Aus der Wüste zu den Sternen
Seit Stunden rollt eine Karawane von Campern, Pick-ups, Cabrios und hochrädrigen Geländewagen über den Sierra Highway zur öden, von zwei Eisenbahnlinien durchzogenen Ortschaft Mojave (3836 Einwohner) in der südkalifornischen Wüste. Kurz nach Sonnenaufgang, am 21. Juni, tummeln sich rund 20 000 Menschen in den abgesperrten Besucherzonen am Flugfeld. Wenige Minuten vor sieben Uhr donnert ein seltsam anmutendes Gespann über die Startpiste des Mojave Airport. »White Knight« heißt der mit zwei Triebwerken ausgestattete Trägerjet, dessen schmale ausladende Tragflächen an ein Segelflugzeug erinnern. Unter dem Bauch trägt der »Weiße Ritter« eine Rakete, an deren Spitze - buchstäblich - eine dreisitzige Cockpitkabine angeklebt ist. Am Knüppel dieses »SpaceShipOne« genannten Raketenvehikels sitzt ein älterer Herr: Mike Melvill, 63 Jahre alt, ein in über 6900 Flugstunden gereifter Testpilot.
In weiten Kurvenflügen schraubt sich das Jet-Raketen-Duo in die Höhe, der Luftraum ist für dieses Unternehmen nahe der U. S. Air Force Base Edwards seit Stunden gesperrt.
Nach einer Stunde Flugzeit, in einer Höhe von gut 14 Kilometern, trennt White-Knight-Flugingenieur Matt Stine-metze die Verbindung zu SpaceShipOne. Unverzüglich zündet Testpilot Melvill den Raketenmotor. Wie ein Geschoss steigt das weiß lackierte, mit dunklen Sternen an der Unterseite geschmückte Gefährt in den blauen Himmel über Kalifornien empor. 76 Sekunden währt die Brenndauer des speziellen Treibstoffgemischs aus Kautschuk und Lachgas, bei 2,9-facher Schallgeschwindigkeit wird Melvill in seinen Sitz gestaucht, das Atmen wird mühsam. Doch dann ist der gesamte Treibstoff verbrannt. Das Raumschiff hat in seiner Gipfelhöhe von 100 124 Metern die unterste Etage des Weltraums erreicht. Rund drei Minuten verharrt Melvill in der Schwerelosigkeit: »Es war der pure Wahnsinn. Ich konnte die Krümmung der Erde sehen, die Küste Kaliforniens« - und über ihm das schwarze All übersät mit einem Sternenteppich.
Der Rücksturz zur Erde dauert nur rund eine halbe Stunde. Er setzt den Piloten ähnlichen physischen Belastungen aus wie der Aufstieg. Auch das tintenfischförmige Gefährt mit seinen schwenkbaren Ruderflossen kommt unbeschadet zurück; die relativ langsame dreifache Schallgeschwindigkeit erfordert keinen Hitzeschild wie bei Raumfähren, die aus dem Orbit zurückkehren.
Melvill schwebt mit SpaceShipOne wie mit einem Segelflugzeug auf die Piste des Mojave Airport ein. Er hat Geschichte gemacht: Zum ersten Mal ist ein Mensch ohne einen Cent Unterstützung vom Staat in den Weltraum geflogen.
Der erfolgreiche Flug in die Annalen der Raumfahrt ist das Ergebnis eines kongenialen Unternehmens. Der amerikanische Multimilliardär und Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, 51, hatte sich mit dem zehn Jahre älteren Flugzeugkonstrukteur Burt Rutan zusammengetan. Allen, ein Science-Fiction-Träumer, Sammelfreak und Raumfahrtvisionär, hatte Rutan angeblich etwa 30 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.
Seit Jahrzehnten schon erfindet Rutan zukunftsweisende Fluggeräte samt den dafür nötigen neuartigen Werkstofftechniken. Gemeinsam ist Allen und Rutan zudem eine gehörige Menge Ehrgeiz, die sich in diesem Fall auf den so genannten X-Prize konzentrierte. Der Mitte der neunziger Jahre mit zehn Millionen Dollar ausgelobte Preis sollte dem Konstrukteur zufallen, der den Weltraum für den Tourismus öffnet.
Die Hauptbedingung des Wettbewerbs: Innerhalb einer Frist von zwei Wochen muss ein Raumschiff, in dem neben dem Piloten zwei Passagiere oder der entsprechende Ballast (180 Kilogramm) Platz finden, bis in eine Höhe von 100 Kilometern aufsteigen und heil wieder zur Erde zurückkehren. In zwei Dutzend Unternehmen begannen Luft- und Raumfahrtfreaks zu konstruieren, zu bauen, zu testen und Sponsorengelder zu sammeln.
Nach Melvills erfolgreichem Ausflug an die Grenze des Weltalls sind Rutan und Allen so zuversichtlich, dass sie für den Herbst die Termine für die beiden X-Prize-Flüge festsetzen.
Am 29. September bringt Melvill SpaceShipOne auf die neue Rekordhöhe von 103 Kilometern. Zwar unterläuft Melvill ein Patzer, als sein Gefährt in 29 rasanten Roll-Bewegungen die letzten Kilometer in die Höhe schießt; doch der alte Flughase bringt das Raumschiff »ganz cool unter Kontrolle«, versichert er nach der Landung. Supercool verläuft fünf Tage später der zweite Wertungsflug, der Allen und dem Konstruktionsteam um Rutan den X-Prize sichert. Im Cockpit beim zweiten Flug sitzt diesmal der pensionierte Navy-Jagdpilot Brian Binnie, 51, der eine Höhe von 112 Kilometern erreicht.
Für Burt Rutan haben die Flüge noch eine persönliche Bedeutung: Zu dem Ballast, den Melvill mitnahm, hatte Rutan die Asche seiner vor vier Jahren verstorbenen Mutter im Cockpit verstaut. Auch mit dem zweiten Termin, dem 4. Oktober, hat es eine besondere Bewandtnis: 47 Jahre zuvor hatte an diesem Tag mit dem sowjetischen »Sputnik«-Start das Zeitalter der Raumfahrt begonnen. RAINER PAUL