AUGUST 2005 Aufruhr im Parkett
Ist das eine Aufregung in diesem Salzburger Sommer, dass es nicht nur in Zeitungen und auf dem Schwarzmarkt rumort, wo angeblich ein paar tausend Euro für Premierenkarten der »La Traviata« mit Anna Netrebko in der Titelrolle geboten wurden - auch in den Restaurants und Cafés unterm berühmten Salzburger Mönchsberg herrscht eine hühnerhaufenhafte Hektik, dass man sich versucht fühlt, den Gästen wie im uralten Witz vom idealtypischen österreichischen Kellner und seinem ungeduldigen fremdländischen Kunden die Frage zu stellen: »Sagen Sie, sind Sie auf Vergnügungsreise hier oder auf der Flucht?«
Anna Netrebko, die 34-jährige Russin, hat ihre Violetta in Willy Deckers »La Traviata«-Inszenierung dann wirklich gesungen, durchlitten und heiter-todestrunken hingetanzt, als sei sie zum Vergnügen in Salzburg - und das ist vielleicht das wirklich Dämonische, Abgründige an dieser Frau, die schon ein bisschen zu ausgiebig für ihre Natürlichkeit, Direktheit und Frische gelobt wird: Die Netrebko tritt auch in der bisher gefährlichsten, weil mit maximaler Spannung erwarteten (und von vielen Fernsehsendern der Welt übertragenen) Premiere ihrer Karriere so auf, als gelinge ihr alles sozusagen mit links, auf nie überstrapazierten Stimmbändern und aus dem Hüftgelenk, ohne Anstrengung und wüste Ambition. Selbst beim Sterben auf der Bühne verstrahlt sie noch eine lässige Heiterkeit, die den finsteren Glanzrollen des großen Opernrepertoires nur bedingt angemessen ist.
Anna Netrebko, die allzeit lächelnde Girlie-Diva, ist ja ein Opern-Wundertier von hohen Gnaden und beinah später Berufung: Schon jenseits der 30 war sie, als sie 2002 zum ersten Mal in der New Yorker Metropolitan Opera (die nur schlimme Großkotze »Met« nennen) singen durfte und eben in Salzburg als Donna Anna im »Don Giovanni« von Martin Kusej und Nikolaus Harnoncourt sehr überraschend ganz groß herauskam.
Seither wurden Schiffsladungen von CDs mit ihrem Gesang verkauft, sie hat sich von Thomas Gottschalk auf der »Wetten, dass ...?«-Couch knutschen lassen und die Klassikwelt in einen Aufruhr versetzt, wie es nicht mal die wahrhaft bombastische Sängerin Jessye Norman je vermochte; als Referenzgröße können da nur die inzwischen ein bisschen peinlichen drei Tenöre herhalten.
Und wie es sich für eine quasi aus dem Nirgendwo emporgestiegene Göttin gehört, lieben fast alle Anna Netrebko - inklusive der paar eher dürren biografischen und anekdotischen Informationen, die über das Zaubermädchen in Umlauf sind. Gesichert ist, dass sie in Krasnodar in tiefer südrussischer Provinz geboren wurde und aufwuchs und in St. Petersburg Gesang studierte. Schon eher ins Reich der Legende gehört die Anekdote, dass sie ihr Studentenleben finanzierte, indem sie im Petersburger Mariinskij-Theater als Hilfsputze die Böden schrubbte.
Ganz und gar schwachsinnig und mittlerweile von ihr selbst ausgiebig dementiert ist ihr angebliches Bekenntnis, so richtig frei losschmettern könne sie nur in unbekleidetem Zustand, vulgo (so steht's auf dem Bucheinband einer nicht autorisierten Biografie): »In meinen Träumen singe ich nackt.«
Andererseits: Als Popstar, als Madonna der Mozartisten und Verdi-Maniacs darf die Netrebko ruhig ein bisschen Aschenputtel-Glamour spazieren tragen und einen Hauch Verruchtheit. Im Privatleben ist sie seit fünf Jahren mit dem italienischen Sangeskünstler Simone Alberghini liiert. Manche bedauern das. So trifft man beispielsweise in der Münchner Gesellschaft mitunter auf sehr reiche Männer, die sich beherzt in aller Öffentlichkeit damit brüsten, für diese Frau seien sie bereit, jederzeit ihre Ehe, ihr Resthirn und ihr Vermögen zu ruinieren.
Überhaupt sollte man die Macht der Männer in Netrebkos Leben nicht überschätzen. Den Weg in die internationale Opernwelt verdanke sie ihrem Entdecker, dem russischen Maestro Valery Gergiev, wissen die Schlaumeier des Klassikbetriebs, der habe sie 1995 erstmals in San Francisco singen lassen; so richtig mit Schmackes in Gang gesetzt habe die Karriere der Netrebko aber dann Jeffrey Vanderveen, ein ehemaliger Investmentbanker an der Wall Street, der heute für die Londoner Agentur IMG die Sängerin Netrebko betreut.
Aber zur Hölle mit all den Strippenzieher-Geschichten: Es ist Anna Netrebko ganz allein, die mit ihrer Präsenz und ihrer Stimme ihre Fans zur Raserei treibt. In Salzburg feiert das »Traviata«-Premierenpublikum die Sängerin mit Bravogeschrei und Standing Ovations. Das Gemäkel mancher Fachleute, sie klinge viel zu lebensfroh für eine Moribunde und sei prinzipiell stimmlich überschätzt, donnerte die »FAZ«-Kritikerin Eleonore Büning souverän in den Orkus, indem sie in einer langen Huldigung an Netrebkos Gesangsorgan dessen »überragenden Rang« pries.
So ist die Salzburger »La Traviata« für La Netrebko in der Rolle der schönen todgeweihten Kameliendame Violetta Valéry ein Gipfelpunkt ihrer Karriere - und ganz sicher ist sie der Heuler der Saison. Netrebkos Partner, der Mexikaner Rolando Villazón (auch er seit diesem Jahr ein junger Superstar) schmeißt sich so stürmisch, mit grimmiger vokaler Wucht und augenrollend in ihre Arme, dass er immer ein wenig wirkt wie Mr. Bean im Tenorfach; und während die Netrebko aufs Drolligste und Innigste dahinschmachtet und ihr Bühnenleben verhaucht, sieht man zwischen den beiden Liebenden fast immer - Todesstunde, ick hör dir ticken - eine riesige Uhr herumstehen. Derart werden die Zuschauer im Festspielhaus streng an die Vergänglichkeit dieses Opernzaubers erinnert: So schön und stark und zauberhaft wird die Diva Anna Netrebko womöglich nie wieder sein wie in diesem aufregenden Salzburger Sommer.
WOLFGANG HÖBEL