»Aus Bombenkratern aufgebaut« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 63 / 114

»Aus Bombenkratern aufgebaut«

Vietnams Premierminister Phan Van Khai über seine Kriegserfahrungen mit den USA und die Dominanz der Supermacht, die Schwierigkeiten des wirtschaftlichen Aufbaus seines Landes und das Wagnis einer politischen Öffnung
Von Jürgen Kremb und Olaf Ihlau
• aus DER SPIEGEL 47/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Premierminister Phan Van Khai, Sie haben gerade an einem Gipfeltreffen der Asean-Staaten in Kambodscha teilgenommen, bei dem es um die Terrorbekämpfung in Südostasien ging. Wie wappnet sich die Region dagegen, dass es noch einmal zu Anschlägen wie auf Bali kommt?

Khai: Es ist nicht zu leugnen, dass es in Indonesien und auf den Philippinen zu terroristischen Aktivitäten gekommen ist. Alle Länder müssen entschieden gegen Terrorismus Front machen, denn terroristische Organisationen und Einzelpersonen können überall in der Welt auftreten.

SPIEGEL: Die CIA sieht in Südostasien derzeit eines der Hauptaktionsfelder von Bin Ladens Qaida-Aktivisten. Gefährdet das nicht die Wirtschaft und besonders den Tourismus der gesamten Region?

Khai: Die Asean-Staaten haben deswegen mit den USA eine Deklaration über den Kampf gegen den Terrorismus unterzeichnet. Wir tauschen Informationen unserer Sicherheitskräfte und Erkenntnisse von Geheimdiensten aus ...

SPIEGEL: ... die dynamischen Wirtschaftswachstumszahlen der letzten Jahre dürfen Sie aber einstweilen wohl vergessen.

Khai: In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum der Asean-Region immer noch zwischen fünf und sechs Prozent, bei uns um sieben Prozent liegen. Aber wir wissen natürlich, dass der Terrorismus die Investitionstätigkeiten in unserer Region zu beeinträchtigen droht. Beim Asean-Gipfel haben wir mehrere Abkommen unterzeichnet, die Geldwäsche unterbinden sollen und einer finanziellen Unterstützung von terroristischen Organisationen einen Riegel vorschieben.

SPIEGEL: Obwohl Vietnam kein Problem mit radikalen Muslimen hat, betreiben Sie einen enormen Sicherheitsaufwand.

Khai: Wir haben vor ausländischen Botschaften in Hanoi Sondereinheiten stationiert. Und unser besonderes Augenmerk gilt der Sicherheit der US-Vertretung.

SPIEGEL: Wenn Washington jetzt für einen Waffengang gegen den Irak rüstet, erinnert Sie das an Ihren eigenen Krieg mit der Supermacht USA, der vor gut einem Vierteljahrhundert endete und mehr als drei Millionen Vietnamesen das Leben kostete?

Khai: Vietnam hat als Nation unsägliches Leid erlitten und Opfer auf sich genommen, nur um das Grundrecht auf Freiheit und Unabhängigkeit verwirklichen zu dürfen. Während andere Nationen in Frieden leben durften, mussten wir kämpfen. Während andere Länder einen hohen Standard an wirtschaftlicher Entwicklung erreichten, mussten wir unser Land aus Bombenkratern aufbauen.

Das sind große Nachteile, die wir erlitten, weil ausländische Invasoren uns der minimalsten Menschenrechte beraubten. Dies wünschen wir keinem anderen Land. Wir denken, dass die Uno-Charta und internationales Recht den geeigneten Rahmen darstellen, um Meinungsverschiedenheiten zwischen souveränen Nationen zu schlichten.

SPIEGEL: Will sagen, Vietnam wäre entschiedener Gegner eines amerikanischen Feldzuges gegen den Irak?

Khai: Wir stimmen niemandem zu, der den Krieg gegen den internationalen Terrorismus zu seinem Vorteil nutzt oder als Vorwand sieht, um sich in die inneren Angelegenheiten von anderen Staaten einzumischen. Krieg sollte kein Mittel zur Lösung von Konflikten zwischen souveränen Staaten sein. Wenn wir Kriege vom Zaun brechen, werden wir die ohnehin komplizierte Weltlage im 21. Jahrhundert noch instabiler gestalten und so den Hass zwischen den Nationen und Religionen um ein Vielfaches verstärken.

SPIEGEL: Der Held des vietnamesischen Befreiungskampfes, General Giap, hat einmal gesagt, die Supermacht USA kenne nicht die Grenzen ihrer Macht. Wie sind Ihre Beziehungen zu den USA heute?

