TERRORISMUS Aufbruch in die Todeszone
Eigentlich sind es keine guten Zeiten für diejenigen, die in den Heiligen Krieg ziehen wollen. Jedenfalls nicht, wenn sie aus Deutschland kommen.
Gerade hat die russische Regierung mitgeteilt, dass in Tschetschenien ein Deutscher erschossen wurde. Thomas Hamza F. aus Ulm war nur 25 Jahre alt, als ihn eine russische Spezialeinheit erschoss. Der zum Islam konvertierte F. ist der dritte Deutsche, dem sein Einsatz auf Seiten der tschetschenischen Rebellen das Leben kostete. Er starb bei Serschen-Jurt, das Dorf nahe Grosny gilt den Russen als Hochburg der Untergrundkämpfer.
Womöglich kommen solche Todesmeldungen demnächst noch aus einer ganz anderen Weltgegend - dem Irak. Seit Wochen beobachten die deutschen Sicherheitsbehörden, dass sich hier lebende Muslime auffällig für den Guerilla-Krieg der Irakis gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten interessieren. »Auch aus Deutschland sind Kämpfer aufgebrochen«, sagt der Präsident des Bun-
desnachrichtendienstes (BND), August Hanning.
Sogar eine Zahl kursiert bei den Sicherheitsbehörden: 19 bekannte Fälle sollen es inzwischen sein, aber Fragezeichen bleiben. Es fehlt an zuverlässigen Informationen, wer auf harmlosen Heimatbesuch fährt und wer wirklich kämpfen will. Oder wer sich erst vor Ort entscheidet.
Als relativ eindeutig gilt der Fall des am vergangenen Dienstag von einem Spezialeinsatzkommando auf dem Münchner Hauptbahnhof verhafteten Irakers Mohammed L. Der 29-Jährige soll nicht nur Landsleute nach Deutschland geschleust, sondern auch Kämpfer in den Irak vermittelt haben. Bei Durchsuchungen fand die Polizei gefälschte Pässe und Führerscheine.
Mohammed L. wird dem Netzwerk der Ansar-e Islam zugerechnet, einer militanten islamischen Gruppe, die von einem Gottesstaat in den Kurdengebieten des Irak träumt und im Verdacht steht, unter anderem für den Anschlag auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad verantwortlich zu sein. Sittenstreng wie die Taliban verbietet Ansar-e Islam Musik und das Tragen von Jeans. Auch in Deutschland gibt es Anhänger der Gruppe.
Ansar soll inzwischen mit Abu Mussab al-Sarkawi, dem ehemaligen Leiter eines der Ausbildungslager Osama Bin Ladens, gemeinsame Sache machen. Sarkawi wird von der Karlsruher Bundesanwaltschaft seit April wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung per Haftbefehl gesucht. Er soll bei seinen Anhängern in Deutschland Anschläge in Auftrag gegeben haben (SPIEGEL 18/2002).
Das Phänomen der Terroristen-Reisen ist nicht neu: Auch in Afghanistan und Bosnien kämpften Muslime aus Deutschland. Meist war es ein Himmelfahrtskommando, ohne kriegsentscheidende Bedeutung. So wird es, egal wie viele sich noch auf den Weg machen werden, wohl auch wieder im Irak sein.
Es gibt zwar kein Reisebüro für den Dschihad, im Umfeld vieler Moscheen finden Radikale allerdings leicht Gleichgesinnte, die mit Namen und Telefonnummer eines Bruders aushelfen. Über solche Anlaufadressen in Iran, der Türkei und in Syrien führt dann der Weg in den Irak. Besonders die Ansar-e Islam steht im Verdacht, ausländische Kämpfer in ihre Reihen aufzunehmen.
So mittelalterlich das Weltbild, so modern die Rekrutierungsmethoden: Zusätzlich zu den seit Jahren kursierenden Videos, auf denen etwa der Kampf in Tschetschenien zu sehen ist, stellen die Islamisten Aufnahmen von Terrortaten inzwischen auch ins Internet. Bei Anschlägen im Irak lassen sich Attentäter filmen.
Auch wenn bisher nur wenige Fälle bekannt geworden sind, erste Übereinstimmungen unter den abreisenden Dschihadis aus Deutschland haben die Ermittler bereits festgestellt: Wer in den Kampf zieht ist unter 30, lebt von Sozialhilfe oder jobbt in Dönerbuden und am Fließband. Familie hat er meist nicht.
