nach, dann werden wir uns einigen. Auch die Warnstreiks zwingen uns noch nicht in die Knie -- nur unsere Organisation bleibt auf der Strecke.«

Am nächsten Tag erfahre ich, wie bitter recht Walesa mit seinen Befürchtungen hatte. Die Bürokratie, über die er einmal sagte: »Soviel wie nötig, sowenig wie möglich«, hat ihn bereits überrannt. Er verfügt jetzt über eine Sekretärin, einen neuen Pressesprecher, einen neuen Leibwächter, ein neues Büro, neue Möbel, ein neues Telephon.

Als ich im Sekretariat auftauche, erkennen mich einige Bekannte der ersten Stunde: »Tu uns bitte den Gefallen und schreib auf eine Papptafel in Englisch, Französisch und Deutsch folgenden Text: 'Journalisten, die Herrn Walesa sprechen wollen, müssen sich zuerst im Pressebüro, Zimmer 703, melden'.«

Ich setze mich hin und male die Anweisung auf eine weiße Pappe. Wir geben uns Mühe, die neue Sekretärin eingeschlossen. Leszek erscheint und sagt: »Danke, das war ja auch wohl nötig. Hängt es draußen hin!« Und zu mir: »Komm doch morgen früh noch mal vorbei, da gibt es keine Tagung der Landeskommission.«

Am nächsten Morgen öffne ich die Tür zum neuen Vorzimmer, die neue Sekretärin weist mit ausgestrecktem Arm auf unser gestern gemaltes Pappschild und brüllt: »Wenn Sie nicht einmal lesen können, kommen Sie bitte nicht in dieses Haus!«

Ende

Jule Gatter-Klenk
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