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PRESSE Ausgezeichneter Ton

Neue Führung für die »Welt« - der bei Verleger Springer in Ungnade gefallene Peter Boenisch mußte gehen.
• aus DER SPIEGEL 15/1981
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Am Dienstag letzter Woche, nachmittags kurz nach fünf, rief der Chef vom Dienst der Bonner »Welt«-Redaktion im Druckhaus Axel Springer in Kettwig an, wo die Zeitung hergestellt wird, und kündigte an, es müsse noch eine Erklärung von Chefredakteur Peter Boenisch ins Blatt gerückt werden.

Der Mann in Kettwig war vorsichtig. Er fragte, kurz vor dem Andruck der ersten Teilauflage, nach der Verbindlichkeit der Anweisung. Da meldete sich Boenisch selbst am Telephon und ordnete den Abdruck an. Die Erklärung »in eigener Sache«, mit Boenischs Schriftzug als Unterschrift, wurde auf Seite fünf eingeblockt: Die »Welt« bekomme zwei neue Chefredakteure, er, Boenisch, verlasse das Blatt »auf Wunsch des Verlegers Axel Springer -gegen meinen Willen«.

Gut drei Stunden später, über die Hälfte der Auflage war gedruckt, stoppte einer der in diesem Text avisierten Boenisch-Nachfolger die Maschinen. Wilfried Hertz-Eichenrode hatte bei der Berliner Konzernleitung erfahren, daß der Boenisch-Beitrag mit »Welt«-Verleger Axel Springer nicht abgesprochen war, und ließ daraufhin in Kettwig den Text herausnehmen.

Damit wurde offenbar, daß der von Springer selbst erweckte Eindruck einvernehmlichen Wechsels falsch war. Denn tags zuvor hatte die »Welt« eine Erklärung des Verlegerbüros abgedruckt, Boenisch werde »nach Berlin zurückgerufen, um dort andere Aufgaben zu übernehmen«. Dieser Version lag keinerlei Einigung zwischen dem Springer-Verlag und Boenisch zugrunde, die Erklärung war ohne Boenischs Wissen ins Blatt gesetzt worden.

Der neuerliche Wechsel an der »Welt«-Spitze fügt sich in eine lange Reihe von Führungskalamitäten, die der vor Jahrzehnten hochrenommierten Zeitung mal für mal abträglicher wurden. Keine andere Tageszeitung in Westdeutschland stand je so augenfällig zur wechsellaunigen Disposition ihres Verlegers, kein Blatt wurde so beharrlich heruntergewirtschaftet.

Auch Boenisch, einst »Bild«-Chefredakteur und seit 22 Jahren in Springer-Diensten, hat es in seiner knapp dreijährigen Tätigkeit, mit der er allerdings etliche seiner Vorgänger bereits überbot, nicht vermocht, das gewaltige »Welt«-Minus von derzeit schätzungsweise 35 Millionen Mark im Jahr zu verringern und die Auflage von 203 681 (Rückstand hinter der führenden »Frankfurter Allgemeinen Zeitung": über 100 000) anzuheben. Vor allem aber: Boenisch, einst ein besonders strammer Springer-Mann, hat nicht mehr das politische Vertrauen seines Konzernherrn.

Boenischs Platz als Blattmacher nehmen jetzt Wilfried Hertz-Eichenrode, 59, und Herbert Kremp, 52, ein. Der eine war zuletzt stellvertretender Chefredakteur und zuständig für Innen- und Gesellschaftspolitik, der andere Korrespondent in Peking. Doch beide, typisch für das Dauerdilemma an der »Welt«-Spitze, hatten den Chefposten schon früher inne, Kremp sogar schon zweimal. Der Mann in Peking hatte es so eilig, sein neuerliches Avancement kundzutun, daß er am Freitag einen Korrespondentenbericht mit der schon ubiquitären Zeile »Herbert Kremp, Peking/Bonn« ins Blatt setzen ließ.

Zugleich wurde Springers politischer Intimus und Chefkommentator Otto Baron von Sass, der sich Matthias Walden nennt, zum »Welt«-Herausgeber neben dem Verleger ernannt. Den knackigen Konservativen, der die Summe seiner Erfahrungen auf »einen einzigen« Begriff zu bringen vermag, »Freiheit« nämlich, hat der 68jährige Verleger offenbar zu seinem geistigen Erben ausersehen. Springer berief ihn, der von Berlin aus auf die »Welt« einwirken soll, auch schon als Geschäftsführer in seine Holding.

Daß Kremp wiederkehrt, deutet wie keine andere Änderung auf eine weitere Rechtswendung der Zeitung. Für »Welt«-Journalisten verbindet sich mit seinem Namen die Erinnerung an die gezielte Ausschaltung von Liberalen Anfang der siebziger Jahre und an den damals gepflegten Stil des »Kampfblatts« (Springer). So war es nicht nur Ausdruck von Sympathie für Boenisch, sondern auch die Befürchtung, es könne alles wieder so schlimm kommen, daß die Redaktion den Wechsel eindeutig bewertete.

Erst applaudierte das gesamte »Welt«-Ensemble stehend dem scheidenden Chef; nur Hertz-Eichenrode blieb sitzen. Dann plazierten die Journalisten in die Dienstagausgabe anzügliche Überschriften wie: »Schwerwiegende Folgen für das Gefüge der Welt« (zu einem Bericht über Wasserverschmutzung).

