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DEUTSCHER RITUS Auf Probe

• aus DER SPIEGEL 15/1959
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Kaum fünf Monate nach seiner Inthronisation hat der ehemalige Patriarch von Venedig, der als Papst Johannes XXIII. überraschend schnell in der abendländischen Welt populär wurde, eine scheinbar revolutionäre Lizenz erteilt: Der katholischen Kirche in Deutschland wurde erlaubt, in den Gottesdiensten der Karwoche Teile der Liturgie deutsch zu verlesen.

Die Erlaubnis galt nur für Texte der »Vormesse« - die Passionsgeschichte am Palmsonntag und Karfreitag sowie die Prophetien im Gottesdienst der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag.

Kirchenangehörige äußerten die Vermutung, das päpstliche Experiment solle gewichtige innerkirchliche Reformen einleiten. Die Zulassung des Deutschen auf Probe ist aber zunächst nur das sichtbare Zeichen langjähriger Verhandlungen zwischen dem deutschen Klerus und dem Vatikan - das einstweilige Ergebnis der schon seit zwei Generationen andauernden Bemühungen um liturgische Erneuerung.

Mitte und Höhepunkt der kirchlichen Liturgie ist die Meßfeier nach dem Vorbild des historischen Abendmahls Christi. Bereits im zweiten Jahrhundert zeichneten sich die Grundlinien der Meßfeier ab, die im wesentlichen bis heute erhalten geblieben sind.

Bis etwa ins siebente Jahrhundert hinein bestand allgemein eine natürliche Übereinstimmung zwischen der - griechischen oder lateinischen - Volkssprache und der Kirchensprache. »Das goldene Zeitalter des christlichen Gottesdienstes waren die ersten sechs Jahrhunderte«, erklärte der Jesuit Professor Hofinger, Missionar auf der Philippinen-Insel Luzon, während des zweiten deutschen Liturgischen Kongresses in München 1955. »Das Opfer vor dem Altar war damals verständlich, denn es wurde in der Volkssprache gehalten. Es war einfacher, übersehbarer, wesentlicher und volksnäher als heute.«

Die lateinische Sprache wurde als international einigendes Band aller Katholiken angesehen. Dennoch konnte die Kirche in der Folgezeit nicht verhindern, daß - sogar in den romanischen Ländern - die lateinische Sprache zur Sprache der Gebildeten wurde und nur mehr als Sprache Auserwählter galt. Der Klerus bemühte sich, aus der Isolation herauszukommen und wesentliche Teile des Gottesdienstes dem Volk wieder näherzubringen: Es entstand - nach päpstlicher Anweisung - der Brauch, die Messe zwar in lateinischer Sprache zu begehen, gewisse liturgische Texte aber von den Helfern des Priesters, den Diakonen oder Subdiakonen, in der Landessprache wiederholen zu lassen.

Zwischen 1950 und 1955, vom ersten bis zum zweiten Liturgischen Kongreß, wurden den Vertretern der liturgischen Erneuerungsbewegung drei von vier dringlichen Wünschen erfüllt. Papst Pius XI. gestattete:

- das Meßopfer auch in der Stunde seines

Ursprungs - also in der Abendzeit - zu begehen,

- den Ostervigilgottesdienst der ursprünglichen Bedeutung entsprechend* vom Karsamstagmorgen in die Nacht auf den Ostersonntag zu verlegen,

- das Gebot der Nüchternheit für Kommunizierende weitgehend zu erleichtern.

Die vierte Forderung der deutschen Liturgie-Erneuerer - wonach es dem zelebrierenden Priester erlaubt sein sollte, Teile der Vormesse deutsch zu lesen - erfüllte Pius XII. nicht. Johannes XXIII., der ihr jetzt probeweise nachgab, verlangte von den Priestern Erfahrungsberichte an ihre Oberen.

Sein Experiment war nicht ganz neu. Bereits 1955, auf dem zweiten deutschen Liturgischen Kongreß in München, zelebrierte Kardinal-Erzbischof Wendel - aufgrund einer speziellen Erlaubnis aus Rom - vor mehr als zweitausend Kirchenleuten aller Ränge eine Messe im neuen Stil, der künftig wohl »deutscher Ritus« heißen wird. Damals schon stand ein Priester beim Meßopfer einmal nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde, damals schon las er Auge in Auge mit den Gläubigen die Messe, und er brauchte keine Diakone mehr, die der Gemeinde deutsch einhalfen. Diese erste Messe deutschen Stils war nichts anderes als eine Wiederholung der Meßfeier in frühchristlicher Form.

Die meisten deutschen Kleriker erwarten, daß aus der Versuchs-Erlaubnis des reformfreudigen Papstes Johannes XXIII. ein ständiges Privileg wird und daß künftig nicht nur, wie gewohnt, für die Predigt, sondern auch für die Verkündigung des Gotteswortes in der Vormesse unter deutschen Gläubigen immer die deutsche Sprache benutzt werden darf.

Entsprechende Reformen erstrebt die Kirche in anderen Ländern, im Mittleren wie im Fernen Osten werden sie bereits praktiziert: In den klassischen Missionsbereichen der katholischen Kirche soll nun nicht mehr programmatisch europäische Zivilisation und Kultur verbreitet, sondern allein noch das Evangelium verkündet werden.

Daß durch weiteren Verzicht auf Lateinpositionen in der Sakralsprache aus der weltweiten einen katholischen Kirche unversehens so etwas wie ein Bund von Landeskirchen werden könnte, fürchtet der deutsche Klerus offenbar nicht. Er verspricht sich vielmehr eine volkstümlichere, lebendigere Kirche - und von der Erneuerung der Liturgie letztlich eine Erneuerung der Theologie überhaupt. * Lateinisch »virgilia« = »Nachtwache«.

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