Um den Zustrom der Freiwilligen zu unterbinden - jene aus Deutschland dürften wohl noch das kleinste Problem darstellen -, hat die US-Regierung inzwischen die Kontrollen an den Grenzen verstärkt. Und Präsident George W. Bush hat die Nachbarstaaten des Irak schon ermahnt: »Wir erwarten, dass solche Leute daran gehindert werden, über die Grenze zu kommen.« BND-Chef Hanning fürchtet bereits, dass der Irak ein »Kristallisationspunkt« für Islamisten aus aller Welt wird. Und junge Muslime so wie früher in Afghanistan gegen die Sowjets jetzt in Bagdad und Falludscha in ihren Heiligen Krieg ziehen.
Erste Anzeichen bestätigen diese düstere Prognose: Allein aus Frankreich, sagt der für Terroristen zuständige Pariser Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière, seien seit dem Sommer Dutzende Rekruten aufgebrochen. In Kairo arrestierten vergangene Woche die Behörden 27 Männer. Die Studenten stehen im Verdacht in den Irak reisen zu wollen. Einen toten Briten gibt es bereits: Wail al-Dhaleai, ein eingebürgerter Jemenit aus Sheffield, galt auf der Insel als Hoffnung für die Olympischen Spiele in Athen. Der Kampfsportler verließ Frau und Kind und starb im Oktober bei einem Selbstmordanschlag im Irak. Als Fanatiker war der Mann zuvor nie aufgefallen.
Wie Glaubenskrieger wirkten auch die Kumpel aus der Clique des Algeriers Abderrazak M. nicht. Bekleidet mit Nike-Shirts und modischen Sportschuhen tobten sie auf den Hamburger Sportplätzen herum. Dennoch ist M. eine Größe in der Hamburger Islamisten-Szene. Der Algerier wird ehrfurchtsvoll »Scheich« genannt, er soll selbst in Tschetschenien gekämpft haben.
Am 20. März reisten M. und zwei seiner Glaubensbrüder, vorsichtshalber getrennt, über Wien und Istanbul in Richtung Kriegsgebiet. In Damaskus trafen sie sich wieder. Von dort, so glauben die Ermittler, wollten sie sich im Nordirak den Ansar-e Islam anschließen.
Aus dem Plan wurde nichts: M. und Co. standen bereits in der Hansestadt unter Beobachtung. Offenbar gewarnt setzten die Syrer die Gruppe fest und schoben sie nach ein paar Wochen nach Deutschland ab. Als wahrscheinlich gilt, dass außer den dreien zwei weitere Hamburger Islamisten in den Irak zogen. Der Hamburger Verfassungsschutz hatte im März zuschauen müssen, wie die Gruppe um M. aufbrach. Denn juristisch ist in diesen Fällen kaum etwas zu machen: »Rechtlich ist nicht zu verhindern, dass jemand in den Irak zieht, um dort womöglich amerikanische Soldaten zu erschießen«, klagt Manfred Murck, Vize des Hamburger Verfassungsschutzes. Die Dschihadis müssten sich schon vorher offen damit brüsten.
In Haft sitzt M. seit gut einer Woche dennoch. Aber nur dank der italienischen Justiz. Die will beweisen, dass er auch in Mailand für den Krieg rekrutierte.
Sorge machen den Terrorismusexperten in Europa allerdings nicht nur diejenigen, die gehen - sondern vor allem jene, die es schaffen zurückzukommen. Denn wer den Kampf überlebt, gilt unter seinen radikalen Glaubensbrüdern als Held. Sie sind seit jeher die Knoten des lose geknüpften Netzwerkes der Qaida. Sie haben internationale Kontakte, sind kampferprobt und begeistern mühelos junge Muslime, ebenfalls zu kämpfen.
Die Deutschen haben diese bittere Lektion gelernt: Es waren solche Veteranen, die die Hamburger Todespiloten für den Dschihad begeisterten.
DOMINIK CZIESCHE, GEORG MASCOLO
* Oben: Aufnahmen von Kämpfern, Zeichentrickfilm »Der KleineMudschahid«; unten: am 19. August in Bagdad.