Vergessen war die Skepsis, mit der so mancher »Welt«-Redakteur den früheren »Bild« - und »Bild am Sonntag«-Kolumnisten aufgenommen hatte, neben Kremp einst der begabteste Springer-Spezialist für die Technik, »die Ehre seiner politischen Gegner zu verschmieren«, bisweilen mit dem »Schmutzigsten, was nach dem Kriege in deutscher Sprache in einer demokratischen Zeitung publiziert wurde« -- so vor Jahren die liberale »Süddeutsche Zeitung« über Boenisch.

Triumph gab's nun zu seinem Abgang nur auf dem rechten Redaktionsflügel, den Boenisch mit der Zeit immer mehr gestutzt hatte. Schluß mit Boenischs »Küchenkabinett«, frohlockte Kulturchef Günter Zehm auf der Konferenz, auf der das Führungsrevirement angekündigt wurde, und zog über anwesende Kollegen ebenso her wie Gesinnungsgenosse Enno von Loewenstern. Der warf einer Ressortleiterin »Erpressung« vor, weil sie schon im letzten Jahr Auslandskorrespondenten zur Unterzeichnung einer Solidaritätsadresse für Boenisch an Springer (116 Unterschriften) angespornt habe. S.29

Unter Beifall kündigte die Journalistin »gerichtliche Schritte« an -- es war wie im Theater ("Das bin ich meiner Ehre schuldig"). »Mein Gott, ist das ein Ton hier«, empörte sich ein Wissenschaftsredakteur, der unter Protest die Konferenz verließ, während Loewenstern hinterherhöhnte, der Ton sei »ausgezeichnet«.

Der »totalitäre Ton«, wie altgediente »Welt«-Leute es empfanden, und die persönlichen Angriffe verbreiteten Mißtrauen überall. Neun Redakteure kündigten gleich letzte Woche, andere sehen sich um nach neuen Jobs. Sie wähnen in der neuen Kombination Kremp/ Hertz-Eichenrode ohnedies Konflikte programmiert und fürchten direkten Kurs nach rechts. Hertz hat bereits ominöse Loyalitätsbefragungen »einiger« Redakteure »unter vier oder sechs Augen« durch die neue Chefredaktion angekündigt. Redaktionsschnack: »Hattest du schon dein L-Gespräch?«

Die »Welt« also wieder mal da, so Axel Springer schon vor zwölf Jahren, »wo sie unserer Ansicht nach hingehört«? Gerade von dort, aus der politisch gewollten, aber geschäftsschädigenden Position rechter Enge, hatte Boenisch sie weglotsen wollen, als er 1978 auf Springers Wunsch als »Vorsitzender der Chefredaktion« nach Bonn ging.

Zuerst versuchte er, sich mit einem eher unpolitischen Konzept, luftigflockig mit Buntem und Vermischtem auf Seite eins, um die Erwartungen des Verlegers herumzumogeln (SPIEGEL 36/1979). Dann, erfolglos geblieben, politisierte er das Blatt wieder, räumte aber seinen Redakteuren Freiheiten in der Nachrichtendarstellung ein, die ihnen Kremp einst beschnitten hatte.

Die für »Welt«-Maßstäbe verblüffende Orientierung an Fakten mußte freilich dem Mann, dem unliebsame Tatsachen nach eigenem Bekenntnis schwer zu schaffen machen (Springer: »Das Wort Realitäten bringt mich um"), wie eine Art Agitation vorkommen. In den Berliner Chefetagen kursierte das Wort, der Kollege in Bonn sei »korrumpiert von der Macht«.

Boenischs Sündenregister wurde länger und länger. Mal lobte er für den Verlegergeschmack zu sehr die Franzosen, denen Israelfreund Springer eine verfehlte Nahostpolitik vorwirft, mal widersprach er der Ansicht, SPD-Fraktionschef Herbert Wehner dürfe am 20. Juli keine Gedenkrede halten. In einem »Welt«-Interview konnte Österreichs Kanzler Bruno Kreisky einen Palästinenserstaat fordern, und Boenisch selbst interviewte ausführlich Sozialdemokrat Horst Ehmke, einen für Springer indiskutablen Politiker.

Mitte März, seine Entscheidung hatte der Verleger insgeheim längst gefällt, kritisierte Boenisch in einem Leitartikel die »Rasenmäher-Taktik« der Nürnberger Polizei gegen jugendliche Demonstranten, »die Disteln und Blumen gleichermaßen erfaßt«, forderte Verständnis für jugendliches Rebellentum, das oft »mehr Hilfsbereitschaft und soziales Engagement für Behinderte und Randgruppen als seine etablierten Kritiker« zeige -- ein einigermaßen erstaunlicher Wandel.

Denn immerhin war der Boulevardjournalist Boenisch der Organisator jenes von Enthüllungsautor Günter Wallraff gebrandmarkten »Bild«-Systems gewesen, dessen Darstellung durch Wallraff der Bundesgerichtshof in einem Urteil jetzt für zutreffend erklärte: erst die verkaufsträchtige Schlagzeile zu formulieren und danach den Sachverhalt zu recherchieren. »Welt«-Journalisten, die während der S.30 letzten Jahre mit Boenisch zusammenarbeiteten, kommentieren das so: »Jeder hat das Recht, sich zu ändern.«

Die »Welt« auf Dauer und mit Erfolg zu ändern, gelang ihm nicht. Als im vergangenen Jahr erstmals Gerüchte von einem Wechsel in der Chefredaktion aufkamen, verwies Boenisch auf seine Abmachung über eine fünfjährige »Welt«-Tätigkeit mit dem Verleger und erklärte alles andere für »völligen Schwachsinn«. Denn: »Die 'Welt' hat in zehn Jahren dreimal soviel Chefredakteure verschlissen, wie die 'Times' in 195 Jahren gehabt hat, das geht so nicht weiter.«

Es geht, es geht.

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