Khai: Seit der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Hanoi und Washington im Jahre 1995 haben wir große Fortschritte in unseren Beziehungen erzielt. Kürzlich schlossen wir das so genannte Bilaterale Handelsabkommen ab, das unserem gemeinsamen Warenaustausch sicher einen großen Auftrieb verschaffen wird. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass noch viele Fragen gelöst werden müssen.

SPIEGEL: Die USA werfen Ihnen Verletzung von Menschenrechten vor. Washington sagt, Sie unterdrücken die Montagnards, protestantische Minderheiten in Zentralvietnam, und inhaftieren Andersdenkende. Im Gegenzug behaupten Sie, die USA unterstützen anti-vietnamesische Terroristen.

Khai: Es bestehen Meinungsverschiedenheiten zu den Themen Menschenrechte, Demokratie, Religionsfragen. Wir sind immer zu Diskussionen mit den USA bereit. Doch sitzen in den USA Terrorgruppen, die für Anschläge gegen hochrangige vietnamesische Regierungsdelegationen im Ausland verantwortlich sind.

SPIEGEL: Sie meinen die Gruppe von Exil-Vietnamesen, die einen Bombenanschlag gegen eine Ministerdelegation in San Francisco unternommen hat?

Khai: Ja. Eine gewisse Frau Han ist dabei federführend. Wir baten Washington, ihrer Gruppe das Handwerk zu legen. Auch sehen wir die Ursachen für unsere Probleme im zentralen Hochland als vom Ausland geschürt an.

SPIEGEL: Größte Hypothek Ihrer Beziehungen sind die Nachwirkungen des Einsatzes von Chemiewaffen. Weil die USA während des Krieges das Entlaubungsmittel Agent Orange über Vietnam versprühten, werden auch heute noch jährlich Tausende Kinder mit schrecklichen Missbildungen geboren. Warum verlangen Sie von Washington keine Reparationen?

Khai: Dass es sich bei den Opfern des Einsatzes von Agent Orange um eine humanitäre Frage handelt, haben wir den USA mehrmals vorgetragen. Washington hat dafür die Verantwortung und muss mit Vietnam zusammenarbeiten. Gegenwärtig kooperieren amerikanische Wissenschaftler mit unseren Experten in Fragen der Auswirkungen von Agent Orange. Ferner haben wir mehrere humanitäre Stiftungen ins Leben gerufen, doch deren Mittel bleiben sehr beschränkt.

SPIEGEL: Da drücken Sie sich aber sehr diplomatisch aus. Es geht doch nicht um die Frage der Erforschung der Folgen von Agent Orange. Die kennt man längst. Es geht um eine Kompensation unzähliger Opfer des Einsatzes amerikanischer Chemiewaffen.

Khai: Wir gebrauchen in diesem Zusammenhang nicht das Wort Kompensation. Aber es sollte eine geistige, moralische und humanitäre Verpflichtung der USA sein, Vietnam bei der Bewältigung der Auswirkungen des Krieges zu helfen. Die Spätfolgen von Agent Orange stellen eine außergewöhnlich große Last für Vietnam dar, und diese Frage wird uns noch mehrere Generationen beschäftigen. Aber um die Zukunft der Beziehung zwischen unseren Ländern nicht zu gefährden, haben wir die Frage so vorgetragen, dass sie von beiden Seiten akzeptiert werden kann.

SPIEGEL: Vietnam möchte sich dem Westen gegenüber öffnen, denn es braucht Investoren. Sind Sie deswegen so höflich?

Khai: Vietnam heißt Investoren in unserem Land herzlich willkommen. Seit Beginn der Doi-Moi-Politik ...

SPIEGEL: ... der wirtschaftlichen Reform- und Erneuerungspolitik im Jahre 1986 ...

Khai: ... ist es unser Ziel, ein besseres Umfeld für Investoren in unserem Land zu schaffen. Damit hoffen wir, bis zum Jahre 2005 Investitionen im Gesamtwert von mehr als zwölf Milliarden Dollar nach Vietnam zu holen. Wir wollen dazu ein rechtliches Umfeld schaffen, das weder inländische noch ausländische Anleger diskriminiert.

SPIEGEL: Noch immer ist Vietnam ein sehr armes Agrarland, das zudem zwischen dem wirtschaftlichen Giganten China und den dynamischen Wachstumsstaaten Südostasiens eingeklemmt ist. Ihre maroden Staatsbetriebe schreiben zudem hohe Verluste. Was soll Investoren anlocken?

Khai: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Vietnam bis zum Jahr 2020 zu einer modernisierten Nation zu machen. In den nächsten zehn Jahren wird das Gerüst zu einer umfassenden Industrialisierung gebaut. Wichtiger Bestandteil soll dabei die Reform der staatlichen Betriebe sein. Bis zum Jahr 2005 wird ihre Zahl von 5000 auf 2000 reduziert.

