RÜSTUNG Aus der Asche
Wer wird in Washington überleben«, wollte Demokrat William Proxmire von seinen Kollegen wissen, »wenn die Bombe explodiert?« Der Senator antwortete selbst: »Ich nicht. Und Sie auch nicht. Wir müssen auf das Schicksal vertrauen wie alle anderen auch.«
Eine Ausnahme sind etwa 4000 bis 5000 wichtige Washingtoner Bürokraten. Sie dürfen, verriet Proxmire den Senatoren, auf Fortexistenz in einem atomverseuchten Amerika hoffen. So jedenfalls steht es in einem geheimen Regierungsplan über die Folgen eines Atomkrieges, den der Washingtoner Journalist Howard Rosenberg im »Washingtonian Magazine« enthüllte und den Proxmire im amtlichen »Congressional Record« nachdrucken ließ. Enthüllungen wie diese S.122 verunsichern die Administration. In Dutzenden Artikeln und Büchern werden die Atom-Pläne der Reagan-Regierung im Detail nachgezeichnet. In Buchhandlungen stapelt sich die Literatur über eine mögliche Nuklearkatastrophe.
Neben ernstzunehmenden Analysen finden die Amerikaner absurde Überlebenshinweise wie im »US Armed Forces Survival Manual«. Dort wird den Amerikanern empfohlen: »Seht auf keinen Fall in den Feuerschein der Bombe. Falls Ihr keine Bunker erreichen könnt, legt Euch flach auf die Erde und bedeckt Euer Gesicht mit den Händen.«
So geschützt, mokierte sich das »Washingtonian Magazine« über die Überlebenspläne der amerikanischen Administration, könne das Land »aus der Asche wieder auferstehen und die Regierung weiterleben, gleich wie viele übrig bleiben mögen, die regiert werden«.
Die Namen der zu rettenden Beamten aus 33 Regierungsämtern werden registriert, sozusagen eine »De-facto-Regierung auf Abruf« (Rosenberg). Der Weltraumbehörde Nasa beispielsweise werden sieben Überlebenskandidaten zugestanden, ein Dutzend von 360 Mitarbeitern der Export-Import-Bank dürfen auf einen Bunkerplatz hoffen.
Nach dem Plan, der bereits von Reagans Vorgängern gebilligt wurde, werden Beamte in »lebenswichtigen und unentbehrlichen« Ämtern in A-, B- und C-Teams eingeteilt.
Bevor die ersten Raketen eines neuen Weltkriegs gefeuert werden, in der sogenannten »Crisis Expectant Period«, setzt sich der mehrere tausend Beamte umfassende B-Trupp (ohne Familienmitglieder) in ein unterirdisches Ausweichhauptquartier im Mount Weather nahe Berryville im US-Bundesstaat Virginia ab. Hier soll, so der makabre Plan, der Kern des nach-atomaren Washington überleben. 2000 Betten, elektrisch getriebene Fahrzeuge, Computer, Akten, Landkarten, Funkgeräte stehen in der »Special Facility«, dem Ausweichquartier, bereit.
Ein als C-Team eingestuftes Verwaltungsheer wird in den weniger sicheren 19 »Emergency Operating Facilities« in der Umgebung der US-Hauptstadt auf die Entwarnung warten.
Ein »beneidenswerter Job«, so Senator Proxmire, ist für die A-Equipe vorgesehen: Deren Mitglieder »sollen weiterarbeiten bis praktisch zu dem Augenblick der Bombenexplosion«. Senator Proxmire bezweifelt, »daß das Freiwillige sein können«.
Im Kriegsfall könnten die von sowjetischen U-Booten abgeschossenen Atomraketen nach Berechnungen der Pentagon-Spezialisten Washington in zwölf Minuten erreichen. Während einer Alarmübung zu Zeiten des Präsidenten Carter, bei der Sicherheitsberater Brzezinski den Staatschef darstellte, ermittelten die Planer, daß die Zeit nicht ausreichte, um den Präsidenten per Hubschrauber vom Weißen Haus zum Mount Weather zu fliegen.
Folglich soll Amerikas Präsident vor sowjetischen Atomraketen nicht Zuflucht in den unterirdischen Gewölben suchen, sondern in einer Boeing 747, die einsatzbereit auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington auf die Stunde X wartet, abheben und weit entfernt von den Atompilzen den Gegenschlag leiten.
Bis 1985 wollen die Amerikaner vier dieser gegen die Auswirkungen atomarer Explosionen gehärteten Maschinen in Dienst stellen.
Ein »National Emergency Airborne Command Post« (Kodename: Nightwatch) steht, so die Theorie, über Längstwellen (VLF) und Zentimeterwellen (SHF) in Kontakt mit den 96 unterirdischen Kommandozentralen der amerikanischen Streitkräfte in aller Welt, vor allem aber mit dem »War Room« im Pentagon, dem Gefechtshauptquartier in Ravenrock Mountain nahe Fort Ritchie im Bundesstaat Maryland und der Nato-Zentrale »Norad« in den Cheyenne Mountains im Bundesstaat Colorado.
Auch das Nato-Hauptquartier für Europa (Shape) in Belgien wird gegenwärtig eingegraben. Die Krisenplanung sieht überdies vor: Fliegende Kommandozentralen, meist Boeing 707 vom Typ EC-135, starten von den Rollbahnen des Strategischen Luft-Kommandos im Bundesstaat Nebraska und von einem englischen Fliegerhorst.
Allerdings ist Verteidigungsminister Weinberger »besorgt«, daß diese fliegenden Kommandozentralen nur »die ersten Tage« nach einem Atomschlag überleben. Deshalb werden zusätzlich »Mobile Command Centers« konzipiert, die operieren sollen, wenn die unterirdischen und fliegenden Kommandozentralen zerstört sind.
Während der Präsident, zumindest vorübergehend sicher, über seinem bedrohten Volk kreist, sollen aus 400 als besonders gefährdet angesehenen, meist dicht besiedelten Gebieten 145 Millionen Bürger aufs Land evakuiert werden.
Doch selbst wenn diese gigantischen Pläne realisiert werden könnten, errechneten die Evakuierungsexperten, würden lediglich »35 bis 65 Prozent der amerikanischen Bevölkerung die unmittelbare Wirkung eines umfassenden Atom-Angriffs überleben«.
Um die Überlebenden regieren zu können, werden die durch Flucht in die Bunker geretteten Bürokraten benötigt. Wenn New York etwa in Staub und Asche zerfallen ist, sollen die Postbeamten dafür sorgen, daß die nach New York adressierten Briefe an die Absender zurückgehen. Entsprechende Formulare sind gedruckt. Auch Beamte der Autobahnbehörden sollen im Untergrund überleben - damit nach dem Krieg neue Straßen gebaut werden können.
Ob allerdings die Auserwählten im Untergrund tatsächlich die »Nach-Holocaust-Epoche« (Rosenberg) jemals erleben werden, ist trotz aller Geheimplanung zweifelhaft. Sowjetische Raketen, daran zweifeln Pentagon-Experten nicht, sind heute schon auch auf amerikanische Kommandozentralen gerichtet. Einmal wollten sogar sowjetische Agenten Land in unmittelbarer Nähe des Bunkers im Mount Weather erwerben.