Am Rande Ausgezählt
Das Schöne am Föderalismus ist, daß jedes einzelne Bundesland etwas hat, was andere nicht haben. Schleswig-Holstein zum Beispiel hat die reformierteste aller Rechtschreibreformen hervorgebracht, Niedersachsen - immerhin - kann stolz sein auf die höchste Schweinedichte im Land. Toll auch die Brandenburger: Das Land verfügt eindeutig über die langsamsten Wahlhelfer.
Beim Auszählen der Stimmen für die Bundestagswahl waren sie derart lahm, daß am Ende die Ergebnisse aus zwei Wahlkreisen sogar geschätzt werden mußten, damit der Bundeswahlleiter endlich ein vorläufiges Endergebnis bekam.
Woran liegt das? Haben etwa nur Leute mitgewirkt, die aus alten DDR-Zeiten gewohnt waren, nur »99,5%« auf den Auswertungsbogen zu schreiben und dann in die Kneipe zu gehen? Oder trifft zu, was der Landeswahlleiter verbreiten läßt: daß nämlich durch die gleichzeitig stattfindende Kommunalwahl der reine Ankreuzvorgang so lange gedauert habe, daß die letzten Stimmen weit nach 18 Uhr abgegeben wurden und daß obendrein noch zu wenige Wahlkabinen vorhanden gewesen seien? Möglich, aber schmeichelhaft ist das auch nicht.
Einer anderen Variante zufolge sollen die Wahlleiter in den betroffenen Bezirken nicht in der Lage gewesen sein, vom beidseitig bedruckten Ergebnisbogen auch tatsächlich beide Seiten an die Zentrale zu faxen - gemeldet wurden demnach nur die Erststimmen. Das ist so schön absurd, so glaubwürdig und so menschlich, daß es die Brandenburger schon wieder liebenswert macht.
Außerdem: Bei ihrer letzten Kommunalwahl hatten die Brandenburger vielerorts selbst nach 20 Stunden noch nicht fertig gezählt. Gemessen daran, sind sie diesmal richtig fixe Jungs gewesen.