SPIEGEL: Vor allem die grassierende Korruption schreckt Investoren.

Khai: Korruption ist eine der größten Gefahren für unsere weitere Entwicklung. Es wurden deshalb Maßnahmen getroffen, um die Überwachung von staatlichen Bediensteten zu verstärken und die Rolle der Massenmedien bei der Aufdeckung von Korruptionsfällen zu stärken.

SPIEGEL: Heißt das, mit mehr Transparenz der wirtschaftlichen Prozesse wird es auch bald politische Reformen und freie Wahlen im sozialistischen Vietnam geben?

Khai: Es ist notwendig, den Staatsapparat transparenter zu gestalten. Dafür haben wir seit langem die Politik »Leute wissen, Leute diskutieren und Leute überwachen« eingeführt. Oft strahlen wir Diskussionen der Bürger mit Politikern live im Fernsehen aus. In unserer neuen Politik, die seit dem 9. Parteitag der Kommunistischen Partei Vietnams vom April 2001 in Kraft ist, verbinden wir wirtschaftliche Reform mit politischer Erneuerung. Doch als asiatische Nation verfügen wir über ganz eigene kulturelle, historische und politische Werte. So wenig wir unsere Vorstellungen anderen aufdrängen, so sehr bitten wir darum, dass sich andere Staaten nicht in unsere inneren Angelegenheiten einmischen.

SPIEGEL: Vorrang hat weiterhin der Kampf gegen Hunger und Unterentwicklung?

Khai: Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir die Zahl der armen Haushalte um die Hälfte reduzieren. Das sind 300 000 Haushalte jedes Jahr. Dazu schaffen wir jährlich 1,2 Millionen neue Jobs für junge Leute. Leider leben noch immer 14,7 Prozent der Bevölkerung in Armut ...

SPIEGEL: ... das heißt, von weniger als einem Dollar pro Tag.

Khai: Wir hoffen, die Rate um jährlich 1,5 bis 2,0 Prozent drücken zu können, und glauben so, diesen Missstand bis zum Jahre 2010 vollkommen beseitigt zu haben.

SPIEGEL: Ein Erfolg der Wirtschaftsreform ist eng mit der Entwicklung von Vietnams gigantischem Nachbarn und historischem Erzrivalen im Norden gekoppelt. Ist Chinas Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht nicht eine ernsthafte Bedrohung für die Staaten Südostasiens und besonders Vietnam?

Khai: Die Staaten der Asean-Gruppe sehen Chinas Entwicklung eher als Chance. Bei unserem Treffen in Phnom Penh haben wir gerade der Schaffung einer Freihandelszone zugestimmt, die schon in zehn Jahren zwei Milliarden Konsumenten in China und den Staaten Südostasiens umfassen soll.

Auch unsere bilateralen Beziehungen zur Volksrepublik China gestalten sich ausgezeichnet. Seit 1992 stieg der Handel mit Peking von damals 32 Millionen US-Dollar auf 2,8 Milliarden im vergangenen Jahr an.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht für die Sicherheit der Region, sollte es langfristig zum strategischen Konflikt zwischen China und den USA kommen?

Khai: Dieses Problem sehen wir ehrlich gesagt nicht. In den Beziehungen zu China wie auch zu unseren Nachbarn in Südostasien geht es uns vor allem um Sicherheit und Stabilität dieser Region. Nur so können wir mit wirtschaftlichem Wachstum und unserer Entwicklung fortfahren. Auch Deutschland kann uns dabei helfen.

SPIEGEL: Und wie?

Khai: Deutschland und Vietnam sind nicht nur von der Bevölkerungszahl, sondern auch von der Fläche her etwa gleich groß. Sie haben große Erfahrungen im Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft gesammelt. Die Beziehungen zwischen der DDR und unserem Land legten einen guten Grundstock, viele unserer Fachleute wurden dort geschult ...

SPIEGEL: ... in keinem anderen Land Asiens gibt es heute dermaßen viele Arbeiter und Akademiker mit imponierenden Deutschkenntnissen.

Khai: Das ist richtig. Zudem gingen einige der heute führenden westdeutschen Politiker in den sechziger Jahren gegen den Krieg in Vietnam auf die Straße. Wir hoffen, dass Deutschland uns deshalb auch helfen kann, unser Land in einen sicheren und stabilen Platz für ausländisches Investment zu verwandeln.

SPIEGEL: Herr Premierminister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Jürgen Kremb und Olaf Ihlau im Amtssitz desMinisterpräsidenten in Hanoi.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 114