»Auf Kommando wieder da«
Der Junge in der pakistanischen Grenzstadt Chaman ist 13 Jahre alt. Er steht in Schlappen auf dem staubigen Grund des von Paramilitärs bewachten letzten Postens vor Afghanistan und hüllt sich in ein erdbraunes Tuch. Seine Eltern sind tot, ein Onkel ist sein nächster Verwandter. Er ist einer von zahlreichen Afghanen, die an den berüchtigten Religionsschulen, den Madrassen, von Mullahs unterrichtet werden.
Die Hand eines Europäers mag er nicht schütteln. Für ihn sehen sie alle aus wie Amerikaner, und die sind seine Feinde. Die wahren Beschützer des Volkes, die er verehrt, seien die Taliban, die Verkünder der Wahrheit, die er von seinem Mullah lernt und an die er glaubt.
Der Koranschüler ist nur ein zufälliger Besucher der Grenzstation an einem Versorgungs- und Schmugglerweg zwischen der afghanischen Provinz Kandahar und Pakistan, wo es Lebensmittel, Treibstoff und Ersatzteile gibt. Und dennoch verkörpert er eines der größten Probleme, mit denen jede Post-Taliban-Regierung in dieser Region zu kämpfen haben wird. Sie muss das Vertrauen der Bevölkerung und ihrer religiösen Führer gewinnen.
Etwa 160 000 Menschen sind seit Kriegsbeginn nach Pakistan geflohen, fast alle sind Paschtunen - wie auch die meisten Taliban. Bis die Gotteskrieger Ende voriger Woche Kandahar aufgaben, lag ihre Heimat im Bombenhagel. Und auch wenn die US-Regierung stets versprach, Zivilisten so weit wie möglich zu schonen, lässt sich das Elend, das sie anrichtete, kaum mehr verstecken.
Im Krankenhaus von Quetta liegen zahlreiche Opfer der angeblichen Präzisionssprengköpfe. Dem elfjährigen Saad Mohammed zerfetzte es den rechten Unterschenkel; er wurde amputiert. Es wird Saad und all den anderen Opfern schwer zu erklären sein, dass die Amerikaner das Feuer bringen, um sie zu befreien.
Die Flüchtlinge von Chaman haben Tote zurückgelassen, Verletzte mit sich geschleppt - und fürchten nichts mehr als die Anarchie aus der Zeit vor den Taliban. Voller Grauen etwa erinnert sich Mohammed Aslan aus der Gegend um Masar-i-Scharif, wie Nordallianz-Kommandeur Mohammed Mohaqiq und seine Soldateska einst in seinen Ort einfielen. »Sie fesselten die Männer, legten sie in einer Reihe auf die Straße und fuhren mit einem Panzer über ihre Köpfe.«
Als die Nachricht kam, die Nordallianz habe bereits die nächstgelegene Stadt erreicht, sei er mit seiner Familie Hals über Kopf geflüchtet. Jetzt hat er Angst, dass Afghanistan in einen paschtunischen Süden und einen von der Nordallianz dominierten Norden geteilt wird: »Das darf nie geschehen.«
Din Mohammed aus Killi Zarghon bei Kandahar floh mit Familie vor den amerikanischen Bomben. »Wir haben den Taliban gesagt, sie sollen aufhören, zum Wohl der Menschen in diesem Land«, sagt er. »Es werden zu viele Unschuldige getroffen. Das ist nicht gut.«
Nun liefern die Taliban ihre Waffen ab. Nun ziehen sie sich aus ihren Stammprovinzen Kandahar, Helmand und Zabul zurück. Aber nicht wenige glauben noch immer an den Endsieg - wie der junge Kommandeur Abdul Ali in Spin Boldak, der da prophezeit: »Wir Taliban rasieren unsere Bärte und verstecken uns. Auf ein Kommando sind wir alle wieder da.« ANDREAS ULRICH