HOCHSCHULEN Aus Verlierern werden Sieger
Für Christian Twente war nach 4 Semestern Schluss mit dem Geschichtsstudium in Bochum. Oliver Gothe meldete sich nach 10 Semestern Betriebswirtschaft nicht mehr an die Kölner Fachhochschule zurück. Lutz Bierend war 14 Semester lang für Philosophie eingeschrieben, bevor er der Universität Hamburg ohne Examen abhanden kam.
Alle drei haben den Studienabbruch nicht bereut. Twente, 32, arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor für verschiedene Fernsehsender und dreht gerade für drei Wochen auf Mallorca. Gothe, 31, gründete bereits während seiner Zivi-Zeit die Condomi AG, die heute etwa 170 Mitarbeiter beschäftigt und pro Jahr 144 Millionen der bunten Spaß-Kondome produziert. Bierend, 32, der neben seinem Studium auch schon mal »einen Computer auseinander gebaut« hatte, betreut derzeit den EDV-Bereich des Berliner Energieversorgers Bewag AG.
Rund 27 Prozent eines Studentenjahrgangs verlassen wie Twente, Gothe und Bierend die Universitäten und Fachhochschulen ohne Abschluss, das ergeben Schätzungen des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Vor kurzem schreckte der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm die Öffentlichkeit mit einer weit höheren Zahl. Fast 40 Prozent der Studierenden gehen nach Klemms Untersuchung irgendwo im Hochschuldschungel verloren.
In manchen Fächern, so schrieb der Essener Professor, sind diejenigen, die es tatsächlich zum Examen schaffen, gar eine exotische Randerscheinung: 60 Prozent der Informatik- und 70 Prozent der Mathematikstudenten geben nach Klemms Berechnungen vor der Abschlussprüfung auf.
Da sich noch dazu immer weniger Abiturienten für ein Studium begeistern können, warnt Klemm vor einem herannahenden Akademiker-Defizit. Nicht nur Informatiker würden rar, auch an Ingenieuren und Lehrern werde es demnächst mangeln. »Die Universitäten müssen mehr von den Studierenden zum Abschluss führen, die sich schon für ein Fach entschieden haben«, fordert Klemm. Das sei sinnvoller, als an den Schulen für technische Fächer und Naturwissenschaften zu werben.
Doch HIS-Bildungsforscher Karl Lewin hält die Berechnungsmethode für fragwürdig. So habe Klemm bei seiner Quotenbestimmung nur die Universitäten betrachtet, bei der Zahl der Studienanfänger insgesamt aber auch die Abiturienten an Fachhochschulen eingerechnet. »Das kann man so nicht machen«, urteilt Lewin.
Wie hoch die tatsächliche Quote auch ist - die meisten Studienabbrecher sind keineswegs die typischen Verlierer auf dem Arbeitsmarkt. Nach Lewins Erfahrungen ist ein wohl überlegter Ausstieg aus dem Uni-Betrieb selten ein Karrierekiller. »Die Masse der Studienabbrecher ist nicht häufiger arbeitslos als die Absolventen mit Abschluss«, sagt der Sozialwissenschaftler. Dennoch sollten die Hochschulen mehr tun. Bessere Betreuung könnte vielen Studenten die Orientierung erleichtern und sie möglicherweise vor einem Abbruch bewahren: »Der Sinn eines Studiums ist nicht, es abzubrechen.«
Wer allerdings erkennt, dass der Uni-Alltag ihm nicht liegt, und rechtzeitig den Absprung findet, ist sogar recht gefragt. Barbara Berkhuijsen, Studienberaterin an der Universität Essen, fühlt sich zunehmend als Headhunter. »Wir bekommen immer wieder Anfragen von Unternehmen, die gezielt nach Abbrechern Ausschau halten«, berichtet sie. Besonders beliebt sind zurzeit abgebrochene Informatiker - doch nicht nur sie. »Wenn sie nicht länger als zehn Semester studiert haben und die nötigen Qualifikationen mitbringen, haben auch Geisteswissenschaftler Chancen auf dem Medien- oder IT-Sektor.«
Condomi-Chef Gothe, der sein Unternehmen Ende 1999 an die Börse brachte, stellt heute selbst gern Studienabbrecher ein: »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein abgeschlossenes BWL-Studium nicht bedeutet, dass jemand automatisch ein guter Mitarbeiter ist.« Studienabbrecher seien zudem oft jünger und »näher an der Praxis« als Bewerber mit Examen.
Der Kölner Jungunternehmer würde dennoch nicht in jedem Fall zur Uni-Flucht raten: »Generell sollte man die Leute schon motivieren, ihr Studium abzuschließen.« Gothe wurde schon während des Studiums vom Wachstum seiner Aktiengesellschaft überwältigt - sonst hätte er sein Diplom gemacht: »Ich hatte einfach keine Möglichkeit mehr, regelmäßig zur Uni zu gehen.« Am Schluss meldete sich Gothe nur noch »mit Melancholie« zurück und »weil meine Mutter gern wollte, dass ich zu Ende studiere«.
Auch Thomas Vielhauer, Leiter des Hochschulteams beim Hamburger Arbeitsamt, sieht den Studienabbruch nicht immer als die schlechteste Lösung an: »Wer sich zum Ausstieg entschlossen hat, ist meistens hoch motiviert, etwas Neues anzufangen.«
Viele der Abbruchwilligen, die in Vielhauers Beratung kommen, beginnen nach der Exmatrikulation eine Berufsausbildung, etwa im kaufmännischen Bereich, bei einer Bank oder Versicherung. Nach der jüngsten HIS-Befragung haben drei Viertel der Abbrecher ein halbes Jahr nach dem Studienabbruch einen Ausbildungsplatz gefunden oder eine Berufstätigkeit aufgenommen, nur jeder zehnte ist noch ohne Arbeit.
Nicht jeder Abbrecher wird allerdings ein Aufsteiger, weiß Thomas Vielhauer: »Wenn jemand 25 Semester Byzantinistik studiert hat, wird es natürlich schwierig.« JULIA KOCH